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"Alle Menschen machen Erfahrungen der Selbstüberschreitung", sagt Joas. Hier Mitglieder einer afrikanischen Missionskirche in Kenia.
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"Alle Menschen machen Erfahrungen der Selbstüberschreitung", sagt Joas. Hier Mitglieder einer afrikanischen Missionskirche in Kenia.

Religion

Modernisierung führt keineswegs zur Säkularisierung

  • Joachim Frank
    VonJoachim Frank
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Ein Gespräch mit dem Sozialwissenschaftler Hans Joas über kollektiven Rausch, humanistische Ideale und den Autoritätsverlust der Kirche.

Herr Professor Joas, wer angenommen hätte, dass Religion in der modernes Gesellschaft ein aussterbendes Phänomen sei, muss zur Kenntnis nehmen, dass er sich getäuscht hat. Woran liegt das?
Das liegt zunächst einmal daran, dass die Vorstellung, Modernisierung führe quasi automatisch zur Säkularisierung, seit jeher falsch war. Das hat sich durch ein verbessertes Verständnis der Ursachen europäischer Säkularisierung und durch gegenwärtige Entwicklungen in der Welt außerhalb Europas immer deutlicher gezeigt. Spannender noch ist, ob die europäische Geschichte in dieser Hinsicht eine lange Vorgeschichte hat. Der Soziologe Max Weber hat für diese angebliche Vorgeschichte den Schlüsselbegriff der „Entzauberung“ geprägt.

Worum geht es dabei?
Niemand wird ernsthaft behaupten, es habe in Europa vor dem 18. Jahrhundert den Nicht-Glauben als Massenphänomen gegeben. Gewiss gab es seit der Renaissance einzelne nicht-gläubige Intellektuelle, es gab verbreitet Anti-Klerikalismus oder auch religiöse Gleichgültigkeit in Teilen der Bevölkerung. Aber das ist etwas anderes als ein bewusstes Verfechten eines nicht-religiösen Weltbilds. Weber hat nun behauptet, dass schon mit der Magie-Feindschaft der alttestamentlichen Propheten ein Prozess der Entzauberung begonnen habe, der sich dann im europäischen Christentum mit der Reformation fortgesetzt und auch zu wissenschaftlicher Revolution und Aufklärung geführt habe. Diesen Gedankengang zu überprüfen, das war ein Hauptziel meiner Untersuchung.

Zu welchem Ergebnis sind Sie gekommen?
Ich behaupte, dass eine begriffliche Mehrdeutigkeit die Voraussetzung für die Geschichte ist, die Weber erzählt. Die Bekämpfung von Magie, die Schwächung von Heiligkeitsvorstellungen und der Verlust von Transzendenz etwa sind drei völlig unterschiedliche Prozesse, die man nicht einfach hintereinander schalten oder unter dem einen Begriff der Entzauberung zusammenwerfen darf. Es ist manchmal genau umgekehrt: Der Kampf gegen die Magie zum Beispiel soll ja die Vorstellung von Gott erhöhen, stärken – und gerade nicht zerstören.

Wird damit auch die Vorstellung hinfällig, dass die Religion in unserer Welt immer schwächer wird?
Ich kann und will weder eine feststehende Entwicklung hin auf das Verlöschen und Verschwinden der Religion noch in Richtung einer neuen „Verzauberung“ behaupten. Ich tue das schon deshalb nicht, weil ich die Begrifflichkeit – wie erwähnt – für allzu schillernd halte. Was ich behaupte, ist die Entstehung immer neuer Sakralisierungen. Die menschliche Vorstellung von etwas Heiligem ist nicht beschränkt auf etwas Vergangenes, von dem wir noch heute zehren. Auch in unserer Zeit kommen neue Formen des Heiligen auf. Das Heilige gibt es auch keineswegs nur innerhalb der Religionen. Das ist mir sehr wichtig. In Umfragen, was den Menschen heilig sei, antworten manche Menschen: „Nichts, da ich keiner Religionsgemeinschaft angehöre“. Diese übersehen, dass die Erfahrung des Heiligen etwas universell Menschliches ist. Das lässt sich an den Werten, an denen Individuen sich orientieren, leicht zeigen. Es gilt aber auch für die großen politischen Bewegungen und Weltbilder. Die Kommunisten haben den einbalsamierten Leichnam Lenins oder die rote Fahne kultisch verehrt. Liberale Humanisten halten die Würde des Menschen für unantastbar und bestehen somit auf der Sakralität jeder Person. Selbst dem übelsten Verbrecher, dem grausamsten Terroristen kommt deshalb im Rechtsstaat eine menschenwürdige Behandlung zu. Daran sieht man: Auch das Weltbild des Grundgesetzes enthält Elemente einer – nicht-religiösen – Sakralität.

