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Sudan, 2006: Acellam Caesar Otto (l.) instruiert seine Kämpfer. Wiese hat Otto interviewt: "Es war brutal zu beobachten, wie er da sitzt und das so locker erzählt."

Interview Marc Wiese

Moderne Sklaverei

Der preisgekrönte Dokumentarfilmer Marc Wiese hat sich für seinen Film "Slaves" mit der Sklaverei der Gegenwart befasst. Ein Gespräch über die Begegnung mit afrikanischen Warlords, weinende Übersetzerinnen und warum er sich immer wieder den menschlichen Abgründen stellt.

Weltweit gibt es derzeit über 45 Millionen Sklaven. Mehr als je zuvor in der Geschichte der Menschheit. Der Gießener Dokumentarfilmer Marc Wiese hat einen Film darüber gemacht, der heute Abend um 21.45 Uhr auf Arte zum ersten Mal ausgestrahlt wird.

Herr Wiese, in Ihrem Film „Slaves“ konfrontieren Sie uns mit der Tatsache, dass es momentan weltweit 45 Millionen Sklaven gibt. Eine unfassbare Zahl, aber doch Realität.
Ich habe diese Zahl in einem Artikel über moderne Sklaverei im „Time Magazine“ gelesen. Der Zusatz, dass wir heute mehr Sklaven haben als je zuvor in der Geschichte der Menschheit, hat mich überrascht. Dieser Satz war der Grund, den Film zu machen. Wir haben mehr Sklaven als zu Hochzeiten der Sklaverei? Ich habe bei der Recherche schnell gelernt, dass Sklaverei nicht nur ein Problem armer Länder ist. Die britische Regierung hat vor drei Jahren festgestellt, dass in Großbritannien 15.000 Sklaven leben. Scotland Yard hat eine Einheit, die gegen moderne Sklaverei kämpft. Mit denen habe ich zusammengearbeitet.

Sie berichten über Arbeitssklaven auf thailändischen Fischerei-Trawlern, über Sexsklaven und Haushaltssklaven in reichen Familien, aber auch über Kindersoldaten.
Sklaverei ist Definitionssache. Ich habe Menschen ausgeklammert, die für sehr wenig Geld arbeiten und unter schlechten Arbeitsbedingungen leiden. Sklaverei ist für mich, wenn Pässe abgenommen werden, wenn man gar nicht bezahlt wird und man bei einer missglückten Flucht geschlagen, gefoltert oder getötet wird. Deswegen sind auch Kindersoldaten sehr wohl ein Thema. Diese Kinder werden entführt, entmenschlicht und brutal zum Kampf erzogen.

Sie haben für den Film einen Befehlshaber der Lord Resistance Army interviewt. Caesar Acellam dürfte im Dreiländereck Uganda, Kongo und Sudan für die Entführung von 100.000 Kindern verantwortlich sein. Wie treten Sie so einem Mann gegenüber?
Ich bin da gespalten. Auf der einen Seite bin ich sehr ergebnisfokussiert. Es war ein sehr schwieriges Gespräch. In 25 Jahren hat noch kein Befehlshaber der Armee von Joseph Kony ein ernstzunehmendes Interview gegeben. Ich wurde gewarnt, pack’ ihn nicht zu hart an, sonst greift er dich an oder bricht das Gespräch ab. Aber ich wollte ihn journalistisch kriegen. Das Gespräch ging über zwei Tage. Es war ein stundenlanges Hin und Her. Ein hochintellektuelles Schachspiel. Er hat versucht, seine Verantwortung herunterzuspielen, obwohl er Chef des Geheimdiensts der LRA war. Er ist freiwillig beigetreten und hat 25 Jahre mit Kony gekämpft. Er hat entschieden, welches Dorf überfallen und wo massakriert wurde. Irgendwann hatte ich ihn soweit, dass er zugeben musste, dass er ein führendes Mitglied und verantwortlich für viele Massaker war. Als ich ihn auf seine Töchter ansprach, hat er sogar das Entführungs- und Vergewaltigungssystem der LRA erklärt. Es war brutal zu beobachten, wie er da sitzt und das so locker erzählt.

