+
Martin Scorsese wurde vor 30 Jahren vom Vatikan der Blasphemie beschuldigt.

Martin Scorsese

"Den menschlichen Makel ergründen"

  • schließen

Der amerikanische Regisseur Martin Scorsese spricht im FR-Interview über Gewalt im Film, seinen Glauben an Gott und warum er beinahe Priester geworden wäre.

Vor fast 30 Jahren begann Oscarpreisträger Martin Scorsese seine filmische Auseinandersetzung mit dem Thema Religion. Nach „Die letzte Versuchung Christi“ (1988) und „Kundun“ (1997) hat er seine ganz persönlichen Passionsspiele jetzt mit „Silence“ abgeschlossen.

Mr. Scorsese, stimmt es, dass Sie „Silence“ schon seit 30 Jahren verfilmen wollten?
Ja, seit ich Shusaku Endos Buch 1988 gelesen habe, wollte ich es verfilmen. Das Buch handelt von zwei Jesuiten-Priestern, die im 17. Jahrhundert nach Japan reisen, um dort ihren geistlichen Mentor aufzuspüren. Von dem es heißt, er hätte unter schrecklichen Foltern seinem christlichen Glauben abgeschworen. Das konnten sie nicht glauben. Und wollten sich selbst davon überzeugen, dass es nicht stimmt. Ich kann eigentlich gar nicht so genau sagen, warum mir diese Geschichte all die vielen Jahre nicht mehr aus dem Kopf ging. Wahrscheinlich hat es damit zu tun, dass ich als suchender Katholik auch oft unter dem Schweigen Gottes gelitten habe.

Als Sie den Film schließlich fertig hatten, spürten Sie da vielleicht eine kathartische Wirkung?
In gewisser Weise war das tatsächlich eine Erlösung. Denn ich hatte so lange damit gerungen, den richtigen Zugang zu finden. Es war nämlich alles andere als einfach, dieses doch sehr komplexe Buch für die Leinwand zu adaptieren. Erst als ich mich mit dem Drehbuchautor Jay Cocks zusammensetzte, nahm das Script langsam Formen an, die mir gefielen. Endlich hatten wir ein Drehbuch, aus dem alles Überflüssige entfernt war: Es ging nur noch um den spirituellen Kern der Story. Mit Jay hatte ich ja zuvor auch schon sehr erfolgreich bei meinen Filmen „Zeit der Unschuld“ und „Gangs of New York“ zusammengearbeitet, er wusste also ganz genau, was ich wollte. Doch wenn ich ganz ehrlich sein soll: Der Film ist zwar abgedreht – für mich aber immer noch nicht fertig.

Können Sie das bitte etwas näher erläutern?
„Silence“ wird mich wohl für den Rest meines Lebens begleiten. Weil der Film auch zeigt, dass der Glaube etwas ist, das man nicht als selbstverständlich hinnehmen sollte. Man muss immer darum ringen. Es bleiben immer Fragen offen. Glauben heißt ja eben: nicht wissen. Glauben ist vertrauen. Und als echter Christ sollte man auch diesbezüglich ein Beispiel für andere sein. Deshalb versuche ich, mein Leben so verantwortungsbewusst und sinnvoll wie möglich zu leben. Und zwar von Tag zu Tag.

Inwieweit sind Ihre Filme persönlich oder gar autobiographisch?
Das ist eine gute Frage. Alle meine Filme haben einen sehr starken persönlichen Bezug. Ich befasse mich darin mit den Dingen des Lebens, die wohl in meine DNS eingeschrieben sind. Die mich nicht loslassen, denen ich auf die ein oder andere Art auf den Grund gehen muss. Ja, ich mache zum Beispiel Filme, in denen Menschen anderen Menschen schreckliche Dinge antun. Wenn jemand – wie ich – in den 50er und 60er Jahren in New York aufgewachsen ist, dann gehörte diese Art von Gewalt zum Alltag dazu.

Vor allem in Little Italy, wo die Mafia damals noch das Sagen hatte.

Ja, das hat mich sehr geprägt. Little Italy war mein Hafen, meine Stätte der Zuflucht und Gefängnis zugleich. Ich möchte an dieser Stelle auch noch betonen, dass ich in meinen Filmen nie Gewalt verherrlicht habe. Ich habe sie immer als das gezeigt, was sie ist: brutal, schrecklich, unmenschlich. Ich mache nun mal realistische Filme, die Menschen in der Krise zeigen, im Konflikt mit sich und Gott und der Welt, in einem moralischen Dilemma. Erinnern Sie sich noch an „Taxi Driver“?

Oh ja, sehr gut.
Bei „Taxi Driver“ habe ich versucht, durch die exzessive Gewalt eine kathartische Wirkung herbeizuführen: Als Zuschauer wünscht man sich zuerst zwar, dass Travis Bickle bei seinem Rachefeldzug tötet, aber dann erschrickt man darüber – über das, was man auf der Leinwand sieht, aber auch über sich selbst. In all meinen Filmen versuche ich, die menschliche Befindlichkeit – und gerade auch den menschlichen Makel – zu ergründen. So gesehen sind sie also auch autobiographisch – und zwar in einem spirituellen oder philosophischen Sinn.

