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"Veränderung ist das einzige, worauf wir uns verlassen können", sagt Gunter Papperitz (links), der mit Liefers (3.v.r.) zum Interview kam-

"Radio Doria"

"Mir tut es leid um die Vertreibung aus dem Paradies"

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Und trotzdem glaubt er an die Demokratie. Ein Gespräch mit dem Schauspieler und "Radio Doria"-Sänger Jan Josef Liefers und seinem Bandkollegen Gunter Papperitz über eskalierende Meinungen, die Band-Reise in den Iran und die Essenz von Omas Binsenweisheiten.

Noch fünf Stunden bis zum Konzertbeginn im Capitol in Offenbach. Die Techniker haben offenbar gerade die Gesangsanlage fertig installiert und jagen zum Test knackigen Funk und Soul in einer Lautstärke durch die Boxen, dass im Foyer die Sitzflächen der Stühle schnarren. Der Tourbegleiter kommt vorbei, die Jungs sind gleich so weit, ein paar Minuten noch. Es dauert dann doch ein paar Minuten länger, aber dafür sind Gunter Papperitz und Jan Josef Liefers sehr entspannt. Drei Wochen Tournee mit „Radio Doria“ stehen bevor, jener Band, in der Liefers singt und Papperitz die Tasteninstrumente spielt; abends spielen, nachts fahren, tagsüber durch die nächste Stadt treiben lassen. Liefers sagt, er genieße das Tourleben, auch wenn der Glamour („Ich nenn’ das jetzt mal Glamour, auch wenn wir hier wenig mit Glitzer machen.“) für jene reserviert sei, die sich Konzertkarten kaufen, sich schick machen und auf einen schönen Abend freuen, während er und seine Bandkollegen die mitunter mondänen Spielstätten durch den Hintereingang betreten und „manchmal unter zweifelhaften Wasserspendern duschen“ müssen. Kehrseite will Liefers diese kleinen Unannehmlichkeiten trotzdem nicht nennen.

Herr Liefers, Herr Papperitz, auf welche „Zwei Seiten“ spielt denn der Titel Ihres aktuellen Albums an?
Liefers: Es klingt wie eine Binsenweisheit. Schon meine Oma sagte: „Junge, alles hat zwei Seiten.“ Aber wenn man diesen einfachen, etwas abgenutzten Spruch in sein Leben übertragen möchte, merkt man erst, wie schwer es fällt, den eigenen Standpunkt mal kurz zu verlassen und mal die „feindliche“ Perspektive einzunehmen. Als wir anfingen, Songs für die zweite Platte zu schreiben, herrschte kein gutes Klima für positive, gut gelaunte Popsongs. Diese Wut und dieser Zorn, der durch unser Land waberte, war frustrierend und sogar ansteckend. Man hatte immer das Gefühl, man müsse eine Position einnehmen und die dann ganz laut allen ins Gesicht brüllen. Und man wurde auch selber immer so laut angebrüllt. Die Möglichkeiten der Sozialen Netzwerke haben das Niveau schnell in den Keller rauschen lassen.

Meinen Sie die Zeit der Flüchtlingswelle Ende 2015 und die daraufhin initiierten Montagsdemos von Pegida?
Liefers: Ja, und in dieser Zeit wurde man entweder als Nazi oder als Gutmensch und Volksverräter beschimpft. Man war schnell alles mögliche, aber auf keinen Fall ein respektierter Mitbürger. Das war ein krasses Klima. Und dann mach mal Popmusik in so einer Stimmung. Mir ist das nicht leicht gefallen. Ich bin sowieso erstaunt, dass die Flamme der Nation bei manchen wieder so hoch lodert. Beim Fußball zum Beispiel, da teile ich das, da bin ich keiner der sagt, der bessere soll gewinnen. Wenn das deutsche Team spielt, dann will ich auch, dass es gewinnt. Aber wie kann man denn auf seine Geburt stolz sein? Das ist doch keine Leistung, das ist glücklicher Zufall! Die Wahrscheinlichkeit, heute in Deutschland zur Welt zu kommen, ist – auf die Weltbevölkerung bezogen – kleiner, als einen Fünfer im Lotto zu haben. Alle, die hier geboren sind, sollen froh sein, dass sie nicht in Aleppo zur Welt kamen, dass sie hier zur Schule gehen, dass sie lesen, schreiben, rechnen können, ein angenehmes Leben haben und frei ihre Meinung äußern können. Ich setze mich dafür ein, auch wenn ich bestimmte Meinungen nicht teile. Solange sie den Boden gegenseitigen Respekts nicht verlässt und andere in ihrer Freiheit nicht einschränkt.
Papperitz: Wir haben uns ja in Vorbereitung auf dieses Album bewusst mit Vorurteilen und Ressentiments auseinandergesetzt und sind, um uns mit Grenzen im weitesten Sinne zu konfrontieren, in den Iran gefahren. Nicht, weil wir gesagt haben, wir müssen jetzt ein Weltmusikalbum machen, sondern weil wir sehen wollten, was es da gibt – und was das wiederum mit uns macht. Ich hatte vom Iran eine Vorstellung, die eigentlich zu den 80er Jahren passte. Mit bärtigen Islamisten und Chomeini war der Feind. Das dann noch gepaart mit den Reisewarnungen des Auswärtigen Amtes, da dachte ich: Wo fahren wir da eigentlich hin? 

