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"Wir können sehr wohl handeln und kämpfen für unsere Ziele", sagt Shrada Shreejaya.

Shrada Shreejaya

Von der Molekular-Biologin zur Klima-Feministin

Shrada Shreejaya kämpft für Klima- und Gendergerechtigkeit. Die indische Aktivistin glaubt an einen Wandel, der von unten kommt.

Auf der Demo jüngst im polnischen Kattowitz steht Shrada Shreejaya vor dem bunten Block der Feministen. „Wenn ihr nicht mehr könnt, wechselt euch ab!“, ruft sie den Banner-Trägern zu. Gleichzeitig verteilt sie Buttons, winkt anderen Aktivisten und checkt nebenbei ihr Smartphone. Die junge Inderin wirkt dabei viel größer als die ein Meter sechzig, die sie ungefähr misst. Immer wieder schickt sie Leute zur Seite, damit der Schriftzug „Feminist Demand Climate Justice“ gut zu lesen ist. Während ihr Kollege eine kleine Tanzperformance anleitet, bringt sie drei Frauen einen Sprechchor bei.

Auf die Frage, wie es ihr gehe, antwortet Shreejaya mit einem mäßig zufriedenen „okay“. Ihr persönliches Wohlergehen hängt im Moment komplett vom Ergebnis der UN-Klimakonferenz in Kattowitz ab. Die Texte seien noch nicht weit genug, beschwert sich die 27-Jährige über den Verhandlungsstand. Noch sei ungewiss, inwiefern die Themen Gender und Menschenrechte darin auftauchen.

Rolle der sozialen Schichten

Ihr geht es um die ganz großen Zusammenhänge von Gesellschaft und Umwelt. Dabei hat Shreejaya eigentlich ein Faible für die kleinen Dinge. Sie studierte Biochemie, Ökologie und Umweltwissenschaften und ist besonders von der molekularen Ebene fasziniert. „Proteine finde ich wirklich spannend“ erzählt sie lachend. Im Studium hat sie sich darauf spezialisiert, wie kleinskalige Prozesse in größere Prozesse eingebunden sind. In ihrer Masterarbeit analysierte sie den Klimaschutzplan Indiens und wurde dadurch auf die internationale Klimapolitik aufmerksam.

Nach dem Studium wird sie Genderaktivistin. Die Zeit sei eine reine Achterbahnfahrt gewesen, schreibt sie auf einem Blog. Sheejaya schließt sich der „Transition Town“- Bewegung an und zieht in die spirituelle Modellstadt Auroville, wo gesellschaftliches Miteinander und Kreislaufwirtschaft gelebt werden. Als sie sich für eine Zero-Waste-Politik einsetzt, bemerkt sie, wie viel nicht recyclebarer Müll durch Binden und Tampons anfällt.

„Binden werden mit Chemikalien gebleicht und bestehen zu 90 Prozent aus Plastik“, erklärt Sheejaya. „Das ist schlecht für die Umwelt und kann auch für die Frauen gefährlich sein, die solche Produkte benutzen.“ Für sie war das ein Aha-Moment: Ihr wurde bewusst, dass alle Umweltthemen auch eine Gender-Komponente haben.

„Auch der Klimawandel ist nicht gender-neutral“, ruft sie aus. Besonders in Entwicklungsländern seien noch immer die Männer für die wirtschaftlichen Einkünfte der Familie zuständig, während die Frauen dafür zu sorgen hätten, dass täglich ausreichend Essen auf den Tisch kommt. Keine leichte Aufgabe, wenn Dürreperioden oder Starkregenereignisse die Ernten ruinieren.

Männer bekämen hingegen eher die Klimawandel-bedingten Fluktuationen der Arbeitsmärkte zu spüren und würden deshalb häufiger in andere Städte oder Länder abwandern, um dort Arbeit zu finden. Zurück blieben die Frauen mit doppelter Belastung – neben dem Haushalt müssen sie sich dann ebenfalls ums Einkommen kümmern, um ihre Familien ernähren zu können.

