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Zeichnung: Frühling 1947 von Dior

Mode im Museum

Kleider ohne Leben

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Mode im Museum kommt immer besser an. Das ist schön – und auch ein bisschen traurig

Alexander McQueen brach alle Rekorde. Nicht zu Lebzeiten, nicht mit dem Verkauf seiner Kleider. Sonderöffnungszeiten an Montagen, Einlasswartezeiten von zwei bis vier Stunden, insgesamt 650 000 Besucher aber machten die umfassende Retrospektive „Savage Beauty“ des verstorbenen Designers 2011 zu einer der fünf meistbesuchten Ausstellungen des New Yorker Metropolitan Museum of Art.

800 000 Besucher jährlich lockt auch das Yves Saint Laurent Museum in Marrakesch an. 2017 stellt das Frankfurter Museum Angewandte Kunst für „Jil Sander. Präsens“ seine 3000 Quadratmeter erstmals einer einzigen Ausstellung zur Verfügung. Und nun die große Dior-Schau in London. Mode im Museum kommt an. Das ist schön – und auch ein bisschen traurig.

Ein positives Signal ist, dass die Mode auch außerhalb ihrer französischen und italienischen Epizentren mehr und mehr als Kulturgut begriffen wird, das es zu bewahren und zu fördern gilt. Melancholisch aber mögen die Inszenierungen an sich manchen Besucher stimmen. Denn auf Puppen drapiert und hinter Glas verwahrt kann selbst das schönste Kleid bisweilen trist und trostlos wirken. Schließlich wird ihm zwangsläufig der Mensch genommen, sein Körper, die Bewegung.

Zeichnungen: Herbst 1950 von Dior.

„Mode – als spezifischer Umgang mit vestimentären Artefakten – fordert die Inszenierung von Kleidern durch Körper und von Körper durch Kleider“, schreibt die Kulturwissenschaftlerin Gertrud Lehnert. „Denn erst im Zusammenspiel von Kleid und Körper entsteht Mode.“ In all ihrer Schönheit erfahrbar kann die Mode also erst an der Trägerin, am Träger werden. Dementsprechend wird keine Ausstellung das Mode-Erlebnis vergangener Epochen jemals richtig greifen können. Das darf nostalgisch stimmen.

Denn die Zeit des großen Auftritts ist ja ohnehin vorbei. Was dem Museumsbesucher gerade beim Anblick der höchsten Modekunst deutlich wird. Die gegenwärtige Mode hingegen, so schreibt es Modetheoretikerin Diana Weis, zeichnet sich durch eine „merkwürdige Doppeltverfasstheit aus: Ihrer kommerziellen, medialen und musealen Überpräsenz steht das Verschwinden aus der Alltagsrelevanz gegenüber.“ Während sich die Menschen in den Modeausstellungen aneinander drücken, herrscht auf den Straßen grauer Einheitsbrei. Während die ganz großen Gesten der Mode in Vitrinen stehen oder Archiven verstauben, interessiert den modernen Konsumenten nur noch Gleichform und Bequemlichkeit.

Und das wiederum macht die Modeausstellung dann doch so wertvoll: Wenigstens im musealen Kontext wird das Kleid auch heute noch zur Sensation. Selbst wenn ihm der Körper fehlt.

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