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„Diejenigen, die so etwas schreiben, fühlen sich klein“: Natascha Kampusch muss sich seit 13 Jahren mit Anfeindungen auseinandersetzen.

Natascha Kampusch

„Meist ist es Neid“

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Natascha Kampusch wurde als Mädchen entführt und acht Jahre gefangen gehalten. Nicht alle Menschen bringen ihr Verständnis und Mitgefühl entgegen, bis heute wird sie beschimpft und angefeindet. Nun hat sie ein Buch über Hass im Netz geschrieben.

Natascha Kampusch, 31, wurde 1998 als Zehnjährige von einem arbeitslosen Nachrichtentechniker in Wien entführt und von diesem acht Jahre lang im Keller seines Hauses gefangen gehalten. 2006 gelang ihr die Flucht, wenige Stunden später beging ihr Entführer Suizid. Kampusch arbeitete als Moderatorin und gründete ein Schmucklabel.

Frau Kampusch, Sie haben in Ihrem Buch „Cyberneider“ über Cyber-Mobbing geschrieben – kein Thema, mit dem man den Namen Natascha Kampusch zunächst verbindet …
In einem Artikel hieß es einmal, ich sei das erste prominente Opfer von Online-Mobbing. Das Thema liegt mir sehr am Herzen. Es gibt so viel Hass im Netz – auch jenseits von üblichem Sexismus und Frauenfeindlichkeit. Mit war es wichtig aufzuzeigen, wie es mir ergangen ist. Außerdem will ich mit dem Buch anderen helfen, sich vom Hass zu lösen und sich dem nicht so lange ausgesetzt zu fühlen. Ich will auch zeigen, was man dagegen tun kann.

Nach Ihrer Flucht aus der achtjährigen Gefangenschaft 2006 wurde vieles an Ihnen – auch im Netz – kritisiert. Was macht das mit einem?
Es erschwert den Alltag. Nicht nur im Internet durch Hasspostings – wie sie auch Greta Thunberg gerade massiv bekommt –, auch im alltäglichen Leben. Manche gehen sogar auf der Straße auf einen zu und sagen Sachen, die ein normaler Mensch nicht ansprechen würde.

Zum Beispiel?
So Dinge im Sinne von – „geh doch sterben“ – oder so etwas. Oft im Vorbeigehen, aber ohne mir dabei in die Augen zu schauen.

Mediengeil, habgierig, verlogen – welche Vorwürfe haben Sie besonders getroffen?
Dass alles nicht so schlimm war, was ich erlebt habe. Und dass es Leute gibt, die noch viel ärmer dran sind als ich. Auch die Angriffe auf meine Familie haben mich getroffen. Viele wollten mich vielleicht auch gebrochener sehen. Einige Journalisten haben versucht, so etwas Schmutziges in meine Geschichte zu bringen. Dabei vergessen die Leute, dass ich mit dem Ganzen leben muss.

Natascha Kampusch:Cyberneider – Diskriminierung im Internet, Dachbau Verlag, 198 S., 19,99 Euro

Können Sie sich diesen Hass erklären?
Meist ist es Neid. Und diejenigen, die so etwas schreiben, fühlen sich klein. Es sind Menschen, die keine echten Beziehungen unterhalten, die oft auch den Bezug zur Realität verloren haben. 

Wäre es nicht einfacher für Sie gewesen, anonym zu bleiben?
Gleich nach meiner Flucht wurde ich ja von der Presse verfolgt. Dann gab es tatsächlich die Debatte, einen neuen Namen anzunehmen. Aber meine Eltern waren ja schon sehr bekannt, die Journalisten lauerten ihnen auf. Es wäre schwierig geworden, mich geheim zu halten, weil auch meine Eltern Zeit mit mir verbringen wollten. Ich denke, mein Leben wäre nicht leichter gewesen. Ich hätte meinen Namen ändern müssen, ich hätte keine Mittel gehabt, keine Ausbildung, kein Verständnis von anderen. Ich hätte viele Menschen über meine Vergangenheit belügen müssen.

Es gab und gibt Leute, die meinen, Ihre Geschichte genau zu kennen …
Ja, es gab ja schon früh im Internet Verschwörungstheorien. Indem ich an die Öffentlichkeit gegangen bin, wollte ich immer verhindern, dass meine Geschichte von Menschen instrumentalisiert wird, die da etwas hineininterpretieren, was gar nicht stimmt. Ich wollte nicht, dass es so eine Art Gruselmärchen wird. Es ging mir um meine eigene Deutungshoheit. Ich denke, das ist mir ganz gut gelungen.

