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Seht ihr uns? Protagonistinnen und Protagonisten der „Vogue“-Kampagne.

Rassismus in der Mode

„Mode existiert nicht in einem Vakuum“

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Fashionmedien haben eine Verantwortung, sagt Alexandra Bondi de Antoni. In einer großen Kampagne lässt die Online-Chefin der deutschen „Vogue“ nicht über People of Color, sondern von ihnen berichten.

Frau Bondi de Antoni, seit Mai läuft die Kampagne „Weil Sichtbarkeit das Wichtigste ist“. Was steckt hinter diesem Satz?
Der Satz kommt aus der Community von People of Color selbst. Er bezieht sich auf den Hashtag #representationmatters („Repräsentation ist wichtig“, Anm. d. Red.). Genau darum geht es: Wir haben uns die Journalistin Kemi Fatoba als feste Gastredakteurin dazu geholt und neben ihr viele weitere Schwarze Autorinnen und Autoren, die für uns über Mode, aber auch Rassismus und angrenzende Themen berichten. Uns ging es weniger darum, als „Vogue“ etwas zum Thema zu machen, sondern der Community einen prominenten Platz zu geben, sich selbst zu äußern. Unsere Gesellschaft war schon immer vielfältig, nur wird einem Teil dieser Gesellschaft noch immer wenig Platz anberaumt, auch und gerade in den Modemedien.

Woran liegt das?
Das große Problem ist der strukturelle Rassismus. Unsere Gesellschaft in Deutschland wurde von weißen Menschen aufgebaut und geformt. Sie wird bestimmt von einer weißen Geschichtsschreibung, auch wenn drumherum ganz viele andere Dinge passiert sind, denen aber ein nicht so großer Stellenwert zugeschrieben wurde. Das führt auch dazu, dass die Redaktionsstrukturen in Deutschland sehr weiß sind. Das ist auch bei der „Vogue“ nicht anders. Deswegen ist es uns wichtig, möglichst viele People of Color als Autorinnen und Autoren zu verpflichten. Schließlich haben wir selbst gar nicht die Expertise, entsprechende Themen richtig aufzuarbeiten.

Wie waren bisher die Resonanzen von Ihren Leserinnen und Lesern auf die Kampagne?
Wir bekommen viel positives Feedback. Aber es gibt auch Leute, die uns schreiben, dass es langsam Zeit wurde, solche Themen richtig anzufassen. Dass wir damit so viele unterschiedliche Leserinnen und Leser erreichen, ist nicht nur schön, sondern auch wichtig für uns als Medium. Dass Leserinnen und Leser ein Heft nochmal in die Hand nehmen, in dem sie vorher nur ähnliche Typen gesehen oder sogar rassistische oder auch antifeministische Inhalte wahrgenommen haben, wird immer unwahrscheinlicher. Sie wollen heute nicht nur Traumwelten, sondern auch sich selbst in Magazinen sehen.

Das klingt nach viel Selbstreflektion. Als bekanntestes Modemagazin steht die „Vogue“ schließlich oft exemplarisch für die ganze Branche.
Wir haben zum Aufbau der Kampagne viel miteinander geredet, aber eben auch mit unseren freien Autorinnen und Autoren aus der People-of-Color-Community. Wir haben geschaut, was es überhaupt bedeutet, wenn eine mehrheitlich weiße Redaktion so ein Statement setzt, ob und wie das funktionieren kann. Dazu müssen wir uns selbst hinterfragen, denn es wäre vermessen zu behaupten, dass „Vogue“ nie Teil des Problems gewesen wäre. Entscheidend ist jetzt, dass wir auf all unseren Kanälen daran arbeiten, etwas zu verändern und zu bewegen. Dafür haben wir auch eine Verantwortung.

Inwiefern?
Mode existiert nicht in einem Vakuum. Sie hat nie abgetrennt von der wirklichen Welt stattgefunden, für die sie letztlich gemacht wird. Mode ist ein Spiegel der Gesellschaft. Und das gilt es zu reflektieren. Diesem gesellschaftskritischen Anspruch ist die deutsche „Vogue“ sehr früh nachgekommen. In den 1990ern waren wir etwa das erste Modemagazin, dass offen über Magersucht berichtet hat. Aber zu diesem Anspruch gehört auch, sich in Anbetracht neuer gesellschaftlich Themen immer wieder zu hinterfragen.

Ist das ein Selbstverständnis, dass Sie in der Branche mittlerweile vermehrt beobachten?
Ich finde schon spürbar, dass sich etwas tut. Das hat sicher auch damit zu tun, dass viele der jüngeren Menschen, die jetzt nach und nach wichtige Positionen besetzen, Diversität nicht nur als Thema erkennen. Für sie ist Diversität gelebte Praxis. Das ist ein Paradigmenwechsel, der auch einen echten strukturellen Wandel mit sich bringen kann. Das wird nicht in den nächsten zwei Jahren passieren, aber vielleicht in den nächsten zehn Jahren. Allerdings nur, wenn wir alle dran bleiben.

Interview: Manuel Almeida Vergara

„Weil Sichtbarkeit das Wichtigste ist“

Die Onlinekampagne realisierte Alexandra Bondi de Antoni, seit 2017 Onlinechefin der „Vogue“, gemeinsam mit Gastredakteurin Kemi Fatoba. In Beiträgen und Interviews, etwa mit #BlackLivesMatter-Mitbegründerin Patrisse Cullors, wird über Identität und Rassismus berichtet. Andere Artikel stellen den Kontext zur Mode her, zum Beispiel ein Stück der Journalistin Micha Frazer-Carroll, die den Begriff der „Streetwear“ kritisch hinterfragt, oder ein Text von Radhika Seth zu einem Buch, das die vielschichtigen Arbeiten Schwarzer Modefotografinnen in den Fokus rückt. Im Video zur Kampagne kommen 27 People of Color aus Deutschland zu Wort, darunter Schauspieler Jerry Hoffmann, Boxerin Zeina Nassar und Moderatorin Hadnet Tesfai. Alle Inhalte gibt es hier.

Rassismus in der Modebranche: Ihr Name ist Naomi

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