Ebenso lakonisch spricht er über Hinrichtungen von Kindern untereinander und den sogenannten Bush Babies.
Im Film spricht er vier- oder fünfmal von Hinrichtungen als Strafe für irgendetwas. Im Interview hat er das zwanzig Mal gesagt. Dass Kinder andere Kinder hinrichten müssen, ist in seinen Augen völlig normal. Die Gräueltaten, über die er gesprochen hat, kann ich gar nicht in den Film schneiden, sonst würde ich nur Horrorfans anlocken. Das Zu-Tode-Kochen von Kindern war für ihn noch harmlos.

Sie sind selbst Familienvater. Wie halten Sie das aus?
Ich kann meine Gefühle natürlich nicht ausschalten. Ich bin auch schockiert. Als Filmemacher machst du das Interview und denkst: Ja! Der Vater ist schockiert. Bei meinem Film „Camp 14“ ist meine Übersetzerin, eine hochrangige Journalistin aus Südkorea, während eines Gesprächs mit einem Wärter eines Arbeitslagers in Tränen ausgebrochen und wollte das Interview abbrechen. Aber das geht natürlich nicht, denn wir hatten den Wärter gerade an dem Punkt, an dem wir ihn haben wollten. Ich muss diese Sachen an mich heranlassen, um gute Ideen zu entwickeln.

Auch die Bush Babies?
Aus meiner Erfahrung mit Rebellen und Kriegen heraus bin ich davon ausgegangen, dass Kinder, die durch Vergewaltigungen entstehen, getötet werden. Das ist jetzt zynisch, aber Kleinkinder im Dschungel zu versorgen, ist nun mal unpraktisch. Die LRA tötet die Kinder aber nicht, sondern zieht sie auf. Sie sind die idealen Kämpfer. Diese Bush Babies haben nie etwas anderes gesehen als diese Organisation. Das ist für mich die extremste Form der Sklaverei. Sie werden in die LRA hineingeboren, haben keine Chance und wahrscheinlich auch nicht den Wunsch, etwas anderes zu machen, weil sie nichts anderes kennen.

Ein Markenzeichen Ihrer Filme ist die Tatsache, dass sehr oft auch die Täter zu Wort kommen.
Das mache ich seit 2000 in einigen Filmen. Man erlebt dadurch brutale Sachen, aber ich finde es wichtig, nicht nur die Opfer zu zeigen. Es hebt die Filme auf ein anderes Level. „Camp 14“ über einen Insassen eines Arbeitslagers in Nordkorea wäre ohne die Wärter ein Lagerfilm geworden, mit diesen Tätern zeigt er, wie ein System drei Menschen formatiert hat.

Warum sprechen die Täter mit Ihnen?
Um gleich eine Sache auszuräumen: Es geht nicht ums Geld. Sicher könnte ich einige kaufen, aber daran habe ich kein Interesse, denn du weißt nicht, was Aussagen wert sind, wenn du sie kaufst. Ehrlich gesagt, wundere ich mich auch manchmal, warum Täter vor die Kamera gehen. Es gelingt ja auch nicht immer. Auf jeden Fall braucht man sehr viel Zeit. Die Anbahnung des Interviews mit Acellam hat sechs Monate gedauert. Dann bin ich nach Norduganda geflogen, stundenlang auf einer Sandpiste gefahren und wusste immer noch nicht, ob er redet. Ein wahnwitziger Aufwand, aber wenn es klappt, lohnt es sich. Zeit mit den Menschen zu verbringen, ist oft der Schlüssel.

