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Sie wissen jetzt, dass sie die Bestecke von außen nach innen nehmen müssen. Viele Menschen wissen das nicht.

„Miss Germany“

Miss Mitte der Gesellschaft

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FR-Autor Arno Widmann wurde eingeladen nach Fuerteventura, ins Trainingscamp für die Wahl zur „Miss Germany“. 

Fuerteventura, 13. Februar 2019, Playa de Esquinzo, Tui Magic Life, Private Lodge. Die Sonne knallt. Ein runder riesiger Whirlpool. In seiner Mitte steht eine junge Frau. 15 andere stehen eng nebeneinander am Rand und warten in die Sonne blinzelnd auf ein Zeichen. Ihnen gegenüber ein Dutzend Fotografen und Videofilmer. „Fünf, vier, drei, zwei, eins, los!“ Die fünfzehn jungen Frauen springen lachend, die Arme hochreißend in den Pool. Das Wasser spritzt. Ein Bild der Lebensfreude. „Danke“, ruft der Cheffotograf. Er hat, was er braucht. Alles okay. Kein zweiter Versuch. Früher – im vordigitalen Zeitalter – gingen dreißig bis vierzig Filme für eine solche Aufnahme drauf.

Die jungen Frauen sind die Kandidatinnen für den Titel der „Miss Germany 2019“. Wie geriet ich unter die Schönen? Tui Magic Life lud mich ein: Hin- und Rückflug, eine Woche Kost und Logis in dem exklusiveren Teil eines All-Inclusive-Hotels zusammen mit den 16 Landessiegerinnen des Wettbewerbs. Ich bin bei den Kursen dabei, die die jungen Frauen bekommen, bei den Fotoshootings. Und ich liege viel auf Sonnenbetten herum und lese ein großartiges Buch über Sonne, Mond und Sterne in der Weltliteratur. Ich habe ein Einzelzimmer, während die Kandidatinnen, die sich erst am 7. Februar, beim Flug hierher, kennen gelernt hatten, zu zweit in ihren Zimmern liegen. Das Hotel ist keine Luxusherberge, sondern eine jener großen Anlagen, in denen es Fußball-, Volleyball- und Tennisplätze, ein Theater, mehrere Restaurants und viele Möglichkeiten gibt, Eltern und Kinder – auch getrennt voneinander – zu beschäftigen. Vor allem aber gibt es an diesen Februartagen Sonne satt. Temperaturen über 25 Grad. Die Menschen baden im Meer. Zwischen den Mahlzeiten schnappen die einen sich ein Stück Kuchen, die anderen ein Sandwich. Alles frisch. Kühlschränke mit Getränken stehen überall herum. All inclusive. Schlaraffenland.

Für die jungen Frauen, die 16 gekrönten Häupter der deutschen Bundesländer von Schleswig-Holstein bis Bayern, von NRW bis Sachsen, ist das Paradies ein Trainingscamp. Ihr Tag beginnt um 7.30 Uhr mit dem Frühstück. Dann folgen bis zum Mittagessen Friseur und Maske, danach Shooting und Video. Nach dem Mittagessen geht es so weiter. Danach gibt es – unterbrochen vom Abendessen – täglich zwei Workshops. 23.30 Uhr heißt es auf dem Stundenplan: „Good night – sleep“. Stundenlang werden Fotos von ihnen gemacht. Jedes Einzelne im Blitzverfahren. So kommt jede von ihnen in diesen Tagen auf Hunderte von Aufnahmen. Mal glamourös, mal casual, mal mit viel Haut, mal mit viel Kleid. Das Auftragen des Make-Up – es findet, wenn ich das richtig beobachtet habe, mindestens zweimal am Tag statt – dauert 40 Minuten bis eine Stunde. Ich erinnere mich an den berühmten Ausspruch eines Topmodels der 80er und 90er Jahre. „Auch ich sehe, wenn ich morgens aufwache, nicht aus wie Cindy Crawford.“ 

Die Kandidatinnen können zuhören. Und manchmal richtig antworten.

