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"Die Menschen auf dem Land brauchen einen." ? Amin Ballouz hat in China Seminare besucht und ein paar Jahre in Schottland praktiziert: "Auch dort bin ich manchmal bis zu 100 Kilometer gefahren."

"Meine Patienten sind meine Familie"

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Als 16-Jähriger floh Amin Ballouz vor den Bomben in Beirut. In den 70er Jahren studierte er in Halle Medizin. Heute ist er Landarzt in Schwedt an der polnischen Grenze. Er liebt seinen Beruf ? und das Leben in der Provinz.

Der Trabi knattert die Berliner Allee in Schwedt runter. Amin Ballouz tritt jetzt schon das dritte Mal abrupt auf die Bremse, lehnt sich aus dem Fenster und ruft: „Wissen Sie, wo ich die Alten-Wohngemeinschaft finde?“ Ein Mann, der gerade vorbeischlurft, deutet irritiert in die andere Richtung. Ballouz dreht um. Während er das Lenkrad einschlägt, brummelt er vor sich hin, dass er hier doch schon einmal gewesen sei. Dass er Schwedt genau kenne. Und dass er keine Zeit zu verlieren habe.

Er findet die WG fünf Minuten später, schält sich aus dem Auto, greift sich die schwarze Arzttasche auf dem Rücksitz und rennt los. Im zweiten Stock klingelt er an einer Tür. Eine Krankenschwester schickt ihn noch eine Etage höher.

Er kommt verschwitzt in der WG an. Ihn empfängt der Geruch von Sauerkraut. Dazu gab es Eisbein. Frauen in orangefarbenen Shirts und weißen Hosen sitzen um einen Tisch. Sie sortieren Akten und Zettel. Die Patienten schlafen. Ballouz platzt wie ein Orkan in die Stille. Für ihn ist jeder Hausbesuch ein möglicher Notfall.

Amelie G. liegt in ihrem abgedunkelten Zimmer, kann sich kaum regen. Sie leidet unter Bluthochdruck, ihre Beine krampfen, ihr Kopf hämmert. Sie ist schwach. Ihr Mann liegt im Nachbarzimmer, auch er kann sich kaum bewegen. Noch vor ein paar Monaten konnte das Ehepaar am WG-Leben teilnehmen. Es wählte mit den Mitbewohnern zusammen das Mittagessen aus. Gemeinsam schälten sie Kartoffeln, raspelten Möhren, deckten den Tisch. Jetzt sind sie Pflegefälle.

Ballouz drückt die Hand von Amelie G., fühlt ihren Puls und flüstert ihr sanft zu: „Ich schreibe Ihnen was auf, gnädige Frau. Dann geht es Ihnen besser.“ Als er „gnädige Frau“ sagt, hellen sich die Augen der 80-Jährigen auf, sie lächelt ihn an.

Es ist 14 Uhr – und ein ganz normaler Tag für den Landarzt Amin Ballouz. Um sieben Uhr hat er seine Praxis am Bertolt-Brecht-Platz 1a in Schwedt geöffnet. 20 Patienten warteten schon. Im Laufe des Vormittags wurden es 78. Sie klagten über Rheuma, Rückenprobleme, Herz-Kreislauf oder Husten.

Der letzte Patient vor der Mittagspause um 12.30 Uhr musste operiert werden. Sein Zehennagel war eingewachsen. Danach hat sich Ballouz gleich in seinen Trabi gesetzt, um Hausbesuche zu machen. Drei hat er jetzt noch vor sich. Um 15 Uhr öffnet er seine Praxis wieder.

Bundesländer kämpfen mit Ärztemangel

Amin Ballouz ist 59 Jahre alt. Er ist quirlig, temperamentvoll, aber auch entschlossen und fürsorglich. Seit 2010 lebt er in Schwedt und avanciert seit geraumer Zeit zum Vorzeigemann für eine in vielen Regionen aussterbende Spezies, den Landarzt. Amin Ballouz ist einer, den TV-Teams und Print-Journalisten begleiten. Es gibt sogar ein Buch über ihn. Dieser Mann hat etwas zu erzählen, weil er dem Trend trotzt, in Ballungszentren oder Speckgürtel zu ziehen und dort zu praktizieren.

Die Uckermark ist eine schwierige Region. Es gibt kaum Jobs, kaum Perspektiven. Die Jungen hauen ab, die Alten bleiben. Amin Ballouz sieht manchmal tagelang keine Kinder auf den Straßen. Er sagt: „Die Eltern sind gegangen. Für viele ist es nicht attraktiv, auf dem Land zu leben.“ Viele deprimierten die leer gefegten Dörfer, in denen es nicht mal mehr Restaurants oder Bars, Versicherungs-Zweigstellen oder Tante-Emma-Läden gebe.

