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Die Impfung gegen Masern ist derzeit umstritten.

Gastbeitrag zur Impfung gegen Masern

Masern-Impfpflicht: Die Impfung ist wichtig - aber Zwang ist schlecht! 

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Impfen oder nicht, ist das wirklich die Frage? Kolumnist Bernd Hontschik sorgt sich mehr um Zwang und Strafe in der Gesundheitspolitik.

Es ist ein Glaubenskrieg entbrannt. Impfbefürworter und Impfgegner stehen sich unversöhnlich gegenüber. Ich bin kein Impfgegner. Ich kann Impfgegner noch nicht einmal verstehen. Ein Konzept, das Millionen von Menschenleben gerettet und Abermillionen von Krankheiten verhindert hat, kann ich nicht im Ernst ablehnen. Ich denke nur an die Kinderlähmung (Poliomyelitis) und an die Pocken.

Als ich ein Schulkind war, war der Slogan: „Schluckimpfung ist süß, Kinderlähmung ist grausam“ omnipräsent in Funk und Fernsehen. Mit der Einführung der Impfung im Jahr 1961 sank die Zahl der Erkrankungen und Todesfälle dramatisch. 

Impfen: Pflichtimpfung gegen Masern 

Zwar kam es selten, mit einer Häufigkeit von etwa 1:12 Millionen, auch zu schwerwiegenden Impfzwischenfällen, die Poliomyelitis-Epidemien aber hatten Tausenden das Leben gekostet und Hunderttausende in ein Leben mit schwersten Behinderungen gestürzt. Es gibt in Deutschland seit zwanzig Jahren keinen einzigen Fall von Kinderlähmung mehr. Was für ein grandioser Fortschritt!

Als die weltweit größte Errungenschaft aller Zeiten in der Medizin wird immer wieder die Ausrottung der Pocken bezeichnet. Nach zwei Millionen Toten im Jahr weltweit wurde die Pockenimpfung auf Beschluss der WHO 1967 die erste weltweite Pflichtimpfung. Mitte der siebziger Jahre konnte diese Pflicht nach und nach wieder aufgehoben werden.

Impfpflicht: Masern sind Thema Nummer eins, Impfpflicht wird gefordert

Nach 1970 gab es in Deutschland keine Pockenepidemie, nach 1972 keinen einzigen Erkrankungsfall mehr, und 1975 erkrankte ein Mensch in Bangladesch an Pocken: weltweit der letzte Fall. Auch dieser grandiose Impferfolg hatte einen Preis, denn bei einer Million Impfungen kam es im Durchschnitt zu zwei bis drei Todesfällen und zu Tausenden, auch lebensbedrohlichen Komplikationen.

Nun sind plötzlich die Masern zum Thema Nummer Eins geworden. Die Masern haben alle Talkshows erobert, und in allen Medien, von fast allen Politikern wird eine Impfpflicht gefordert. Es müsste nämlich eine Impfquote von mindestens 95 Prozent erreicht werden, um Masernausbrüche in Zukunft zu verhindern. Derzeit liegt die Impfquote zwischen 90 und 93 Prozent. Viel fehlt also nicht. Worum geht es hier eigentlich?

Masern-Impfung: 543 Menschen sind 2018 an Masern erkrankt 

Es geht ja nicht um Millionen von Toten, Schwerkranken und Behinderten wie bei Pocken oder Polio. Im Jahr 2018 sind in Deutschland 543 Menschen an Masern erkrankt, Todesfall gab es keinen. In dieser Situation jagt der CDU-Gesundheitsminister Jens Spahn, der ein Gesetz nach dem anderen vorlegt, ein weiteres heraus: Ungeimpfte Kinder werden vom Besuch von Kindertagesstätten ausgeschlossen. Eltern droht ein Bußgeld bis zu 2500 Euro, das auch wiederholt verhängt werden kann, wenn sie ihr Kind weiterhin nicht impfen lassen. Lauteste Unterstützung dafür kommt von Karl Lauterbach, dem gesundheitspolitischen Sprachrohr der SPD.

Impfpflicht: Nachdenkliche, differenzierte Stimmen werden nicht gehört

Nachdenkliche, differenzierte Stimmen zur Masernimpfpflicht werden nicht mehr gehört. Es gibt sehr viele und sehr gute Argumente für die Masernimpfung. Es gibt nur wenige und weniger überzeugende Argumente gegen diese Impfung. So hätte beispielsweise eine Impfung schon Menschen vor dem Rollstuhl bewahrt

Aber wieso ein Impfzwang? Das hat es seit mehr als fünfzig Jahren nicht mehr gegeben.

Unabhängig von der hitzigen Debatte um Masern und sonstige Viren fällt mir dabei etwas anderes auf, das unbemerkt und hinterrücks in die Gesundheitspolitik Einzug gehalten hat: Der Zwang und die Strafe! 

Impfzwang und Strafen sind der falsche Weg 

Vor wenigen Tagen ließ Jens Spahn verlauten, dass Ärzt*innen, die ihre Praxis nicht sofort an die digitalen Online-Netze anschließen, mit Honorarabzügen von 2,5 Prozent bestraft werden. Denn Datenschutz sei nur etwas für Gesunde, sagt Jens Spahn.

Und ich sehe noch das wütende Gesicht von Karl Lauterbach vor mir, als er sich vor Jahren nicht mit einer Pflicht zur Teilnahme an Vorsorgeuntersuchungen durchsetzen konnte: Er wollte an Krebs Erkrankte mit einer Verdoppelung der Zuzahlungen bestrafen. 

Masernimpfung ist Pflicht: Aber wie soll das weitergehen?

Wie soll das weitergehen? Vielleicht mit Strafen für unzuverlässige Medikamenteneinnahme? Oder wie wäre es mit 5000 Euro Strafe, wenn man keinen Organspendeausweis hat? Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt!

„Bis zum Sommer werden wir weitere zwölf Gesetze einbringen“, sagt Karl Lauterbach über seine geölte Zusammenarbeit mit dem kongenialen Minister. Es wird fürchterlich.

Dr. med. Bernd Hontschik ist Chirurg und Publizist. www.medizinHuman.de

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