Sie wollten ja ursprünglich Priester werden.
Ja, aber ich wurde nicht ins Priesterseminar aufgenommen, was letztlich ein großes Glück für mich war. Denn ich bezweifle sehr stark, dass ich mich als Priester hätte so entfalten können. (Lacht) Vom Zölibat mal ganz zu schweigen. Aber ich bin immer noch religiös – oder um ein weniger belastetes Wort zu wählen: spirituell.

Sie machen seit 50 Jahren Filme …
… und ich sehe mir Filme seit über 60 Jahren an…

… was hat Sie – außer Filme, New York und Religion – sonst noch geprägt?
(Lacht) Das sind schon mal drei gute Eckpunkte. Natürlich meine Beziehung zu Freunden und Frauen. Meine Frau, meine Kinder – ach, nennen wir es einfach das gelebte Leben. Die vielen künstlerischen Auseinandersetzungen und Herausforderungen. Aber das wichtigste waren und sind immer Menschen.

Sie arbeiten am liebsten mit Leuten, die Sie schon lange kennen …
… das ist richtig. Und zwar vor und hinter der Kamera. Das ist ein absoluter Luxus, den ich mir, wann immer ich kann, sehr gerne leiste. Wenn ich mit Freunden arbeite, werde ich ruhiger. Wie gerne habe ich zum Beispiel mit Michael Ballhaus gearbeitet. Er war viel mehr als nur mein Kameramann. Er war mein Freund, mein Ratgeber, mein Retter, der mich in den dunklen Stunden des Zweifelns wieder aufrichtete. Dasselbe trifft übrigens auch auf meine Cutterin Thelma Schoonmaker zu, die seit 1969, also seit „Who’s That Knocking At My Door“, alle meine Filme schneidet. So auch „Silence“. Ich wüsste nicht, was ich ohne sie machen würde.

Warum haben Sie die Hauptrolle in „Silence“ eigentlich nicht Ihrem Lieblingsschauspieler Leonardo DiCaprio gegeben?
Weil Leo mittlerweile zu alt für die Rolle ist. Im Laufe der Zeit wollte ich den Film auch mit Daniel Day-Lewis, Benicio del Toro und Gael García Bernal machen. Die hätten zur jeweiligen Zeit auch ganz wunderbar gepasst. Aber durch die ständigen Verzögerungen wurde dann nichts daraus. Ganz aktuell hatte ich einen Schauspieler im Sinn, der die Rolle aber nicht spielen wollte, weil er in seiner Verwandtschaft einen – wie er sagte – „heuchlerischen Priester“ hatte und deshalb absagte. Schließlich bin ich auf Andrew Garfield gekommen. Und der verkörpert den Jesuiten-Priester Sebastião Rodrigues mit der nötigen religiösen Inbrunst ganz hervorragend. Er ist ein sehr leidenschaftlicher Schauspieler.

Sie haben mit unzähligen großen Stars zusammengearbeitet, wie Robert de Niro, Paul Newman, Liza Minnelli, Jerry Lewis, Jack Nicholson …
… alles wunderbare Menschen und Künstler, mit denen ich sehr gut ausgekommen bin. Wenn man mit talentierten Menschen arbeitet, dann ist man eigentlich schon auf der sicheren Seite. Denn ganz egal, was sie machen, ihr Instinkt sagt ihnen meist sehr schnell, was gut ist und was nicht.

Hitchcock hat Schauspieler – nach eigener Aussage – gerne „wie Rindviecher“ behandelt. Das würden Sie nie tun, oder?
Ganz sicher nicht. Denn das wäre nicht nur unmenschlich, sondern auch ziemlich dumm. Und ich bezweifle stark, dass Hitchcock das tatsächlich getan hat. Schauspieler können einem so viel geben. Man sollte sie mit großem Respekt behandeln.

Für „Silence“ gab es eine Sondervorführung im Vatikan. Wollten Sie so die Anerkennung des Papstes Franziskus und einer Handvoll ausgewählter Jesuiten einholen?
Sie meinen, als Wiedergutmachung? Weil man mich dort vor 30 Jahren für meinen Film „Die letzte Versuchung“ der Blasphemie beschuldigt hat? Nein, natürlich nicht. Den Film dort zu zeigen war schon ein Wagnis. Ich wusste wirklich nicht, wie die Reaktion darauf sein würde. Aber wie ich hörte, hat „Silence“ dem Papst sehr gut gefallen. Die Vorführung fand übrigens in einer alten Kapelle statt. Über der Leinwand befand sich eine lebensgroße Statue von Jesus am Kreuz. Während der Film lief, schaute ich ab und zu auf das Kreuz. Ich kriege heute noch Gänsehaut, wenn ich daran denke.

Charlie Chaplin sagte einmal, dass Regisseure besonders vorsichtig sein müssen beim Filmemachen, denn im Himmel müssen sie ihre eigenen Werke Tag und Nacht ansehen. Haben Sie davor Angst?
(Lacht) Nicht wirklich.

Verraten Sie uns zum Abschluss noch Ihr Lebensmotto?
Wie wäre es mit „Vocatus atque non vocatus deus aderit“? Der Satz stand über der Haustür des großen Psychiaters Carl Gustav Jung. „Gerufen oder nicht gerufen, Gott wird kommen“. Besser kann man es nicht sagen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion