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Klein, gemütlich und märchenhaft.

Tiny Houses

Das Mini-Dorf

Im Fichtelgebirge entsteht eine ganze Siedlung aus unterschiedlichsten, winzigen Häuschen.

Von der Küchenzeile aus müssen sie sich nur bücken, um ins Bett zu kriechen. Oder einmal umdrehen, um am Laptop zu arbeiten. Drei Holzstufen führen zum grauen Sofa vor dem Fernseher, nur wenige Schritte ins Badezimmer. Stefanie Beck und Philipp Sanders haben keine extra Küche, kein eigenes Wohn- und Schlafzimmer. Sie essen, arbeiten, entspannen und schlafen in einem einzigen Raum – auf knapp 20 Quadratmetern Grundfläche.

Mit ihrem Traum vom minimalistischen Leben sind die beiden 25-Jährigen nicht allein. Um ihr sogenanntes Tiny House herum entsteht eine ganze Siedlung. 24 Häuschen im Miniaturformat schmiegen sich schon zwischen Nadelbäumen mitten im Fichtelgebirge. Kommendes Jahr sollen es 35 werden. Drei Häuschen vermieten sie an Feriengäste, alle anderen werden dauerhaft bewohnt. Es ist nach Darstellung der Gründer die erste Siedlung dieser Art in Deutschland.

Dabei hätten sie am Anfang alle für verrückt erklärt, erzählt Stefanie Beck. Die Banken, bei denen sie um einen Kredit gebettelt hätten. Die Ämter, denen die Anträge und Bestimmungen fremd gewesen seien. Aber auch Familie und Freunde seien skeptisch gewesen, als sie vor drei Jahren von den Plänen erfahren hätten. Doch die beiden haben ihr Studium in Augsburg abgebrochen und auch ihren Mietvertrag dort gekündigt.

Ihre Zweieinhalb-Zimmer-Wohnung in Augsburg kam ihnen von Anfang an viel zu groß vor. „Wir waren kurz davor, einen riesigen Fehler zu machen. Wir dachten: Boah, unser Wohnzimmer ist total leer. Wir brauchen einen Schrank, damit es gemütlicher wird“, sagte Beck. „Wie dumm – wir hatten doch gar keine Dinge, um den Schrank zu füllen.“

Stattdessen haben sie sich dann für eine 17.000 Quadratmeter große Wiese entschieden, ein ehemaliger Campingplatz am Rande des oberfränkischen Dorfs Mehlmeisel mit knapp 1500 Einwohnern. Auf die Gegend sind sie zufällig gekommen, über eine Kleinanzeige im Internet.

Eigentlich sind die beiden richtige Großstadtkinder. Sie sind in Schwabing aufgewachsen, mitten in München. „Wir hätten uns von dem Geld natürlich auch eine Wohnung dort kaufen können“, sagt Philipp Sanders. Eine halbe Million haben sie bislang in die Siedlung investiert. Allein 25 000 Euro steckten sie in ihr selbst gebautes Eigenheim mit Wasseranschluss, elektrischer Heizung und Wlan. „Aber wer will in die Großstadt, wenn er auch hier leben kann?“, fragt Sanders und lässt den Blick über die weite Wiese schweifen.

Tatsächlich wirkt das Leben in der Siedlung märchenhaft: Ordentlich geharkte Kiespfade verbinden die Holzhäuschen miteinander. In der Mitte reihen sich Stühle um eine Feuerschale. Etwas abseits, in einem Nomadenzelt mit Fußbodenheizung, treffen sich die 30 Bewohner donnerstags zum Yoga oder Singen. Im kommenden Jahr wollen sie Obst und Gemüse selbst anbauen, Hühner züchten und bald auch ein „Tiny House Café“ eröffnen. Im Gemeinschaftshaus wird gerade eine Küche eingebaut, vielleicht entsteht dort auch noch eine Bibliothek und eine Kreativwerkstatt.

Ein eigenes Ortsschild hat die Siedlung schon. „Tiny House Village“, prangt dort, darunter etwas kleiner „Kreis Mehlmeisel“. Dass es ein Privatgrundstück ist, vergessen viele, wie Sanders sagt und seufzt. Plötzlich kämen ganze Busse mit Neugierigen hier an.

Für die Gemeinde ist die Siedlung ein „riesiger Gewinn“, sagt Lothar Huber, Geschäftsleiter im Rathaus Mehlmeisel. Aus wirtschaftlicher Sicht, aber auch für das Dorfleben. „Die Bewohner kaufen bei uns ein, engagieren sich in Vereinen und kommen auf Ideen, die Ältere nicht haben.“

Ständig bekämen sie Anfragen von anderen Kommunen, erzählt Huber. Aus ganz Bayern, aber auch bis aus Norddeutschland. Coburg stellte vor kurzem zwei Grundstücke für Tiny Houses vor, am Stadtrand von Hannover wird schon an einer Siedlung getüftelt. Bei explodierenden Mieten und Wohnungsnot in Großstädten kommen die winzigen Häuschen gerade in Mode.

Stefanie Beck und Philipp Sanders schütteln nur den Kopf, wenn sie davon hören. „Wir wollen nicht Tiny Houses in Städte quetschen, da gehören sie nicht hin“, meint der 25-Jährige. Stattdessen sollen junge Familien wieder Lust auf das Landleben bekommen. Kostengünstig, entschleunigt, flexibel und nachhaltig.

Im Fichtelgebirge gibt es sogar eigene „Kinderzimmer“, also winzige Tiny Houses. Sie können für ein paar Jahre neben den Häuschen der Eltern abgestellt werden. „Wenn die Kinder irgendwann ausziehen, wird das Zimmer einfach an die nächste Familie weitergegeben. Das ist viel nachhaltiger, als daraus ein Fernseh- oder Bügelzimmer zu machen“, sagt Stefanie Beck.

Aber im „Tiny House Village“ wohnen auch Alleinstehende, Jüngere und Ältere, Leute mit weniger Geld und Vielverdiener. Sie arbeiten als Erzieher, Handwerker oder IT-Experten. „Uns verbindet eigentlich nur die Idee des Minimalismus.“ Und die wollen die beiden Gründer weitergeben: Sanders tüftelt gerade an einem Bausatz für Tiny Houses, den er für den Wert der Materialkosten verkaufen möchte. „Dann braucht‘s bald nur noch einen Akkuschrauber, um sein eigenes Häuschen zu bauen“, hofft er. Mirjam Uhrich, dpa

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