Wie gehen Sie mit dem Hass im Netz um?
Wenn es eine Art Verleumdung und wenn es die Unwahrheit ist, dann muss man das rechtlich prüfen lassen. Ich blockiere ab und zu Leute auf Twitter. Ich schaue, ob ich genug Belege finde. Schaue, was die sonst noch so twittern und melde sogar das, was sie bei jemand anderem geschrieben haben. Wenn ich nämlich nur meins anprangere, wird es vielleicht ungehört bleiben. Es wurden meinerseits schon Leute auf Unterlassung verklagt.

Welche besonderen Eigenschaften haben Sie, um acht Jahre Gefangenschaft auszuhalten?
Ich vermute, die Eigenschaft, sich in den anderen hineinzuversetzen, aber auch Durchhaltevermögen und Optimismus. Dass man um die Situation weiß, das Ganze fokussiert und kontrolliert betrachtet. Und die Nerven behält.

Kann das ein zehnjähriges Kind überhaupt?
Wenn jemand diese Eigenschaften hat, hat er die ja auch schon als Kind.

Wie sehr bestimmt die Entführung Ihr heutiges Leben?
Es bestimmt immer wieder mein tägliches Leben, indem ich einige Dinge einfach vermisse: Freunde aus dem Gymnasium, Erinnerungen an Klassenfahrten, Geburtstage oder Urlaube mit der Familie.

Gibt es Momente, in denen Sie die Geschehnisse einholen?
Manchmal erinnern mich Gerüche oder Ähnliches an die Zeit in der Gefangenschaft. Zum Teil trifft es mich sehr hart, dann wieder nicht. Am meisten trifft es mich, wenn ich Menschen begegne, die kein Verständnis haben, sondern in die Richtung denken, dass Frauen nichts wert sind und dass man sie unterdrücken kann. Da kommt dann vieles auch wieder hoch. Die acht Jahre haben mich natürlich geprägt. Der Körper und die Seele merken sich das.

Und trotzdem nannten Sie Ihre Selbstbefreiung den Tag Null …
Er war zumindest für diesen Teil meines Lebens eine Wiedergeburt. Ich war bis dahin nie als erwachsene Person frei, weil ich davor ein Kind war. Deswegen hat vieles für mich so begonnen, wie für viele Erwachsene auch – nur eben mit einer anderen Vorgeschichte.

Sie haben einmal gesagt, es wäre gut, wenn der Täter noch leben würde, um Antworten zu bekommen. Wie sehen Sie das heute?
Na ja. Es wäre natürlich schon vernünftiger, weil man mit der Person reden könnte. Aber selbst, wenn man darüber spricht, heißt es natürlich nicht, der Sache ganz auf den Grund zu gehen.

Wird Ihnen Ihre Bekanntheit manchmal zu viel?
Nicht mehr so wie früher. Durch das, was mir passiert ist, sind auch viele Menschen offen und warmherzig zu mir gekommen. Vielleicht hätte ich ohne Anlass diese Warmherzigkeit nie verspürt. Meine Erfahrungen mit Menschen sind sehr gemischt.

Was sind Ihre Ziele für die Zukunft?
Mal schauen, was da noch so kommt. Wichtig ist mir, weiterhin etwas für mich zu lernen, Dingen auf den Grund zu gehen. Das mit der Schmuckkollektion kommt jetzt auch wieder, außerdem werde ich meine karitative Arbeit nie aufgeben. Vielleicht habe ich demnächst wieder einen Schwung, wo mir das super gelingen wird.

Welches Verhältnis haben Sie heute zu Journalisten – auch das war ja nicht immer ein Gutes?
Ich habe viele nette Journalisten in den vergangenen Jahren getroffen. Aber früher bin ich offenbar auf die ganz Hinterhältigen gestoßen. Es hat auch jemand ein Buch über mich geschrieben, obwohl ich es nicht wirklich abgesegnet habe. Aber es wurde behauptet, es sei zu meinem Besten, dadurch werde den Leuten gezeigt, wie ich wirklich gelitten habe. Das ist Käse, weil es kann nicht zu meinem Besten sein.

Interview: Heike Manssen

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