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Aus der Zeit gefallen ist hier nicht nur die Auslegeware: Auch der familiäre Abend vor dem heimischen Gerät ist seltener geworden.

Fernsehen

Da knistert gar nichts mehr

Große TV-Ereignisse und das samstägliche Pflichtprogramm haben ausgedient. Weniger geglotzt wird trotzdem nicht.

Von Imre Grimm

Sie sind wach geblieben. Sie haben durchhalten in der Nacht zu Montag. Sie waren live dabei, als in Atlanta, 7000 Kilometer von Deutschland entfernt, das Milliardenspektakel Super Bowl über die Bühne ging. Fast anderthalb Millionen deutsche Football-Fans verschmolzen im Vorjahr weit nach Mitternacht zu einer Gemeinschaft auf Zeit. Es werden diesmal kaum weniger gewesen sein.

Kollektiverlebnisse, die das Fernsehen stiftet, aber sind selten geworden. Ein paar Fußballländerspiele gehören dazu. Ab und zu ein „Tatort“. Mal eine Schlagershow. Das „Dschungelcamp“ vielleicht. Aber die ganz große Samstagabendshow etwa, jenes mediale Lagerfeuer namens „Einer wird gewinnen“ oder „Ein Kessel Buntes“ oder „Wetten, dass …?“, das jahrzehntelang die Generationen versöhnte, ist tot.

Fernsehen funktioniert nicht mehr als nationales Heiligtum mit staatsstabilisierender Wirkung. Das Medium erlebt die radikalste Veränderung seit dem Startschuss für das Privatfernsehen. Vor 35 Jahren entstaubten und demokratisierten die schrillen Neuen das bereits angegraute Volkshochschulfernsehen.

Heute greifen als neue kreative Taktgeber des Milliardenmarkts die globalen Tech-Konzerne nach den Sternen, investieren Milliarden in eigene Serien und Filme, räumen Emmys ab, träumen von Oscars: Amazon, Apple, Youtube, Facebook und Netflix. Und plötzlich sitzen die Konkurrenten nicht mehr in Köln oder München, sondern in Kalifornien.

Fernsehserien sind ohne Zweifel die populärste und einflussreichste Kulturform der Gegenwart. Alle Welt buhlt mit selbst produzierten Inhalten um Kundschaft. Anlocken, anfixen, binden. Das ist das Rezept. Netflix und Amazon kaufen den Markt der Kreativen leer, Facebook will aufschließen, Youtube wandelt sich zum Pay-TV-Anbieter.

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Auch Disney startet Ende des Jahres einen eigenen Streamingdienst. Fast 500 neue US-Serien kommen pro Jahr auf den Markt. Das sind 10 000 Stunden frisches Qualitätsfernsehen. Die Fragen, die sich stellen: Wer soll das alles gucken? Und wer braucht dann noch RTL? Wie will das deutsche Fernsehen, das sich im dualen System gemütlich eingerichtet hatte, diese Revolution überleben?

„Das klassische Fernsehen verliert seine große Bedeutung“, sagt Timm Lutter vom Digitalverband Bitkom. „Die Zukunft gehört Streamingdiensten und Mediatheken. Die Fernsehzuschauer emanzipieren sich von passiven Verbrauchern zu aktiven Nutzern, die ihr TV-Programm selber bestimmen.“ Die Zuschauer sahen 2018 im Tagesdurchschnitt so wenig „klassisch“ fern wie seit zehn Jahren nicht: 217 Minuten nämlich. 2011 waren es noch 225.

Und für die jüngere, besonders wertvolle Zielgruppe der 14- bis 29-Jährigen ist „Fernsehen“ nur noch ein Nischenthema: Nur ein Drittel nutzte im vergangenen Jahr überhaupt lineares Fernsehen, also mit festem Schema und starren Anfangszeiten. Das waren satte 25 Prozent weniger als noch im Vorjahr. Gleichzeitig stieg die Streamingnutzung an – um fast exakt jene 25 Prozent eben.

