+
Geheimnisse sollte man übrigens auch in einer Partnerschaft haben, glaubt Thorsten Havener.

Mentalist Thorsten Havener

„Jeder Mensch braucht Geheimnisse“

Gedankenlesen, Wahrnehmung, Suggestion und Hypnose: Thorsten Havener gilt als einer der bekanntesten so genannten Mentalisten in Deutschland. 

Herr Havener, in Ihrem aktuellen Buch halten Sie ein flammendes Plädoyer für den Erhalt von Geheimnissen. Warum sind Geheimnisse so wichtig?
Geheimnisse sind so alt wie die Menschheit und ermöglichen uns erst das Menschsein. Stellen Sie sich mal das Gegenteil vor: eine Welt, in der es überhaupt keine mehr Geheimnisse gibt. In der alles, was wir verborgen halten wollen, völlig transparent ist. Das wäre doch eine ganz furchtbare Welt.

Sie beginnen Ihr Buch mit einem Geheimnis, das Sie lüften. Warum wollten Sie diese sehr persönliche Kindheitsgeschichte über Ihren früh verstorbenen Bruder, der Ihnen das Tor in die Welt der Zauberei geöffnet hat, mit Ihren Lesern teilen?
Diese Geschichte hat mich derart geprägt, dass sie sich immer noch durch mein Leben zieht und bis heute ein Teil von mir ist – obwohl die Geschehnisse schon fast 33 Jahre zurückliegen. Zur Zauberkunst und von da aus zur Körpersprache und den Wahrnehmungsillusionen bin ich gekommen, weil mein Bruder gestorben ist, als ich 13 Jahre alt war. Ich habe mir damals aus seinem Zimmer den geheimnisvollen Zauberkoffer mit seinen Zauberrequisiten genommen. Also geht alles, was ich heute mache, letztlich auf meinen Bruder zurück. Ohne ihn hätte ich wohl nicht den Weg zur Magie gefunden. Würde er noch leben, hätte ich heute höchstwahrscheinlich ein anderes Leben. Und jetzt verrate ich Ihnen noch ein Geheimnis von mir …

Ich bin gespannt …
Im Rückblick kann ich dem Geschehenen mit Dankbarkeit begegnen. Natürlich nicht darüber, dass mein Bruder viel zu früh – mit 19 Jahren – gestorben ist. Doch nach dieser großen Traurigkeit, die es lange gab, überwiegt inzwischen eine große Freude und tiefe Dankbarkeit darüber, ihn wenigstens 13 Jahre lang gekannt zu haben. Er war ein wundervoller Mensch. Seine Lebensfreude und seine Liebe zur Zauberei haben mich nicht nur persönlich geprägt, sondern auch meine ganze berufliche Entwicklung beeinflusst. Dass er mir all diese Tricks gezeigt hat, als ich noch ein Kind war, dafür werde ich ihm immer dankbar sein. Heute weiß ich: Es ist besser, einen nahestehenden Menschen erlebt zu haben und im schlimmsten Fall mit der Bürde des Verlusts umgehen zu müssen, als ihn überhaupt nicht gekannt zu haben.

Sie beschreiben in Ihrem Buch auch, wie Ihre Illusionskunst die Menschen beseelt. Denken Sie, dass unsere Welt im digitalen Zeitalter an Zauberkraft verloren hat?
Diese Gedanken umtreiben mich tatsächlich sehr. Denn ich beobachte immer wieder: Wir haben inzwischen das Staunen verlernt. Vielleicht auch die Ehrfurcht vor dem, was möglich ist. Vielleicht, weil heute fast alles möglich erscheint. Auch wegen der unzähligen Kommunikationsmöglichkeiten. Doch die ganzen neuen Medien stressen uns oft mehr als dass sie uns nutzen, und sie lenken uns vom Staunen ab. Dabei ist das Staunen eine unglaublich starke und wichtige Emotion, die uns zum Umdenken bewegen und uns weiterbringen kann.

Wie können wir das kindliche Staunen wieder lernen?
Indem wir einfach mal einen Schritt zurücktreten, nicht alles selbstverständlich nehmen, mit offenen Augen durch die Welt gehen und uns über die kleinen Wunder des Lebens freuen. Statt uns über das zu beschweren, was nicht funktioniert, sollten wir uns über das freuen, was wir haben und uns öfters sagen: „Ist das nicht fantastisch? Ist das nicht unglaublich?“ Alles, was es früher in Märchen gab, – der fliegende Teppich, der Zauberspiegel – das haben wir heute in realer Form. Aber wir nehmen das nicht mehr mit dieser Freude und Ehrfurcht wahr. Zum Beispiel, dass Flugzeuge tatsächlich fliegen, ist doch eigentlich ein Wunder und sollte bei uns ein Gefühl der Fassungslosigkeit im besten Sinne auslösen. Es gibt viele Möglichkeiten, wieder mehr Zauber in unser Leben zu bringen.

