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Prozess gegen Harvey Weinstein: Anwalt wirft Richter Befangenheit vor

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Harvey Weinstein steht in New York vor Gericht. Schon jetzt gibt es erste Hürden: Die Verteidigung kritisiert den Richter, die Jury-Suche gestaltet sich schwierig.

  • Der Prozess gegen Harvey Weinstein in New York läuft
  • Dem Ex-Filmproduzenten Weinstein wird Vergewaltigung vorgeworfen
  • Die Auswahl der Geschworenen im Weinstein-Prozess zieht sich in die Länge

Update vom Mittwoch, 08.01.2020, 11.35 Uhr: Die Verteidigung im Prozess gegen Harvey Weinstein hat einen neuen Richter gefordert. Der derzeitige Richter James Burke solle sich zurückziehen, weil er „voreingenommene und aufrührerische Kommentare“ gegenüber ihrem Klienten gemacht habe, hieß es in einem Brief der Verteidiger.

Burke hatte Weinstein bei Gericht am Dienstag kritisiert, weil dieser wiederholt auf seinem Handy getippt hatte. Die Verteidigung erkannte darin eine „Feindseligkeit“ gegenüber Weinstein, die Unbefangenheit des Richters müsse in Frage gestellt werden.

Die Zusammenstellung der Jury gestaltete sich unterdessen weiter schwierig. Rund 50 potenzielle Juroren wurden entlassen, viele von ihnen hatten erklärt, dass sie befangen seien. Nur 36 blieben als mögliche Juroren im Rennen. Insgesamt müssen zwölf Juroren und sechs Ersatzjuroren nun gefunden werden, bevor der Prozess mit den Auftaktplädoyers richtig losgehen kann. 

Auswahl der Geschworenen: Harvey Weinstein zieht Zorn des Richters auf sich

Update vom Mittwoch, 08.01.2020, 11.35 Uhr: Im Prozess gegen Ex-Filmproduzent Harvey Weinstein wegen mutmaßlicher Sexualverbrechen hat die Auswahl der Geschworenen begonnen. Dabei zog sich Weinstein den Zorn des Richters zu, weil er anscheinend sein Handy benutzte.

„Das war an jedem Tag im Gericht ein Problem“, sagte Burke an die Adresse des früheren Hollywood-Moguls. „Wollen Sie wirklich so für den Rest ihres Lebens im Gefängnis landen, indem Sie in Verletzung einer Gerichtsanordnung Textbotschaften verschicken?“ – „Nein, nein“, antwortete Weinstein und beteuerte, das Handy nicht benutzt zu haben.

Bei der Auswahl der Geschworenen wurden zunächst rund 120 Kandidaten für die Jury befragt. Rund 40 von ihnen, die angaben, nicht fair und unvoreingenommen urteilen zu können, wurden ausgeschlossen. Die anderen wurden gebeten, Fragebögen auszufüllen. Darin wurde unter anderem gefragt, ob Verwandte in der Vergangenheit Opfer sexueller Angriffe geworden waren. Letztlich werden zwölf Geschworene ausgewählt, die dann über Weinstein urteilen müssen. Ernannt werden auch sechs Ersatz-Geschworene. Das Auswahlverfahren könnte sich über zwei Wochen ziehen. Richter Burke hofft, am 22. Januar mit den Eröffnungsplädoyers beginnen zu können. 

Harvey Weinstein - Der Prozess beginnt

Erstmeldung vom Sonntag, 05.01.2020, 18.00 Uhr: Prominente auf der Straße zu treffen, das ist im südlichen Manhattan keine Seltenheit. Schließlich haben Topstars wie Tom Cruise, Leonardo DiCaprio und Julia Roberts ihre Wohnungen im Greenwich Village, die sie für ihre New-York-Besuche nutzen. Doch wer in der kommenden Woche Idole aus der Filmbranche zu Gesicht bekommen möchte, der muss nicht durch die Straßen streunen und auf einen Zufall hoffen.

Harvey Weinstein hält sich für nicht schuldig

An diesem Montag beginnt vor dem obersten Gericht des Staates New York am Foley Square der Strafprozess gegen den geächteten Hollywoodmogul Harvey Weinstein (67). Es wird der erste Sensationsprozess des Jahres in New York, und es haben sich große Namen angekündigt. Rosanna Arquette wird da sein, ebenso Ashley Judd und vielleicht sogar Angelina Jolie.

Sie alle gehören zu den Opfern von Harvey Weinstein, der beschuldigt wird, seit Beginn seiner Laufbahn als Filmproduzent vor mehr als 30 Jahren seine Machtstellung dazu missbraucht zu haben, Frauen zu sexuellen Gefälligkeiten genötigt zu haben. Die meisten der Fälle sind verjährt und nicht mehr justiziabel, doch die Opfer wollen im New Yorker Gerichtssaal wenigstens ein Statement abgeben. „Ich glaube, es ist wichtig, dass wir eine starke Botschaft aussenden“, sagt die Schauspielerin Katherine Kendall, die 1993 von Harvey Weinstein in einem Hotelzimmer unter dem Vorwand einer geschäftlichen Besprechung sexuell bedrängt wurde.

Prozess gegen Harvey Weinstein: Erster Strafprozess der #MeToo-Ära

Die Stars wollen sich mit den beiden Frauen solidarisch zeigen, die nun in New York als Klägerinnen gegen Weinstein auftreten. Weinstein wird Vergewaltigung und krimineller sexueller Angriff in zwei Fällen aus den Jahren 2006 und 2013 vorgeworfen. Doch vor der Jury werden alle 80 Fälle verhandelt, in denen Harvey Weinstein beschuldigt wird, sexuell übergriffig geworden zu sein.

