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Das Max-Liebling-Haus: Die Bewohner Tel Avivs sollen für den Umgang mit ihrem Denkmal sensibilisiert werden.

Tel Aviv

Ein Haus der Begegnung

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Zum Bauhausjubiläum eröffnet in Tel Aviv das frisch sanierte Max-Liebling-Haus. Es soll ein deutsch-israelisches Zentrum für Architektur- und Denkmalschutz werden.

In Tel Aviv wird ohne Pause gebaut. Während an der Strandpromenade ein Hochhaus nach dem anderen in den Himmel wächst, werden die Gebäude im sogenannten historischen Stadtzentrum renoviert, saniert oder aufgestockt. Ein Haus in der Idelson Straße war bis vor kurzem noch eingerüstet - wie so viele Häuser mitten in der „Weißen Stadt“. Nun ist der schlichte, mehrstöckige, helle Flachbau mit seinen langen Balkonen wieder sichtbar.

Noch vor einigen Wochen herrschte ein anderes Bild: Handwerker mit grünen Polo-Shirts klettern darauf herum. Es riecht nach frischer Farbe. Im Innern wird ebenfalls gearbeitet. Annika Hillegeist trägt gerade mit einer dicken Bürste eierschalene Farbe auf eine Außenwand auf. Aus Lautsprechern schallt Musik. Die Maler- und Lackierermeisterin und sieben Handwerker-Lehrlinge aus unterschiedlichen deutschen Berufsschulen, kümmern sich um die Fassadenarbeiten des Max-Liebling-Hauses, ein deutsch-israelisches Gemeinschaftsprojekt.

Das Haus soll zur Begegnungsstätte werden. Seit Herbst 2017 wird es instand gesetzt und zum deutsch-isrealisches Zentrum für Architektur- und Denkmalschutz hergerichtet – das White City Center. In der vergangenen Woche wurde es nun im Zuge des 100-jährigen Bauhausjubiläums eröffnet.

In der Stadt am Mittelmeer befinden sich so viele Häuser im Stil der klassischen Moderne wie nirgendwo sonst auf der Welt. Das ist die Weiße Stadt, die 2003 zum Unesco-Weltkulturerbe ernannt wurde. Den Namen bekam sie wegen ihrer hell getünchten Fassaden, die sich von den anderen Gebäuden der damaligen Zeit abhoben. Mittlerweile stehen gut die Hälfte der 4000 Gebäude unter Denkmalschutz. „Viele sprechen von Bauhaus, aber es ist viel mehr als das“, sagt Sharon Golan-Yaron, Programmdirektorin der Weißen Stadt. Natürlich habe der in den 1920er Jahren in Deutschland entwickelte Baustil viel Einfluss. Aber es kamen neue stilistische Elemente und Richtungen hinzu, erklärt sie den Handwerkern bei einer kleinen Führung. Eingewanderte jüdische Architekten entwickelten den Bauhausstil weiter. Sie schufen ein neues Zuhause für die große Zahl an Emigranten und Flüchtlingen, die in den 1930er und 1940er Jahren aus Deutschland nach Israel kamen.

Einer von ihnen war der Unternehmer Max Liebling. Gemeinsam mit seiner Ehefrau Tony gab er das Haus an der Idelson Street 1936 in Auftrag, das von dem Architekten Dov Karmi entworfen wurde. Das Gebäude steht unter strengem Denkmalschutz, das bedeutet, dass bei der Renovierung viele Auflagen erfüllt werden müssen, erklärt Golan-Yaron. Das Paar vermachte das Haus der Stadt. Sie wünschten sich, dass daraus ein Heim für Studenten und ein Museum entsteht.

Bis es soweit ist, wird gearbeitet. Fünf Tage lang erscheinen die deutschen Handwerker morgens um acht auf der Baustelle. Hillegeist leitet ihre männlichen Kollegen an. „Man muss die Farbe in die Oberfläche einmassieren“, erklärt die 26-Jährige aus Dresden. Die Farbe wurde extra angefertigt und aus Deutschland eingeführt. Die klimatischen Bindungen sind aber natürlich andere. Die Luftfeuchtigkeit sei hier viel höher und Salz lagere sich an der Wand ab. Die Farbe trockne bei dem Wetter auch schneller.

