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Michael Jackson im Jahr 2005: Damals wurde er von allen Vorwürfen freigesprochen

Michael-Jackson-Dokumentation

Schatten über Neverland

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In einem Dokumentarfilm erzählen Männer, wie sie als Kinder von Michael Jackson verführt und missbraucht wurden.

Die Charts führt Michael Jackson schon lange nicht mehr an – und wenn nach der britischen BBC nun noch weitere Radiosender beschließen, seine Musik aus ihren Programmen zu streichen, könnten das die Erben des 2009 verstorbenen Superstars in nächster Zeit auch finanziell zu spüren bekommen. Seit ein paar Wochen aber müssen sie sich mit etwas viel Unangenehmerem auseinandersetzen als möglicherweise geringer ausfallenden Tantiemen: Denn eine bereits im Januar in den USA ausgestrahlte Dokumentation des Regisseurs Dan Reed befeuert die seit Jahrzehnten schwelenden Gerüchte, Michael Jackson habe wiederholt junge Fans sexuell belästigt oder auch missbraucht.

Was vor einigen Wochen erste Wellen in den USA schlug und nun auch hierzulande Fans und Feinde Michael Jacksons gleichermaßen bewegt, ist hinlänglich bekannt und beschäftigte die US-Justiz bereits mehrfach. Schon 1993 hatte ein Teenager ausgesagt, während seiner Besuche auf Jacksons Neverland-Ranch Opfer sexueller Übergriffe geworden zu sein. In diesem Fall einigte sich Jackson mit der Familie des 13-Jährigen außergerichtlich auf eine Abfindung in Millionenhöhe, wie es die Nachrichtenagentur dpa nun nach Blick in die Archive vermeldet. Dort ist auch vermerkt, dass „ähnliche Beschuldigungen“ eines Teenagers im Jahr 2005 zu einem „Jahrhundertprozess“ führten, der mit einem „triumphalen Freispruch“ für Jackson endete.

Erinnerungen an R. Kelly

Und nun also sorgt Dan Reeds Dokumentation „Leaving Neverland“ dafür, dass diese vermeintlich abgeschlossenen Fälle noch einmal öffentlich ausgebreitet werden. Das erinnert an den R’n’B-Sänger R. Kelly, dem in den vergangenen 25 Jahren immer wieder vorgeworfen wurde, Sex mit Minderjährigen gehabt zu haben, und der sich immer wieder freikaufen konnte, bis ihn die Dokumentation „Surviving R. Kelly“ vor zwei Wochen zeitweise hinter Gitter brachte. Der 52-Jährige ist inzwischen in zehn Fällen angeklagt. Und nun treibt Amerika ein weiteres Mal die Frage um, warum es so lange nicht hat sehen wollen, was doch jeder hätte sehen können, ja, sehen müssen. Es verhalte sich mit Jackson nicht anders als mit R. Kelly, Harvey Weinstein oder letztlich auch Donald Trump, schreibt Matt Zoller-Seitz im New York Magazine. „Ihre Anhänger – inklusive der Eltern der Opfer – haben in ihrem Kalkül entschieden, dass der emotionale Nutzen aus der Bindung an ihr Idol wichtiger ist, als der Schutz ihrer Opfer.“

In der Neverland-Ranch soll es zu den sexuellen Übergriffen gekommen sein.

Und nicht nur R. Kelly hat Fans und Freunde, die solche Geschichten als Lüge bezeichnen oder darauf verweisen, ein Star brauche niemanden zum Sex zu zwingen. Auch viele Jackson-Fans hatten sich vorbereitet auf vergangenen Sonntagabend, als Reeds Doku ausgestrahlt wurde, und ihre Geschütze in Stellung gebracht gegen das TV-Ereignis, das ihre Welt in den Grundfesten zu erschüttern drohte. Bereits Ende Januar war die vierstündige Dokumentation „Leaving Neverland“ auf dem Sundance-Filmfestival gelaufen und hatte die Spekulationen nach Jahren der Ruhe erneut befeuert.

So hatten zum Ausstrahlungstermin Twitter-Sammelkonten wie „#MJFam“ oder „#MJInnocent“ vermeintliche „Fakten“ gesammelt, mit deren Hilfe Jackos Anhänger ihren Superstar auf dem Schlachtfeld der sozialen Medien verteidigen konnten. Auf Youtube wurden kostenlose Konzertvideos präsentiert, um sich in die einst so heile Jackson-Welt zu flüchten. Und in London hatten Fangruppen sogar Werbebanner für Linienbusse gekauft, die Jackson in Schutz nahmen.