Doch selbst damit ist die symbolische Tragweite der Causa Weinstein noch nicht annähernd beschrieben. Der Weinstein-Prozess ist der erste Strafprozess der #MeToo-Ära. Der Fall Weinstein hat – das behaupten jedenfalls jene, die von der reinigenden Kraft des #MeToo-Skandals überzeugt sind – überhaupt erst das ganze Ausmaß des Problems des sexuellen Machtmissbrauchs in der Gesellschaft in das öffentliche Bewusstsein gerückt. Und somit den zentralen kulturellen Diskurs unserer Tage angestoßen.

Harvey Weinstein - einfach nur schlechtes Benehmen?

Seit im Oktober 2017 nach Recherchen der „New York Times“ und des „New Yorker“ bekanntwurde, wie Weinstein systematisch seine Stellung ausgenutzt hat und dabei von der ganzen Branche gedeckt wurde, sind Dutzende einflussreiche Männer in den Strudel der Enthüllungen geraten. Vom TV-Sendechef Les Moonves bis hin zum Hip-Hop-Mogul Russell Simmons und dem Nachrichtensprecher Matt Lauer – für zahlreiche mächtige Männer endete die Karriere abrupt.

Mein Feind Harvey Weinstein: Emily Ratajkowski ist Model und Schauspielerin – und machte im Dezember aus ihrem Herzen keine Mördergrube.

Im Fall Harvey Weinstein muss sich nun jedoch zeigen, ob das US-Strafrecht mit dem kulturellen Wandel mithalten kann. Viele Betroffene sind in dieser Hinsicht nicht allzu optimistisch. So sagt die TV-Reporterin Lauren Sivan, die 2007 in der Küche eines Restaurants von Weinstein attackiert wurde, dass sie einen Freispruch von Weinstein befürchte: „Wir haben riesige Fortschritte gemacht, die Stimmen der Opfer werden heute gehört. Aber eine Verurteilung vor einem Geschworenengericht ist noch einmal eine ganz andere Geschichte.“

Harvey Weinstein hat eine kämpferische Verteidigerin

Das wissen auch die Anwälte von Harvey Weinstein – und geben sich entsprechend kämpferisch. So sagte Donna Rotunno, die Weinsteins Verteidigerteam leitet, kürzlich in einem Interview: „Man mag das Verhalten von Harvey Weinstein nicht mögen. Aber schlechtes Benehmen und Vergewaltigung sind zwei komplett unterschiedliche Dinge.“ Donna Rotunno und ihr Team werden also versuchen zu beweisen, dass die Opfer nicht gegen ihren Willen gehandelt haben. „Wenn man nicht sexuell belästigt werden will“, so Rotunno, „dann geht man eben nicht alleine mit jemandem auf ein Hotelzimmer.“

Die Verteidigung versuchte, den Prozess zu torpedieren oder wenigstens dessen Beginn zu verzögern – und zwar von Anfang an: So hat Weinsteins Team mehrfach versucht, das Verfahren von Manhattan in die Hauptstadt des Staates New York, Albany, verlegen zu lassen. Die Begründung: Die Medienaufmerksamkeit, die der Weinstein-Fall generiert habe, würde es unmöglich machen, in Manhattan unbefangene Geschworene zu finden. Der Richter hat den Einwand abgelehnt, doch man erwartet nun, dass sich die Zusammenstellung der Jury, die am heutigen Montag beginnt, in die Länge ziehen wird.

Harvey Weinstein und der Deal mit den Opfern

Einen weiteren Grund zum Pessimismus für die Anklägerinnen liefert die erst kürzlich ausgehandelte Einigung zwischen Weinstein und seinen Anklägerinnen in einer Zivilklage. Mehr als 30 Opfer Weinsteins haben in einer Schadensersatzklage gegen ihn und seine einstige Firma gerade einmal25 Millionen Dollar aushandeln können. Beinahe die Hälfte des Geldes, das von der Versicherung der Firma abgedeckt ist, floss in die Verteidigung Weinsteins.

Weinsteins Staranwälten war es geglückt, die Klägerinnen in die Knie zu zwingen. Nur zwei weigerten sich, das Geld anzunehmen, und drohen nun mit einer Klage vor Gericht. Doch angesichts der US-amerikanischen Rechtslage, die bei Schadensersatzklagen einen starken Schutz für Firmen bietet, gelten ihre Aussichten als gering.

So gibt sich auch Weinstein selbst optimistisch, was seine Zukunft angeht. In einem trotzigen Interview, das er jüngst der „New York Post“ gab, bekräftigte er erneut, alle seine Begegnungen mit Frauen in der Branche seien in gegenseitigem Einvernehmen gewesen. Er lamentierte, dass man sein Werk vergessen habe sowie die Tatsache, dass er mehr Frauen große Rollen verschafft habe als jeder andere. Schließlich kündigte der 67-Jährige ein Comeback in der Filmbranche an.

Zumindest Letzteres dürfte sich angesichts der dramatisch veränderten Stimmung in Hollywood wohl nicht bewahrheiten. Dennoch geht es beim Prozess nicht nur um Gerechtigkeit für Weinsteins mutmaßliche Opfer, sondern auch um die Frage: Wie lange werden diese Muster männlichen Machtmissbrauchs noch geduldet?

Rubriklistenbild: © AFP/Stephanie Keith

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