Und, wie war es dort?
Papperitz: Erstaunt hat uns vor allem, dass es viel einfacher ist, in den Iran einzureisen als nach Amerika, wo wir ein Jahr vorher waren, um ein Video zu drehen. Dort wird man am Flughafen einmal komplett auseinander genommen. Im Iran hingegen muss man am Flughafen nur eine Krankenversicherung abschließen und dann steht man da die erste Viertelstunde und hält einen Super-Schnack. Alle Leute winken von fern und rufen: Welcome to Iran. Und das hat sich so fortgesetzt. 

Die ganze Zeit?
Papperitz: Wir haben natürlich schnell gemerkt, dass das nur die eine Seite dieses Landes ist. Aber dieses eigene Bild, das man sich so macht – und das natürlich auch geprägt ist von den Bildern im Fernsehen oder wenn wir in der Zeitung lesen – das hängt ja nicht nur von dem ab, was man sieht und liest, sondern auch von den eigenen Urteilen und Vorurteilen, die man so hat und abspeichert. Und da ist es hilfreich, so eine Reise zu machen und die eigenen Bilder zu hinterfragen. 
Liefers: Mich hat das jetzt nicht so überrascht. Das ist doch ähnlich wie mit dem Bild, das wir von Nordkorea haben. Wir glauben, dort laufen alle nur im Gleichschritt und rufen ständig: Heil Kim. Dieses Bild hat ja auch die DDR-Regierung von sich zu verbreiten versucht. Das entsprach aber nicht der Realität, jedenfalls weitgehend nicht. Und das gleiche haben wir im Iran erlebt. Unser Ansatz war: es scheint, als werde der Islam das große Feindbild der kommenden Jahrzehnte, also fahren wir mal dort hin und schauen uns das an. Eine islamische Diktatur. 

Sozusagen als Konfrontationstherapie? 
Liefers: Nenn es Feindberührung. Wir wollten natürlich auch Musiker kennenlernen, die persische Musik ist ja eine schier unerschöpfliche Quelle der Inspiration. Aber es gab auch ein paar andere Begegnungen. Und in deren Verlauf haben wir festgestellt, dass auch unser Bild vom Iran zum Beispiel zwei Seiten bekam.

Meinen Sie damit, dass Reisen nicht nur Inspiration, sondern auch Ernüchterung bringen kann?
Liefers: Meine erste große Reise habe ich kurz nach dem Mauerfall gemacht. Damals habe ich mit einem Freund den Westen der USA durchquert. Wir sind mit dem Rad von Vancouver nach Los Angeles gefahren. Und da kamen wir dann an diesen berühmten Orten vorbei, mit magischen Namen wie Mendocino, Sacramento, Baton Rouge. Orte, die von großen Stars wie Janis Joplin besungen wurden – und dann kommst du dahin und denkst: was ist denn das für ein Nest? Hier ist also Janis Joplin oder wer auch immer durchgefahren und hat dann ein Lied gemacht? Und der Rest der Welt hält dann dieses Kaff für einen heiligen Ort? Das ist wirklich verrückt. Aber weißt du, was niemals passiert? Du kommst von einer Reise nie dümmer zurück, als du vorher warst.

Das Reisen, das in Bewegung bleiben ist ja dann auch so was wie das Grundthema Ihrer Platte geworden.
Liefers: Ja, und auch der Blick hinter die Fassade. Man sollte sich selbst bewusst machen: das ist mir lieb und teuer aus bestimmten Gründen, das ist meine Heimat. Aber lass uns mal sehen, was es sonst noch so gibt da draußen. Im Nachhinein kann man sagen, dass wir diese Reise in den Iran auch ein bisschen aus Trotz gemacht haben. Nicht, um zu zeigen: Siehste, der Islam ist ganz doll lieb und das sind alles unsere Freunde. Nein, es war eine Trotzreaktion gegen die Schwarz-Weiß-Malerei, wenn wir die nicht loswerden, dann fangen wir nie an, neue Songs zu schreiben.

