+
Die historische Schnitzarbeit zeigt eine Gefangennahme von Sklaven auf der Insel Goree in Senegal.

Sklaverei

Moderne Formen der Sklaverei

In Deutschland ist die Sklaverei abgeschafft. Und doch werden Menschen unter menschenunwürdigen Bedingungen ausgebeutet - in Gastronomie, Landwirtschaft, Baugewerbe, Pflege und im Reinigungssektor, aber auch in Privathaushalten.

Von Christian Schlüter und Kathy Stolzenbach

In Deutschland ist die Sklaverei abgeschafft. Jedenfalls ist davon eher selten, eigentlich gar nicht die Rede. Schließlich sind Tatbestände wie Leibeigenschaft oder Zwangsarbeit in unserem modernen, aufgeklärten Gemeinwesen nicht nur unvorstellbar weit entfernt und werden zumeist mit längst vergangenen feudalen Herrschaftszeiten assoziiert, sondern von Gesetzeswegen auch verboten. Im Strafgesetzbuch stellen die Paragrafen 232 und 233 den Menschenhandel „zum Zweck der sexuellen Ausbeutung“ und „zum Zweck der Ausbeutung der Arbeitskraft“ unter Strafe. Das Strafmaß beträgt hier bis zu zehn Jahren Gefängnis.

Und doch werden Menschen auch in Deutschland unter menschenunwürdigen Bedingungen ausgebeutet – moderne Formen der Sklaverei. Erinnert sei an den Online-Händler Amazon, über den zu Beginn des Jahre bekannt wurde, dass er in seinem Logistikzentrum Leiharbeiter aus Europa kasernieren und von rechtsradikalen Sicherheitsleuten bewachen lässt, und zwar unter Missachtung aller Persönlichkeitsrechte und bei schlechtester Bezahlung. Im letzten Jahr war beispielsweise von ausländischen Erntehelfern die Rede, die Erdbeeren mitten in Deutschland für 1,20 Euro Stundenlohn pflückten.

Naile Tanis, Geschäftsführerin von KOK (bundesweiter Koordinierungskreis gegen Frauenhandel und Gewalt an Frauen im Migrationsprozess) berichtet, dass es auch in Deutschland Ausbeutung in Privathaushalten gebe. „Die Betroffenen sind oft in einer hilflosen Lage, haben mitunter keine Papiere, sprechen kaum Deutsch oder kennen das Rechtssystem nicht.“ Hinzu komme eine „falsche Loyalität“ etwa Kindern oder zu pflegenden Personen gegenüber oder auch Gewalt durch die Arbeitgeber.

Laut Heike Rabe vom Deutschen Institut für Menschenrechte liegen keine belastbaren Zahlen über das tatsächliche Ausmaß von Menschenhandel vor. Die Dunkelziffer sei hoch und die wenigsten Fälle würden zur Anzeige gebracht: In der Statistik des Bundeskriminalamtes tauchen 2011 nur 32 Opfer von Arbeitskraft-Ausbeutung auf. 640 Menschen waren zudem Opfer von sexueller Ausbeutung, davon 94 Prozent Frauen. 61 Prozent der Opfer stammten aus osteuropäischen Staaten.

Viele Opfer sind Migranten

Zwar sind nicht alle Opfer von Menschenhandel Migranten, doch Rabe zufolge „besteht ein enger Zusammenhang zwischen Menschenhandel und Migration“. So wanderten Betroffene aus, um den Lebensunterhalt und den ihrer Familien zu sichern oder um sich eine neue Existenz aufzubauen.

Zu Menschenhandel und Ausbeutung komme es aber auch außerhalb der Sexindustrie – etwa in den Bereichen Gastronomie, Landwirtschaft, im Baugewerbe, im Pflegebereich und im Reinigungssektor, aber auch in Privathaushalten. Vor allem in Haushalten finden häufig Arbeits- und sexuelle Ausbeutung zeitgleich statt. Heike Rabe macht eine „restriktive Zuwanderungs- und Arbeitsmarktpolitik“ mit verantwortlich  für Ausbeutung: „Illegalität oder ein unsicherer Aufenthaltsstatus machen Migranten verletzlich und ausbeutbar.“ Sie seien im Hinblick auf legale Beschäftigung stark eingeschränkt.

Laut Amnesty International entstehen ausbeuterische Arbeitsverhältnisse in vielen Fällen erst nachträglich, indem Lohnversprechen nicht eingehalten werden oder sich das zunächst freiwillige Arbeitsverhältnis zu einem zwanghaften und gewalttätigen Ausbeutungsverhältnis entwickelt. Solche nachträglich aufgenötigten Ausbeutungsverhältnisse entwickeln sich häufig in Situationen, in denen Migranten hohe Summen an Arbeitsvermittlern in ihrem Heimatland zurückzahlen müssen oder sich illegal in Deutschland aufhalten.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion