Vielleicht hatte Mesut Özil gar keine taktischen Motive, vielleicht wollte der 31-Jährige einfach nur die Wahrheit sagen?
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Vielleicht hatte Mesut Özil gar keine taktischen Motive, vielleicht wollte der 31-Jährige einfach nur die Wahrheit sagen?

Mesut Özil

Mesut Özil und der Uiguren-Kommentar: Wie politisch darf Sport sein?

  • vonThorsten Fuchs
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Mesut Özils Kommentar zur Situation der Uiguren hat Chinas Machthaber verärgert – und erneut die Debatte darüber entfacht, wie politisch Sport sein darf. Oder sollte man sagen: sein muss?

Geng Shuang entschied sich für den Ton eines Lehrers. Eines Lehrers, der im Ton beherrscht bleibt, nachsichtig gegenüber einem schwer Belehrbaren. Doch zugleich scheint dieser Lehrer keinen Zweifel daran zu haben, dass die strengen Noten und andere Machtmittel diesen Schüler schon zur Raison bringen werden.

Der Sprecher des chinesischen Außenministeriums sagte also am Montag, Mesut Özil sei offenbar „Fake News“ aufgesessen. Er könne sich gerne in der Provinz Xinjiang selbst ein Bild von der Situation machen. „Solange er einen gesunden Menschenverstand hat und die Prinzipien von Objektivität und Fairness hochhält, wird er ein anderes Xinjiang sehen“, sagte Geng Shuang.

Soweit die gewählten Worte. Die rüderen wählte am Montag die „Global Times“, die Stimme von Chinas Kommunistischer Partei. Özil sei eine „verwirrte und rücksichtslose Person“, deren Verhalten „ernsthafte Folgen“ für Özils Verein Arsenal London haben könnte, hieß es. Das war die Drohung, die den pädagogischen Hinweis Shuangs um eine unmissverständliche Note ergänzte: Hier wird nach unseren Regeln gespielt – und wer sich daran nicht hält, wird bei uns keine Geschäfte machen.

Und so ist es Mesut Özil, dem nach eigenen Worten an Politik nicht sonderlich interessierten früheren deutschen Nationalspieler, mit einem einzigen Tweet gelungen, eine Debatte über Fußball, Moral und Menschenrechte zu entfachen – und einen Ausblick darauf zu geben, was der Aufstieg von China für die Sportwelt auch bedeuten wird: eine dramatisch neue Qualität des alten Streits, wie politisch der Sport ist.

Folter und Gehirnwäsche

Auslöser war eine Nachricht, die Özil am Freitag via Twitter in die Welt schickte: auf Türkisch, unterlegt von Halbmond und Stern in Blau und Weiß, den Symbolen der Unabhängigkeitsbewegung der Uiguren in der Provinz Xinjiang im Norden Chinas. „Oh Ostturkestan“, so beginnt er diesen Text voller Pathos mit jener Bezeichnung, die auch die uigurische Unabhängigkeitsbewegung verwendet; dann beklagt er das Leiden des Volkes der Uiguren und nennt deren Situation die „blutende Wunde“ der muslimischen Gemeinschaft.

Özils Motive bei dieser Nachricht sind nicht ganz klar. Sportlich läuft es für ihn bei seinem Verein, Arsenal London, schon seit Längerem nicht so gut. Vielleicht wollte er die Verbundenheit mit seinen muslimischen Fans stärken, was ihm wohl auch gelungen ist. Schon bei seinem Freund Recep Tayyip Erdogan, dem türkischen Präsidenten, dem er einst öffentlichkeitswirksam Trikots schenkte und den er auch zu seiner Hochzeit einlud, dürften solche Worte nicht gut angekommen sein: Erdogan hat seine einst deutliche China-Kritik längst gegen pragmatisches Schweigen getauscht, seit er sich von der Anbindung an Chinas Projekt der neuen Seidenstraße wirtschaftlichen Nutzen verspricht. Da kommt der Hinweis auf die Situation der muslimischen Glaubensbrüder ungelegen.

