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15. Januar 2009: Zu diesem Zeitpunkt sind schon alle 155 Menschen, die an Bord des Airbus waren, in Sicherheit.
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15. Januar 2009: Zu diesem Zeitpunkt sind schon alle 155 Menschen, die an Bord des Airbus waren, in Sicherheit.

„Wunder vom Hudson River“

Minuten für die Ewigkeit

  • Boris Halva
    VonBoris Halva
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Chesley Sullenberger hat mit seiner Notlandung auf dem Hudson River 155 Menschenleben gerettet. Jetzt wird er 70 Jahre alt – und betont bis heute, einfach seinen Job gemacht zu haben

Warum hat dieser Mann eigentlich nicht kandidiert? Chesley Burnett Sullenberger III hätte allemal das Format eines Präsidenten der USA. Nicht nur, dass er einst bei der US-Airforce diente und nicht müde wird, die Vereinigten Staaten von Amerika als Land der Freiheit und Unabhängigkeit zu preisen. Er ist zudem höflich, besonnen und integer – allesamt Eigenschaften, die jenem Präsidenten, der nun von Joe Biden abgelöst wurde, fehlen. Und wenn Chesley Sullenberger seine Bewunderung ausdrückt für das, was er einmal in einem Blog-Eintrag zum Unabhängigkeitstag „the American spirit“ genannt hat, dann geht es ihm nicht ums „make great again“, sondern darum, „die Großzügigkeit, den Gerechtigkeitssinn und das Wohlwollen, das so viele Menschen in Amerika tief in sich tragen“, zu kultivieren. Vor allem aber hat Chesley Sullenberger schon einmal bewiesen, damals, am 15. Januar 2009 und in den Wochen nach dem sogenannten „Wunder vom Hudson River“, dass mutiges und entschlossenes Handeln ein Land einen kann.

155 Seelen sind an Bord des Airbus 320, den Sullenberger und sein Copilot Jeffrey Skiles an diesem klaren, kalten Wintertag im Januar 2009 am New Yorker Flughafen La Guardia übernehmen. Skiles und Sully, wie der damals 57-Jährige von aller Welt liebevoll und bewundernd zugleich genannt wird, kennen sich erst vier Tage, als sie die Maschine für den einstündigen US-Airways-Flug 1549 nach Charlotte in North Carolina vorbereiten. Um 15.24 Uhr gibt der Tower die Erlaubnis zum Start. Um 15.26 Uhr nimmt der Stimmenrekorder auf, wie Sully vom Blick über den Hudson River schwärmt. Auch nach 20 000 Stunden in der Luft ist er jedes Mal aufs Neue fasziniert vom Blick, der sich ihm aus dem Cockpit auf die Welt eröffnet. Eine Minute später, um 15.27 Uhr, ist ein dumpfes Prasseln zu hören. „Birds“ sagt Sullenberger, Skiles kommt nur ein erstauntes „Wow“ über Lippen.

Innerhalb dieser sieben Sekunden, die es dauert, bis der Airbus den Schwarm Wildgänse hinter sich gelassen hat, wird aus dem 15. Januar 2009, der für Chesley Sullenberger wie immer mit dem Kauf eines Sandwiches im Airport-Shop begonnen hat, „die größte Herausforderung, der schlimmste Tag meines Lebens“. So beschreibt Sullenberger im Interview, das die Deutsche Presse-Agentur nun anlässlich seines 70. Geburtstags am heutigen Samstag geführt hat, die ersten Gedanken, die ihm durch den Kopf gehen, als 30 Sekunden später klar ist: Unzählige Wildgänse sind in die Triebwerke geflogen, die sofort ausfallen. „Vogelschlag“ heißt das im Fachjargon. Ein Ereignis, das bei der Konstruktion von Triebwerken seit jeher einkalkuliert und auch getestet wird.

Allerdings: Vor dem „Wunder vom Hudson River“ wurden für diese Tests tote Hühnchen mit rund zwei Kilo Gewicht verwendet – heute müssen die Triebwerke Kollisionen mit bis zu vier Kilo schweren Gänsen möglichst unbeschadet überstehen. Flug 1549 flog damals durch einen Schwarm Kanadagänse, die – so schreibt es die Wissenschaftsjournalistin Helga Kleisny 2016 in der „Zeit“ – bis zu neun Kilo schwer sein können.