Ich bin verblüfft: Es ist kein Schönheitswettbewerb. Die sechzehn Frauen sehen alle gut aus, aber vor keiner steht man erschrocken, sprachlos, baff. Aaron Troschke, geboren 1989 in Berlin, wurde bekannt, als er 2012 bei „Wer wird Millionär“ 125 000 Euro einfuhr. 2014 gewann er 100 000 Euro bei „Promi Big Brother“. Er moderiert unter anderem „QuizHero“. Auf Fuerteventura war er als Dozent unterwegs. Und er berichtete über das Trainingscamp auf seinem von 950 000 Abonnenten verfolgten YouTube-Kanal „Hey Aaaron!!!“ Ich stand neben ihm, als er einer der Kandidatinnen sagte: „Auf den Fotos siehst du viel älter aus. Da traut man sich kaum, dir guten Tag zu sagen. Jetzt so neben mir, habe ich keine Scheu, dich zu duzen.“ Das war kokett gesagt. Aber auch die Wahrheit. „Miss Germany“ ist eine „Miss von nebenan“. Sie sagt allen jungen Frauen: Du kannst werden wie ich. Denn ich bin eine wie du. Manche der Kandidatinnen antworten auf die Frage, ob sie sich für schön halten, darum auch so: „Ich bin so schön wie all die anderen Frauen auch.“ Eine Kandidatin fällt da deutlich aus dem Rahmen. Sie beantwortete die Frage mit: „Natürlich bin ich schön! Soll ich etwa lügen?“

Fragt man sie, was sie an sich schön finden, kommen immer wieder die Haare. Einige mögen ihre Beine. Busen, Hintern, Taille werden beschwiegen. Selbst die Augen werden nicht erwähnt. Ich habe nicht nachgefragt. Genauer gesagt: Ich habe überhaupt nicht gefragt. Ich sprach mit keiner der Kandidatinnen. Ich stand immer nur bei ihnen und habe sie beobachtet und zugehört, wie sie befragt wurden und wie sie miteinander sprachen. Sex kam nur als Frage nach dem Partner vor. Ihre eigene sexuelle Ausstrahlung war nie ein Thema. Vielleicht abends auf den Zimmern oder in den hunderten Gesprächen, deren Zeuge ich nicht wurde. Worum geht es, wenn es nicht um Schönheit und nicht um Sex geht?

Miss-Wahlen gehören zu den beliebtesten Veranstaltungen weltweit. Und zu den verpöntesten. Es geht, so lautet der Einwand, ja nur ums Äußere. Es kann um nichts anderes gehen, denn nichts anderes sehen wir. Auch die Jury sieht nichts anderes. Aber das Äußere ist das Äußere eines Inneren. Der Betrachter kann nicht anders, als das Gesicht unter dem Make-up suchen und unter dem Gesicht sucht er weiter. Nach Güte, Witz, Wachheit, Melancholie. So funktioniert unsere Wahrnehmung. Das Make-up ist ein Versuch, diese Suche in eine bestimmte Richtung zu lenken. Die Herstellung des Eindrucks von Frische und Natürlichkeit ist keinen Deut einfacher als die von verruchter Welterfahrung. Wer sich sucht, der verwandelt sich gerne. Die sechzehn jungen Frauen lassen sich gerne verwandeln. Sie fühlen sich nicht immer eins mit dem Gesicht, das ihnen aufgesetzt wird, aber sie betrachten es mit Interesse. Als eine Facette ihrer Möglichkeiten. Das glaube ich in ihren Gesichtern vor den Spiegeln zu lesen. Sie sind, während geschulte Hände sich um ihr Make-up kümmern, meist mit ihren Smartphones beschäftigt, dann wieder sprechen sie miteinander und mit der Friseurin. Manchmal entsteht jener angenehm-angeregte Geräuschpegel, wie ich ihn aus den Friseursalons meiner Jugend kenne.

