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Ja, es ist eine Rolex.

Olexesh

"Meine Mama hört meine CD im Auto"

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Früher warf die Mutter von Olexesh seine harten Raptexte in den Müll. Heute ist sie stolz auf seinen Erfolg. Kein Wunder: 2018 brach der Frankfurter einige Rekorde. Ein Gespräch.

Olexeshs Outfit sieht aus wie einem Rapper-Handbuch entsprungen: Rolex, Gucci-Bauchtasche, Luis-Vuitton-Schuhe. 2018 war, so sagt der Frankfurter, „magisch“: Denn der 30-Jährige hat in diesem Jahr nicht nur das meistgeklickte offizielle Musikvideo mit dem poppigen Titel „Magisch“ featuring Edin auf dem deutschen Youtube-Markt herausgebracht. Mehr als 60 Millionen Mal wurde es aufgerufen. Auch sein Album „Rolexesh“ schaffte es auf Platz 1 der deutschen Charts. Das war nicht absehbar: Als er sechs Jahre alt ist, kommt Olexij Kosarev, wie er mit bürgerlichem Namen heißt, mit seiner Mutter aus der Ukraine nach Deutschland. Sie leben zunächst im Flüchtlingsheim, später in einem Wohnhausblock in Darmstadt-Kranichstein.

Bis vor wenigen Jahren arbeitete Olexesh noch bei der Fastfood-Kette Subway am Darmstädter Hauptbahnhof. „Bis heute kenne ich alle Sandwich-Arten und kann sie auch superschnell belegen“, sagt er und lacht. Beim Interview sitzt Olexesh an einem Tisch in den Büroräumen des Labels 385idéal in einem Frankfurter Industrieviertel. Er ist sehr höflich. Einer, der Frauen die Tür aufhält und später sogar Stullen einpackt. Im Hintergrund am Rechner sitzt sein Manager Syn.

Olexesh, stimmt es, dass Sie sich morgens und abends mit Ihrer Oma in Kiew auf Whatsapp austauschen?
Ja, sie schreibt jeden Morgen, dass sie mir einen erfolgreichen Tag wünscht und Gott mich immer beschützen soll. Abends wünscht sie mir eine gute Nacht. Manchmal schaffe ich es erst drei Tage später zu antworten. Aber dann bekommt sie einen dicken Text oder eine Sprachnachricht von mir zurück. Als kleines Kind habe ich viel Zeit bei meinen Großeltern verbracht.
 
Wie findet es Ihre Oma, dass Sie Rapper geworden sind?
Sie sagt, ich sei das Wunder unserer Familie. „Du hast uns alle gerettet. Ohne dich wären wir schon längst gestorben.“ Denn meine Großeltern sind beide über 70: Die Medikamente sind sehr teuer in der Ukraine. Sie können sich das nicht leisten. Ihre Rente beträgt 50 Euro. Immer wenn ich da bin, lasse ich 1000 Euro da. Ein- bis zweimal im Jahr besuche ich sie.

Seit 2014 haben Sie vier Alben und zwei Mixtapes rausgebracht. Haben Sie so viel zu verarbeiten oder sind Sie einfach so fleißig?
Dieser Ehrgeiz ist in mir drin: Es ist ein Kampf mit mir selbst, ich muss was Gutes schreiben. Und ich will, dass mich jeder hört. Das macht mich süchtig. Wenn das klappt, bin ich auch ruhig und chille auf der Couch. Aber das Gefühl hält nicht lange an. Vielleicht fünf, sechs Tage vergehen. Dann muss ich wieder an den PC und es geht wieder los. Ich habe viel Kreativität in mir, die muss raus. Ich bin übrigens kein Schreiber ohne Beat. Ich brauche erst einen Beat und der gibt mir die Geschichte …

In Ihrem Song „Ballerina“ rappen Sie: „Ich war schon damals ein Problemkind, Mama hat’s nicht leicht. Heute sieht sie mich im Fernsehen, ich schwitze für meinen Scheiß.“ Wie meinen Sie das mit dem Problemkind?
In der siebten Klasse fing das mit der Musik bei mir an. Ich habe damals viel Eminem gehört. Das hat mich sehr beeinflusst. Auch böse zu schreiben. Meine ersten Texte schrieb ich mit elf. Die hat meine Mutter in den Müll geschmissen. Sie sagte: „Solche bösen Sachen schreibst du nie wieder.“ Aber ich schrieb weiter. Ich war jung, pubertierend, fing an zu kiffen, in Jugendhäusern abzuhängen. Statt zu lernen habe ich Texte geschrieben und die Schule verkackt. Ich lasse mich bis heute schnell ablenken und habe eine Lernschwäche. Irgendwann landete ich auf der Sonderschule. Dann habe ich angefangen zu klauen. Jedes Wochenende kam ein Brief von der Polizei. Ich hatte viele Anzeigen. Aber irgendwann habe ich es gelassen.

Warum?
Ich dachte: „Ey, was mache ich hier überhaupt? Warum nutze ich mein Talent nicht?“ Ich war auch oft spielen, habe alles verzockt. Da war ich schon Anfang 20. Und irgendwann dachte ich: „Das einzige, was ich nicht verspielen kann, ist mein Talent.“ Dann bin nach Hause, so wütend war ich auf mich: Ich versuchte das aufs Blatt zu bringen. Später stellte ich mein erstes selbst gedrehtes Musikvideo „Super 6“ auf Youtube. Der Frankfurter Rapper Celo entdeckte mich so. 2012 bekam ich dann meinen Plattendeal bei seinem Label.