Brandenburg steht nicht alleine da. Fast alle Bundesländer in Deutschland haben mit dem Ärztemangel zu kämpfen. Überall suchen Landesregierungen – oft zusammen  mit Ärztekammern und Kassenärztlichen Vereinigungen – nach Lösungen. Roland Stahl, Sprecher des Bundesverbandes der Kassenärztlichen Vereinigungen, sagt: „Es ist sehr schwierig, den Mediziner-Nachwuchs in die ländlichen Regionen zu bekommen.“

Seit Jahren schaffen die Kassenärztlichen Vereinigungen Anreize – helfen finanziell beim Praxisaufbau, stellen kostenlos Wohnungen zur Verfügung. Je nach Region bekommen Mediziner bis zu 55 000 Euro Lockprämie. Im Angebot sind ebenso Vergütungszuschläge oder Umsatzgarantien für niederlassungswillige Mediziner. Denn es gilt zu handeln: Bis 2030, so die Prognosen, gebe es zu wenig Ärzte. „Viele sind heute um die 60 Jahre alt und haben Probleme, einen Nachfolger zu finden“, sagt Stahl.

Einer, der das Problem kennt, ist Rainer Fricke. 78 ist er, seine Praxis im Oderbruch führt er seit 50 Jahren. 5000 Patienten stehen in seiner Kartei. Fünf Jahre lang hat er einen Nachfolger gesucht. In anderthalb Jahren könnte eine junge, aus Dresden stammende Ärztin die Praxis übernehmen.

Amin Ballouz hat sich damals überreden lassen, nach Brandenburg zu ziehen. Eigentlich wollte er nach Berlin. Dort hieß es, man habe genug Hausärzte. Die Kassenärztliche Vereinigung Brandenburg pries ihm Schwedt an. Und auch seine vier Kinder, die verstreut in der Welt leben, bestärkten ihn. Dort könne er jagen, fliegen und Trabi fahren. Seine Hobbys leben, auch das Malen. Ballouz sagt: „Sie haben mir die Region schmackhaft gemacht.“

Also zog der gebürtige Libanese, der in London, Paris und Schottland gelebt hatte, nach Schwedt an der Oder. 100 Kilometer von Berlin entfernt, fünf Kilometer sind es zur polnischen Grenze, 50 Kilometer nach Stettin.

Amin Ballouz mag die Landschaft mit den Seen, Alleen, Wäldern – aber er weiß um die Tristesse der Papierfabriken, der Raffinerie und der Plattenbauten. Von 52 000 Einwohnern in den 80er-Jahren leben noch gut 35 000 hier. Immer noch verlassen mehr Menschen die Stadt als kommen. Die Arbeitslosenquote liegt bei 13,5 Prozent.

Amin Ballouz floh aus Beirut

„Ich habe den Umzug nach Schwedt bis heute nicht bereut“, sagt Ballouz. Und wenn ihm die Stadt fehle, fahre er eben eine Stunde mit dem Zug nach Berlin oder nach Stettin. Dort entdeckte er einmal ein Restaurant einer syrischen Flüchtlingsfamilie. Ballouz liebt ihr Essen, Lammkeule mit Couscous, Falafel, Taboulé, ihn erinnert das an früher. Und an die Odyssee, die er hinter sich hat.

Als Amin Ballouz 16 war, kam der Krieg nach Beirut. Christen und Muslime bekämpften einander. Seine Familie war bedroht, seine Mutter ist Muslimin, der Vater Christ. Als Teenager half Ballouz Verletzten, sah das Leid. Sein Lehrer starb bei einem Bombenangriff.

„Wir waren so jung, wir wurden um unsere Jugend betrogen“, erzählt er, während er mit dem Trabant über die Straßen holpert. „Mein Vater wollte uns Kinder außer Landes haben.“ Also kam Ballouz allein nach Syrien, machte dort sein Abitur. Da war er 17. Seine Mutter gab ihm damals mit auf den Weg: „Wenn du mit Menschen sprichst, denke immer daran, dass sie besser sind als du.“ Und genau erinnert er sich auch an den Tag, an dem seine Mutter einer Kundin ein Kleid schneidern sollte. Sie brauchte nicht einmal eine Schablone. „Sie hat zu mir gesagt. Entweder man kann etwas oder nicht.“ Das präge ihn bis heute.