Die in Europa ausgebildeten Architekten mussten sich damals bei ihrer Bauplanung ebenfalls dem Klima ihrer neuen Heimat anpassen. Denn es war natürlich viel wärmer und heller. Darum baute man ein flaches Dach und helle Fassaden, sagt Galon-Yaron. Schmale, zurückgesetzte Fensteröffnungen statt großer Glasfenster. Zudem lange schmale Balkone, mit vielen Öffnungen, damit der Wind durch das Gebäude zirkulieren konnte. Aus dem gleichen Grund wurden viele Häuser auf Stützen oder Säulen, genannt Pilotis, errichtet.

Vergangene Woche wurde das Haus eröffnet.

Obwohl es draußen sehr heiß ist, sind die Innentemperaturen angenehm. Im Max-Liebling-Haus kann man diesen Effekt ebenfalls spüren. Heute werden die wenigsten Häuser in Tel Aviv so gebaut, dabei wäre es so viel gesünder, bedauert Galon-Yaron. Stattdessen werden Klimaanlagen installiert, sagt sie und zeigt auf ein Exemplar an einer Hauswand am Dizengoff-Platz.

Auf vielen Gebäuden in der Weißen Stadt lassen sich Aufbauten erkennen. Kein Wunder, die Stadt platzt aus allen Nähten. Aber es wird nicht nur aufgestockt, um mehr Platz zu schaffen, die Besitzer versuchen mit der Miete für die neuen Apartments auch Geld für die Renovierung zu bekommen, so Galon-Yaron. Denn viele der Häuser sind marode und haben eine Schönheitskur bitter nötig. Das wird beim Spaziergang deutlich.

Dass am Max-Liebling-Haus der Putz aufgearbeitet wird, sei neu sagt Galon-Yaron. Normalerweise werde er einfach abgekratzt. Aber möglicherweise kann die Sanierung auch eine Art Leuchtturmprojekt werden. „Wir sind eher eine Start-up-Nation.“ Sie hofft, dass das Projekt verdeutlicht, wie wichtig Handwerk sei. Denn das fehle hier. Und die wenigen Handwerker, die es gebe seien dementsprechend teuer. Und dabei werden sie gebraucht.

„In Israel gibt es keine fundierte Handwerkerausbildung, das deutsche duale System ist begehrt hier“, sagt auch Ellen Kugler. Sie leitet die Geschäftsstelle der „Weißen Stadt Tel Aviv“ des Bundesministeriums des Innern für Bau und Heimat (BMI), das das Projekt finanziell und ideell unterstützt. Auf der Baustelle war sie schon oft. Deutsche Expertise stehe hoch im Kurs, im Hebräischen seien Worte wie „Spachtel“, „Kratzputz“ und „Waschputz“ fest verankert.

Im White-City-Center sollen künftig Hausbewohner und -besitzer für den Umgang mit „ihrem“ Denkmal sensibilisiert werden, Handwerker und Restauratoren in Schulungen weiterqualifiziert werden und junge Israelis das Kulturerbe ihrer Stadt schätzen lernen. Zudem soll damit die gemeinsame historische und baukulturelle Bedeutung der Weißen Stadt für Deutschland und Israel unterstrichen werden.

Das hat schon begonnen. Von israelischer Seite haben ebenfalls Handwerker und Architekturstudenten bei der Sanierung des Max-Liebling-Hauses mitgearbeitet. Es waren auch Isrealis dabei, erzählt Maximilian Wolfsgruber, Lehrling aus München, während er Fenster und Türrahmen mit Leinöl streicht. Die hatten aber bei der Sicherheitseinweisung gefehlt und durften nicht mehr weitermachen. „Aber sie bekamen von uns Hilfe und Tipps beim Lackieren der Holzrahmen und Fensterläden.“ Die Handwerker konnten ihre Erfahrung weitergeben. Das klappe auch ohne die gleiche Sprache zu sprechen, man habe Englisch geredet oder Hände und Füße zur Verständigung genommen. Die israelischen Kollegen seien sehr interessiert gewesen. Man schätze hier die deutschen Handwerker, hat die Gruppe das Gefühl. Weil man genau und sauber arbeite.