Vielleicht muss man dem 31-jährigen Özil – oder dem Social-Media-Team, das für ihn schreibt – aber auch gar keine taktischen Motive unterstellen. Vielleicht wollte er einfach nur die Wahrheit sagen.

Dann hätte er einfach Recht – und befände sich mit seiner Kritik im Einklang mit Menschenrechtsorganisationen und den UN, die in der Unterdrückung der Uiguren eine der schlimmsten Unterjochungen einer Minderheit seit Ende des Zweiten Weltkriegs sehen. Dokumente, die internationale Medien vor Kurzem veröffentlichten, belegen verheerende Menschenrechtsverletzungen der Pekinger Führung in Xinjiang. Mehr als eine Million ethnische Uiguren und Kasachen sind dort in Lagern interniert. Die chinesische Führung bezeichnet sie als Umerziehungslager, aus denen inzwischen alle Uiguren entlassen seien. Beweise dafür blieb die Führung schuldig. Ehemalige Häftlinge berichten dagegen von Folter, Misshandlungen und Gehirnwäsche. Beobachter konnten nachweisen, dass Kinder systematisch von ihren muslimischen Eltern getrennt werden. Die Kinder kommen in Internate. Gerichtsverfahren? Gibt es Betroffenen zufolge bei all dem nicht.

Es herrscht ein System totaler Repression und Kontrolle – ermöglicht durch neue Überwachungstechnik, die China in der Provinz einsetzt und perfektioniert. Dazu hat Peking ein Scoring-System entwickelt, das angepasstes politisches Verhalten und Folgsamkeit mit Vergünstigungen belohnt. Du hast dich das ganze Jahr über ruhig verhalten? Dann wird es auch mit der neuen Wohnung leichter – zum Beispiel.

Wohlverhalten gegen Vorteile, das ist das chinesische System. Und der Sport wird nun zum Vehikel, um auch den Rest der Welt in diesem Sinne zu erziehen.

Am Sonntag strich der chinesische Sender CCTV dann auch gleich mal die Übertragung des Premier-League-Spiels FC Arsenal gegen Manchester City. Özils „falsche Kommentare“ hätten den nationalen Fußballverband enttäuscht, erklärte die „Global Times“. Chinesische Fans protestierten gegen Özil: Einer postete ein Foto seines brennenden Özil-Trikots, andere schrieben einfach: „Wie enttäuschend.“

Der FC Arsenal versagte seinem Spieler sofort jede Unterstützung. In einer Mitteilung im chinesischen Kurznachrichtendienst Weibo erklärte der Verein, Özil habe lediglich „seine persönliche Meinung“ geäußert: „Arsenal hat immer an dem Prinzip festgehalten, sich nicht in politische Fragen einzumischen.“ Der Verein schwenkte also symbolisch die weiße Fahne. Genützt hat es nichts.

„Eine ideologische Schlacht“

Chinas rigides Verhalten im Sport folgt mittlerweile einem Muster. Zu spüren bekommen hat das vor Kurzem auch die nordamerikanische Basketball-Liga NBA. Anfang Oktober rief der Manager der Houston Rockets, Daryl Morey, zur Unterstützung der Demokratiebewegung in Hongkong auf: „Fight for Freedom – Stand with Hong Kong“, twitterte er.

Die Reaktion war harsch: Chinas Basketball-Verband stoppte die Zusammenarbeit mit der NBA, Sponsorenverträge wurden gekündigt, Spiele nicht übertragen. Peking soll sogar Moreys Entlassung gefordert haben, erklärte NBA-Geschäftsführer Adam Silver – was China bestreitet.

Morey wurde nicht entlassen, die Wogen haben sich dennoch geglättet, die NBA läuft in China wieder. Als einer ihrer wichtigsten Repräsentanten, Superstar Stephen Curry, zuletzt in einem Interview nach Hongkong gefragt wurde, behielt er seine Meinung lieber für sich – während er sich zur Frage des Waffentragens in den USA oder zum Rassismus für gewöhnlich freimütig äußert. Aber China hat gegenüber den Ligen und Vereinen ein wichtiges Druckmittel in der Hand: die Macht über den wichtigsten Sportmarkt der Zukunft.