Und jetzt?
Jetzt ist alles perfekt. Meine Mama hört meine CD im Auto, das ich ihr gekauft habe. Meine Schulden sind beglichen. Geld spielt keine Rolex, äh, Rolle (lacht). Ich selbst mache meinen Führerschein. Mit 30. Ich habe meine theoretische Prüfung gerade bestanden. Früher hatte ich kein Geld dafür, dann andere Ziele. Mir war es erstmal wichtig an diesen Punkt zu kommen, wo ich heute bin.

Was wird Ihr erstes Auto sein?
Ein Mercedes C63 AMG auf jeden Fall. Es ist eigentlich zu schnell fürs erste Auto, aber ich finde, ich habe es verdient, jetzt nach 30 Jahren. Alle Rapper fahren krasse Autos. Ich bin der einzige, der überall mit dem Taxi hinfährt. (lacht) 

2018 war Ihr Jahr. Das meistgeklickte offizielle Musikvideo auf dem deutschen Youtube-Markt mit „Magisch“. Nummer 1 der deutschen Charts mit der Single und Ihrem Album „Rolexesh“. Ihr aktuelles Mixtape „Authentic Athletic II“ schaffte es auf Platz 2. Nur Grönemeyer konnte Sie toppen …
Ja, es waren tatsächlich nur 1000 CDs Differenz. Ich habe dieses Jahr krass abgeliefert. Denn Grönemeyer ist doch der deutsche Michael Jackson. Also vom Bekanntheitsgrad, nicht von den Tanzfähigkeiten (lacht). Aber ich muss mich vor allem bei meinem Manager Syn für das Jahr bedanken. Denn er hatte mich überzeugt, die Single „Magisch“ mit dem Frankfurter Sänger Edin überhaupt zu machen. Mir war die Nummer zu poppig. Ich sagte: „Ich bin zu Straße, ich kann das nicht machen.“ Syn sagte: „Du musst mir vertrauen. Das wird dein Durchbruch sein.“ Er hatte recht. Er hat gleich erkannt, dass der Song Hitpotential hat. „Magisch“ hat viel ausgelöst.

Inwiefern?
Danach sind einfach viele Angebote reingekommen: Mit Schlagersängerin Vanessa Mai habe ich das Lied „Wir 2 immer 1“ aufgenommen, ich hatte TV-Auftritte bei der RTL-Chartshow oder „Schlag den Star“. Alles ist durch „Magisch“ passiert. Davor lief es schon gut, aber jetzt habe ich einen noch größeren Bekanntheitsgrad. Das Lied war überall zu hören: Im Radio, in Kindergärten. Und ich konnte zeigen, dass ich auch andere Stilrichtungen kann. Es auch ohne Beleidigungen und Beschimpfungen geht. Heutzutage ist es eine Kunst auch als Rapper Musik zu machen, die radiotauglich ist.

Ein Fan kritisiert auf Facebook: „Olexesh ist nicht mehr er, sondern ein Schlagersänger“. Trifft Sie sowas?
Gar nicht. Mein aktuelles Mixtape „Authentic Athletic II“ ist zehnmal härter als alles, was ich zuvor rausgebracht habe. Das wird auch dieser Fan merken. Ich kann sehr viele Stile und will mich da nicht auf einen begrenzen.

Sie betonen oft, wie wichtig Ihnen Authentizität in Ihren Songs ist.
Bei „Papa war am deal’n“ lautet eine Textzeile: „Papa war nicht da, fallen tief, Mutter weinte viel. Tränen meiner Mom, alles real“. Wahre Begebenheiten sind immer interessanter, da muss man sich nichts ausdenken. Und ich habe eben sehr viel erlebt. Schon in meiner frühsten Kindheit. Meine Mutter war erst 16, als sie schwanger wurde in Kiew. Mein Vater hat meine Mutter und mich verlassen, als ich zwei Monate alt war. Er ist nach San Francisco abgehauen. Die Mafia hat meinen ersten Stiefvater gejagt, er hatte Schulden.

Wie bitte? Die Mafia?
Ja, meine Mutter wäre einmal fast entführt worden. Da war ich noch klein, und ich habe auf dem Teppich gespielt. „Du kommst jetzt mit, dein Mann hat Schulden.“ Und nur weil sie sagte, dass sie doch ein Kind, also mich hatte, haben sie sie dagelassen. Wäre ich nicht da gewesen, wer weiß, was sie mit ihr gemacht hätten. Das war eine kaltblütige Zeit in der Ukraine. Wir sind nach Deutschland gegangen, weil meine Mutter nicht wollte, dass ich später einmal in die ukrainische Armee gehe.

Und wie war es dann in Deutschland?
Meine Mutter lernte einen neuen Mann im Asylantenheim in Fischbach im Taunus kennen. Meine Mutter hat ihr Leben lang nach Liebe gesucht, einem Mann, der sie liebt, dem sie vertrauen kann. Einen, der sie nicht schlägt, bedroht und beleidigt. Das war aber leider auch bei diesem Stiefvater die Realität. Ich hatte eine verstörende Kindheit. Er ist auch der Vater meines Bruders Ivans.

Dieser Stiefvater wurde in seiner Pizzeria in Ruppertsthain im Taunus ermordet, nicht?
Ja. Danach sind wir nach Darmstadt-Kranichstein gezogen. Wir wollten nach dem Mord nicht mehr in der Wohnung bleiben. Es gab auch Gründe, warum das ihm passiert ist. Aber darüber möchte ich jetzt nicht reden. Alle diese Geschichten möchte ich als Buch veröffentlichen und dann verfilmen. Das wird der erfolgreichste Hip-Hop-Film Deutschlands. Das kann ich Euch versichern.

Interview: Kathrin Rosendorff

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