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Demonstrantinnen beim Weinstein-Prozess.

Interview

„Mich wundert es nicht, dass die Betroffenen schweigen“

  • Boris Halva
    vonBoris Halva
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Barbara Rohm kämpft für filmschaffende Frauen – und zieht eine magere #MeToo-Bilanz.

Frau Rohm, was hat sich in Deutschland in den zweieinhalb Jahren nach Aufflammen der #MeToo-Debatte verändert?

Nicht viel. Leider.

Aber die Debatte über sexuelle Belästigung und sexuellen Missbrauch war doch über Monate das beherrschende Thema…

Schon, aber was soll sich verändern, wenn wir immer noch sagen, wir warten, bis sich Betroffene melden, und dann erst tun wir etwas? Das ist der falsche Weg. Jede Branche hat ihre spezielle Kultur, und wenn wir uns nicht fragen, wie ist die jeweilige Branchenkultur und wie wollen wir eigentlich zusammenarbeiten, dann bleibt eben alles beim Alten. Es reicht nicht, nur zu sagen: Wenn sich jemand meldet, schauen wir mal, wie groß dieses Problem der sexuellen Belästigung eigentlich ist – und erst dann überlegen wir, was wir machen können.

Es gibt also keine Statuten oder ähnliches in der Filmbranche außer: So lange sich niemand beschwert, ist alles in Ordnung?

Da ist ja ein Selbstverständnis, das nicht nur die Filmbranche betrifft. Nach den ersten Monaten der Diskussion glaubten ja viele, dass sie bei diesem Thema sensibilisiert sind. Bis heute denken viele, sexuelle Belästigung oder auch Gewalt sei ein ganz spezielles Phänomen – ist es aber nicht! Es ist nur eine von vielen negativen Folgen der in den Strukturen verankerten Sexismen, die zur Diskriminierung von Frauen führen. Auch der Gender Pay Gap ist eines dieser dunklen Kapitel, auch da gibt es keine Transparenz. Oft heißt es, „natürlich zahlen wir das gleiche“ – und wenn man genauer hinschaut, stimmt das gar nicht.

Zur Person

Barbara Rohm ist Regisseurin und Fotografin. Sie ist Vorsitzende des Vereins „Pro Quote Film“, der sich für die Gleichstellung Filmschaffender Frauen einsetzt.

Der Verein „Pro Quote Film“ war im Oktober 2018 an der Gründung der „Themis-Vertrauensstelle gegen sexuelle Belästigung und Gewalt“ in Berlin beteiligt, eine Anlaufstelle für Beschäftigte bei Film-, Fernsehen und Bühne. Im ersten Jahr wandten sich 183 Personen an die Stelle, sechs davon unterstützte der Verein dabei, eine Beschwerde gegen das Unternehmen zu führen, in dem es zu dem Vorfall kam.

Für alle, die sich über das Thema informieren möchten, empfiehlt der Verein die Broschüre „Was tun bei sexueller Belästigung am Arbeitsplatz?“ von der Antidiskriminierungsstelle des Bundes. Sie ist im Internet erhältlich unter: www.antidiskriminierungsstelle.de

Im Zuge von #MeToo wurde auch immer wieder die Frage der Chancengleichheit diskutiert.

Und noch immer haben Frauen nicht überall die gleichen Chancen. Vor allem in der Filmbranche gibt es nach wie vor große Machtgefälle und sehr steile Hierarchien, aber alle glauben, es ist wahnsinnig familiär, weil sich zum Beispiel alle duzen. Aber das Filmset ist keine Familie! Und oft auch kein Arbeiten auf Augenhöhe. Menschen werden unter großem Konkurrenzdruck für diesen Job ausgesucht, vor und hinter der Kamera. Und man muss sich auch anschauen, warum sind Darstellungen von Frauen so sexualisiert? Warum werden Schauspielerinnen sehr oft immer noch danach ausgesucht, ob Regisseure oder Produzenten sie sexuell attraktiv finden, weil das angeblich auch für die Zuschauer ansprechender ist? Alles in dieser Branche ist von einem männlichen Blick geprägt, wie in der Gesellschaft allgemein. Wir leben in patriarchalen Strukturen, wir haben eine patriarchale Geschichte und das männliche Anliegen stand immer im Vordergrund – aber jetzt ändern sich eben die Zeiten. Frauen versuchen, ihren Platz zu behaupten. Und deshalb müssen wir uns ganz grundsätzliche Fragen stellen. Nur so werden wir negative Folgen von sexueller Gewalt verhindern können.