Inzwischen ist es fast 15 Uhr. Amin Ballouz ist unterwegs in eine Plattenbausiedlung. Dort betreut er einen Patienten palliativ. Manfred M. sitzt auf dem Sofa, seine Wangen sind eingefallen. Er ist sehr schmal. Der einstige Fabrikarbeiter hat Metastasen in der Lunge und leidet an der unheilbaren Krankheit COPD. Amin Ballouz fragt: „Wie fühlen Sie sich auf einer Skala von eins bis zehn?“ Manfred M. sagt: „Drei.“ Seine Ehefrau lächelt. „Es war schon mal schlimmer.“ Sie fügt hinzu: „Er quält sich schon seit sieben Jahren.“

Fotos erinnern in der Wohnung an die Zeit vor der Krankheit. Das Paar trägt Cowboyhüte, sie waren aktive Line-Dancer. „Heute geht das natürlich nicht mehr“, sagt M.s Frau. COPD haben viele in Schwedt und Umgebung. Das liege an der Industrie, sagt Ballouz, an den giftigen Chemikalien, die jahrelang von den Arbeitern ohne Mundschutz eingeatmet wurden. Manfred M. bekommt heute eine höhere Dosis Schmerzmittel. Der Arzt geht und verspricht, das nächste Mal einen Kaffee mitzutrinken.

Ob Kaffee, Gebäck, Eier, Honig oder Broiler – viele empfangen den Hausarzt mit Naturalien. Das kennt er aus seiner Heimat. Man hilft und unterstützt sich. „Die Gastfreundschaft ist großartig hier“, sagt Ballouz. „Meine Patienten sind meine Familie“, sinniert er. „Bei uns im Libanon betreut man medizinisch eine ganze Familie. Auch den Hund und die Katzen. Hier ist es ähnlich.“

Das möge er am Landarztleben, sagt er, biegt scharf um eine Kurve – und stoppt vor einer Kleingartenkolonie. Klaus T., 53, bekommt eine Spritze, Ballouz dafür ein Glas Wasser und eine Zucchini – und weiter geht’s, die Praxis macht wieder auf.

Der Rentner Paul B. wartet schon seit einer Stunde, grinst. „Macht mir nichts. Ich fühle mich hier aufgehoben.“ Bevor er Ballouz fand, war er bei einem anderen Arzt. „Der hat mich gar nicht mehr richtig durchgecheckt. Als ich dann hierhin wechselte, stellte sich heraus, dass ich eine verschleppte Lungenentzündung hatte.“ Heute steht eine Ultraschall-Untersuchung an.

Im Behandlungsraum flucht Ballouz kurz. Eine Angestellte hat ihn das dritte Mal versetzt, sie ist einfach nicht erschienen. „Ich musste sie leider entlassen“, sagt Ballouz. Personal zu finden, sei nicht einfach. In der Praxis stehen Fotos seiner Kinder. Auch seine eigenen Bilder sind zu sehen. Er benutzt glühendes Rot und Orange, wenn er malt. Trist sieht anders aus.

Deutschland kennt er seit den 70er-Jahren. Seine Eltern wollten, dass er etwas Anständiges lernt, also studierte er Medizin in Halle und Aachen. 1976 kam er in Berlin an. In Ost-Berlin. Ballouz wusste nicht, dass die Stadt geteilt ist, er dachte während des Fluges noch, jetzt sehe er gleich überall Mercedes-Benz herumstehen. Er sah dann als Erstes einen Trabi. „Ich verliebte mich sofort in diesen Zweitakter“, sagt er.

Seinen Facharzt machte Ballouz später in Düsseldorf. In Peking bildete er sich zum Naturheilkundler weiter. Und er praktizierte in Schottland. „Auch dort bin ich manchmal bis zu 100 Kilometer gefahren. Die Menschen auf dem Land brauchen einen“, sagt er.

Amin Ballouz ist Pazifist. Beirut habe ausgesehen wie Dresden nach dem Zweiten Weltkrieg, sagt er. In Schwedt sei es friedlicher, wenn auch nicht unbedingt sicherer. 2011 legte der Ausländerbeauftragte Ibraimo Alberto, ein gebürtiger Mosambikaner, sein Amt nieder und verließ die Stadt. Die rechte Szene ist geblieben. Bis heute.

Auch Amin Ballouz hat rassistische Anfeindungen erlebt. Einmal warf jemand einen Stein in sein Fenster. Auf dem Stein war ein Hakenkreuz. Ballouz lässt sich nicht einschüchtern. „Wer mir Guten Tag sagt, dem sage ich auch Guten Tag. Und wer mir nicht Guten Tag sagt, dem sage ich trotzdem Guten Tag.“ Die meisten in Schwedt allerdings seien nett zu ihm, grüßten ihn, den etwas anderen Doktor. Und doch: Seit dem Vorfall mit dem Stein sei sein Frieden ein wenig verletzt.

Der Tag neigt sich dem Ende zu. 102 Patienten hat er heute behandelt. Morgen um  sieben geht es weiter. Dann wird er – wie jede Woche – ein Flüchtlingsheim besuchen und die Menschen dort behandeln.

Jetzt will Ballouz noch ein bisschen abschalten. Es ist 20 Uhr. Zeit, vielleicht ein Bild von seiner neuen Heimat zu malen. Auf seinen Bildern ist sie nicht grau, sondern bunt.

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