Wie gehen Sie als Vater mit den Geheimnissen Ihrer Kinder um?
Ich freue mich für meine Kinder, denn kleine Geheimnisse sind etwas Wunderbares. Jeder Mensch braucht Geheimnisse; sie machen unser Leben spannender. Sie tragen ganz wesentlich zur Entwicklung der eigenen Persönlichkeit bei und haben auch eine gewisse Schutzfunktion. Viele Erwachsene denken bei Geheimnissen erstmal an etwas Schlimmes, aber das ist es in den meisten Fällen glücklicherweise nicht. Das sollten wir uns immer wieder klar machen. Wenn ich zum Beispiel merke, mein Kind hat heimlich eine Tafel Schokolade gegessen, dann kann ich überlegen: Muss ich dieses kleine Geheimnis jetzt wirklich aufklären, oder sehe ich vielleicht diesmal noch darüber hinweg?

Wann beginnen Kinder überhaupt damit, manche Dinge bewusst geheim zu halten?
Etwa mit fünf, sechs Jahren. Davor haben Kinder noch keine wirklichen Geheimnisse. Sie denken noch, wir Eltern seien allmächtig. Ungefähr im Vorschulalter merken die Kinder dann, dass ihre Eltern doch nicht alles wissen, dass sie etwas vor ihnen verbergen können. Das ist ein ganz wichtiger Schritt in die eigene Identität. Dabei wird die eigene Persönlichkeit geprägt. Und je älter Kinder werden, desto mehr merken sie natürlich auch, dass sie gewisse Dinge lieber nicht erzählen wollen. Dazu kann ich Ihnen noch etwas verraten: Als dreifacher Vater bilde ich mir ein – aber vielleicht sind meine Kinder auch einfach nur sehr gut im Verbergen (lacht) –, dass wir ein sehr offenes Verhältnis haben. Das heißt, wir reden über sehr viele Dinge. Aber über gewisse Themen eben auch nicht. Das gestehe ich meinen Kindern zu. Und meistens ist es dann so, dass das, worüber sie vielleicht drei Wochen lang nicht sprechen wollten, irgendwann schließlich doch aus ihnen rausbricht.

Unsere Kinder wachsen heute in einer fast gläsernen Welt auf, in der die sozialen Medien eine immense Rolle spielen und selbst intimste Details gepostet werden. Bereitet Ihnen das Sorgen?
Natürlich beschäftigt mich das sehr. Aber ich will diese Entwicklung nicht verteufeln, nur weil es Facebook, Instagram und Co. in meiner Jugend noch nicht gab. Die sozialen Medien gehören zu unserem Leben heute dazu, ob uns das gefällt oder nicht. Wir müssen den richtigen Umgang damit lernen und unsere Kinder auch in der digitalen Welt begleiten. Gleichzeitig müssen wir uns aber auch unsere Geheimnisse bewahren – gerade heute, wo alles immer transparenter wird. Apropos: Wissen Sie eigentlich, wo das Wort „Geheimnis“ überhaupt herkommt?

Verraten Sie es mir.
Von Martin Luther. Er kam auf das Wort „Geheimnis“, um eine Übersetzung zu finden für den Begriff „Mysterium“. „Geheim“ bedeutete es „gehört ins Heim“. Damit ist etwas „heimlich“, also für meine eigenen vier Wände und eben nicht für die Öffentlichkeit bestimmt. Und genau das ist das, was heute wichtiger ist denn je. Bei Facebook oder Instagram findet man sogar Fotos von den Wohnungen und Zimmern, in denen die Leute leben. Selbst diese Privatsphäre gibt es heute nicht mehr. Inzwischen scheint jede Barriere zur früheren „Heimlichkeit“ aufgehoben zu sein.

Auch bei Geheimnissen gibt es Schattenseiten, die Sie in Ihrem Buch nicht verschweigen …
Jede Medaille hat zwei Seiten. Und natürlich gibt es auch dunkle Geheimnisse. Zum Beispiel, wenn etwas geheim gehalten wird, und diese Geheimhaltung anderen Menschen schadet. Dann muss das ans Licht gelangen. Genauso wie ich es richtig finde, dass die Panama Papers veröffentlich wurden.