Was folgt daraus?
Zunächst einmal der Verzicht auf die vorschnelle historische Untermauerung von Werturteilen im Gefolge von Webers Rede von der Entzauberung. Ich würde nie sagen: „Die fortdauernde Präsenz von Religion als solche ist gut oder schlecht.“

Sondern?
Ich ärgere mich manchmal, dass sogenannte Säkulare so tun, als wäre ihre Position von vornherein identisch mit aufklärerischer Rationalität und demokratisch-menschenrechtlicher Orientierung; als müsste man den Säkularismus nicht auch mit dem Stalinismus, dem Maoismus und Teilen des Nationalsozialismus verbinden. In moralischen und politischen Fragen verläuft die Frontlinie nicht zwischen Säkularen und Religiösen, sondern zwischen Universalisten und Partikularisten. Und ich plädiere dafür, dass sich die Universalisten – ob säkular oder religiös – zusammentun gegen die Partikularisten jeglicher Couleur.

Können sie sich denn treffen?
Aber ja. Nehmen Sie die Geschichte der Menschenrechte. Sie beruht ebenso auf christlichen Vorstellungen wie auf humanistischen Idealen, die ohne Religion auskommen. Es gab religiöse und nicht-religiöse Menschen, die Sklaverei für unmenschlich hielten – um ein Beispiel zu nennen. Oder nehmen Sie einen Denker wie Jürgen Habermas, der in seiner Philosophie dezidiert säkular ist, auch wenn einige es gern so sähen, dass er in hohem Alter reumütig ins Lager der Religiösen hinübergewechselt sei. Aber Habermas macht heute ein Bündnisangebot an religiös motivierte moralische Universalisten, mit denen er in der Sache übereinstimmt. Dass – umgekehrt – religiöse Menschen sehr wohl Nationalisten oder gar Rassisten sein können, nun, dafür genügt ein Blick in die Tageszeitung.

Sie gehen in Ihren Überlegungen von universellen Erfahrungen aus, in denen der Mensch sich selbst übersteigt. „Selbsttranszendenz“ nennen Sie das. Was bedeutet das genau?
Alle Menschen machen Erfahrungen der Selbstüberschreitung. Damit meine ich ein „Ergriffensein“ von etwas, das über mich hinausgeht. Das vielleicht Erste und Wichtigste ist die Erfahrung, zu lieben und geliebt zu werden. Ein ähnliches Ergriffen- oder Hingerissensein gibt es aber auch in intensiver Begegnung mit Natur und Kunst – oder im kollektiven Rausch. Jeden Samstag können Sie das in den Fußballstadien miterleben. Solche Erfahrung führt nun dazu, dass wir dem, das uns so ergreift, in unserem Erleben starke Kraft zuschreiben. Ich selbst habe im Alter von zehn oder elf Jahren zum ersten Mal einen deutschen Fußballnationalspieler leibhaftig auf dem Feld gesehen: Horst Szymaniak (1934 bis 2009) vom Karlsruher SC. Ich weiß noch, dass ich mich nach dem Spiel von hinten herangeschlichen und ihn am Trikot gezupft habe – natürlich nicht, weil ich irgendwo gelesen hätte, dass man das tun solle, sondern weil ich ganz spontan die Empfindung hatte, dass es etwas Großes sei, einen Nationalspieler angefasst zu haben. Später kam ich darauf, dass ich damit selbst ein Beleg für meine These bin, dass wir Menschen Heiliges immer wieder neu, spontan hervorbringen.

