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Sie fliegen endlich wieder ? auch über Europa: Waldrappe zählt der WWF zu den Gewinnern des Jahres.

Waldrapp

"Der Mensch ist der entscheidende Faktor"

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Einst gehörte der Waldrapp zu den stark bedrohten Tierarten, nun hat sich der Bestand dieser Vogelart erholt. Experte Johannes Fritz erklärt die Gründe im Interview mit der FR.

Herr Fritz, der WWF stuft den Waldrapp als einen der „Gewinner des Jahres“ ein. Zu Recht?
Der Waldrapp steht auf der Roten Liste der bedrohten Arten, das ist an sich kein Grund zum Feiern, sondern zum Handeln. Allerdings galt diese Ibisart noch vor wenigen Jahren als eine der bedrohtesten Vogelarten weltweit, und im August dieses Jahres konnte der Waldrapp von „critically endangered“ eine Stufe auf „endangered“ zurückgestuft werden. Grund dafür ist die sehr erfreuliche Zunahme der verbliebenen Wildpopulation in Marokko. Zudem gibt es inzwischen in Europa wieder zwei angesiedelte, wildlebende Populationen, eine in Andalusien und eine dank unseres Projektes. Aber die wohl außergewöhnlichste Entwicklung ist, dass es durch unser Projekt auch wieder Waldrappe gibt, die ein arttypisches Zugverhalten zeigen. Als Zugvogel war der Waldrapp schon lange ausgestorben, die verbliebenen Vögel in Marokko ziehen nicht mehr. So gesehen ist der Waldrapp durchaus ein Gewinner, auch wenn er nach wie vor bedroht ist. 

Was hatte den Waldrapp denn einst aus Europa vertrieben?
Der Waldrapp ist in Europa schon im Mittelalter verschwunden. Die verfügbaren Daten weisen darauf hin, dass er insbesondere durch Bejagung dezimiert wurde, er war dazumal ein begehrter Speisevogel.

Auf welche natürliche Umgebung ist der Waldrapp denn angewiesen?
An sich ist der Waldrapp recht flexibel und anpassungsfähig. Er ist ein Kulturfolger, der landwirtschaftliche Nutzflächen zur Nahrungssuche nutzt und auf Masten und Dächern ruht. Er braucht aber geeignete Felsnischen oder zumindest Mauernischen in ausreichender Zahl zur gemeinschaftlichen Brut. Wir nehmen an, dass dieser Bedarf früher wie heute die Verbreitung der Art bestimmt und gestaltet.

Was sind die größten Hürden bei der Waldrapp-Wiederbesiedlung Europas?
Der entscheidende Faktor ist der Mensch. Zum Glück gibt es keine prinzipiellen Vorbehalte gegen den Waldrapp wie etwa bei anderen wiederkehrenden Arten. Und doch bedroht der Mensch den Waldrapp direkt, durch illegale Jagd in manchen Ländern wie Italien, und indirekt durch ungesicherte Mittelspannungsmasten, auf denen die Vögel durch Stromschlag umkommen. Wir müssen die Verluste durch beide Faktoren reduzieren, um dem Waldrapp in Europa ein nachhaltiges Überleben zu ermöglichen. Aber wir sind auf einem guten Weg, was auch vielen anderen Vogelarten zugute kommt.

Welche Rolle spielt der Klimawandel?
Der Klimawandel betrifft schon heute alle Ökosysteme und alle Arten. Beim Waldrapp betrifft das insbesondere das Zugverhalten. Die Vögel tun sich schwer, im Herbst den rechten Zeitgeber zu finden, um die Herbstmigration zu beginnen. Wir haben 2014 einen großen Teil der Population verloren, weil sie zu lange am Alpennordrand blieben und letztlich im Schnee festsaßen. Es scheint aber, dass die noch junge Population zunehmend Erfahrung sammelt und die Migration immer besser gestaltet. 
 
Und wie stehen nun die Aussichten, dass sich der hiesige Bestand so einstellt, dass die Weltnaturschutzunion IUCN den Waldrapp als „least concern“, also als kaum gefährdet, einstuft?
Bis dahin ist es noch ein langer Weg. Maßgeblich ist nicht nur die weitere Entwicklung in Europa, sondern auch in Marokko und in anderen Ländern mit ehemaligen Vorkommen. Aber ich bin sicher, dass die europäischen Wiederansiedlungsprojekte auch in Zukunft maßgeblich dazu beitragen werden, dass der Waldrapp zu den Gewinnern zählt. 

Sind die Regierungen dem eher Helfer oder Hindernis?
Es bedarf teils aufwendiger Genehmigungsverfahren für die Wiederansiedlung des Waldrapp. Aber das sind notwendige Formalismen. Wesentlich ist, dass wir breite Unterstützung bekommen, von Ländern, Kommunen und Behörden. Hervorheben möchte ich die Europäische Gemeinschaft. Das europäische Live-Programm ermöglicht eine Vielzahl von erfolgreichen Natur- und Artenschutzprojekten. In diesem Rahmen ist Artenschutz erfolgreich und nachhaltig möglich.

Interview: Simon Berninger

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