Und was denken Sie über so genannte „Whistle Blower“ wie Julian Assange?
Auch Whistle Blower machen einen wichtigen Job. Unter bestimmten Umständen darf und muss man Geheimnisse entlarven. Nämlich dann, wenn jemand anders zu Schaden kommt – oder zu Schaden kommen könnte. Als Geheimnisträger hat man einen Wissensvorsprung, der im schlimmsten Fall missbraucht werden kann. Auch dann muss man das Geheimnis aufdecken. Es gibt aber auch Geheimnisse, die dem Geheimnisträger selbst schaden, ihn seelisch belasten und erdrücken. Das äußert sich dann übrigens auch in dessen Körpersprache.

Ihr Schwiegervater war ebenfalls Zauberkünstler. Das klingt nach einer magischen Verbindung … 
(Lacht:) Ja. Bei ihm habe ich als Jugendlicher meine Fachbücher und Requisiten gekauft, da war mir noch nicht klar, dass er mal mein Schwiegervater wird.

Hat die Magie schließlich auch zum Herzen Ihrer Frau geführt? 
Sozusagen: Meine Frau war früher auch Zauberin – eine sehr gute sogar und sehr erfolgreich. Wir haben uns tatsächlich über die Zauberei kennen gelernt. Das Geheimnisvolle hat uns direkt miteinander verbunden. Aber als Jugendlicher wusste ich das noch nicht. Die Liebe kam erst später, als ich 20 war.

Darf man in einer guten Partnerschaft auch Geheimnisse haben?
Ich finde, das sollte man sogar. Man kann ja auch gute Geheimnisse haben. Zum Beispiel hat meine Frau zu meinem 30. Geburtstag heimlich eine Überraschungsparty organisiert, über Wochen hinweg. Und ich hab‘ nichts davon mitgekriegt. Da kam sogar mein Freund, der damals in New York gewohnt hat, extra für diese Party nach München geflogen. So eine Überraschungsparty ist doch ein ganz wundervolles Geheimnis.

Und wie funktioniert das im Beziehungsalltag?
Man kann auch zu jeder anderen Gelegenheit seinen Partner mit einem geheimnisvollen Plan überraschen. Vorher vielleicht nur so viel verraten: Samstagabend nimmst Du Dir zwischen 18 und 22 Uhr mal nichts vor, aber Du kannst Dir gerne etwas Hübsches anziehen. Jetzt fängt doch der andere an nachzudenken: Gehen wir in ein schickes Restaurant, ins Theater oder in ein Konzert? Das bringt Spannung und fasziniert. Und für den anderen faszinierend zu sein, sollte nie aufhören in einer erfüllten Beziehung.

Sind Sie deshalb schon so lange glücklich verheiratet?
Vielleicht unter anderem deswegen. Ich glaube, wir sind erstens vor allem deshalb schon 23 Jahre zusammen, weil meine Frau meine wichtigsten Geheimnisse kennt. Denn die wirklich wichtigen sollte man schon miteinander teilen. Und zweitens wohl deshalb, weil sie die leichten, kleinen eben nicht kennt … (schmunzelt).

Zur Person 

Thorsten Havener, 46, ist einer der bekanntesten deutschen Mentalisten. In seinen Bühnenshows verknüpft der gebürtige Saarländer und Entertainer die Geheimnisse der Körpersprache, Verhaltenspsychologie, Illusion und Gedächtniskunst. Seit mehr als 30 Jahren vermittelt Havener sein Wissen auch in Vorträgen und Seminaren. Seine Wurzeln liegen in der Zauberkunst. 1986 trat er zum ersten Mal öffentlich als Zauberkünstler auf. Seit 2001 setzt Thorsten Havener vor allem auf „psychologische Unterhaltung“ in Form von Gedankenlesen, Wahrnehmung, Suggestion und Hypnose. Seinen ersten TV-Auftritt hatte er 2005 mit der Mental- und Illusionsshow „Der Gedankenleser – ein Mann sieht alles“. 

Mit seinen Liveshows tourte er durch Deutschland, Österreich und die Schweiz. Aktuell ist er mit seinem neuesten Bühnenprogramm „Feuerproben“ unterwegs. Als Buchautor ist Havener ebenfalls erfolgreich. Seine bisherigen Bestseller erreichten ein Millionenpublikum. Sein aktuelles Buch trägt den Titel „Sag es keinem weiter – Warum wir Geheimnisse brauchen“. Privat lebt der dreifache Familienvater in der Nähe von München

Autorin: Claudia Pless

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion