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Mode von Last Heirs: Irgendwo zwischen Motorradkluft und Jogginghose.

Modewoche Berlin

Die Anderen

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Einige Berliner Labels sorgen international ganz schön für Furore. Ihr derber Stil wird geprägt von der Technoszene ihrer Stadt. Mit dessen Fashion Week wollen sie allerdings nichts zu tun haben.

Wie’s drinnen aussieht, darüber schreibt man nicht. Zumindest nicht, wenn man jemals wieder rein will. Was im Berghain passiert, einem ehemaligen Fernheizwerk zwischen Kreuzberg und Friedrichshain, soll in seinen Hallen bleiben. Ein Club fern von Raum und Zeit, ohne Spiegel, in denen Feiernde an sich selbst die Stunden ablesen könnten, die sie zwischen Tanzfläche und Dark-room bereits verbracht haben. Fotografieren ist im Berghain, das zeitweise als bester Club der Welt und heute als Touristenmagnet mit Millionenumsatz gilt, sowieso verboten. Und trotzdem wissen viele, ohne je da gewesen zu sein, was drinnen passiert. Zumindest modisch.

Der Stil, den einschlägige Berliner Technoclubs prägten, ist in der höchsten Mode angekommen. „Vetements brachten Lackledermäntel mit Tennissocken auf den Runway, Kombinationen, die im Kit Kat gang und gebe sind“, sagt Hella Schneider, die es wissen muss: Einige Jahre war sie Onlineredakteurin der deutschen „Vogue“, schreibt heute als Autorin für das Magazin, ist zudem Kolumnistin der „Neuen Zürcher Zeitung“. Und wenn sie nicht gerade in Plateau-Heels zwischen den Pariser Schauen herumläuft, hat sie auch nichts gegen einen Sonntagabend in Cowboy-Boots im Berghain einzuwenden.

„Der Look ist so subkulturell, dass ihn trotz seins Erfolgs nur wenige zuordnen können“, so Schneider. Das zeige die Revolution der Sportswear, die seit Jahren die Mode dominiert, genauso wie zahllose Zitate auf Fetischkleidung. Es sind auch vestimentäre Codes der Schwulenszene, seit jeher tonangebend im Berliner Underground, die hier sichtbar werden. Ihre Protagonisten tummeln sich auf Partys und in Clubs mit programmatischen Namen wie „Ficken 3000“, „CockTail d’Amore“ oder „Herrensauna“, kommen als muskelbepackte Jungs in Shorts und Tennissocken oder bärige Kerle in Lederhose und Bikercap daher.

Mode von Ottolinger...

Die Marke Vetements erzählte den Look recht authentisch nach, Armani serviert ihn in Form von Westen mit Bondage-Elementen jetzt mundgerecht einem großen Publikum, bei Prada gibt’s technoide Prints. Nur waren wohl weder Giorgio Armani noch Miuccia Prada je im Berghain – es sind junge Berliner Labels, die inspirierend wirken. Namilia erinnern mit Metallösen und kunstfasernen Bändern an die Rave-Kultur, das Label GmbH mischt Dresscodes arabischer Jugendlicher mit modischen Phantasmen der queeren Partyszene, Ottolinger brechen feminine Linien mit hochglänzendem Lack.

„Eine Ästhetik, die nicht der klassischen Definition von Luxus und Schönheit entspricht“, sagt Hella Schneider. Entgegen anderer Metropolen betreibe man im Berliner Nachtleben schließlich ein „Dressing-down“, statt sich aufzubrezeln. „So verschieben sich Ideale. Und darin war Berlin schon immer gut.“ Ähnlich formuliert das Max Dörner: „Chaos und Unordnung machen Berlin so interessant.“ Gemeinsam mit Lea Roth bildet er den Kern von Last Heirs, einem Berliner Label, das im Kollektiv mit rund 40 Künstlern aus aller Welt arbeitet: Hypermoderne Kollektionen, Bomberjacken aus Lackmaterial, grobschlächtige Overalls, PVC-Miniröcke, ein signifikanter Stil, irgendwo zwischen Motorradkluft und Jogginganzug.

Das kommt an: Last Heirs hängen in einigen der wichtigsten Geschäfte überhaupt, darunter Joyce in Hongkong oder Luisaviaroma in Florenz. Erfolge, die ähnlich auch Namilia, GmbH und Ottolinger für sich verbuchen können, erstere entwickelten zudem Bühnenkostüme für Jennifer Lopez, letztere übernahmen die kreative Beratung für das Label Yeezy des Rappers Kanye West. Einen Unterschied zwischen Last Heirs und den Anderen gibt es aber: Während Dörner und Roth seit ihrer Gründung 2017 immer wieder mal auf der Berliner Fashion Week präsent sind, bleiben die anderen Marken den Veranstaltungen fern, Namilia zeigen auf der Modewoche in New York, GmbH und Ottolinger in Paris. Große Schauen machen aber auch Last Heirs in Berlin selten, eher präsentieren sie ihre Mode in kunstvollen Installationen einem kleinen, ausgewählten Publikum.

