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Nicholas Barbara (l.) und Alice Tribe haben die Jäger im Blick.

Vögel

Misstrauen gegen die Jäger

Zugvögel dürfen im Frühling nicht geschossen werden. Doch: auf Malta.

Peng. Ein Knall durchbricht die morgendliche Stille. Kurz darauf folgen weitere Schüsse. Nicholas Barbara schaut zu seiner Kollegin, legt dann sein Fernglas an und scannt die hügelige Landschaft. „Das war kein Schuss auf eine Wachtel“, sagt Alice Tribe. An diesem Morgen im April weht der Wind auf Malta aus Osten, es ist neblig. Ausgestattet mit Ferngläsern und Videokameras sind die Vogelschützer der internationalen Organisation Birdlife mit mehreren Autos ausgerückt. Sie beobachten, ob bei der Frühlingsjagd alles mit rechten Dingen zugeht.

Malta ist das einzige EU-Land, in dem im Frühjahr noch Jagd auf Vögel gemacht werden darf. Vogelschützer sehen das als schwerwiegenden Eingriff in die Populationen. Denn die Mittelmeerinsel ist wie eine Raststätte für Zugvögel, die sich auf dem Rückweg zu ihren Brutgebieten weiter nördlich in Europa befinden. „Die Vögel werden mit Sicherheit brüten. Tötet man sie, tötet man auch den gesamten Nachwuchs“, sagt Axel Hirschfeld vom Komitee gegen den Vogelmord (Cabs).

Dieses Jahr läuft die dreiwöchige Jagdsaison bis zum 21. April. Die Ausnahmeregelung der maltesischen Regierung sieht vor, dass nur Wachteln gejagt werden dürfen. Sie leben versteckt in Wiesen und Brachflächen. Spürt der Hund des Jägers eine Wachtel auf, wird meist ein Schuss in Richtung Boden abgefeuert – das Echo ist dumpf, erklärt Tribe. Hören die Vogelschützer mehrere Schüsse hintereinander, könnte eine Turteltaube geschossen worden sein. Und das ist das zweite Jahr in Folge auch auf Malta verboten.

„Die Versuchung ist groß“, sagt Tribe. Für manche Jäger sei die Frühlingsjagd ein Vorwand, auf die Pirsch nach seltenen Sing- und Greifvögeln zu gehen, geschützte Pirole, Wespenbussarde oder Rohrweihen zu schießen, heißt es auch auf der Webseite von Cabs.

Die Jägerschaft fühlt sich unterdessen kriminalisiert. „Heute Morgen waren schon wieder die Leute von Birdlife unterwegs und haben nicht die Vögel, sondern uns beobachtet“, wird der Präsident des Jägerverbands Saint Hubert Hunters, Mark Mifsud Bonnici, später am Tag sagen.

Hätten die Vogelschützer vor zehn Jahren nicht ohne Polizisten oder Security ausrücken können, beschränke sich die Feindschaft inzwischen zumeist auf Nullkontakt oder böse Blicke, sagt Barbara, der bei Birdlife für den Naturschutz zuständig ist. Er sieht sich dennoch vor, parkt den Wagen in Fahrtrichtung und hält die Videokamera einsatzbereit in der Hand. Links vom Weg fallen die Klippen steil ins Meer. Vögel zwitschern. Doch das Idyll täuscht. Nicht jede Stimme sei echt, sagt Tribe. Manche Jäger auf Malta setzten aufgenommene Lockrufe ein.

Jagen sei etwas Soziales – wie einen Wein trinken

Am nächsten Beobachtungspunkt postieren sich Tribe und Barbara im Schutz eines Mauervorsprungs. Jäh verstummen die Schüsse. Die beiden erhaschen einen Blick auf einen Mann, der rasch in Deckung geht.   „Sie merken unsere Präsenz“, sagt Barbara. Schon das Stören der Jäger scheint ein kleiner Erfolg zu sein. Birdlife Malta kämpft noch immer dafür, dass auch auf Malta das Jagen im Frühling der Vergangenheit angehört.

Bei einer Volksbefragung 2015 hatten die Jagdbefürworter 2200 Stimmen Vorsprung und gewannen mit einer dünnen Mehrheit. In Europa leben laut EU-Kommission mehr als 500 Vogelarten – fast 200 Arten und Unterarten gelten als besonders bedroht. In klar definierten Zeiträumen dürfen 82 Vogelarten gejagt werden. Das 450 000-Einwohner-Land Malta hat mit rund 12 000 die höchste Dichte an Jägern. Die können im Zweifel eine Wahl entscheiden.

„Deswegen erlässt die Regierung Ausnahmeregelungen, damit am Ende nicht sie, sondern die EU Schuld hat, wenn die Frühlingsjagd komplett verboten wird“, sagt Jägerverbandspräsident Bonnici. Keines der rund 2000 Verbandsmitglieder sei in Konflikt mit dem Gesetz gekommen.

Der Mann, dessen Vater und Großvater schon jagten, versteht die Aufregung und die Mobilmachung der Vogelschützer nicht. Die Auflagen seien so strikt, die Strafen so hoch und die Kontrolle der Jagd so streng wie kaum anderswo in der EU. Bonnici ärgert, dass sich die EU-Kommission nicht selbst mit einer eigenen Mission davon überzeuge, dass auf Malta alles mit rechten Dingen zugehe.

Bonnici habe dieses Jahr erst eine Wachtel geschossen. „Da blieb nicht einmal etwas für meine Frau übrig“, sagt er. „Wir sind so ein kleines Land. Wir können einer Population gar keinen Schaden zufügen.“ Jagen sei etwas Soziales, eine Leidenschaft wie Wein trinken oder Musik machen. Mit dem Unterschied, dass es keine Organisation gebe, die das verboten sehen will.
Im Frühjahr 2017 seien wie in den Vorjahren deutlich weniger Vögel gejagt worden als erlaubt, heißt es in einem Bericht des Umweltministeriums.

128 geschossene Wachteln seien gemeldet worden, das entspreche 2,56 Prozent der gesetzlich festgelegten Grenze. Nur 76 Jäger sollen zwischen einer und zehn Wachteln 2017 gejagt haben. Die individuelle Fanggrenze von fünf Vögeln am Tag – pro Saison und Person waren zehn erlaubt – habe niemand erreicht.

Viele geschossene Vögel würden nicht gemeldet, sagt Vogelschützer Hirschfeld. Aber er sagt auch: „Der illegale Abschuss von Greifvögeln ist weiter zurückgegangen. Vor Jahren war die Chance deutlich geringer, Malta zu überleben.“ Doch Indizien für die Jagd sind überall zu sehen. Hoch- und Erdstände. Vor Bäumen gespannte Leinen, mit denen Vögel aufgeschreckt werden können. Käfige mit Vögeln, die Artgenossen anlocken sollen. Allerdings gibt auch Barbara zu, dass die Jäger auf Malta nicht die einzige Gefahr für Vögel sind. „Die Bebauung ist ein riesiges Problem. Vermutlich ein größeres als die Jäger.“ (Lena Klimkeit, dpa)

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