„Die hohe Kultur wird immer gerettet“, sagt Michael Mittermeier mit Blick auf die großen Bühnen, „aber ihr müsst auch mal nach unten schauen, Freunde.“
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„Die hohe Kultur wird immer gerettet“, sagt Michael Mittermeier mit Blick auf die großen Bühnen, „aber ihr müsst auch mal nach unten schauen, Freunde.“

Interview

Michael Mittermeier über Comedy und Corona: „Und plötzlich packst du Pakete“

  • Simon Michaelis
    vonSimon Michaelis
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Comedian Michael Mittermeier findet es beunruhigend, mit welchen Jobs sich Künstler:innen derzeit über Wasser halten müssen. Ein Gespräch über Absurditäten des Corona-Alltags.

  • Michael Mittermeier gehört zu den bekanntesten Comedians in Deutschland.
  • Im Interview spricht er über seine Sorgen um die Kleinkunst-Branche und den Corona-Alltag.
  • Aber es gibt trotz der Einschränkungen auch schöne Moment.

Herr Mittermeier, Sie haben ein komisches Buch über Corona geschrieben. Ist das Thema nicht zu ernst?

Generell ist es ja so, dass Leute über das, was sie kennen und erleben, am meisten lachen. Bei den wenigen Auftritten, die ich hatte – vom Autokino bis zum Open Air mit wenigen Menschen auf riesigen Plätzen –, habe ich gemerkt, dass gerade diese Geschichten besonders gut beim Publikum ankamen. Wir alle mussten plötzlich einen ganz neuen Alltag bewältigen. Und da passieren eben auch schräge, absurde Dinge, die es zu belachen gilt.

Wie haben Sie diesen Alltag, gerade im Lockdown, erlebt?

Ich musste erst mal in den Spiegel schauen und mich fragen: Wer bin ich? Und was mache ich jetzt? Der Comedy habe ich mich anfangs verweigert, ich wollte mich nicht streamen oder lustige Sketche veröffentlichen. Stattdessen habe ich einen Whisky-Montag und einige Video-Episoden mit meiner Tochter auf Instagram und Facebook gemacht. Mit Comedy hatte das aber nur peripher zu tun.

NameMichael Fritz Mittermeier
Geburtsdatum 3. April 1966 (Alter 54 Jahre)
GeburtsortDorfen, Bayern
BerufKomiker und Autor

Corona bedeutet für Michael Mittermeier Entzug

Es dauerte drei Monate, ehe Sie wieder auftreten konnten. Eine harte Zeit?

Ich merkte, dass ich natürlich auch ohne Tour leben kann, aber das Touren ist wie eine Droge. Irgendwann ging es tatsächlich nicht mehr ohne, ich hatte Pointen-Stau. Sie mussten raus. Dann kamen die Offerten der Autokinos. Erstmal denkst du schon: Autokino? Really!? Aber dann meldete sich schnell der Stand-up-Comedian in mir, der schon immer sagte: Raus aus deiner Komfortzone.

Aber Sie hatten kein Programm?

Nein, mein Programm „Lucky Punch“ war durch, ein neues hatte ich nicht, also habe ich begonnen, die Geschichten von zu Hause zu erzählen. Für die Autokino-Auftritte habe ich mir alle möglichen Autofilme angeschaut und auf der Bühne darüber gequatscht. Das war eine völlig andere Welt. Manche Kollegen probierten es und meinten: Autokino ist doch scheiße. Entweder du lässt es von Anfang an bleiben – oder du musst halt versuchen, die Leute hinter der Scheibe zu spüren.

Corona verändert die gesamte Branche

Aber von solchen Auftritten kann doch keiner leben ...

Finanziell macht das natürlich keinen Sinn. Aber das geht auch nicht bei den Auftritten, die man jetzt so macht. Ich habe mich entschieden, in kleineren Läden zu spielen. Ich liebe das Auftreten. Das Finanzielle wird irgendwann schon wieder kommen. Aber es wird dauern, da brauchen wir uns nichts vormachen. In den nächsten Monaten wird nicht annähernd Normalität einkehren. Und eine Tour im Herbst 2021 wird wohl für viele von uns leer und düster aussehen. Es kauft einfach niemand Tickets. Ich glaube, es findet eine Veränderung der ganzen Szene statt, und das meine ich nicht positiv. Damit müssen alle irgendwie umgehen, kreativ werden. Wir spielen oft auf Null. Aber wir machen es einfach, damit überhaupt etwas stattfindet. Damit auch Caterer oder Techniker wenigstens ein bisschen Geld verdienen und nicht Hartz IV beantragen müssen.

Das Buch „Ich glaube, ich hatte es schon. Die Corona-Chroniken“, Kiepenheuer & Witsch, erscheint am 5. November, umfasst 112 Seiten und kostet 12 Euro. 

Gibt es in Ihrem Umfeld Kollegen, die schon aufgeben mussten?

Ich kenne Leute, die jetzt Pizza backen oder Pakete packen. Vor Leuten, die das tun und hoffen, die Situation irgendwie zu überstehen, habe ich große Ehrfurcht. Aber stell dir vor, du bist einer der besten Cellisten oder Gitarristen dieser Republik und plötzlich packst du Pakete. Dann stimmt doch was nicht mit diesem sogenannten Rettungspaket. Es funktioniert nicht.