Was hat das nun mit Religion zu tun?
Religionen sind Versuche, solche Erfahrungen des Heiligen zu fassen – durch Rituale wie den christlichen Gottesdienst, durch Lehrgebäude wie die Theologien. Neue Erfahrungen werden dann in einem bestimmten Rahmen interpretiert. Ein Christ kann etwa seine Ergriffenheit angesichts eines Sonnenaufgangs am Meer in ein Gebet fassen, mit dem er Gott für die Schönheit seiner Schöpfung dankt. Dem wird ein Nicht-Gläubiger – bei gleicher Erfahrung – so nicht folgen. Aber auch er braucht eine Ausdrucksform für das Ergreifende. Darüber hinaus gibt es Erfahrungen von Selbsttranszendenz, für die der religiöse Deutungshorizont bereits die Voraussetzung ist. Beispiel: Das Essen der Hostie in der katholischen Messe kann der Gläubige nur als ein Einswerden mit Jesus Christus erleben, wenn diesem Geschehen die religiöse Deutung vorausliegt.

Wer sagt, dass das nicht alles Humbug und falscher Zauber ist?
Thomas Hobbes, der große englische Philosoph, hat einmal gegen die Vorstellung der Wandlung in der Messe eingewandt, man könne Brot und Wein doch vorher und nachher untersuchen und feststellen, dass sich in deren Substanz rein gar nichts verändert hat.

Das stimmt doch, oder?
Ja, aber manche Kritik hört sich eben nur intelligent an, ist jedoch in Wirklichkeit völlig unangebracht. Menschen machen ganz unbestreitbar Fusionserfahrungen. In der Sexualität erleben sie das „Einswerden“ mit einem anderen. Aber sie wissen doch auch, dass sie getrennte Körper sind und bleiben. Angewandt auf die Wandlung von Brot und Wein, bedeutet das: Die Vorstellung, es müsse in der Messfeier zu einer chemischen Veränderung der Substanzen kommen, unterschreitet völlig das, worum es hier geht. Die Ebene der Erfahrung ist eine andere als die chemischer Prozesse.

Bleibt die Frage, ob der religiösen Fassung von Erfahrungen eine Realität entspricht.
Wissenschaftlich lässt sich das nicht auflösen. Es gibt kein historisches, soziologisches, psychologisches oder biologisches Argument, das einen Nicht-Gläubigen zum Glauben zwingen könnte. Mir geht es deshalb „nur“ darum, dass der Nicht-Gläubige kein allzu simples Bild vom Glauben hat – oder anders ausgedrückt, dass er versteht, was er nicht glaubt. Es wird heute teils sehr verächtlich über die Religion geredet – in Deutschland mehr als etwa in den USA. In dieser Geringschätzung sind aber häufig Vorstellungen wirksam, die ihrerseits voll von Vorurteilen, intellektuell oder empirisch mangelhaft sind. Hier ist Aufklärung möglich und nötig. Danach ist das Bild der Betreffenden von Religion vielleicht weniger vorurteilsvoll. Aber deshalb müssen sie selber noch lange nicht gläubig werden. Die Religion ist und bleibt – wie Max Scheler einmal sehr schön gesagt hat – eine Einladung.

Und Sie wollen dazu einladen?
Ich will eigentlich nichts anderes, als dass die Menschen, wenn sie über Religion reden, zur Differenzierung imstande sind. Ich sage: Arbeitet bei eurer Bewertung doch nicht mit einem so pauschalen Begriff von „Religion“, als ob sich all das, was ihr so nennt, mit einem Urteil belegen könntet! Wenn ihr anfangt, euch ernsthaft mit Religion zu beschäftigen, wird euch das schnell unplausibel werden – genauso wie es einem vergehen muss, alle säkularen Weltbilder auf einen einzigen Begriff zu bringen. Ich würde niemals über Stalin und Habermas, um die beiden Namen noch einmal aufzugreifen, das gleiche Urteil fällen, nur weil beide ein säkulares Weltbild propagiert haben. Das wäre doch völlig grotesk.

