Im Juli und August ruhte der Autoverkehr auf dem Boulevard Anspach. Die Devise: „De voetganger wordt koning“ – Der Fußgänger wird König.
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Im Juli und August ruhte der Autoverkehr auf dem Boulevard Anspach. Die Devise: „De voetganger wordt koning“ – Der Fußgänger wird König.

Autofreie Innenstadt

Mehr Platz für Fußgänger in Brüssel

  • Peter Riesbeck
    vonPeter Riesbeck
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In Brüssel soll ein Teil der Innenstadt autofrei werden. Im Juli und August konnten die Bürger bei einem Pilotprojekt schon einmal testen, wie sich der prächtige Boulevard Anspach ohne Autos macht. Schon im kommenden Februar könnten die Umbauarbeiten starten.

Es tröpfelte leicht am Dienstag in Brüssel. Auch sonst, war vieles wie üblich. Die Kinder kehrten nach den Sommerferien zur Schule zurück. Und in der Innenstadt rollten die Autos wieder über den prächtigen Boulevard Anspach. Verschwunden waren die mächtigen Baumstämme vor dem Gebäude der altehrwürdigen Börse im Zentrum der Stadt, und auch jene kleinen roten und blauen Hinweisschilder, die jedem unmissverständlich verkündeten: Fußgängerzone.

Der autofreie Bereich ist eigentlich eine verblassende Erinnerung aus den 70er Jahren. In Belgiens Hauptstadt galt in den vergangenen zwei Monaten aber testweise die Devise: „De voetganger wordt koning“ – Der Fußgänger wird König.

Im Juli und August ruhte der Autoverkehr auf dem Boulevard Anspach, der wichtigsten Nord-Süd-Verbindung Brüssels, ein mutiges Vorhaben, denn das wäre so, als würde Berlin den Ku’damm für Kraftfahrzeuge sperren. Statt Autoverkehr und roten Ampeln luden Tischtennisplatten zum Schmettern und Schnibbeln ein, Bouleplätze zum Spielen und überdimensionierte Gartenmöbel aus Holz zur Geselligkeit.

„König Auto ist für viele ja nur schwer wegzudenken, wir wollten zeigen, dass es auch anders geht“, sagt Ann Van de Vyvere, die das Projekt mitbetreut. Der sozialdemokratische Bürgermeister Yvan Mayeur hatte den Plan für die autofreie Innenstadt. Gegen einige kräftige Widerstände.

Aber für Mayeur ging es um die viel diskutierte Frage: Wem gehört die Stadt? Dem Autofahrer oder allen? In Brüssel ist diese Frage ohnehin schwer zu beantworten.

Gleich hinter der Börse am Boulevard Anspach liegt der Große Markt, der gehört zweifelsohne den Touristen. Die Rue Dansaert hinunter grüßen schnieke Geschäfte mit feinen Entwürfen der flämischen Modedesigner wie Dries Van Noten. Der Boulevard Anspach aber, der hinunter zum europäischen Bahnhof Brüssel-Midi führt, wirkt ein wenig wie aus der Zeit gefallen.

Dort grüßen Telefonläden und Spätkaufbüdchen neben Kaffeehausketten. Und in der parallel verlaufenden Straße mit dem für deutsche Ohren merkwürdig klingenden Namen Avenue de Stalingrad verkauften einst Tuchhändler ihre Stoffe. Heute grüßen dort überwiegend Männercafés mit migrantischem Publikum. Ein herrlich entrücktes Niemandsland, mitten in der Stadt. Es braucht wenig Fantasie, um sich die künftigen Geschäftsmodelle der Gentrifizierer vorzustellen.

„Brüssel ist anders als Paris, die armen Menschen sind nicht in der Banlieue am Rande der Stadt konzentriert, sie leben mitten im Zentrum“, sagt Ann Van de Vyvere. „Es ging deshalb auch darum, denen mit weniger Chancen neue Möglichkeiten zu eröffnen.“ Die Stadt gehört jedem, lautet ein alter Spruch in Brüssel.

Und so ging es auch darum, Menschen zusammenbringen, die ansonsten weniger miteinander zu tun haben. Es gab Diskussionsrunden unter freiem Himmel und am nördlichen Ende der neuen Fußgängerzone eine mobile Bibliothek. „Gib ein Buch ab, nimm eines mit“, lautete die Devise. Und auf der Straße leuchteten überall bunte Fünfecke, ein Symbol für die Umrisse der Stadt und den neuen Aufbruch in Brüssel.

Fußgängerzone vielleicht schon im Februar

Die temporären Testphase könnte nämlich bald ein mobiler Thronwechsel folgen. Schon im kommenden Februar könnten auf dem Boulevard Anspach die Bauarbeiten für eine dauerhafte Fußgängerzone beginnen.

Zuerst aber sollen die Erfahrungen des autofreien Sommers ausgewertet werden. Und die Probleme. Die gab es nämlich auch. Nächtlicher Partytrubel sorgte für Lärm und Müll. Anwohner fühlten sich gestört. So mussten unter anderem ein paar Spätis schließen. Offiziell wegen fehlender Konzession. Inoffiziell, um die Partylaune ein wenig zu dimmen. Auch Fußgänger und Radler vertrugen sich ohne Auto nicht ganz so harmonisch. „Wir müssen die unterschiedlichen Geschwindigkeiten beachten“, sagt Ann Van de Vyvere diplomatisch. Klingt machbar.

Wer aber so dahinschlendert und am Straßenrand die Plakate betrachtet, mit den Vorstellungen, wie sie mal werden könnte die „größte Fußgängerzone Europas“ wie die Stadt selbstbewusst erklärt, den beschleicht doch ein ungutes Gefühl. Zwischen all den Glasfassaden und blitzenden Monumenten schrumpft der Mensch doch beträchtlich zu einem möglichen Störfaktor in der leicht sterilen Vision von der Zukunft.

Womöglich nicht ganz unbegründet der Verdacht. In der alten Börse soll nämlich bald ein neues Museum grüßen, mit edler Glasfassade. Ausgerechnet dem Bier soll der schöne Bau gewidmet werden. Ein wenig uninspirierend. Belgiens Biere sind fein und vielfältig. Aber Belgien hätte seinen Besuchern doch viel mehr zu bieten. Und die lebensfrohe Stadt Brüssel in ihrem Zentrum erst recht.

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