Es ist mit dem Fernsehen wie mit Karstadt: Ein Kaufhaus für alles funktioniert nicht mehr. Die TV-Welt 2019 ist ein globalisierter Gemischtwarenladen, ein Füllhorn des Entertainments für Milliarden kleine Programmdirektoren, die sich ihre Abende maßschneidern: mit intelligenten Algorithmen und flexiblen Anfangszeiten. Fast die Hälfte der Deutschen nutzt mindestens einmal pro Woche Video-on-Demand-Abonnements, ein Anstieg von mehr als 80 Prozent gegenüber 2016.

Die neue Vielfalt verändert nicht nur die Fernsehwelt. Die extreme Zersplitterung der Geschmäcker hat einen Preis, den die Gesellschaft zahlt: Gewöhnt an die sofortige, umfängliche Befriedigung all seiner Bedürfnisse, erlebt der verwöhnte Zuschauer eine kulturelle Vereinzelung. Eine heterogene Gesellschaft von Millionen Individuen aber ist auf gemeinsames Erleben angewiesen, sonst entfremden sich die Milieus.

Die Fans von „Stranger Things“ oder „Narcos“ bilden zwar eine Gemeinschaft – aber über alle Welt verstreut. Staatsgrenzen sind der modernen TV-Welt egal. Stars wie Kai Pflaume oder Jörg Pilawa konkurrieren eben nicht mehr mit Günther Jauch oder Dieter Bohlen, sondern mit Claire Foy („The Crown“), Emilia Clarke („Game of Thrones“) oder Michael Douglas („The Kominsky Method“). Denn das ist heute „Fernsehen“.

Die TV-Ware, die aktuell in U-Bahnen und auf Schulhöfen Stadtgespräch ist, fließt extrem selektiv und permanent per Internet aus aller Herren Länder auf Millionen mobile Schirme. Ein komplexer Algorithmus, so gut gehütet wie das Coca-Cola-Rezept, ermittelt aus der Guckstatistik die persönlichen Vorlieben der Kundschaft. „Cinematch“ heißt die Analysesoftware.

„Netflix weiß, wer du bist“, sagt der Big-Data-Experte des Unternehmens, Todd Yellin, auf Anfrage. Das klingt für amerikanische Ohren wie eine Verheißung, für europäische wie eine Drohung. Netflix-Chef Reed Hastings prophezeit das Aussterben des klassischen Fernsehens in 15 bis 20 Jahren: „Lineares Fernsehen wird im Niedergang sein wie die Festnetztelefonie nach der Ausbreitung von Handys.“ Die Betroffenen selbst geben sich kämpferisch. Das ergab eine Umfrage des Redaktionsnetzwerks Deutschland unter den Chefs der großen deutschen Sender. „Fernsehen schafft ein Wirgefühl beim Sehen“, sagt Sat.1-Geschäftsführer Kaspar Pflüger. „Das ist noch keinem Streaminganbieter in Deutschland gelungen.“ Und Kabel-1-Chef Marc Rasmus hofft, seine Zuschauer seien „dankbar dafür, dass sie ihre vertrauten Programme zurückgelehnt auf der Couch genießen können“. Er setzt damit auf die sogenannte choice fatigue – eine sozialwissenschaftlich belegte Erschlaffung angesichts eines Überangebots.

Das soll zuversichtlich klingen. Tatsächlich aber fürchten vor allem die werbefinanzierten Privatsender wie RTL, Sat.1, Pro7 oder Vox 35 Jahre nach ihrer Geburt um ihr Geschäftsmodell. Die Werbemilliarden wandern in Digitalangebote. Und wie andere traditionelle Medien leiden lineare TV-Sender unter den veränderten Nutzungsgewohnheiten. Von Werbeblöcken zerhacktes Fernsehen? Alle paar Minuten die nervtötende Check-24-Sippschaft? Das wirkt 2019 wie aus einer anderen Zeit.

Der Kuchen wird nicht größer. Die Sender gründen daher immer neue Schwesterkanäle von Sat.1 Gold bis ProSieben MAXX. Und definieren – wie RTL – einfach mal um, was „Fernsehen“ bedeutet. „TV“ stehe bei RTL hausintern für „Total Video“, heißt es in Köln. Die hauseigene Digitalvideothek TV Now soll zur Multiplattform wachsen. Das hat Gründe: Allein 2017 wurden 45 Millionen bewegtbildfähige Geräte in Deutschland verkauft. Bewegte Bilder boomen. Bloß eben nicht da, wo sie bisher liefen.