Was nun die Zukunft der Religion betrifft…
Es gibt meines Erachtens keine Essenz des Religiösen, die eine determinierte, unumkehrbare Entwicklung bewirkt. Politische Konstellationen bestimmen in ganz hohem Maße darüber, wie sehr Menschen sich von Religion angezogen oder abgestoßen fühlen. Gesetzt den Fall, es käme in Kürze zu einem militärischen Konflikt zwischen Israel und Iran, dann hätte das erhebliche Auswirkungen auf das Verhältnis zwischen Juden und Muslimen, ohne dass es mit der jüdischen oder islamischen Religion an sich zu tun hätte. Religionen gewinnen oder verlieren ihre Glaubwürdigkeit dadurch, wie sie sich zu politischen oder sozialen Fragen äußern; welche Wertvorstellungen sie propagieren oder bekämpfen; wie sie sich als Kollektiv zur Selbstverwirklichung des Individuums verhalten. Durch ein falsches Wort zur falschen Zeit können Religionsgemeinschaften ganze Generationen verlieren. In Deutschland ist das um 1968 passiert. Der dramatische Autoritätsverlust der katholischen Kirche beruht meines Erachtens ganz wesentlich auch auf dem päpstlichen Verbot der künstlichen Empfängnisverhütung in der Enzyklika „Humanae Vitae“, die in diesem Jahr 50 Jahre alt wird.

Trotzdem bleibt mit der Religion zu rechnen?
Ganz sicher darf die Vorstellung eines scheinbar natürlichen Absterbens von Religion als überholt gelten. Es gibt keinerlei Indiz dafür, dass sich der europäische Säkularisierungsprozess im globalen Maßstab wiederholt. Ganz im Gegenteil: Global gesehen, ist das Christentum ebenso wie der Islam in einer gewaltigen Expansion begriffen.

Genau das ist für viele Menschen eine eher gruselige Vorstellung.
Das Werturteil ist eine andere Frage. Ich erwarte ja nicht, dass meine Beschreibungen und Prognosen allseits Begeisterung hervorrufen. Allerdings relativiert sich die Furcht vor dem religiösen Totalitarismus doch ein wenig, wenn man auf die Geschichte des 20. Jahrhunderts schaut. Ich kam 1971 als Student nach Berlin. Die totalitären Ansprüche in einigen Gruppierungen der Studentenschaft waren damals massiv – bis hin dazu, dass meinesgleichen von Maoisten ganz unmissverständlich die Liquidierung angedroht wurde an dem Tag, an dem sie im Staat das Sagen bekämen. Allgemeiner gesprochen, sollte man das, was viele am islamistischen Terror für „Religion“ halten, als Ausprägung eines totalitaristischen Traums wahrnehmen, den es in religiösen wie in säkularen Spielarten gibt. Der hohe Anteil von Konvertiten unter den religiös motivierten Terroristen spricht für eine Anziehung eigener Art durch eine Gewaltkultur, die unabhängig ist von einer religiösen Sozialisation im eigentlichen Sinn. In anderen Zeiten wären diese Leute vielleicht bei der SA gelandet oder in kommunistischen Stoßtrupps. Dadurch werden ihre Verbrechen nicht weniger schrecklich. Aber die Beurteilung führt weg von dieser komischen Vorstellung, es kämpfte irrationaler religiöser Totalitarismus mit aufgeklärter Toleranz.

Sie sagen also: Das Problem ist gar nicht die Religion?
Richtig. Das Problem sind alle die Weltbilder – ob säkular oder religiös –, die nicht zum Respekt vor den Überzeugungen und Weltanschauungen anderer anhalten. Für die Religionen ist entscheidend, ob sie zu einem Lernprozess in Richtung Religionsfreiheit bereit sind, wenn also jedermann zugestanden wird, einen anderen Glauben oder gar keinen Glauben zu haben. Eine nur vom Staat dekretierte Religionsfreiheit wie in Preußen, wo Friedrich II. sie rein instrumentell zum Nutzen seines Königreichs eingesetzt hat, kann nicht das letzte Wort sein. Die Religionen selbst hielt er ja allesamt für gleichermaßen unsinnig. Viel spannender finde ich es, wenn die Religionen sich nicht erst auf äußeren Druck zur Toleranz bereitfinden, sondern die Freiheit Andersgläubiger von sich aus zum Ideal erklären. So geschehen zum Beispiel im 17. Jahrhundert in Nordamerika, als christliche Auswanderer die Erfahrung eigener Verfolgung zum Anlass genommen haben, aus dem Glauben heraus die Religionsfreiheit auch für „Juden, Heiden und Türken“ zu begründen.

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