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Kein Crowdsurfing, kein Headbanging. Das W:O:A macht 2020 Zwangspause.
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Kein Crowdsurfing, kein Headbanging. Das W:O:A macht 2020 Zwangspause.

Wacken

Melancholische Metaller

Nicht nur zum Verdruss vieler Metalfans wird es 2020 seit Jahrzehnten erstmals einen Sommer ohne das legendäre Wacken-Open-Air geben. Das trifft auch den kleinen Ort in Schleswig-Holstein schwer.

Mit Regenschirmen spazieren zwei Frauen die Straße entlang. Wackens Felder links und rechts sind grün – und bleiben in diesem Sommer leer. Sonst stehen dort Ende Juli Massen von Zelten. Nur die Reihe mobiler Toilettenhäuschen zeigt, dass etwas fehlt. Seit 30 Jahren findet dort eines der größten Heavy-Metal-Festivals der Welt, das Wacken Open Air (W:O:A), statt. Wegen der Pandemie fällt „Wacken“ – geplant vom 30. Juli bis 1. August – nun aus. „Normalerweise wäre hier alles voll. Menschenmassen“, sagt Spaziergängerin Hannelore Eckmann. „Es war eigentlich immer schön.“

Ein Hauch von Melancholie umweht den kleinen Ort, mitten auf dem Land in Schleswig-Holstein ist es ruhig. Vor Bäcker und Supermarkt wird es keine Schlangen geben, keinen Stau auf der Anfahrt zum Festivalgelände. „Das ist ganz schön leer im Ort“, sagt die Bankangestellte Nadine Ehlers. Dabei waren die 75 000 Tickets bereits nach 21 Stunden vergriffen.

Wie sich Wacken ohne W:O:A anfühlen wird, weiß Festivalmitbegründer Thomas Jensen noch nicht. Das habe er 30 Jahre nicht erleben müssen. „Wahrscheinlich kommt unser Biorhythmus durcheinander und die Ohren fallen ab“, sagt der 54-Jährige. Feiern soll die Metalszene trotzdem, zu Hause beim Onlinefestival („Wacken World Wide“) vom 29. Juli bis 1. August. Blind Guardian, In Extremo, Kreator und Sabaton sind dabei. Das sei zwar Livemusik, aber „keine Kopie vom Richtigen“, sagt Jensen. Das Wacken-Wochenende könne keiner ersetzen.

Die Veranstalter sind in Kurzarbeit, Arbeitsverträge liefen aus. „Ein Jahr halten wir durch“, sagt Jensen. Mehr als 90 Prozent der Besucher haben ihre Tickets für 2021 eingetauscht. „Diese Szene ist sehr stark und robust.“ Jensen setzt auf Kreativität. Nötig seien Lösungen, „wie der Rock‘n‘Roll weiter existieren kann“. Er hält auch größere Veranstaltungen unter Corona-Bedingungen für machbar. Ein Punk- oder Metalkonzert mit 1,50 Meter Abstand könne er sich aber nicht vorstellen. „Wir wollen nicht jammern, wir müssen nach vorn schauen.“

Masken wurden in Wacken schon 2019 getragen.

Auch dem Ort Wacken mit gut 2000 Einwohnern reißt der Ausfall ein Loch in die Kasse. „Das ist eine Katastrophe“, sagt Bürgermeister Axel Kunkel. „Für uns als Gemeinde ist das ein erheblicher Einbruch.“ Vieles liege wegen der niedrigeren Einnahmen auf Eis, beispielsweise Investitionen in Höhe von 200 000 Euro in Straßen und Wege.

Der Ausfall ist bitter für die Läden in Wacken und auch für die 30 bis 40 Leute, die zum Festival einen Bierstand oder eine Imbissbude auf die Einfahrt stellen. „Mit Sicherheit geht da ein Urlaub flöten“, sagt der Bürgermeister. Anwohner Erhard Lipp teilt das: „Ich gehe davon aus, dass sich mancher mit den Standverkäufen seinen Urlaub verdient hat.“

In den Vorjahren reisten Metalfans schon Tage vor Festivalbeginn an, stellten auf den Wiesen ihre Zelte auf und prägten das Ortsbild. In der Eisdiele packt Alex Baldassar mehrere Kübel Eis in die Auslage. „Wir leben vom Dorf“, sagt er. Das Festival habe dem kleinen Laden aber zusätzliche Einnahmen gebracht. „Da fehlt schon viel, das ganze Flair.“ Die Besucher wollten Spaß haben, „die sind alle gut drauf“.

Karin Steinke ist seit 20 Jahren Kellnerin im Gasthof „Zur Post“. Der habe viele Stammgäste, mit denen sie per du sei. Dass Corona das Festival verhindere, sei „für uns alle unfassbar. Der Schock sitzt noch tief.“ Für den Gasthof bedeutet dies Umsatzeinbußen. „Das wird schon komisch ohne“, sagt auch Bäckereiverkäuferin Katja Harders.

Einige Touristen kommen aber doch. Vor dem ehemaligen Getreideturm mit dem Wacken-Logo hält bei Nieselregen ein Wohnmobil. Gabriele Seidl steigt aus und fotografiert das Festivalwahrzeichen. „Unser Sohn kommt jährlich“, sagt die Touristin aus der Nähe von Ingolstadt. „Nächstes Jahr ist er wieder dabei, hat er gesagt.“

Möglicherweise werden zur Festivalzeit doch einige Metalfans kommen. „Manche Leute machen in Wacken ja Urlaub“, sagt Bürgermeister Kunkel. Partys auf den Wiesen soll es aber nicht geben. „Wir werden kein wildes Zelten zulassen.“ Festivalgründer Jensen sagt: „Wer uns supporten will, kommt an dem Wochenende nicht nach Wacken.“ (dpa)

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