Und die Öffentlich-Rechtlichen? Ihr Problem ist nicht das Geld, sondern der Legitimationsdruck. Von allen Seiten hagelt es Kritik an der traditionellen Dickfelligkeit der Anstalten. Die beschwören eisern die eigene Wandlungsfähigkeit, geben sich in Maßen transparenter, sparen bis 2028 ein paar Tausend Stellen ein – und haben sich in Wahrheit doch gemütlich eingerichtet in der ökonomischen Sicherheit von 8,1 Milliarden Beitragseuro im Jahr.

„Wenn sich die Mediennutzung ändert, ändern wir uns mit“, sagt der ARD-Vorsitzende und Intendant des Bayerischen Rundfunks, Ulrich Wilhelm. Aber „der Wettbewerb um die Aufmerksamkeit wird immer größer. Entsprechend müssen wir kreative Talente erkennen, sie aufbauen und halten“. Klingt vernünftig

Doch die einstigen Experimentierlabors der ARD, die Dritten, sind keine Startrampen für junge Talente mehr, sondern verwalten das Gewohnte. „Mittlerweile machen die Dritten Heimatfernsehen mit den schönsten Brücken der Hessen und den 21 tollsten Talsperren von Nordrhein-Westfalen“, kritisierte Entertainer Bastian Pastewka im Podcast „Fragen wir doch“.

Aber eine Notlage kann durchaus auch ihr Gutes haben, weil sie zum Handeln zwingt. ProSiebenSat.1 baut gerade mit dem US-Medienkonzern Discovery eine gemeinsame Streamingplattform für deutsche Kunden auf. Start: noch in diesem Jahr. Die bisherigen Angebote Maxdome, 7TV und Eurosport Player sollen darin aufgehen. Die Konkurrenz darf mit einsteigen, ziert sich aber noch.

Die ARD hat sich für die 40-Millionen-Euro-Serie „Babylon Berlin“ erstmals mit Sky zusammengetan. Das Motto: Deine Feinde sind auch meine. Um mithalten zu können, müssen die Sender aus alten Mustern heraus. „Die Uhr tickt“, warnte Produzent Nico Hofmann, Geschäftsführer der UFA GmbH („Unsere Mütter, unsere Väter“, „Ku’damm 56/59“), jüngst. „Es reicht nicht, Free-TV-Projekte in die Mediatheken zu stellen und zu warten, bis auch der letzte Zuschauer sie gesehen hat.“ Sein Rezept: Zusammenhalt. Eine Allianz fürs Überleben.

Schönreden hilft ja nichts. RTL zum Beispiel hat eine putzige Studie in Auftrag gegeben. Deren Ergebnis: Die Flucht in Traumwelten mache einsam. Das analoge Fernsehen dagegen strukturiere den Tag mit festen Sendeplätzen und liefere „Realitätsbezug“, konstatieren die Forscher im RTL-Auftrag, während Streamingdienste eine „Traumblase konstruieren“, in die der Nutzer „suchtartig in parallele Welten eintaucht, die bisher den persönlichen Tagträumen vorbehalten waren“. Der Nutzer sei also „lost im Stream“. Erinnert ein bisschen an Bill Gates‘ legendäres Fehlurteil von 1993: Das Internet sei „nur ein Hype“. Braucht man wirklich die „Tagesschau“, um zu wissen, wann es Abend ist?

Aber: Die Sehnsucht nach Gemeinsamkeiten im Publikum ist groß. Das ist der Grund, warum Liveerlebnisse wie Konzerte und Musicals boomen. Denn weniger vereinigende Kraft, weniger kollektives Erleben bedeutet am Ende: Jeder glotzt für sich allein. Und das könnte dem linearen Fernsehen am Ende im Kampf gegen die globalen Geschichtenerzähler das Überleben sichern: Livefernsehen. Es ist ironischerweise ein Rezept aus der Frühzeit des Mediums. Das Motto also könnte lauten: Zurück in die Zukunft.

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