Sie berichten im Film von Menschen aus Asien, die auf Arbeitssuche auf ein Schiff gelockt werden und 15 Jahre lang nicht mehr an Land dürfen. Sie schildern das Schicksal einer Frau, die von einer reichen arabischen Familie gehalten wird und neidisch auf Enten ist, die von der Familie mit altem Brot gefüttert werden. Ein weiterer Fall widmet sich der Zerschlagung eines Kinderpornorings. Das alles hat auch Spielfilmpotenzial. Bereuen Sie es manchmal, dass Sie mit einem Dokumentarfilm das ganz große Publikum nicht erreichen?
Es sind wahnwitzige Zustände. Im Zusammenhang mit den Sklaven auf den Schiffen hat ein Protagonist erzählt, dass er nach einem gescheiterten Fluchtversuch erst wieder flüchten wollte, wenn das Schiff anlandet – fünf Jahre später. Und alles dafür, dass wir im Supermarkt Tiger Prawns für drei Euro kaufen können. Wir haben auch eine Rolle in diesem Geschäft. Aber zu Ihrer Frage: Es kann schon sein, dass ich mal einen Spielfilm drehe. In „Slaves“ ist eine Geschichte drin, die Potenzial gehabt hätte, aber die Rechte waren schon vergeben. In Kurzform: Ein junges Mädchen, Opfer eines Kinderpornorings, überführt den Kopf der Bande. Aber ich bedauere das nicht. Ich mag das Format Dokumentarfilm sehr.

Sie machen mit Ihren Filmen Türen auf in Bereiche, die man als Zuschauer eigentlich gar nicht betreten möchte.
Es ist eine Gratwanderung. Ich bin der Meinung, es ist entscheidend, wie etwas eingebettet ist. Ich bin gegen verharmlosende Berichterstattung und auch gegen Kriegspornografie. 20 Sekunden Krieg zur Mittagszeit. Es geht nicht darum, den Zuschauer zu schockieren, aber schon darum, klarzumachen, worüber wir reden. Bei meinen Filmen habe ich außerdem die Garantie, dass Kinder sie nicht sehen, denn sie laufen spätabends.

Haben Ihre Kinder Filme von Ihnen gesehen?
Nein. Noch keine. Sie sind neun und 14 Jahre alt. Der Jüngere möchte sie sehen. Ich habe ihm versprochen, dass ich ihn mal zur Arbeit mitnehme, wenn es kein Kriegsgebiet ist. Ich möchte, dass sie realisieren, dass es nicht in jedem Land Lego und Playmobil vom Himmel regnet.

Ihre Filme haben wenig Schnitte. Sie setzen Stille und Langsamkeit also bewusst ein?
Informationen rauschen nur so an uns vorbei, es bleibt aber wenig haften. Die Frage ist, wie erreiche ich den Zuschauer. In „Camp 14“ erzählt der Protagonist, dass seine erste Kindheitserinnerung mit vier Jahren eine Hinrichtung ist. Das ist so abstrus und so weit weg von unserer Lebensrealität, dass der Zuschauer das gar nicht sofort begreift. Er braucht Zeit, um das zu realisieren und darüber nachzudenken. Wenn ich höre, dass sich von 100 entführten Kindern 90 untereinander töten müssen, kann ich nicht einen Schnitt machen. Dann ist das weg. Meine Filme sind sehr langsam, denn ich glaube an die Kraft der Bilder und der Momente.

Das war ein Gespräch über Tod, Tragödien und düstere Dinge. Nehmen Sie auch Positives aus Ihrer Arbeit mit?
Klar. Sonst könnte ich das nicht machen. 25 Jahre nur im Dreck wühlen, das hältst du nicht aus. Die Situationen, in die ich eintauche, der erhöhte Druck, bringen das Übelste im Menschen hervor, aber auch das Beste. Ich arbeite mit Menschen, die bereit sind, für die gute Sache zu sterben. Ich habe tolle menschliche Erfahrungen gemacht. Zuletzt mit einem Stamm im Regenwald, dessen Angehörige seit 20 Jahren dem Geld der Ölindustrie trotzen und um ihr Land kämpfen. Millionen Dollar interessieren die nicht. Ich treffe wunderbare Leute. Das ist ein Privileg.

Interview: Marc Schäfer

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