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Wie ist das so? Im Programm berichten vor allem Angehörige marginalisierter Gesellschaftsgruppen von ihrem Leben.

Lebensgeschichten

Menschen zum Ausleihen

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In einer australischen Bibliothek liegen nicht nur Bücher bereit: Besucherinnen und Besucher werden Lebensgeschichten persönlich erzählt.

Von außen wirken die grauen Betonmauern der Staatsbibliothek im australischen Brisbane eher wie eine undurchdringliche Festung. Doch im Inneren verbergen sich wie bei so vielen Bibliotheken unersetzliche Wissensschätze: Bücher, Zeitschriften, Plakate, Broschüren, Filme und Fotografien – geschichtliche Zeitzeugen, Unterhaltsames, Spannendes und Lehrreiches.

Seit Kurzem bietet die State Library of Queensland außerdem ein Programm an, bei dem Besucherinnen und Besucher gewissermaßen auch ein menschliches Buch lesen können. Einmal im Monat können die Gäste der Bibliothek eine echte Person „ausleihen“, um sich ihre Lebensgeschichte anzuhören.

Unter ihnen ist beispielsweise Shelly Moreton, eine indigene Frau, die erzählt, wie sie als Aborigine in Brisbane aufgewachsen ist. Sie berichtet, wie sie von ihren Großeltern in der Aborigin-Siedlung One Mile auf North Stradbroke Island großgezogen wurde, einer Insel, die etwa 30 Kilometer südöstlich des Zentrums von Brisbane liegt.

„Wenn ich mein Zuhause besuche, ist es, als würden mich die Vögel und Bäume willkommen heißen“, erzählte Shelly Moreton dem lokalen Sender ABC von ihrem Zuhause. „Ich kann den Geist des Ortes spüren, es ist, als würden die Bäume mir zuwinken und mich daheim begrüßen, und ich kann das Chaos des Lebens zurücklassen.“

Wie war das damals? Die Idee kommt bei den Gästen gut an.

Moreton möchte nicht nur ihre eigene Geschichte erzählen und sich mit anderen Menschen in Verbindung setzen, sondern auch „Bewusstsein für die indigene Kultur und die indigene Geschichte von Brisbane und Stradbroke“ schaffen. „Hoffentlich werden die Leute, die mich aus der Bibliothek ausleihen, ein wenig sensibilisiert und lernen etwas über mein Leben“, sagte sie. „Und hoffentlich werden sie sagen, das war ein gutes Buch.“

Neben Moreton können Besucherinnen und Besucher der Bibliothek zum Beispiel auch Anne Zafer ausleihen. Ihre Großmutter und Großvater waren unter den ersten griechischen Auswanderern, die Anfang des 19. Jahrhunderts nach Australien kamen. Das Haus ihrer Großeltern stand einst dort, wo heute das Kunstmuseum in Brisbane ist. „Wenn ich in die Kunstgalerie gehe, dann denke ich an den schönen Garten meiner Großmutter“, erzählt Anne Zafer.

Auch sie möchte nicht nur ihre eigene Lebensgeschichte weitergeben. Zafer will ebenso die der Menschen erfragen, die sie ausleihen. Diese, die Besucherinnen und Besucher, können die Menschen für je 20 Minuten ausleihen. Dabei gelten ähnliche Regeln wie bei Büchern. Auch wer sein „menschliches Buch“ zu spät wieder zurückbringt, muss eine Strafgebühr zahlen.

Laut Lone Keast von der Staatsbibliothek in Brisbane kommt die Idee ursprünglich aus Dänemark, wo man sie zum ersten Mal vor 20 Jahren austestete. „Die menschlichen Bücher stammen aus Gruppen in der Gesellschaft, die stereotypisiert, missverstanden und diskriminiert wurden“, sagt Keast. Für sie geht es im Projekt deswegen auch darum, mehr Verständnis für Randgruppen zu schaffen – für indigene Menschen etwa, Geflüchtete, Menschen mit verschiedenen kulturellen Hintergründen und sexuellen Orientierungen.

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