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Die Mode ist abgelaufen

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Von: Manuel Almeida Vergara

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Geschmackvoll: Seidenpyjama mit Federn und blumigen Gummilatschen.
Geschmackvoll: Seidenpyjama mit Federn und blumigen Gummilatschen. © REUTERS

Die großen Schauen sind vorbei. Und eines wurde in New York, London, Mailand und Paris ganz deutlich: Die Welt hat jede Menge Probleme. Genau wie die Mode selbst.

Jeremy Scott bringt es auf den Punkt: „Wissen Sie, es ist schockierend da draußen“, sagt der Designer am Rande seiner Schau für das Mailänder Label Moschino. Stimmt, die Welt außerhalb der hübschen Modeblase gibt sich bedrohlich, gerade jetzt. Krieg und Terror, das Erstarken nationalistischer Populisten, ein Europa auf der Bewährungsprobe – die Ängste der Gegenwart sind vielfältig. Und sie sitzen tief. Darauf muss die Mode reagieren, will sie ihren Status als Spiegel des Zeitgeists wahren. Und das tut sie – mit ästhetischen Prämissen und klobigen Slogans.

Aber der umgekehrten Reihe nach: Am gestrigen Mittwoch beendete traditionell Paris die vier wichtigsten Modewochen – nach New York, London und Mailand. Spürbar, sichtbar geradezu, zieht sich hier die Verunsicherung einer Branche in der Krise durch die Kollektionen. Größtes Problem für die Stadt der Mode bleibt das Fernbleiben kaufkräftiger asiatischer und russischer Touristen, die Paris seit Anfang des Jahres aus Angst vor neuen Anschlägen meiden. Das Branchenmagazin „Textilwirtschaft“ fasst zusammen: Im ersten Halbjahr dieses Jahres konnte Paris beispielsweise 19,6 Prozent weniger Chinesen und 35 Prozent weniger Russen zu üppigen Shoppingtrips begrüßen. Bei japanischen Touristen handele es sich sogar um einen Verlust von 46,2 Prozent, melde das Pariser Tourismusbüro.

Was das für die Mode bedeutet, verdeutlicht ein Blick in die berühmten Galeries Lafayette: Mit den 15 Prozent weniger ausländischen Besuchern ginge ein Verlust von 6 Prozent der Gesamterlöse einher. Zudem hätten auch die Franzosen selbst dieser Tage kaum mehr Lust am Konsumieren, meldet die TW.

Modisch wird die Verunsicherung in den Linien großer Luxusmarken wahrnehmbar: Die wagen für das Frühjahr 2017 nicht mehr ganz so viel. Die sicheren Klassiker, eine zurückgenommene Ästhetik, bloß keine zu großen Brüche sollen stabile Linien ergeben, die zumindest bei denen Anklang finden, die sich überhaupt noch zum Einkauf in die Pariser Avenue Montaigne trauen.

Enttäuschung macht sich unter Modekritikern besonders da breit, wo den Laufsteg eigentlich Großes hätte runter kommen können: Trotz neuem Kreativdirektor gab es bei Saint Laurent nur wenig Neues zu sehen. Zu nah bewegte sich Chefdesigner Anthony Vaccarello an der Ästhetik seines Vorgängers: Die ledernen Minikleider, die kantigen Schulterpartien, die transparenten Glitzerstoffe – all das gab es schon drei Jahre unter der kreativen Leitung Hedi Slimanes.

Da wurden bei Christian Dior schon deutlichere Signale des Neuanfangs gesetzt: Als erste Frau überhaupt verantwortet Maria Grazia Chiuri ab jetzt die Mode des Hauses. Eine kleine Sensation – die Chiuri nur all zu deutlich für sich ausspielt. Ihre Silhouetten sind der traditionellen Fechtausrüstung entlehnt. Der Kampf der Frau nach ganz oben – das verbildlicht die Designerin streckenweise allzu plump: „We should all be feminists“, fordert ein schwarzer Druck auf weißem T-Shirt. Sie selbst zeigt sich am Ende der Schau mit Supermann-Kette. Immerhin: Mit ihrer überaus femininen Linie, den reich bestickten Abendroben präzise geschnittenen Bustiers, hebt sich Chiuri klar von der hypermodernen Sprache ihres Vorgängers Raf Simons ab.

Mailand wiederum ging zuvor auf Nummer sicher: Ein bisschen kupfern alle von Alessandro Michele ab, der mit seinen verschrobenen Entwürfen unlängst die Marke Gucci revolutionierte. Bunte Drucke, viele Federn: Was bei Gucci zum Erfolg geführt hat, das kann auch für andere Labels nicht verkehrt sein. Denkste! Zu nah beieinander bewegen sich die Mailänder Kollektionen im Stil der 1960er und 70er Jahre, verschwimmen mancherorts zum aufgeplüschten Einheitsbrei. Abermals bilden Hausanzug und Pyjama den größten gemeinsamen Modenenner: Gerade bestimmten die seidenen Zweiteiler noch den Herbst 2013, da sind sie auch für den Frühling 2017 schon wieder da: Bei Gucci eben und bei Prada. Und bei Dolce & Gabbana ebenso.

