Blick auf Riace.
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Blick auf Riace.

Riace

Mimmo und der Süden

  • vonMichaela Namuth
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Im süditalienischen Riace hat Domenico Lucano als Bürgermeister vorgemacht, wie Integration gelingt – bis ihn 2018 der damalige Innenminister Salvini stoppte. Lucanos Ideen tragen trotzdem bis heute Früchte: Die Dorfgemeinschaft ist Vorbild für ähnliche Projekte in der Region.

Auf der Piazza von Camini wird gehämmert und gebohrt. Mastro Cosmano und seine Söhne verlegen neben der Bar neue Rohre. Sie haben schon das halbe Dorf umgebaut. Fast alle Passanten bleiben stehen und diskutieren über die Baustelle auf dem Rathausplatz. Manche sprechen den lokalen Dialekt, zwei Frauen sind verschleiert und ein junger Mann mit schwarzer Hautfarbe holt schnell mal Wasser für die Bauarbeiter. Hier in dem kleinen kalabresischen Dorf mit dem atemberaubenden Bergpanorama ist die Welt in Ordnung. Knapp achthundert Eingesessene und hundert Migrantinnen und Migranten wohnen hier. Und alle haben etwas davon: Ein fast verlassenes Dorf lebt wieder auf.

Ein paar Kilometer entfernt liegt Riace. Hier ist der Rathausplatz leer. Ein paar alte Männer sitzen vor der Bar, drei junge Afrikaner unterhalten sich leise an einem der Plastiktische. Sie gehören zu den wenigen Immigranten, die geblieben sind. Noch bis vor zwei Jahren herrschte auch hier reges Leben. In Riace traf sich die ganze Welt: Fernsehteams, Soziologinnen, politische Gruppen, Europaabgeordnete und zwischendrin drehte Wim Wenders einen Film über das Wunder von Riace. Das Dorf über der ionischen Küste galt als Modell für eine gelungene und humane Integration und als Vorbild für ähnliche Projekte wie im benachbarten Camini und anderen Orten. Dann war mit einem Schlag alles vorbei.

Der Mann, der dieses Wunder ermöglicht hat, sitzt jetzt allein auf der Treppe vor der Taverna Donna Rosa. Die kleine Piazza war einst Treffpunkt des Villaggio Globale, seines globalen Dorfes. Domenico Lucano, genannt Mimmo, war von 2004 bis 2018 Bürgermeister. Er hat Hunderte von Flüchtlingen mit offenen Armen aufgenommen, gemeinsam mit ihnen leere Wohnungen renoviert und sie haben in Werkstätten und kommunalen Projekten gearbeitet. Auch Bars, Läden und die Schule machten wieder auf. Alle hatten etwas zu tun, alte und neue Dorfbewohner.

Der Eingang zum Villagio Globale in Riace.

Dann wurde Lucano 2018, unter dem rechten Innenminister Matteo Salvini, von einem Provinzgericht unter Hausarrest gestellt. Die Anklage lautete Amtsmissbrauch, wegen der Vergabe eines Müllabfuhrauftrags im Dorf und der Schließung von zwei angeblichen Scheinehen. Und der Begünstigung illegaler Einwanderung. Die Fördergelder wurden eingestellt und die meisten Migranten zogen fort. „Es ist eine politische Kampagne“, erklärte er damals, als er noch nicht einmal den Boden seiner Gemeinde betreten durfte. All dies geschah in den Bergen der Provinz Locride, wo die lokale Mafia-Organisation ’Ndrangheta Waffen und Kokain für ihre internationalen Geschäfte versteckt. Und wo dann einer wie Mimmo Lucano vor dem Kadi steht.

Jetzt ist er aber wieder da. Die Hauptanklage wegen illegaler Einwanderung wurde diesen Sommer fallengelassen und die Schließung der Integrationsprojekte für illegal erklärt. Dennoch: Der politisch gewollte Schaden ist angerichtet und das globale Dorf wieder zum verlassenen Kaff geworden. Oder nicht? Auf diese Frage schaut der Mann, der von der US-Zeitschrift „Fortune“ vor vier Jahren noch zu einem der einflussreichsten Männer der Welt gekürt wurde, erstmal griesgrämig in die Luft. Die persönlichen Verletzungen in den letzten Jahren seien groß gewesen, gesteht er.

Dann läuft lärmend eine Gruppe afrikanischer Kinder mit ihren Müttern auf der Piazza ein und seine Miene hellt sich auf. „Gottseidank sind sie noch da und morgen macht die Schule wieder auf. Wir haben auch freie Wohnungen für neue Gäste. Sie haben uns nicht vernichtet“, sagt er. Riace muss weiterleben, findet Mimmo Lucano und mit ihm viele Italienerinnen und Italiener, vor allem junge Leute, die ihn auch während des laufenden Justizverfahrens in Schulen, Unis, Buchläden und Kulturzentren eingeladen haben, um über das Dorf, die Migration und die Utopie einer besseren Welt zu diskutieren.