Auch, dass sie Miss werden wollen, ist nur eine ihrer Facetten. Jede von ihnen ist noch auf der Suche. Sie wissen nicht, wer sie sind. Jedenfalls haben sie sich noch nicht entschieden. Miss zu werden, ist eine Möglichkeit, die Entscheidung für die eine Identität hinauszuzögern. Jede Einzelne weiß: Ich bin viele. Sie wechseln ihr Äußeres mehrmals am Tag und damit den Eindruck von ihrem Inneren, den sie den anderen vermitteln. Sie befinden sich in der Schlussphase eines Lebensabschnittes oder haben ihn gerade erst hinter sich gelassen, indem jede und jeder hin und her geschleudert wird von heftig einander ablösenden Emotionen, vom Gefühl, absoluten Triumphes bis zur tiefsten Niedergeschlagenheit, von der Sehnsucht nach Geborgenheit und vom Trieb, ihr zu entfliehen. Nichts davon ist ihnen anzusehen. Ich weiß nur, dass es so ist. Eine Kandidatin wurde nach ihrem Partner gefragt. „Ich habe keinen“, antwortete sie. „Keinen Freund?“ „Einen Freund habe ich.“ Vor ein paar Jahrzehnten hätte sie grinsend – pardon: lächelnd – „Lebensabschnittgefährte“ gesagt. Es war eine kluge Unterscheidung, eine geradezu weise Bemerkung.

„Miss Germany“ ist ein Wettbewerb. Also auch wie Schule. Es gibt klar definierte Aufgaben, die gelöst werden müssen. Wenn Nikeata Thompson „Walk! Walk! Walk!“ ruft, dann gibt sie nicht nur das Tempo vor, mit dem die Kandidatinnen über den Laufsteg zu gehen haben. Sie verschafft ihnen auch eine Ahnung von dem Selbstbewusstsein, von der Energie, die sie von ihnen erwartet, indem sie sie an sie abgibt. Es geht nicht um Schönheit und nicht um Sex. Es geht um Selbstbewusstsein. Nein, um dessen Demonstration. Voller Stolz – frei von Zweifeln – sollen sie auftreten. Hier gibt es kein bängliches Schwanken. Jeder Satz wird trainiert. Er muss stimmen. Gelogen werden darf nicht. Aber Schwächen dürfen nicht sichtbar werden. Das Sich-vorstellen wird geübt. Alle nennen Namen, Miss-Titel, Beruf ,und was sie so vorhaben im Leben. Eine einzige aber sagt, sie wisse nicht, was sie vorhabe. Sie sei sich unsicher und sie fände, sie habe ein Recht auf diese Unsicherheit. Sie sei schließlich erst 23. Sie wird gemaßregelt. So etwas ginge nicht, erklären ihr ihre Konkurrentinnen. Ich muss gestehen, ich liebte sie für diese Sätze. Auch politische Äußerungen sind nicht erwünscht. Man könnte damit Anstoß erregen. Selbst die Vorliebe für einen bestimmten Fußballverein, der nicht der des Heimatortes ist, könnte Anlass für Kontroversen sein. Ein Selbstbewusstsein, das davon lebt, ohne eins auszukommen.

In Deutschland wurde das Mindestalter für Misswahlen von 16 auf 18 Jahre heraufgesetzt. Das erleichtert dem Veranstalter die Arbeit. Er ist nicht mehr angewiesen auf Zustimmungen der Eltern. Gleichzeitig ist der Baby-Doll-Touch verschwunden. Der zwischen Babyspeck und pubertären Wachstumsschüben sich entfaltende Teenager-Reiz spielt keine Rolle mehr. Es sind Miss-Wahlen für Erwachsene geworden. Ein Fortschritt. Am 23. Februar, wenn ab 20 Uhr in der Europa-Park Arena in Rust die Jury – der Ex-Bundestagsabgeordnete Wolfgang Bosbach, Deutschlands bekanntester Beauty-Experte Boris Entrup, die Pop-Sängerin Sarah Lombardi und die Choreographin Nikeata Thompson – unter den 16 Kandidatinnen ihre „Miss Germany“ aussuchen, wird es keine Bikini-Auftritte mehr geben. Die Damen sind zwischen 19 und 26. Eine ist Polizistin und beschäftigt sich mit Cyber-Kriminalität, eine andere wird ab Herbst als Ärztin arbeiten. Viele studieren.