Um 15.27 Uhr und 46 Sekunden meldet Sullenberger an den Tower: „Beide Triebwerke sind ausgefallen, wir müssen zurück nach La Guardia.“ Es vergehen weitere Sekunden, dieses Mal etwa 20 – und wieder nehmen die Dinge einen anderen Lauf. Sullenberger, der inzwischen die Maschine vom Copiloten übernommen hat, meldet um 15.28 Uhr an den Tower: „Es sieht so aus, als würden wir auf dem Hudson landen.“

Was dann folgt, ist unzählige Male erzählt. Sullenberger wägt mehrmals ab, ob nicht doch einer der beiden Flughäfen in der Nähe zu erreichen sei. Copilot Skiles geht das Handbuch durch und versucht wiederholt, die Triebwerke zu starten. Vergebens. Fluglotse Patrick Harden sagt später, als das Wort „Hudson“ gefallen sei, habe er die Maschine verloren gegeben.

Sullenberger indes weist die Menschen im Flugzeug per Mikro an, die Sicherheitsposition einzunehmen. Die zwischenzeitliche Stille im Cockpit weicht mit jedem Meter, den der Airbus an Höhe verliert, dem anschwellenden Piepsen verschiedener Warnsignale der Bordautomatik und dem Rauschen der Funksprüche, die vom Tower abgesetzt werden. Um 15.30 Uhr und 38 Sekunden dann sind aus dem Cockpit die Worte „Wir schlagen auf“ zu hören.

Was sich in diesen drei Minuten und 28 Sekunden zwischen dem Vogelschlag und der Notwasserung auf dem eiskalten Hudson River abgespielt hat, ist nicht nur unzählige Male erzählt, sondern auch monatelang analysiert worden. Und bleibt doch ein bisher einzigartiger Vorgang in der Luftfahrtgeschichte. „Wie viele Fälle gibt es, in denen eine Notwasserung ohne den Verlust von Menschenleben ausgegangen ist?“, fragt einer der Verantwortlichen im Tower, nachdem klar ist, dass die Notwasserung von Flug UA 1549 tatsächlich gelungen ist. Das Schweigen, das Regisseur Clint Eastwood an dieser Stelle in seinem Film „Sully“ folgen lässt, sagt alles.

Vier Sekunden, nachdem der Airbus um 15.31 Uhr mit einer Geschwindigkeit von rund 250 Stundenkilometern auf dem Hudson River aufgeschlagen ist, treibt das Flugzeug nahezu intakt an der Oberfläche. Eine Überwachungskamera am Ufer des Hudson hat nicht nur die Landung festgehalten, auf dem Video ist auch zu sehen, wie das Flugzeug, sich langsam drehend, mit der Strömung des Hudson driftet.

Wenige Augenblicke, nachdem sich die Wasserfontänen der Notwasserung gelegt haben, klettern die ersten Menschen aus dem Rumpf der Maschine und verteilen sich zügig, aber geordnet auf den Tragflächen. Etwa eine Minute später nähert sich das erste Watertaxi, wie die Personenfähren in der Bucht von New York genannt werden, zwei Minuten später ist der im Wasser treibende Airbus von drei Fähren umringt, deren Personal die Menschen von den Tragflächen an Bord holen. Noch bevor die erste Fähre am Pier angelegt hat, haben Kamerateams schon Position bezogen und berichten über das „Wunder vom Hudson“.

Chesley Sullenberger verlässt die sinkende Maschine erst, als er sicher ist, dass niemand mehr an Bord ist. Und er kann erst zur Ruhe kommen, als er weiß, dass alle „155 Seelen“ – er spricht nur selten von „Passagieren“ – ans sichere Ufer gebracht worden sind.