Unterstützung für Riace kommt auch vonseiten der Forschung, die sich mit der wirtschaftlichen und demografischen Zukunftsperspektive im Süden Italiens befasst. In kaum einer anderen Region Europas sind so viele Jugendliche arbeitslos wie hier. Mehr als die Hälfte findet keinen Job. Viele von ihnen, vor allem die besser Ausgebildeten, wandern ab in den Norden oder ins Ausland. Nach einem Bericht des Forschungsinstituts Svimez sind zwischen 2002 und 2017 über zwei Millionen Menschen aus den Südregionen abgewandert. Rund eine Million kam zurück oder neu hinzu, aber die Bilanz bleibt negativ. Zurück bleiben vor allem die Alten, oft in leeren Dörfern, ohne ausreichende Sozial- und Gesundheitsstrukturen. Besonders betroffen sind Gemeinden mit weniger als 5000 Einwohnern. Diese befinden sich nicht an den Küsten, wo es immerhin noch Badetourismus gibt, sondern es geht konkret um Bergdörfer wie Riace und Camini.

Angesichts dieser Lage sei das Experiment Riace „ein Weg in die Zukunft“, sagt Mario Ricca, Rechtsprofessor an der Universität Rom und Experte für interkulturelle Entwicklung. Erstmals habe Immigration in einer armen und in weiten Teilen von der Mafia kontrollierten Gegend die Funktion eines Antriebsmotors für Erneuerung. Eine fast abgestorbene, traditionelle Lebensgemeinschaft wird wiederbelebt und dank der Migration an die Gegenwart angepasst. „In diesem Fall ist die Wiedergeburt einer verarmten Gegend der Motor eines Migrationsprojekts“, erklärt Ricca.

Viele Immigranten, die an den Meeresküsten stranden und um die sich weder der italienische Staat noch Europa kümmern, verdingen sich als Sklavenarbeiter auf den Tomatenfeldern oder als Handlanger von Mafiabanden. In Riace und Camini hingegen arbeiten sie in Werkstätten und in Genossenschaften für Gemeindedienste. Diese Projekte werden vom Staat gefördert und per Ausschreibung vergeben. In diesen fortschrittlichen Aufnahmestrukturen leben Asylbewerber nicht in Heimen, sondern werden auf leerstehende Wohnungen verteilt. Die Projekte für Wohnen und Betreuung müssen alle sechs Monate neu beantragt werden. Für die Migranten und Migrantinnen ist es eine wichtige Station, um nach erlebten Strapazen ins Leben zurückkehren zu können. Manche finden in den Dörfern auch eine neue Heimat.

Filmon Tesfalem, 32, lebt schon seit sieben Jahren in Camini und mit ihm seine Frau, zwei Töchter und ein Sohn. Sie kommen aus Eritrea. Tesfalem ist in all den Jahren nur einmal weggefahren, zwei Tage nach Rom. Er will hierbleiben. „Camini ist unser Dorf geworden“, sagt er. Auch Douaa Alokla, 19, die vor vier Jahren mit einem humanitären Korridor aus Syrien gekommen ist, möchte bleiben. Sie unterstützt die Genossenschaft als Übersetzerin und vermittelt bei den Gesprächen mit Neuankömmlingen. Man trifft die beiden und viele der rund hundert Flüchtlinge aus Syrien, Marokko, Siera Leone, Senegal oder Nigeria im Dorf, wenn man die steinernen Treppen hoch- und runterläuft, aber auch in den Werkstätten und in dem zentralen, von Mastro Cosmano renovierten Steinhauskomplex.

Drei für Camini: Rosy Ruberto, Rosario Zurzulo und Filmon Tesfalem. 

Hier sind die topmodernen Büros der Genossenschaft Eurocoop Jungi Mundi untergebracht, was auf kalabresisch soviel heißt wie „vereine die Welt“. Rosario Zurzulo hat sie schon 1999 mitgegründet, damals als Projekt zur Eingliederung für Menschen mit Behinderung, und ist bis heute ihr Vorsitzender. Seit 2011 kümmert sich die Kooperative mit 20 Mitgliedern und derzeit 50 Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen um die Aufnahme von Asylbewerbern, zumeist Minderjährige und Mütter mit Kindern, in Zusammenarbeit mit internationalen Flüchtlingsorganisationen. Auch viele deutsche Delegationen sind schon durch das Dorf gelaufen. Das Vorbild war von Anfang an Riace. „Wir sind aber weniger politisch, eher an pragmatischen Lösungen orientiert, die alle weiterbringen“, stellt Zurzulo klar. Er will Zuflucht bieten, aber auch eine Wirtschaftsstruktur und Arbeitsplätze im Dorf schaffen. Die Projekte laufen über die Gemeinde, aber die Gebäude gehören der Genossenschaft. Damit steht sie auf solideren Beinen als die Kooperative Città Futura von Mimmo Lucano, die für ihre Unterkünfte Miete an ausgewanderte Bewohner bezahlt. Auch für die wenigen, die im Moment bewohnt sind.