„Oftmals haben Frauen nicht genug Zugang zu Informationen oder sind nicht gut genug gebildet, um die Entscheidungen treffen zu können, die vorher ihre Männer übernommen haben“ erläutert Shreejaya. „Außerdem häufen sich während und nach Naturkatastrophen sexuelle Gewalt gegenüber Frauen und Menschenhandel“, erklärt sie. Eine wichtige Rolle würde die Religion spielen, aber auch soziale Schichten, die in Indien in Kasten eingeteilt sind. „Kommt es zu Krisen, sind es häufig arme Frauen ethnischer oder religiöser Minderheiten, die am meisten darunter zu leiden haben.“

Beim Asiatisch-Pazifischen Forum für Frauen, Recht und Entwicklung (APWLD) setzt sich Shreejaya seit dem vergangenen Jahr deshalb für Klima- und Gendergerechtigkeit ein. APWLD ist ein Netzwerk aus vielen kleinen Graswurzelorganisationen. Die Aktivistin unterstützt die Gruppen dabei, besser zu verstehen, welchen Effekt der Klimawandel auf die Frauen und die Gemeinde vor Ort hat. Die Untersuchungen werden mit und von den Betroffenen selbst durchgeführt. Um das zu ermöglichen unterstützt APWLD die Gruppen mit den nötigen Werkzeugen und Ressourcen.

Die Ergebnisse geben die Aktivisten an lokale und internationale Entscheidungsträger weiter, um so für ihre Rechte einzustehen. Auch auf der Klimakonferenz setzt sich APWLD zusammen mit anderen NGOs dafür ein, dass die Stimmen der betroffenen Frauen auf dem internationalen Politikparkett gehört werden. „Uns ist wichtig, dass das Wissen direkt von den Betroffenen kommt“, sagt Shreejaya, „damit nicht einfach von außen angenommen wird, welche Lösungen für die Menschen vor Ort am besten sind.“

„Es muss weiter gehen“

So richtig optimistisch scheint die junge Inderin aber nicht: „Man fährt immer mit großen Hoffnungen zu den Klimaverhandlungen und häufig kommt leider weniger dabei rum, als man gedacht hat.“ Dabei geht es in Katowitz um Themen, die einen großen Einfluss auf Frauen und Personen anderer benachteiligter Gender haben können.

Im vergangenen Jahr haben die Verhandler auf dem UN-Klimagipfel in Bonn den Gender Action Plan beschlossen, das reicht der Aktivistin aber nicht. „Es muss weiter gehen als das.“ Besonders bei der Anpassung und Klimafinanzierung gelte es, Frauen zu berücksichtigen. Ihr ist wichtig, dass die Länder das Geld für Klimaanpassung nicht aus Sozialhilfebudgets herausnehmen. Besonders Frauen seien auf diese staatlichen Hilfen angewiesen. Bei der Umsetzung von Anpassungsmaßnahmen müsse das Wohlergehen von Menschen benachteiligter Gender beachtet werden. „Alle Menschen sollten ein sicheres Umfeld haben“ sagt die Aktivistin.

Auch wenn die internationale Klimapolitik den Rahmen vorgibt, glaubt Shreejaya an Veränderung, die von unten entsteht. „In der Molekularbiologie kann man sehr gut sehen, wie eine Veränderung auf der kleinsten Ebene einen Wandel auf der Makroebene nach sich zieht.“

Diesen Ansatz überträgt sie auf die Gesellschaft: „Alle können dazu beitragen, das Leben innerhalb einer Nachbarschaft zu verändern.“ Deshalb ist es ihr auch wichtig, als Frau aus dem Globalen Süden nicht nur als Opfer dargestellt zu werden. „Wir können sehr wohl handeln und kämpfen für unsere Ziele“ sagt sie entschlossen.

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