Miss Germany ist eiMiss-Wahlen sind keine Unterschichtenveranstaltungen mehr wie damals, als aus der Miss Pozzuoli Sofia Villani Scicolone schließlich Sophia Loren wurde. Miss-Wahlen wie auch verwandte Veranstaltungen wie „Germany’s Next Topmodel“ sind in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Deren Töchter – und immer mehr auch deren Söhne – kämpfen nicht nur um akademische und ökonomische Exzellenz. Sie wollen auch die Schönsten sein. Den unteren Klassen soll nichts mehr bleiben. Der verstorbene Herausgeber der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, Frank Schirrmacher, erklärte einmal zum ökonomischen Scheitern der „Berliner Seiten“ seiner Zeitung: „Wer konnte schon damit rechnen, dass zur zentralen Figur der Berliner Republik ein Friseur werden würde?“ Dergleichen wundert uns nicht mehr. Genauso wenig, dass inzwischen viele Vertreter des führenden Managements so tun, als liefen sie in einer Konkurrenz mit Dressmen aus Zegna-Anzeigen.

„Miss Germany“ ist ein eingetragenes Markenzeichen. Es gehört der Miss Germany Corporation in Oldenburg. Die veranstaltet derzeit neben den „Miss Germany“-Wahlen auch die des „Mister Germany“ und der „Miss 50plus“. So kommt sie auf mehr als 150 Veranstaltungen im Jahr. Die Firma wurde 1960 von Horst Klemmer gegründet. Inzwischen übernahm sein Sohn Ralf die Geschäfte und seit 2016 mischt auch der Enkel Max Klemmer mit. Geld wird verdient durch den Einsatz von Sponsoren, die man gerne „Partner“ nennt. Tui Magic Life zum Beispiel oder Condor oder Elasten oder der Europa-Park in Rust. Im Wesentlichen aber bestimmt seit mehr als einem halben Jahrhundert der Familienbetrieb Klemmer die Wettbewerbe um „Miss Germany“. Dazu gehört auch Ines Klemmer. Sie wurde 1971 als Ines Kuba in Halle geboren, war 1989 Jugendfechtmeisterin der DDR. Im Dezember 1991 gewann sie die Wahlen zur ersten „Miss Germany“ des wiedervereinigten Deutschlands. Mit dunklen, kurzen Haaren. Im Jahre darauf wurde sie in Wien zur „Queen of the World“ gewählt. 1995 heiratete sie Ralf Klemmer, den damaligen Juniorchef der Miss Germany Corporation.

Sie leitet den ersten Workshop im Trainingscamp von Fuerteventura. Die sechzehn jungen Frauen sitzen an einer langen Tafel, Ines Klemmer erklärt ihnen, dass sie die Bestecke von außen nach innen nehmen müssen, wie sie sie auf dem Teller platzieren müssen, wenn sie wollen, dass der Kellner ihren Teller mitnimmt. Sie hat einen Katalog von 22 Fragen erstellt. Die Kandidatinnen müssen aus drei Antwortmöglichkeiten die jeweils richtige ankreuzen. Eine Art Quiz. Manchen macht er Spaß, weil sie keine Ahnung haben, anderen wiederum missfällt er gerade darum. Man kann sehen, wo die einen und wo die anderen ihren Ehrgeiz entfalten. Frau Klemmer erinnert sie daran, dass sie als „Miss Hamburg“, „Miss Hessen“ oder „Miss Berlin“ schon jetzt oft zu Empfängen eingeladen werden, wo man sie auch danach beurteilt, ob sie ihre Hände – wie es sich schickt – auf der Höhe der Handgelenke auf den Tisch legen oder sich am Tisch fläzen. So etwas macht eine Miss nicht.

Es geht nicht um Schönheit. Es geht ganz wesentlich um das, was sich gehört. „Bild“-Reporter Ingo Wohlfeil, der in Funk und Fernsehen Dutzende Veranstaltungen moderierte und weiter moderiert, gab den jungen Frauen einen sehr einfachen Ratschlag: „Wenn ihr nicht wollt, dass etwas bekannt wird, dann redet nicht darüber. Man verkracht sich auch mit den besten Freunden. Natürlich braucht ihr ein Vertrauensverhältnis zu ein paar Presseleuten. Aber denkt immer dran. Ihr macht eure Arbeit und die ihre.“ Ein Journalist interessiert sich mehr für eine gute Geschichte als für eine Miss. Wohlfeil bittet eine Kandidatin hervor und sagt ihr, dass sie niemals ihm hätte erzählen dürfen, dass sie seit ihrem achten Lebensjahr Rheumapatientin ist. Er werde diese Geschichte nicht veröffentlichen, denn sie wolle „kein Brimborium“ darum machen. Aber das sei wirklich eine große Geschichte, eine Heldengeschichte, die vielen, die an schweren Krankheiten litten, Mut machen könne, sich nicht von ihnen unterkriegen zu lassen.