Wie früher in Riace so wird auch in Camini gewebt, geschneidert und getöpfert. Die Werkstätten dienen vor allem als therapeutische Beschäftigung. Die in traditionellen Verfahren hergestellten Stoffe, Tücher, Taschen und Keramikschalen werden aber auch an Touristen verkauft, die als Sommer- oder Tagungsgäste nach Camini kommen. In der Textilwerkstatt Ama-la sitzt Happy Felix aus Nigeria am Webstuhl. Viele Frauen ihres Landes versuchen der Frauenhändlermafia zu entkommen, aber nur wenige kommen an einem sicheren Ort wie hier unter. Die Laboratorien werden von Fachleuten betreut, aber auch von einer Psychologin. Nicht immer läuft alles wie gewünscht. In der kleinen Schneiderei hängt Anthony Knight schimpfend Zettel mit italienischen Wörtern und arabischer Übersetzung an die Wand. „Sonst können wir gar nicht kommunizieren“, erklärt er.

Knight ist Modedesigner aus England und unterrichtet an der Uni in Venedig. Er leitet das Laboratorium für sechs Monate. An die kulturellen Eigenheiten seiner Zöglinge, meist junge verschleierte Syrerinnen, muss er sich noch gewöhnen. „Sie weigern sich, die Stoffe ordentlich abzumessen, alles geht Pi mal Daumen“, ärgert er sich. Und auf den eifersüchtigen Ehemann, der vor der Türe herumschleicht, könnte er auch verzichten. Doch letztendlich findet er den Job interessant. Das Projekt in Camini funktioniert, auch in Pandemiezeiten. Während des Lockdown produzierte die Näherei der Immigranten Gesichtsmasken, die damals rar und begehrt waren.

Inzwischen setzen weitere Dörfer wie Monasterace, Gioiosa Ionica und Caulonia auf dieses Modell, das auch eine rechtliche Grundlage hat. Das Experiment Riace ist Vorbild für ein außergewöhnlich fortschrittliches Gesetz der Region Kalabrien. Es trägt die Nummer 18/2009 und fördert die Aufnahme von Asylbewerberinnen und Flüchtlingen im Hinblick auf die soziale, wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung von lokalen Gemeinschaften. Das Gesetz ist, wie so viele in der Geschichte, eine politische Errungenschaft – und auch Resultat der Durchsetzungskraft eines Bürgermeisters, der mit seiner Vision einer grenzenlosen Gastfreundschaft an eine antike Tradition des Mittelmeerraumes anknüpft.

Domenico Lucano, genannt Mimmo, mit Kindern aus Riace.

Auf nationaler Ebene hingegen beschnitten die Regierung Renzi und ihr sozialdemokratischer Innenminister Marco Minniti 2017 das Einspruchsrecht gegen die Ablehnung von Asyl. „Das war die Generalprobe für Matteo Salvini“, schreibt Lucano in seinem Buch „Il fuorilegge“, der Gesetzlose. Ein Jahr später verpasste dann Salvini als Innenminister den schon geschwächten Aufnahmestrukturen den Todesstoß und stoppte die Gelder für Riace.

Jetzt hat sich das politische Klima wieder geändert. Mimmo Lucano überlegt, ob er gegen den jetzigen Bürgermeister der Lega Nord antreten soll. „Die Leute wollen mich wählen“, sagt er. Noch hat er sich nicht entschieden. Es gibt Probleme zu lösen, für die verbliebenen Familien müssen Mieten und Kinderärzte bezahlt werden. Viele bieten Hilfe an, auch aus dem Ausland. Wichtig ist ihm jetzt, dass es wieder mehr Leben im Dorf gibt und dass die Werkstätten und der Lebensmittelladen funktionieren. Deshalb schenkt er uns am Ende einen bunten Geldschein mit dem Konterfei von Che Guevara. Dank dieser selbstgedruckten Banknoten hatte er die Wirtschaft am Laufen gehalten, während das Dorf auf die immer zu spät eintreffenden Staatsgelder wartete. Wenn die Läden wieder öffnen, können wir damit in Riace einkaufen.

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