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Von Models und Menschen

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Alle reden über Magermodels und deren nahendem Ende. Das echte Problem ist aber, dass manche Menschen einfach zu schön sind. Von Anna Peuckert

Von Anna Peuckert

Jetzt ist es also mal wieder soweit: Deutschland diskutiert über zu dünne Models. Seit der Chefredakteur der Brigitte, Andreas Lebert, letzte Woche bekannt gab, in Zukunft auf Magermodels verzichten zu wollen, und stattdessen nur noch "echte Frauen" in seinem Blatt abzubilden, kochen die Emotionen hoch.

Doch bevor jetzt alle Fashion-Victims in Panik ausbrechen: Keine Sorge, die Fotos werden trotzdem gut aussehen. Die Verantwortlichen der Zeitschrift sagen nämlich nicht, dass sie auf gute Fotografen verzichten werden. Oder auf das vorteilhafte Ausleuchten der Models. Oder auf das Nachbearbeiten der Bilder mit Photoshop. Denn das ist es, was die Seiten der Magazine so schön macht. Wer sich für mehrere Euro am Kiosk eine Zeitschrift kauft, die sich mit Mode befasst, der möchte nicht Lieschen Müller im neuen Chanelfummel sehen. Dafür muss man kein Geld bezahlen, das sieht man auch auf der Zeil. Wenn also die Brigitte trotzdem diesen Schritt geht und eben doch auf Lieschen Müller als Protagonistin ihrer Fotostrecken setzt, dann wird diese Frau Müller wahrscheinlich überdurchschnittlich hübsch aussehen.

Einen Vorgeschmack lieferte die französische Ausgabe der Elle im April: Da zierten wohlgebaute Schauspielerinnen wie Sophie Marceau und Monica Bellucci das Cover - vollkommen ungeschminkt. Fotografiert wurden sie von Altmeister Peter Lindbergh. Einige Monate später wiederholte er die Aktion für Harper's Bazaar. Diesmal zeigte er einige der - ebenfalls nicht dürren - Megamodels der Neunziger, allen voran Claudia Schiffer, Nadja Auermann und Helena Christensen, ungeschminkt und auf vollkommen unbearbeiteten Fotos. Beide Male war der Effekt der gleiche: blanker Neid. Das Problem ist allerdings naturgegeben: Es gibt Menschen auf diesem Planeten, die sind einfach wahnsinnig schön. Viele von ihnen landen passenderweise im Modezirkus.

Wie im Kino: Wir wollen Explosionen

Klar, schön ist nicht gleich spindeldürr. Dass viele heutige Laufstegmodels eine Konfektionsgröße haben, die in Deutschland unter "32" verkauft würde, ist irrsinnig. Darin sind sich fast alle einig - auch wenn Mode-Onkel Karl Lagerfeld im Focus schimpft: "Da sitzen dicke Muttis mit der Chipstüte vor dem Fernseher und sagen, dünne Models sind hässlich." Aber im selben Interview sagt er auch, dass niemand hässliche Menschen in einem Magazin sehen möchte. Da hat er Recht.

Modezeitschriften verkaufen Träume. Sie inszenieren Kleidung wie Kunst und überhöhen sie. Wieviel die Frau wiegt, die diese Kleidung trägt, ist nicht wichtig - schön muss sie trotzdem sein. Es ist wie im Kino. Niemand will einen Actionfilm sehen, in dem zwei Autos mit einem Tanklaster zusammenstoßen, nur um dann mit verbeulten Stoßstangen auf der Kreuzung zu stehen. Wir wollen Explosionen. Mode funktioniert genau so : Alles sieht spektakulär aus, und obwohl wir wissen, dass die Realität anders ist, sind wir fasziniert.

Warten wir also geduldig, bis die erste Brigitte-Ausgabe ohne dürre Models erscheint. Sicher ist: Es bleibt schön. Und ungerecht.

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