Was wären das für grundsätzliche Fragen?

Da ist zum einen die Schweigekultur, die über dem Thema liegt. Ist es wirklich so, dass es keinen Handlungsbedarf gibt, nur weil sich niemand beschwert? Zum anderen wird zu wenig gesehen, warum sich die Betroffenen nicht melden: Die haben nämlich sehr gute Gründe, das nicht zu tun.

Und zwar?

Viele befürchten, damit ihrer Karriere zu schaden. Dann ist da die Angst, als Nestbeschmutzerin dazustehen. Es gibt eine Täter-Opfer-Umkehr, man gibt den Opfern eine Mitschuld. Es kommt ja sehr oft vor, dass den Opfern nicht geglaubt wird. Und ganz wichtig ist auch: Je höher ein Täter oder eine Täterin in der Hierarchie steht, desto schwieriger ist es für Betroffene, zu sagen: Hier ist was passiert, was nicht okay ist.

Weil sie die Solidarität der anderen mit dem Täter fürchten?

Ja, denn es heißt ja oft: „Das ist doch so ein netter Kollege, mir gegenüber hat der sich immer einwandfrei verhalten.“ Und so werden Betroffene auch für die Sanktionen, die Täter dann treffen, verantwortlich gemacht. Mich wundert es nicht, dass die Betroffenen schweigen.

Alles, was Sie eben aufgezählt haben, war im Herbst 2017 auch schon bekannt. Hat sich wirklich überhaupt nichts getan?

Das ist genau der Punkt. Das Thema ist zwar immer präsent, jeder weiß, das ist wichtig, weil damit vieles verbunden ist, was eigentlich keiner haben will. Aber wir schauen das Thema von der falschen Seite an. Eigentlich müssten sich Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber fragen: Welchen guten Grund gebe ich meinen Leuten, sich bei mir zu melden, wenn was vorgefallen ist? Man muss darüber sprechen, welche Grenzen es gibt, klar machen: Was ist okay, was nicht?

Aber sollte das nicht mit dem Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz abgedeckt sein?

Ist es ja auch! Das ist ein sehr fortschrittliches Gesetz, das leider viel zu wenig bekannt ist. Das aber ganz klar beschreibt, was sexuelle Belästigung und Gewalt ist. Viele denken ja, das ist eine Grauzone und es ist unklar, was verboten und was erlaubt ist. Aber das stimmt nicht, das Gesetz ist total klar! Da steht: Jede Handlung, die ohne das Einverständnis des Gegenübers stattfindet, ist nicht erlaubt. Natürlich ist Flirten weiterhin erlaubt. Der Unterschied ist nur: ein Flirt findet in beidseitigem Einverständnis statt. Aber es gibt da ganz viele Unsicherheiten, auch bei Männern. Und auch die sind froh, wenn bestimmte Themen angesprochen werden.

Bisher scheint es, als hielte sich die Schweigekultur hartnäckig…

Das Thema ist schon präsent. Aber es muss auch für die verschiedenen Ebenen sensibilisiert werden. Die eine ist: Wie gehen wir im Alltag miteinander um? Wie gehen wir um mit Belästigungen, mit Branchenkulturen, die grenzüberschreitendes Verhalten beinhalten oder befördern? Wie gehen wir mit den Menschen um, die sich damit unwohl fühlen? Und dann gibt es da noch den knallharten Machtmissbrauch, wenn Männer – in den meisten Fällen sind es eben Männer – berufliche Angebote an sexuelle Gefälligkeiten knüpfen. Und wenn Frauen da nicht mitmachen, werden sie aufs Abstellgleis geschoben. Von daher müssen wir ein Klima schaffen, in dem Menschen, die Zeuge werden von einem unangemessenen Verhalten, sich auch zu sagen trauen: Ich hab das gesehen, kann ich dich irgendwie unterstützen? Oder die sich dann möglichen Tätern entgegenstellen und sagen: Das ist nicht in Ordnung. Und es würde helfen, wenn gerade Männer sich mehr mit Frauen solidarisieren.

Interview: Boris Halva

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