Wie lang denn noch? Ein Junge sehnt an einer Haltestelle den Bus herbei. Marijan Murat/dpa
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Wie lang denn noch? Ein Junge sehnt an einer Haltestelle den Bus herbei. 

Corona-Krise

Moment mal

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Warten ist in der Krise zum Dauerzustand geworden. Der Autor Timo Reuter hat ein Buch über das ungeliebte Innehalten geschrieben – und fragt sich: Was macht das mit uns, so ausgebremst zu werden?

Wie sich unser Leben doch verändert hat: Noch vor wenigen Wochen war das denkbar Schlimmste für viele Menschen hierzulande, wenn sie etwas länger an der Supermarktkasse stehen oder im Wartezimmer sitzen mussten. Kaum etwas hat im Alltag so genervt wie das Warten. Doch plötzlich scheint beinahe alles stillzustehen: Das öffentliche Leben liegt auf Eis, Geschäfte sind geschlossen, der zwischenmenschliche Kontakt ist auf ein Minimum reduziert. Das Gebot der Stunde heißt: ausharren. In der Krise ist das Warten zum Dauerzustand geworden. Was macht das mit uns?

Normalerweise ist unser gesamtes Wirtschaftssystem auf die sofortige Befriedigung von Bedürfnissen ausgerichtet: Zeit ist Geld. Und wer warten muss, hat verloren. Doch die permanente Verfügbarkeit entwertet die Dinge eben auch – und so brauchen wir immer mehr. Demgegenüber gewinnt das, worauf wir etwas länger warten, oft an Wert. Ist in der Krise, dieser Zeit der unfreiwilligen Enthaltsamkeit und des ungeliebten Innehaltens, also die Stunde von Vorfreude und Demut gekommen? Lernen wir nun endlich wieder, das Wesentliche im Leben wertzuschätzen? Und ist die aufgezwungene Entschleunigung nicht ohnehin das, worauf viele Menschen insgeheim gewartet haben? Die Zwangspause als Möglichkeit, dem hektischen Sog des Alltags zu entkommen. Vom Zauber der Langsamkeit ist nun wieder häufiger die Rede. Und davon, dass jetzt die Zeit zur inneren Einkehr gekommen sei.

All das ist nicht falsch, gilt aber doch nur für einen kleineren Teil der Gesellschaft. Denn die Bedingungen, unter denen die Menschen derzeit auf ein Ende der Krise warten, könnten unterschiedlicher kaum sein. Während manche einfach eine bezahlte Auszeit nehmen, bangen andere um ihre wirtschaftliche Existenz. Alle müssen in der Krise zu Hause ausharren – der Unterschied ist nur: Die einen tun das im lichtdurchfluteten Altbauloft, die anderen in der dunklen Einzimmerwohnung. Manche haben gar kein Zuhause – und wieder andere sind froh, wenn sie dort nicht sein müssen, weil sie häusliche Gewalt erfahren. Ebenso sind die Zugänge zu medizinischer Versorgung extrem ungleich verteilt. Kurzum: Es mag sein, dass wir alle im selben Boot sitzen – doch dort geht es zu wie einst auf der Titanic. Alle reisen in ihrer Klasse – und wenn das Wasser einströmt, ertrinkt die unterste Klasse zuerst.

Allen Bemühungen um Gleichberechtigung zum Trotz war das nie anders – gerade in der ungleichen Verteilung der Wartezeiten zeigt sich das. Wer den entsprechenden Pass hat, musste noch nie vor der Ausländerbehörde seines Schicksals harren; wer über das nötige Kleingeld verfügt, muss seine Zeit nicht auf den Fluren des Jobcenters totschlagen. Schon immer waren es vor allem die ohnehin Marginalisierten, denen das existenzbedrohende Warten in besonderer Weise zugemutet wurde. Bisher hat dies kaum zu besonders viel Empathie oder Solidarität geführt. Könnte sich das jetzt womöglich ändern? Schließlich ist die Erschütterung auf dem ganzen Boot zu spüren.

