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Zwischen Hamburg und Berlin: Die Strecke des Councils zeigt Mode deutscher Labels wie Ayede, Closed oder Stiebich und Rieth.

Fashion Council Germany

Modewoche Berlin: „Wir sind nicht die Geschmackspolizei“

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Aber was denn dann? Geschäftsführer Scott Lipinski über die Aufgaben des Fashion Council Germany – und warum auch politische Lobbyarbeit allein die Modewoche nicht retten kann.

Scott Lipinski ist Geschäftsführer des Fashion Council Germany, der seit seiner Gründung 2015 Lobbyarbeit betreibt. In Italien, Frankreich oder Großbritannien gibt es ähnliche Vereine seit über hundert Jahren. Zuvor war Lipinski für Marken wie Wunderkind, Michalsky oder Lala Berlin tätig.

Herr Lipinski, der Fashion Council Germany will „die deutsche Modelandschaft abbilden“. Wird diese in den Mitgliedern bereits sichtbar?
Tatsächlich geht es bei Lara Krude los, die gerade ihre erste Kollektion vorgestellt hat, bis hin zu Closed, die seit 1978 am Markt sind. Aber es fehlen noch ganz große Player wie Hugo Boss oder Adidas. Aktuell sind wir bei rund 150 Teilnehmern. Bis wir die deutsche Modelandschaft in ihrer Breite abbilden können, ist es also noch ein langer Weg.

Obwohl auch Onlineriesen wie Zalando oder Stylebop dabei sind, wird der Council mit Workshops und Wettbewerben bisher vor allem als Förderer des Nachwuchses wahrgenommen.
Der Nachwuchs ist für uns ein ganz wichtiges Thema. Nur ist der Begriff „Nachwuchs“ dehnbar – genau wie der Begriff „Förderung“. Eine Marke, die es zehn Millionen Euro Umsatz macht, braucht auch Unterstützung. Die fragt sich vielleicht, ob sie den Anschluss verpasst hat, ob sie in Zeiten der Digitalisierung noch zeitgemäß arbeitet. Dazu haben wir Roundtables geschaffen. Dort kommen Unternehmen an den Tisch, die sich sonst als Wettbewerber wahrnehmen, und identifizieren gemeinsam Probleme der Branche und sprechen über Lösungen. Das findet eher im Hintergrund statt – Vorstandsvorstände wollen ihre Themen nicht unbedingt öffentlich diskutieren.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar Fashionweek Berlin und Haute Couture Paris - die unglückliche Terminkollision

Vertreten wollen Sie die Unternehmen auch vor der deutschen Politik – kein leichtes Unterfangen in einem Land, in dem Politiker fürchten, sich mit einem Engagement für ein vermeintlich oberflächliches Thema verdächtig zu machen.
Ja, da kratzen wir noch an der Oberfläche. Wir erreichen aber durchaus Leute, die das Thema stärker auf die Agenda setzen wollen. Sonst hätten wir im vergangenen Jahr nicht einen Termin mit Merkel im Bundeskanzleramt bekommen. Was daraus resultiert, wird sich zeigen. Teilweise werden unsere Seminare auch vom Berliner Senat kofinanziert. In denen geht es etwa um Marken- oder Steuerrecht. Wir wollen den Kreativen helfen, sich zu professionalisieren. Nur modisch beraten wir niemanden – wir sind nicht die Geschmackspolizei.

Scott Lipinski, Geschäftsführer des Fashion Council Germany.

Mit dem Design klappt es ja auch so ganz gut – das sieht man jede Saison auf der Fashion Week in Berlin. Richtig erfolgreich ist das Format aber nie geworden.
Wir sind nicht die Veranstalter und das ist auch keine Rolle, in der wir uns sehen. Trotzdem ist sie uns wichtig und wir selbst nutzen sie für Veranstaltungen. Natürlich hat sich die Fashion Week in den letzten zwölf Jahren immer wieder verändert, manches zum besseren, anderes eher nicht. Ich persönlich glaube aber noch immer an die Fashion Week.

20 Prozent mehr Besucher

Wie bewahren Sie sich diese Positivität? Schließlich sind es die immergleichen Probleme, über die seit der ersten Ausgabe der Modewoche diskutiert werden.

Im öffentlichen Interesse stehen stark die Modenschauen, die eine deutlich schwächere Strahlkraft haben, als in den großen Modemetropolen. Wenn ich mir aber die Wachstumszahlen der Messen anschaue, kann ich nur positiv gestimmt sein. Die Panorama hat in der letzten Saison 20 Prozent mehr Besucher vermeldet, ähnlich die Premium. Außerdem gab es mit der „Fashion Tech“ erst nur eine große Konferenz zur Modetechnologie, nun ist mit der „Fashion Sustain“ eine zweite zum Thema Nachhaltigkeit dazugekommen. Auch das ist ein Wachstum. Trotzdem müssen wir grundsätzlich über die Termine diskutieren, die sich nach wie vor mit Paris oder Mailand überschneiden.

Wenn gerade Couture in Paris oder Männermode in Mailand gezeigt wird, kommt kein wichtiger Einkäufer nach Berlin. Warum wird also nicht einfach ein neuer Termin gefunden?
Zwei Wochen später – das wäre schon die Lösung. Der Mechanismus hinter den Terminen, die sich an den Messen als größte Player orientieren, ist aber kompliziert. Da spielen langjährige Mietverträge eine Rolle. Die Messen selbst betreiben bereits ein gutes Marketing und werden dementsprechend besucht - jetzt wäre auch eine Strategie für den Standort Berlin im allgemeinen gefragt, wie es etwa Kopenhagen, Paris, Florenz oder Mailand vormachen. Italienische Messen haben in anderen Ländern PR-Agenturen und lassen Einkäufer zu ihren Veranstaltungen einfliegen. Und das ist eben auch eine Frage der Finanzierung.

Interview: Manuel Almeida Vergara

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