Die Möglichkeit in Israel zu arbeiten, bekomme man nicht alle Tage, noch dazu habe er auch neue Techniken gelernt, sagt Fabian Walter aus Fulda, er ist schon bei mehreren Workshops dabei gewesen in Italien oder Rumänien. Die meisten Azubis nähmen diese Angebote aber nicht wahr, viele würden es auch gar nicht kennen. Doch nun ist Feierabend. Nach der Arbeit entdecken die Handwerker die Stadt und gehen schwimmen. Ihre Badesachen haben sie immer dabei. Auch das israelische Essen hat es ihnen angetan.

Zuvor haben bereits drei Teams mit je fünf Stuckateuren der Berufsschule und des Ausbildungszentrums Leonberg jeweils eine Woche an der Fassade Risse saniert und Putz aufgetragen. Im Anschluss an ihre Arbeiten lernen die Azubis in einem dreitägigen kulturellen Begleitprogramm ein Teil des Landes kennen. Sie besuchen Jerusalem, fahren in die Wüste, ans Tote Meer oder zur Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem.

Die Stiftung des baden-württembergischen Baukonzerns Sto unterstützt die Workshops, kommt für Transport und Unterkunft auf. Konrad Richter, Stiftungsrat Handwerk, steht auf der Baustelle inmitten von Eimern und Materialien. Er hält viel von dem Projekt. „Die Azubis sollen nicht nur arbeiten, sondern Israel kennenlernen.“ Wichtig sei der Stiftung der zwischenmenschliche Austausch. Gerade wegen zunehmendem Antisemitismus in Deutschland. Und es sei doch eine interessante Lebenserfahrung für die Handwerker, einer habe zu ihm gesagt, „das kann ich noch meinen Enkeln erzählen“. Die meisten hatten Informationen vom Land, der Kultur und den Israelis nur aus dem Internet. Die Idee hinter dem Projekt ist Austausch, Begegnung, „good-vibrations“, Kennenlernen und Wissenstransfer, sagt auch Kugler.

Verbinden will auch das White City Center. Neben einem Zentrum für Forschung und handwerkliche Bildung soll es Anlaufstelle für Tel Aviver – besonders die Bewohner der Weißen Stadt – und für alle, die sich für Historie und Zukunft der Weißen Stadt interessieren, werden.

Im Erdgeschoss wird ein Café und ein Laden entstehen, erklärt Denkmalpflegerin und Architektin Golan-Yaron. Vorgesehen ist auch ein Community-Garten, der gemeinsam genutzt werden kann. Im ersten Stock wird es ein Research Lab geben, wo Studenten recherchieren und arbeiten können. Und ganz oben eine Galerie und ein Apartment. Das Dach soll eine Aussichtsplattform werden. Und eine Riesenkarte von Tel Aviv aufgehängt werden.

Bereits während der Renovierung stand das Haus offen. Vorträge wurden gehalten, Workshops und Seminare angeboten. Es ging um Putzauftragen, Verlegen von Terrazzoböden, Einbau von Fenstern und Türen.

Die Zusammenarbeit mit dem BMI soll fortgesetzt werden. Auch in Zukunft sollen durch das Projekt bilaterale deutsch-israelische Kooperationen etabliert werden, sagt Kugler. „Ich kann mir gut vorstellen, dass dann auch weiterhin Handwerker- oder Studentenaustauschprojekte initiiert werden, vorausgesetzt, Förderer dafür sind vorhanden.“ Das Bundesministerium fördert das White Center City bis zum Jahr 2025 mit insgesamt rund drei Millionen Euro.

Transparenzhinweis: Die Reise nach Tel Aviv wurde vom BMI unterstützt.

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