Timo Reuter: Warten: eine verlernte Kunst. Westend-Verlag, Frankfurt 2019, 240 Seiten, 18 Euro.

Viel zu oft bedeutet Warten Ohnmacht und Kontrollverlust. Es ist die Kränkung des modernen Menschen, der sein Leben stets lenken und planen will – und dem im Wartehäuschen doch die Fremdbestimmtheit seines Daseins vor Augen geführt wird. Längst geht es dabei aber nicht mehr um die verspätete Bahn oder die zehn Minuten an der Bushaltestelle. Es geht nicht mehr um ärgerliche, aber eben doch harmlose Luxusprobleme. Etwas viel Größeres, Bedrohlicheres zwingt uns derzeit zum Anhalten. Jeder kennt jemanden aus der Risikogruppe, wohl niemand bleibt von der Kontaktsperre unberührt. Fast das gesamte soziale Leben steht still. Wenn auch unter sehr unterschiedlichen Bedingungen, so müssen wir doch gerade alle warten – auf ein Ende der Krise und die Rückkehr der Normalität. Doch welche Normalität wird da überhaupt zurückkehren – und wann? Auf einmal spüren wir, wie verwundbar unser postmoderner Lebensentwurf doch ist. Man könnte sagen: Die Beschränkungen in Zeiten der Corona-Pandemie sind so etwas wie die ultimative Kränkung des planenden, selbstbestimmten Menschen.

Niemand weiß, wie es weitergeht. Zugleich ist die Gesellschaft zum Stillstand verdammt – und das heißt eben auch: zum Innehalten und Nachdenken. Und so steht plötzlich wieder Grundsätzliches im Zentrum der Debatte: Von einer gerechteren, solidarischeren Welt nach Corona wird nun geträumt, über eine bessere Bezahlung von Pflegekräften wird diskutiert und manchmal gar über das Ende des Neoliberalismus. Auf der anderen Seite steht die Sorge vor noch größeren Verteilungskämpfen und davor, dass sich die Menschen schon so sehr an die Einschränkung ihrer Grundrechte gewöhnt haben, dass diese künftig problemlos beschnitten werden können. Wie wird die Welt also nach Corona aussehen?

Weil Ausnahmesituationen immer auch das Extreme zutage fördern können, lenken Krisen – einem Brennglas gleich – den Blick auf das, was ohnehin schon da ist. Unsere Ängste und Sehnsüchte sind also nicht nur Ausdruck bangen Wartens, sondern auch eine Art Spiegel der Verhältnisse. Daraus könnten wir lernen. Doch ein nüchterner Blick auf die letzte Finanzkrise oder auf andere Erschütterungen der jüngeren Vergangenheit zeigt, dass die Selbsterhaltungskräfte des Bestehenden am Ende enorm sind – meist zu groß für entscheidende Veränderungen. Die Welt wird also auch künftig weder von reinem Sozialdarwinismus noch von purem Altruismus geprägt sein.

Und doch liegt in der derzeitigen Krise eine besondere Chance. Durch das strikte Durchgreifen der Politik merken wir, dass radikale Veränderungen eben doch möglich sind – wenn der politische (und gesellschaftliche) Wille da ist. Überhaupt wird der Staat plötzlich wieder wichtig – weil er nicht passiv abwartet, sondern die Katastrophe aktiv abzuwenden versucht. All das ließe sich ebenso auf den Umgang mit der Klimakrise übertragen wie die Erfahrung, die viele Menschen gerade machen: dass es auch mit weniger geht und wir nicht alles sofort haben müssen.

Zu warten bedeutet, auch mal zurückzustecken, mitunter sogar zu verzichten. Doch gerade das haben wir verlernt. Zugleich wissen wir aber, dass das vermeintlich unumgängliche „Höher, schneller, weiter“ die Welt immer näher an den Abgrund führt.

Wir sollten also nicht zu lange warten, den Einsichten aus der Corona-Krise Taten folgen zu lassen.

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