„Wenn wir für Berlin stehen wollen, können wir auch hier zeigen“, sagt Dörner. Und das funktioniert überraschend gut. Während sich auf die meisten Schauen der Berliner Fashion Week kaum internationale Gäste verirren, können Last Heirs oft wichtige Einkäufer begrüßen. Michael Mok von Joyce in Hongkong war eigens eingeflogen, um die Mode des Labels ins Sortiment aufzunehmen – und am nächsten Tag schon wieder abzureisen. „Eine Ehre“, sagt Max Dörner – von der andere Berliner Marken bisher nichts abbekommen.

… etwas Dekonstruktion, …

„Um solche Einkäufer länger auf den Schauen zu halten, müssen sinnvolle Termine her“, sagt Hella Schneider, die bereits bei allen wichtigen Designern zu Gast war, von Chanel bis Gucci und Dior. Dass sich die Fashion Week mit den Couture-Schauen in Paris oder Menswear in Mailand überschneidet, mache es unmöglich, Protagonisten der Branche anzulocken, die im Juli eben in der französischen Hauptstadt oder Italiens Modezentrum unterwegs sind. „Außerdem müssten schon ein paar mehr solcher Marken auf dem Programm stehen“, sagt Schneider. Dass Labels wie Namilia, GmbH und Ottolinger kaum Interesse daran haben, sei auch der Gesamtausrichtung zu verschulden. Die Berlin Fashion Week hatte von Anfang an eine kommerziellere Ausrichtung, anders als in Paris und Mailand, wo auch avantgardistischere Marken ihren Platz finden, einen Fokus auf spannende junge Designer setzt die Veranstaltung ohnehin erst seit ein paar Jahren.

Ein Gegenprogramm bilden nicht nur die Präsentationen von Last Heirs, die während der Modewoche wie ein fremder Stern im eigenen Kosmos schweben. Ganz andere Termine richten auch den Fokus auf Berlin. „Die amerikanische ‚Vogue‘ hat Fotografen auf die Eröffnung vom Gate geschickt“, erzählt Max Dörner. Von der Berlin Fashion Week berichtet das renommierteste Modeblatt der Welt nur in Ausnahmefällen – für die Eröffnung eines Concept Stores mit Underground-Atmosphäre in Kreuzberg hat man sich Zeit genommen.

… jede Menge Lack.

Und auch zum „Reference Berlin“ rückte die US-„Vogue“ an. Das Modefestival Ende Mai wurde ausgerichtet vom Chef der Agentur Reference Studios und den Gründern des Magazins „032c“, weitere Akteure, die international viel Aufmerksamkeit genießen und sich aus der Modewoche ihrer Stadt raushalten. Zum Festival kamen denn auch nicht nur wichtige Medien. Kultlabels wie Comme des Garçons aus Japan oder der Londoner Martine Rose, Fotografiegenie Matt Lambert oder Kuratorenlegende Hans Ulrich Obrist waren gleich Teil der Inszenierungen in düsteren Garagen des berüchtigten Bezirks Neukölln. Berlins harter Charakter als ewig-unfertige Stadt, in der nur Hedonismus und harter Techno Freiheit verheißende Konstanten bilden – „Reference Berlin“ hat ihn sich zu Nutze gemacht, auch wenn die Kritiken zum Festival nicht nur positiv ausfielen.

„Die Leute fasziniert, was in Berlin noch möglich ist“, sagt Max Dörner von Last Heirs. „Was auf der Fashion Week passiert, hat viel zu wenig mit dem zu tun, was in der Stadt eigentlich los ist“, findet Hella Schneider. Dabei hatte es Bestrebungen gegeben, beides zu koppeln: 2018 begann der German Fashion Council in der Halle am Berghain Modenschauen zu machen, einem Veranstaltungsraum, der zum Technoclub gehört. Das hat gezogen – nicht nur, weil der Council mit Damir Doma und Lutz Huelle zwei deutsche Designer einlud, die seit Jahren erfolgreich in Mailand und Paris arbeiten.

„In jeder Überschrift zu den Schauen war auch zu lesen: ‚… in the famous technoclub‘“, erinnert sich Hella Schneider. Der Name Berghain habe eben eine Bekanntheit, von der viele deutsche Modemarken bloß träumten. Ein Name der auch für die fantastische Mode der Stadt Aufmerksamkeit generieren kann. Nach zwei Saisons aber wurde die Kooperation zwischen Fashion Council und Berghain eingestellt. Über die Gründe hat man in der Szene einiges gehört. Aber darüber schreibt man nicht. Zumindest nicht, wenn man jemals wieder ins Berghain will.

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