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"Wenn Geburten zu einem Minusgeschäft werden" - Arzt schießen vor Wut die Tränen in die Augen

Schwere Kritik am System

Arzt hat Tränen in den Augen: „Fallpauschalen lassen Geburten zu einem Minusgeschäft werden“

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Nach 40 Jahren als Chirurg ist Bernd Hontschik nicht so leicht zu erschüttern. Doch bei einer Fernsehsendung schießen ihm die Tränen in die Augen. Grund ist die Deformation der Medizin.

Mittwochabend, ich bin müde und mache es mir auf dem Sofa gemütlich. Einmal durch die Sender zappen, dann werde auch ich schlafen gehen. Eine Wirtschaftssendung langweilt mich, mit Handball fühle ich mich überfüttert, Nachrichten, ein Märchenfilm, einige Krimis lassen mich auch nicht lange verweilen. 

Plötzlich werde ich hellwach. Da sitzen in einer Talkshow des Südwestrundfunks Patientinnen und Patienten und erzählen ihre Geschichten. Ich mag so was eigentlich nicht, denn die Geschichten sind immer grauslich, die ärztlichen Fehler sind evident und zum Schämen für meine Zunft, und den Betroffenen wird in jahrelangen, zermürbenden juristischen Auseinandersetzungen immer Unrecht getan. In dieser Sendung war es anders.

Medizin: Das System kommt in den Blick

Ein Patient hatte Rippenfrakturen erlitten und sitzt jetzt im Rollstuhl. Er und seine Ehefrau erzählen das alles ohne Hass, es habe kein Einzelner einen Fehler gemacht, sondern man sei unter die Räder eines unmenschlichen Systems gekommen. Im Krankenhaus seien alle überfordert. Und nun geschah etwas Besonderes: Das System kam in den Blick! 

Dr. med. Bernd Hontschik istChirurg und Publizist. Aktuell von ihm im Buchhandel: „Erkranken schadet Ihrer Gesundheit“. www.medizinHuman.de 

Ein Arzt, ein Betriebsrat, ein Medizinprofessor erklärten die duale Krankenhausfinanzierung, bei der die Krankenkassen für den laufenden Betrieb und die Länder für Bau und Unterhalt der Krankenhäuser zuständig sind. Die Länder machen das aber seit Jahren nicht. Die Krankenhäuser müssen in dieser verzweifelten Lage der Geldnot den Unterhalt ihrer Häuser aus den laufenden Einnahmen bezahlen. Dieses Geld fehlt jetzt da, wo es eigentlich gebraucht wird, beim Personal. Und es wurde außerdem das Fallpauschalensystem erklärt: Je mehr Fälle, desto mehr Geld. Je kürzer die Liegezeit, desto mehr Fälle. Je schwerer die Diagnosen, desto höher die Vergütung.

Eine junge Frau kommt zur Geburt von Zwillingen in ein Krankenhaus, voll Vorfreude, alles gut vorbereitet. Bald jedoch wird sie unter Druck gesetzt, gekränkt, gedemütigt, gehetzt. Sie möge sich beeilen, andere Schwangere bräuchten den Kreißsaal. Nach ihr gekommene Gebärende seien längst fertig mit der Geburt. Die Situation eskaliert. Am Ende wäre sie fast verblutet, wurde gerade noch rechtzeitig operiert.

Medizin: Tiefe Kluft zwischen den Menschen und der Politik

Das ist eine Folge des Fallpauschalensystems, das Taten und Eingriffe vergütet, aber Geburten, die zu lange dauern, zu einem Minusgeschäft werden lässt. Eine Hebamme berichtete, das sei kein Einzelfall, sie habe oft bis zu fünf Gebärende gleichzeitig zu betreuen. Nach vierzig Jahren als Chirurg bin ich nicht so leicht zu erschüttern, aber bei der Schilderung der traumatisierten Zwillingsmutter schossen mir die Tränen in die Augen, Tränen des Mitgefühls, aber auch Tränen der Wut über diese Deformation der Medizin.

Die beiden anwesenden Politikerinnen haben nur von Sachzwängen erzählt und was man schon alles erreicht habe. Kopfschütteln und Stille im Saal. Der Arzt hingegen erhielt mit seinem Schlusswort: „Das Fallpauschalensystem in seiner jetzigen Form muss weg“ langanhaltenden Beifall. Eine tiefe Kluft war an diesem Abend spürbar zwischen den Menschen und der Politik.

Von Bernd Hontschik

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