Doch die Ruhe nach dem Wunder, das Sully nie als solches angesehen hat, währt nur kurz. Als „überwältigend“ bezeichnet er die Flut von Dankesworten, die an ihn gerichtet worden seien, allein 50 000 Briefe und Emails sind es in den ersten Wochen nach der Notwasserung. Der damals noch amtierende US-Präsident George W. Bush will ihn persönlich treffen, Bushs Nachfolger Barack Obama lädt Sullenberger zu seiner Amtseinführung ein. Der „Held vom Hudson“ sagt damals nur unter der Bedingung zu, dass die komplette Crew mit ihren Familien auch dabei sein darf. Es mag seine Hand gewesen sein, die das Steuer bediente – aber für Sullenberger war das „Wunder vom Hudson“ eine Teamleistung. Das betont er bis heute.

Die anschließenden Untersuchungen der Behörden sind zwar nicht ganz so aufreibend und von feindseligem Aufklärungsdrang getrieben, wie es Clint Eastwood in seinem Kinodrama von 2016 darstellt. Auch habe er, sagt der echte Sully, nicht in dem Maße bezweifelt, richtig gehandelt zu haben, wie es sein von Tom Hanks gespielter Filmcharakter tut. Aber es dauert ein Jahr, bis Chesley Sullenberger von der Behörde attestiert bekommt, die einzig richtige Entscheidung getroffen und nur durch sein entschlossenes Handeln das Leben aller 155 Menschen an Bord gerettet zu haben.

So beständig ihn die Welt als Helden feiert, so konsequent vermeidet Chesley Sullenberger, sich als solchen darzustellen. Natürlich mache es ihn stolz und dankbar, wenn er an diesen Tag zurückdenke, schreibt Sully in seinem Blog. Aber Stolz und Dankbarkeit empfinde er „jedes Mal, wenn ich miterlebe, dass sich Amerikaner freundlich oder gütig verhalten“. Für ihn ist das vermeintliche Wunder schlicht das Ergebnis langjähriger Erfahrung und der bewussten Auseinandersetzung mit den Gefahren, die zu seiner Arbeit gehören.

Ein Jahr nach der spektakulären Notlandung geht Sully in den Ruhestand. Seine Popularität nutzt er aber nicht nur, um an das Gemeinwohl zu appellieren. Er berichtet in seinem Blog auch von seinem Vater, der unter Depressionen litt und 1995 Suizid beging. Er tut das, um die Menschen zu sensibilisieren, ermuntert sie, besser aufeinander zu achten. Für die vergessenen Veteranen macht er sich ebenso stark wie für die Menschen, die nach dem Hurrican „Sally“ vor dem Nichts stehen. Und vor allem setzt er sich unermüdlich für die Verbesserung der Flugsicherheit und der Arbeitsbedingungen in der zivilen Luftfahrt ein. Wohl auch, weil er sich als Berater für Flugsicherheit immer wieder Aufzeichnungen aus Cockpits von Maschinen anhören musste, deren Insassen die Katastrophe nicht überlebt haben.

„Gemeinsam können wir Gutes bewirken“: Das ist für Chesley Sullenberger die Lehre, die alle Menschen aus dem „Wunder vom Hudson River“ ziehen können.

So sehr sich Chesley Sullenberger in diesen Bereichen engagiert und ganz bewusst seine Popularität nutzt, um etwas zu verändern – politisch bleibt er stets zurückhaltend. Erst Ende Oktober 2018 – also wenige Wochen vor dem zehnten Jahrestag seiner Heldentat – bezieht er klar Stellung: In einem vielbeachteten Artikel in der „Washington Post“ appelliert er an die Menschen im Land, ihre Stimme jenen zu geben, „die uns alle beschützen“. Dass er damals nicht Donald Trump gemeint hat, unterstreichen seine Glückwünsche, die er am Donnerstag via Twitter an Joe Biden und Kamala Harris adressierte. „Diese beiden“, schreibt Sullenberger auch im Namen seiner Frau Lorrie, „bringen Zurückhaltung, Mitgefühl, Kompetenz und eine Fülle an Sachverstand mit ins Amt, um damit allen in Amerika zu dienen.“

Für ihn selbst dürfte der Schritt in die Politik nie wirklich eine Option gewesen sein. Denn obschon Chesley Sullenberger ein Mann von wahrlich präsidialem Format ist, so ist er doch erfahren und auch bescheiden genug, sich mit dem einen Wunder, das er vollbracht hat, zufrieden zu geben.

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