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Die Zeltstadt im Herzen der Hauptstadt: „Wir brauchen Essen, Wasser, Kleidung, Zelte. Danke!“ steht auf dem Plakat.

Obdachlose in Spanien

Für mehr Würde – und ein Dach über dem Kopf

Obdachlose versuchen meist, alleine zurechtzukommen. In Madrid jedoch gehen sie gemeinsam auf die Barrikaden – entschlossen und mit viel Durchhaltevermögen.

Traurig und teilnahmslos blickt „Papi“ auf den Boden, aber mit der Antwort zögert er nicht. „Wie lange wir hierbleiben wollen? Wir ziehen erst dann wieder weg, wenn wir unser Ziel erreicht haben: Würdige Wohnungen für alle.“ Der schlanke 72-Jährige mit dem Pepita-Hut und dem grau melierten Vollbart ist einer der Anführer von Dutzenden von Obdachlosen, die im Zentrum von Madrid schon seit April mit einer ungewöhnlichen Aktion auf ihre verzweifelte Lage aufmerksam machen wollen und von den Behörden der spanischen Hauptstadt konkrete Hilfe verlangen.

Einige wenige, darunter „Papi“, hatten zunächst ein Zeltlager vor dem Prado-Museum errichtet, seit wenigen Wochen gibt es ein paar Hundert Meter weiter vor dem Rathaus ein zweites Lager. Die Zahl der Kleinzelte wird von Woche zu Woche größer. „Es sind schon 150, etwa 200 Menschen machen mit“, sagt „Papi“ stolz. Die Aktion ging am Donnerstag bereits in den 100. Tag. Der neue Bürgermeister José Luis Martínez-Almeida, Nachfolger der linken Manuela Carmena, sieht jeden Tag die vielen großen Protestbanner. „Herr Almeida, hier sind wir“ steht etwa drauf.

Dieser selbstorganisierte Protest ist außergewöhnlich. Obdachlose sind oft auf sich gestellt und versuchen, alleine zurechtzukommen. Das gilt auch für die Protestler auf dem grünen Mittelstreifen des Paseo del Prado. „Einige Passanten geben uns Lebensmittel und andere Dinge. Aber auch so müssen ich und andere jeden Tag losziehen, um Essen zu besorgen“, erzählt Constantin.

„Wir sind unsichtbar“

Der 32-jährige Rumäne beklagt die Haltung der Politiker und der Kirche, „von denen wir hier nichts gehört oder gesehen haben“, aber auch der Gesellschaft als Ganzes. „Wir sind unsichtbar.“ Es gebe viele Vorurteile. Aber: „Kriminelle, Drogenabhängige sind bei uns Obdachlosen in der Minderheit“, versichert Constantin. In den Lagern findet man Menschen aller Couleur. Jüngere wie die schwangere Itziar. „Ich habe so schlimme Erlebnisse auf der Straße gehabt, dass ich häufiger überlegt habe, ob ich mich umbringen soll“, erzählt die 28-Jährige. Es gibt Pärchen. Und Ausländer wie Constantin oder den aus Venezuela geflohenen Kunsthistoriker Enzo. Und es gibt auch viele Ältere. Wie „Papi“.

Von Anfang an dabei: „Papi“ (links) und sein Mitstreiter Constantin.

„Selber schuld, sagen viele über uns. Aber das stimmt nicht“, sagt der Mann, der Anfang der 70er Jahre in Deutschland in der Nähe von Frankfurt als Gastarbeiter tätig war. Eine Scheidung und finanzielle Probleme hätten ihn, der unter anderem als Gärtner gearbeitet habe, aus der Bahn geworfen. Das könne jedem passieren. Hinter „Papi“ flattert ein braunes Banner: „Das Leben auf der Straße tötet“, steht darauf in großen, weißen Lettern. Und das stimmt: Allein in Barcelona sollen nach Angaben von Menschenrechtsorganisationen im vergangenen Jahr mindestens 46 Obdachlose gestorben sein. Eine sehr hohe Todesrate bei knapp tausend gezählten Obdachlosen in der katalanischen Metropole. Manche werden krank auf der Straße, es gibt auch Mordfälle.

„Ich lebe noch“, sagt „Papi“ in bitterem Ton. Ein Vierteljahrhundert hat er auf der Straße verbracht und vorwiegend vor dem legendären Kino Ideal am Platz Tirso de Molina übernachtet. Vor kurzem hat er von Carmena „eine kleine Wohnung“ bekommen. Die strenge Madrider Winterkälte mit Temperaturen von zum Teil unter null Grad war für ihn das geringste Problem. „Ich wurde getreten, man hat auf mich gepinkelt.“ Die Obdachlosenheime der Stadtverwaltung sind aus Sicht von „Papi“, Constantin und vielen anderen keine echte Option. „Das sind gefährliche Ghettos, die dich weiter runterziehen“, sagen beide.

Nach der alle zwei Jahre von der Stadtverwaltung durchgeführten Zählung der auf der Straße lebenden Menschen kletterte die Zahl der Obdachlosen in Madrid im Dezember um 24 Prozent auf 651. Nach Schätzungen des katholischen Hilfswerks Caritas sind es jedoch mehr als 3000 in der Hauptstadt und mehr als 40 000 in ganz Spanien. Darunter gibt es auch Deutsche. Dirk (52) etwa, der auf der Plaza del Sol übernachtet, nicht am Protest teilnimmt und der Zeitung „La Razón“ sagte: „Ich erwarte nichts von der Stadtverwaltung.“ Oder Björn (36) aus Hamburg, der mit Daniel aus Köln ein Zweckduo bildet: „Während er schläft, passe ich auf. Und umgekehrt.“

Die Obdachlosen um „Papi“ fordern in erster Linie die Erfüllung von Artikel 47 der Verfassung, die allen Spaniern eine „würdige und geeignete“ Unterbringung garantiert. Eine Mietwohnung auf dem freien Markt in Madrid zu finden, wird aber auch für wohlhabendere Menschen immer schwieriger. So muss man für ein einfaches Zimmer in einer WG oft schon 600 Euro und mehr hinblättern. (Emilio Rappold, dpa)

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