So verdient die NBA schon jetzt Medienberichten zufolge eine halbe Milliarde Euro pro Saison in China. Tendenz steigend. Auch die Vereine der deutschen Fußball-Bundesliga setzen auf China: Gleich sechs von ihnen – Bayern, Dortmund, Wolfsburg, Schalke, Mönchengladbach und Frankfurt – betreiben Büros in China, ebenso wie seit Neuestem auch die Deutsche Fußball Liga. Marco Reus hat eine eigene Weibo-Seite. Deutsche Spieler und Vereine gelten als besonders beliebt in China – solange sie zu Xinjiang und den Uiguren schweigen, was sie bislang tun.

Noch deutlich weiter geht allerdings das Engagement der englischen Premier-League-Vereine. Manchester United ist im China-Geschäft spitze: Erst Anfang dieses Monats schloss der Verein als Erster eine Kooperation mit der Alibaba-Gruppe. Künftig werden Spiele und Ausschnitte über die Alibaba-Plattformen an mehr als 700 Millionen Kunden vermarktet. Laut einer Umfrage hat United mehr als 253 Millionen Fans in China – gut viermal mehr als Großbritannien Einwohner hat.

Aber ist die Position der Vereine gegenüber China wirklich so schwach? Gibt es nur die Möglichkeit zu schweigen und zu kassieren – oder aufzubegehren und leer auszugehen?

Tatsächlich ist auch China auf die sportliche Entwicklungshilfe vor allem im Fußball angewiesen. So hat Peking einen Fußballplan aufgelegt, der das Land bis 2050 in die Weltspitze führen soll. Ein wichtiger Partner dabei: Deutschland. So hat der Deutsche Fußball-Bund 2016 eine offizielle Kooperation mit seinem chinesischen Pendant und dem chinesischen Bildungsministerium unterzeichnet. Trainer und Schiedsrichter reisen zu Ausbildungszwecken nach China. Der finanzielle Nutzen des DFB ist bislang überschaubar, das Interesse der Chinesen hingegen groß.

Ganz so einseitig ist das Machtverhältnis also möglicherweise gar nicht – zumal auch chinesische Fans mäßig begeistert sein dürften, wenn sie statt NBA-Basketball und Premier-League-Fußball nur noch heimische Ligen schauen könnten. NBA-Geschäftsführer Adam Silver hielt den Chinesen jedenfalls mitten in der jüngsten Auseinandersetzung entgegen, dass die Liga überall auf der Welt für bestimmte Werte steht – „und einer dieser Werte ist die freie Meinungsäußerung“. Inzwischen läuft die NBA längst wieder in China – trotz solcher Aussagen.

„Die Welt steht inmitten einer ideologischen Schlacht“, zitiert der „Guardian“ Simon Chadwick, einen Sportökonomen mit Schwerpunkt China, „westlicher Liberalismus gegen östlichen Autoritarismus. Und der Sport ist eine der Frontlinien.“

Für Mesut Özil dürfte die Auseinandersetzung um seinen Tweet zumindest ein Gutes haben: Dass das Spiel des FC Arsenal gegen Manchester City in China nicht gezeigt wurde, bewahrte seine Fans davor, ihr Idol bei einer 0:3-Niederlage zu erleben.

Özil wurde in der 59. Minute ausgewechselt, seine Leistung beschreiben Beobachter als „unauffällig“. Auf dem Feld der moralischen Äußerungen agiert der 31-Jährige derzeit jedenfalls deutlich spektakulärer.

Unterdessen gab die Organisation Reporter ohne Grenzen bekannt, dass im Jahr 2019 deutlich mehr Journalisten als im Vorjahr inhaftiert wurden – unter anderem in China, in den Gebieten der Uiguren.

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