Auch die beiden Designer umkreisen sich seit einigen Saisons am liebsten selbst: Jede Kollektion soll ihre Liebe zur Heimat sichtbar machen. Und was bleibt als sizilianische Inspiration nach den Fresken der Kathedrale von Palermo im Herbst 2013 und dem klischeebesetztem Bild der italienischen Mamma im Herbst 2015? Stimmt: Die Pasta. Deswegen sind die Kleider von Domenico Dolce und Stefano Gabbana mit Bündeln von Spaghetti bedruckt, sind die Köpfe der Models mit Fusili, Farfalle und Penne geschmückt.

Mit der Heimat setzten sich vor Mailand auch die Designer in New York auseinander. Und mit ihrer Zukunft: Nichts beschäftigt die Amerikaner derzeit so sehr, wie die Präsidentschaftswahlen im November.

Dass sich die Mode eher auf der Seite Clintons positioniert, das wurde auf den New Yorker Schauen nur all zu deutlich: Eine gewaltige Dosis Optimismus will Designer Michael Kors den fragwürdigen Reden Donald Trumps entgegensetzen. Das sieht man nicht nur an den bunten Blümchen-Dessins, der satten Farbwelt von Limonengrün bis Grapefruitpink und den übergroßen „Love“-Prints. Zum großen Finale setzt Kors in Sachen Feelgood noch eins drauf: Der kanadisch-US-amerikanische Sänger Rufus Wainwright stimmte Judy Garlands „Get Happy“ an, gespickt von heiteren Zwischenrufen wie „Go Hillary“ oder „I’m with her“. „Forget your troubles, c’mon get happy“ – vergiss Deine Sorgen und werd glücklich. Gut gemeint von Michael Kors, wirkte in der überaffirmativen Darbietung jedoch eher weltfremd, denn hoffnungsvoll. Da wirkte Marc Jacobs modisch inszenierte Technoparty schon aufbauender, weil weniger pathetisch.

Die Hoffnung wollte man vor der New Yorker Fashion Week auch auf den britischen Schauen nicht verlieren: Die erste Londoner Modewoche nach dem Brexit. Die britische Modeszene war alles andere als einverstanden mit dem Ausscheiden aus der EU. Es würde eine Tragödie, hatte zum Beispiel Vivienne Westwood unmittelbar vor dem Referendum über den Kurznachrichtendienst Twitter gewarnt und Burberry’s Kreativdirektor Christopher Bailey unterzeichnete einen offenen Brief gegen den Brexit.

Genützt hat alles nichts, Großbritannien ist raus, das hat Premierministerin Theresa May gerade am vergangenen Sonntag nochmal betont. Die Mode vermochte sie scheinbar trotzdem zu besänftigen: Wichtige Vertreter der britischen Modeindustrie lud sie zum Champagnerempfang in die Downing Street Nummer 10. Gekommen waren sie alle: Die Vorsitzende des britischen Moderats Natalie Massenet, Modedesignerin Mary Katrantzou und Schuhmogul Nicholas Kirkwood. Auch Vivienne Westwood war da, immerhin mit Sprüche-Shirt: „Theresa Talk Vivien“, lud sie May zum politischen Diskurs. Christopher Bailey, auch dort, sparte sich jeden weiteren Kommentar.

Der hatte auf dieser London Fashion Week ohnehin ganz andere Probleme zu lösen: Die der ganzen Modeindustrie nämlich. Die kommt mit ihren eigenen Zeiten nicht mehr klar: Eigentlich präsentieren die Marken seit Jahren ihre Kollektionen etwa sechs Monate vor Verkaufsstart, das soll Presse und Einkäufern ausreichend Zeit geben, die Linien redaktionell zu verarbeiten und wohl überlegt zu ordern. Allerdings geistern heute Videos und Bilder der Show parallel für jeden zugänglich durchs Internet. Und hängt die Mode dann endlich in den Läden, hat sich die Kundschaft lang schon satt gesehen. Schön blöd, dachte sich Bailey, und will dem mit seinem neu erdachten „see-now-buy-now“-Konzept entgegenwirken. Soll heißen: Die geschichtsträchtige Linie, historisch anmutende Militärjacken etwa oder barock bemusterte Mäntel, gab es sodann nach der Schau zu kaufen.

Feiert sich Bailey als Retter der Mode, sind damit nicht alle einverstanden: Karl Lagerfeld zum Beispiel will lieber, dass alles so bleibt wie es ist. Und der Belgier Dries Van Noten findet die Vorstellung, Kollektionen direkt vom Laufsteg zu verkaufen gar „unheimlich“.

So scheint sich die Mode in Vielem einig, in ihren Positionen gegenüber Trump und Brexit etwa, nur wenn es um die eigene Zukunft geht, scheiden sich die Modegeister.

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