Ich bin 72 Jahre alt und bin voller Bewunderung für diese junge Frau. Die meisten Kandidatinnen sagten, sie machten bei den Miss-Wahlen mit, um jüngeren Frauen ein Vorbild zu sein. Ich fand das nur lächerlich. Bis ich diese Geschichte hörte. So viel Kraft, so viel Energie und Willensstärke wünschte ich mir. Vielleicht gibt es bei der einen oder anderen Miss auch Vorgeschichten, die mir etwas von meinem Hochmut nehmen würden. 

Nikeata Thompson kann laufen. Und den Kleenex-Verbrauch erhöhen.

Die Choreographin Nikeata Thompson zeigt den Kandidatinnen nicht nur, wie sie auf dem Laufsteg gehen sollen. Sie coacht auch ihr Innenleben. Nach einer ersten Runde, in der die über ihre Unsicherheiten gesprochen hatten, erklärt sie ihnen: „Das ist ein Wettbewerb. Am Abend des 23. Februar wird eine von Euch ‚Miss Germany‘ sein. Die anderen werden verloren haben. Ihr müsst den Wettbewerb ernst nehmen, sonst habt ihr keine Chance. Ihr müsst ihn aber auch spielerisch nehmen, sonst seid ihr, wenn ihr nicht ‚Miss Germany‘ werdet, verloren. Ihr dürft Euch nicht abhängig machen vom Erfolg. Ihr müsst euch schätzen auch in der Niederlage.“ Nikeata Thompson ist Jurymitglied. Sie hat viele Siege erlebt und viele Niederlagen in den 38 Jahren ihres Lebens. „Als man mir sagte, ich sollte mir dreimal am Tage sagen, was ich an mir schätze, lachte ich. Ich fand es affig, dumm. Aber dann tat ich es doch. Ich schämte mich dafür, dass ich es tat. Aber nach vier, fünf Wochen merkte ich, wie ich ruhiger wurde, einen Halt fand. Jetzt gehört es zu meinem Leben wie meine Workouts.“ Dann geht sie rum und jede der Teilnehmerinnen muss sagen, was sie gern an sich hat. Genannt werden unter anderem Haare. Und Disziplin. Ein paar Gewitzte sagen, sie mögen an sich, dass sie sich mögen. Eine sagt, sie würde, wenn sie dieses Jahr verlöre, es nächstes Jahr wieder versuchen. Die einzige Kurzhaarige grinst die kurzhaarige Nikeata Thompson an und meint, sie liebe ihre kurzen Haare. Sie hat die Lacher auf ihrer Seite.

In einer weiteren Runde erzählen die Frauen, was sie vom Leben wollen. Als eine sagt: „Ich möchte einen guten Mann finden, Kinder bekommen und eine schöne Familie haben. Wie ich keine hatte.“ Da weint nicht nur sie, sondern noch drei der anderen Kandidatinnen. Ines Klemmer gibt ihnen Kleenex-Tücher. Aber das war erst der Anfang. Nikeata Thompson entlockt ihnen Geschichten vom Scheitern in der Liebe, vom Scheitern in anderen Bereichen. Am Schluss gibt es keine, die nicht mindestens einmal nach der Kleenex-Schachtel gegriffen hätte. Es ist dunkel geworden und kühl. Vielleicht tropft manches Auge, manche Nase nicht nur aus innerer Bewegung. Als sie aufstehen, hebt jede von ihnen die Papiertücher, die um sie liegen, auf und entsorgt sie im nächsten Papierkorb.

Ich mochte sie, wie sie ihren Gefühlen ausgeliefert waren und doch verstanden, mit den Folgen umzugehen. Gerade im Kleinen.

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