Wann? Wann denn bitte? Ich höre immer nur von Programmen. Vor Monaten hieß es schon: Wir werden uns der Kultur widmen. Macht es! Mir müsst ihr kein Geld geben, aber wisst ihr eigentlich, wie viele unbekanntere Künstler ihren Beruf nicht mehr ausüben können? Das werden die nicht durchhalten. Musikerinnen, Comedians oder Kabarettisten können ja nicht einfach sagen: Dann mache ich halt eine Ausbildung oder bewerbe mich in einem Unternehmen als Immobilienverwalter. Hier ist in den letzten Jahren eine junge Szene aufgeblüht, auf die wir stolz sein können. Denen wird im Moment komplett die Lifeline abgeschnitten. Die hohe Kultur wird immer gerettet, aber ihr müsst auch mal nach unten schauen, Freunde. Deutschland schmückt sich mit der Kultur, mit Tausenden Bühnen, die autark arbeiten. Nur im Moment können sie das nicht mehr, weil ihnen die Luft genommen wird. Frau Merkel sagte sinngemäß, dass die Kultur irgendwann wieder blühen werde, sie ganz oben auf der Prioritätenliste stehe. Dann mach was dafür. Es passiert nichts. Nichts. Die Politik lässt uns im Stich!

Michael Mittermeier hat Verständnis für Corona-Restriktionen

Finden Sie die Restriktionen im Zuge der Pandemie-Bekämpfung zu hart?

Gar nicht. Ich glaube schon, dass die meisten Maßnahmen sinnvoll sind, aber ich bin Comedian, kein Wissenschaftler. Eins kann ich sagen: Es kann nicht sein, dass man sich tagtäglich mit anderen Branchen beschäftigt und die Kultur außen vor bleibt. Es geht mir nicht darum, dass nächste Woche alle Bühnen geöffnet werden, sondern, dass es mit den entsprechenden Konzepten tatsächlich geht. Und das müsste die Politik mal widerspiegeln. Ich habe 25 Auftritte mit 25 verschiedenen Hygienekonzepten gemacht, weil in jedem Bundesland, in jeder Stadt andere Regeln gelten. Liebe Politiker, wisst Ihr überhaupt, was für eine Anstrengung das für jeden einzelnen lokalen Veranstalter ist? Das ist ein Wahnsinn! Viele Bühnen werden es nicht schaffen, es wird sie nicht mehr geben.

Was wünschen Sie sich denn konkret von der Politik?

Nicht nur über Rettungspakete zu reden, sondern machen. Es müssen Regeln festgelegt werden. Tausende Veranstaltungen mit Hygienekonzepten haben stattgefunden, von denen keins ein Spreader-Event war. Es hat funktioniert. Ich habe vor 100 Menschen gespielt, auf einem Platz, auf den eigentlich 3000 Menschen passen. Natürlich ist das schräg. Und ich habe das nicht gemacht, um Kohle einzusacken, sondern um zu zeigen: Passt auf, wir fangen mit 100 an. Und vielleicht dürfen nächste Woche 200 kommen.

Zweiter Corona-Lockdown: Eine Katastrophe für die Comedy-Brance

Und wenn nun doch der zweite Lockdown kommt?

Das wäre für alle eine Katastrophe. Aber mein Gefühl sagt mir, es ist jetzt eine andere Situation. Wir stehen heute nicht mehr da, wo wir im März standen, als auch Experten noch ziemlich ratlos waren und nur reagieren konnten. Jetzt wird auch agiert.

In Ihrem Buch schreiben Sie über die Angst, die Sie durch das tägliche Verfolgen der Pressekonferenzen und neuesten Zahlen überkam. Wie sind Sie und Ihre Familie damit umgegangen?

Wir haben aufgehört, uns das alles anzuschauen. Ganz ehrlich, irgendwann war mir der R-Wert egal, er hat in meinem täglichen Leben nicht stattgefunden. Stattdessen haben wir viel gespielt, jeden Nachmittag um vier Uhr war Family-Game-Time. Wir sind in dieser Zeit noch enger zusammengewachsen. Das Allerwichtigste war und ist, die Angst nicht zu groß werden zu lassen. Denn die hat einige in die geistige Dunkelheit getrieben. Du musst einfach aufhören zu glauben, du bist ein Wissenschaftler. Bei der Fußall-Weltmeisterschaft haben wir 80 Millionen Bundestrainer, bei Corona 80 Millionen Chef-Virologen.

Ihr Buch endet optimistisch. „Ich hoffe, es wird uns verändern“, schreiben Sie. Glauben Sie das?

Ich glaube, es wird sich positiv auswirken, dass wir alle zusammen eine gemeinsame Anstrengung unternommen haben, um das durchzustehen. Hoffentlich bleibt davon etwas in unserem System. Die Shitstorm-Kultur wird ebenso wenig vergehen wie die Extremität der Corona-Gegner, diese Fronten werden sich wohl eher verhärten. Aber die Masse ist den Weg miteinander gegangen, nicht gegeneinander. Insofern hoffe ich, dass wir irgendwann zurückblicken werden und sagen: Ja, wir haben es zusammen durchgestanden. Ich schaue immer, dass ich irgendwo am Ende des Tunnels ein Licht sehe. Und wenn nicht, suche ich den Lichtschalter. Nur so kommst du durch. (Interview: Simon Michaelis)

Zur Person

Michael Mittermeier zählt zu den bekanntesten Comedians in Deutschland. Der 54-Jährige ist seit Mitte der Neunzigerjahre auf deutschen Kabarettbühnen und in diversen Live- und Fernsehformaten gleichermaßen präsent. Sein bislang letztes Liveprogramm „Lucky Punch“ feierte 2018 Premiere. Er lebt mit seiner Frau, der Sängerin Gudrun Mittermeier, und der gemeinsamen Tochter im oberbayerischen Pullach.

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