Mit Michael Jackson auf Tournee

Die Anstrengungen, das Image und das Erbe von Michael Jackson zu schützen, fruchteten jedoch wohl nur bei denjenigen, die entschlossen sind, sich um jeden Preis an jenes „engelhafte“ Bild ihres Idols zu klammern, das Jackson zu einem halbgotthaften Idol-Status verholfen hat. Der nüchternere Teil der Pop-affinen Öffentlichkeit befindet sich hingegen angesichts der jüngsten Enthüllungen im Schockzustand.

Im Zentrum des zweiteiligen Films stehen Wade Robson und James Safechuck, die vor laufender Kamera mitunter unerträglich detailliert erzählen, wie sie und ihre Familien Teil von Michael Jacksons Leben wurden. Beide Jungen waren Ende der 80er Jahre, als sie beide noch keine zehn Jahre alt waren, häufiger bei Jackson zu Gast. Wie sie von dem Star umgarnt wurden, war praktisch identisch: Er ließ sie samt Familien nicht nur an seinem Privatleben auf der Ranch teilhaben, sie gingen auch mit ihm auf Tournee. Und als das Vertrauen der Familien wuchs, isolierte Jackson die Jungen offenbar und führte sie immer tiefer hinein in einen verstörenden Kosmos, in dem die Übergänge von freundschaftlicher Nähe und körperliche Intimität fließend zu sein schienen.

„Kein Sex mit Kindern“ – Eine Demo gegen Jackson im Jahr 2005.

Die beklemmendsten Szenen des Films sind jene, die deutlich machen, wie Robson und Safechuck bis heute mit ihrer fehlgeleiteten Zuneigung ringen. In einer Szene zeigt Safechuck eine Schatulle mit diamantbesetzten Ringen, die Jackson ihm geschenkt hatte. Was wie ein Märchen scheinen sollte, kippt Jahrzehnte später ins Schaurige. James Safechuck beginnt zu zittern, die tiefe Verletzung des einstmals Verführten wird sichtbar, der in seiner Kindlichkeit dem Verführer sein vollstes Vertrauen geschenkt hatte.

So berichten beide, es habe sich natürlich und normal angefühlt, mit Jackson auf der Ranch zu leben und seine Schlafgemächer zu teilen. Auch die schrittweise zunehmenden sexuellen Intimitäten kamen den Knaben nicht sonderbar vor, sondern wie eine selbstverständliche Fortsetzung der kindlich-spielerischen Nähe. Man nimmt ihnen ab, dass sie tatsächlich so etwas wie Verliebtheit zu Jackson empfanden – oder zumindest in ihrer Verwirrung ihre Gefühle so oder so ähnlich kategorisierten.

So ist auch plausibel, dass die beiden so lange brauchten, den Missbrauch als das zu erkennen, was er war. Noch in dem Prozess gegen Jackson im Jahr 2004 hatten beide unter Eid beteuert, Jackson habe sie nie missbraucht. Erst jetzt, nach Jahren der Therapie und inzwischen selbst Väter und erfolgreich im Beruf, seien sie dazu bereit, offen über das zu sprechen, was damals in Jacksons Niemandsland mit ihnen geschah.

Die Nachlass-Verwalter Jacksons, allen voran seine Mutter, haben erst gar nicht die Ausstrahlung des Films abgewartet, um dagegen vorzugehen. Bereits kurz nach der Premiere haben sie eine 100-Millionen-Dollar-Klage gegen Reed eingereicht. Die Erben wissen sehr wohl, was auf dem Spiel steht: Die Demontage der Pop-Ikone Michael Jackson würde auch das Ende ihres Reichtums bedeuten.

Und während „BBC Radio 2“ am Jackson-Boykott festhält, hat der norwegische Rundfunk NRK seine Entscheidung, Jacksons Lieder aus dem Programm zu nehmen, wieder revidiert. NRK-Chef Thor Gjermund Eriksen sagte am Dienstag gegenüber dpa: „Der Entschluss war falsch. Wir müssen zwischen Kunst und Künstler unterscheiden.“ Außerdem solle nicht der Eindruck entstehen, dass man eine Position dazu beziehe, ob Jackson schuldig sei oder nicht.

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