Haben Sie die erwähnte aufgeheizte Stimmung in Deutschland in der Musik verarbeitet, wollten Sie dem vielleicht sogar etwas entgegen setzen?
Papperitz: Wir wollten dem auf jeden Fall etwas entgegen setzen, klar und deutlich. Es muss ja auch eine Perspektive geben. Wenn wir alle sagen, wir müssen den Status quo sichern, ist doch die Frage: was soll das sein? Es gibt Leute, die in die 50er Jahre zurückwollen, andere wollen die Errungenschaften der 80er Jahre zementieren. Aber das funktioniert nicht. Es lässt sich nichts festhalten. Selbst wenn wir tot sind, verändern wir uns noch immer. Veränderung ist das einzige, worauf wir uns verlassen können. 
Liefers: Ich glaube auch nicht, dass man es allein an einer Gruppe festmachen und sagen kann, die Pegida oder andere rechte Strömungen sind alleine verantwortlich für die schlechte Stimmung hierzulande. Das wurde ja von allen Seiten befeuert. Da hat sich ja keiner die Butter vom Brot nehmen lassen, wenn es darum ging, das Klima möglichst angespannt und aggressiv zu halten. Sicher waren da Kraftausdrücke wie Pack und Gesindel im Spiel, aber es ist eben nicht so Schwarz und Weiß, wie es manche gerne darstellen. Denken Sie an die jüngste Debatte zwischen Durs Grünbein und Uwe Tellkamp, die sich getroffen haben, um einen Disput zu führen und Tellkamp nach Ansicht vieler seltsame Positionen bezogen hat. Ich bin jetzt nicht so genau dahinter gekommen, was Tellkamp genau meinte. 

Er wurde jedenfalls so deutlich, dass sich der Suhrkamp-Verlag sehr schnell öffentlich distanzierte.
Liefers: Aber Tellkamps Positionen wirbelten doch vor allem deshalb bisschen Staub auf, weil er abwich von dem, was man von einem aufgeklärten Intellektuellen erwarten würde. Aber von diesem Konsens muss man sich offenbar verabschieden. Aus freundlichem Meinungsaustausch wird offener, lauter Streit. Das kann ja auch was Gutes haben.

Ihrer Ansicht nach sind das also alles nur Eskalationsstufen, die zum Spiel der Meinungsmache gehören?
Liefers: Das würde ja bedeuten, dass es einen großen, verborgenen Spielmacher gibt. Daran glaube ich nicht. Wenn es überhaupt einen Plan gibt, verlieren wir ihn über all dem Gezanke aus den Augen. Die Impulsivität des Internets erfasst auch das analoge Leben. Auch die Politik. Wer weiß, was er will und wofür er steht, kann eine Kontroverse viel besser aushalten, als jemand, der nur nach Likes und Beliebtheitswerten schielt. Wir fangen an, so zu reden, als wären wir ein Kommentar in den social networks.

Schließt dieses „wir“ auch Sie selbst mit ein?
Liefers: Natürlich, ich gehöre nicht mal mehr zur Jugend, aber das Internet beeinflusst mich mehr, als ich wahrhaben will. Und mir tut es auch ein wenig leid um die Vertreibung aus dem Paradies, die wir gerade wieder erleben. Es war natürlich vorher viel kuscheliger, als man glauben durfte: wir denken doch alle ähnlich oder sind uns zumindest weitgehend einig. Das ist heute nicht mehr so – der Wecker hat geklingelt und wir müssen aufwachen. Aber wenn jemand laut und deutlich Regierungspolitik kritisiert und dafür diskreditiert oder an den Rand der Gesellschaft geschoben wird, dann schwächen wir die Demokratie, statt sie zu stärken.

Also ist es gar nicht schlecht, dass sich diese dunkle Seite unserer Demokratie zeigt: weil so umso deutlicher wird, was wir haben und was in Gefahr ist?
Papperitz: Ich glaube gar nicht, dass man das so bewerten muss. Der einzige Punkt, an dem man meiner Ansicht nach arbeiten sollte, ist, dass ich das Gefühl habe, dass man an manchen Stellen gar nicht mehr miteinander reden kann, weil die Positionen feststehen, bevor man in das Gespräch geht. Und dann wird ein Spiegelgefecht ausgetragen – und man geht so raus aus dem Gespräch, wie man reingegangen ist. Das ist das, was uns nicht weiterbringt.
Liefers: In der Paartherapie gibt es einen Ansatz, da muss jeder der beiden Streitpartner vor dem Gespräch formulieren, was seiner Meinung nach den anderen an ihm oder ihr stört. Und wenn der Andere sagt: Ja, jetzt hast du es ziemlich gut getroffen, dann kommt das gleiche Spiel umgekehrt. Und erst wenn jeder zur Zufriedenheit des anderen das Problem formuliert hat, beginnt die eigentliche Therapie. Aber dann ist die Hälfte des Wegs bereits geschafft. Sowas geht eben nicht, ohne seinen eigenen Standpunkt zu verlassen und zu versuchen, die Sache mit den Augen des anderen zu sehen. Das ist leicht gesagt, aber schwer gemacht. 

Interview: Boris Halva

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