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Mario Adorf, geboren am 8. September 1930, gehört seit Jahrzehnten zur ersten Riege der deutschen Schauspielkunst.
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Mario Adorf, geboren am 8. September 1930, gehört seit Jahrzehnten zur ersten Riege der deutschen Schauspielkunst.

Altwerden

Mario Adorf: „Ich habe keine Angst vor dem Fliegen, aber vor dem Abstürzen“

Schauspielerin Simone Rethel-Heesters unterhält sich mit Schauspieler Mario Adorf über das Glück – oder Unglück – eines langen Lebens. Ein Buchauszug

Wie alt fühlen Sie sich?

Ich gehöre zu denen, die sich sehr wenig Gedanken über das Alter machen. Ich fühle mich am liebsten so alt, wie ich gerade bin – weder jünger noch älter. Das schützt einen vor Überraschungen und vor Ängsten!

Gibt es denn etwas, was Sie am Älterwerden schön finden?

Also – ich will ja ehrlich sein – ich bin kein Jubelgreis. Ich habe kein großes Verständnis für die Jubelszene der Senioren, die tanzen, singen und fröhlich sind, das liegt mir sehr fern. Aber ich leide nicht unter meinem Alter und nehme es so, wie es mir physisch möglich ist. Ich nehme es hin als etwas, was man nicht sehr beeinflussen kann. Offensichtlich gibt es Leute, die sehr gut damit umgehen können und sehr viel Positives darüber sagen können. Ich jedoch merke, wie ich älter werde, wie die Kräfte weniger werden, wie die Konzentration vielleicht nicht mehr so hundertprozentig ist. Ich habe noch ein relativ gutes Gedächtnis, und man staunt über mein gutes Gedächtnis. Aber ich kann nicht sagen, dass ich das Alter genieße, sondern ich lebe so, wie ich auch vorher gelebt habe. Ich habe keine wirkliche Meinung über das Altern.

Können Sie sich erinnern, wann Sie das erste Mal das Alter gespürt haben?

Ich habe selten kokettiert mit dem Alter, dass ich zum Beispiel gesagt hätte: Entschuldigt, ich bin immerhin schon so alt. Es liegt zwar nahe, dass man das tut, und vielleicht wird das noch deutlicher, je älter man wird und man dazu neigt, das Alter vorzuschieben als Erklärung für viele Dinge. Für mich ist Alter weniger eine physische Erscheinung als eine geistige. Was macht das Alter mit mir, oder habe ich vielleicht auch etwas eingebüßt, zum Beispiel die Neugier? Ich war immer ein sehr neugieriger Mensch, sehr neugierig auf das Leben anderer Menschen, weil ich ja andere Menschen darstelle. Das ist nicht selbstverständlich beim Schauspieler. Es gibt Kollegen, die spielen sich ein Leben lang selbst. Ich habe den Schauspielerberuf immer so angesehen, dass ich meine eigene Persönlichkeit ausweiten muss, durch die Erfahrung mit anderen Leben, mit anderen Charakteren. Das war für mich der Anlass, Schauspieler zu werden und nicht „nur“ mich selbst zu spielen. Ich kannte Schauspieler, die sagten, ich bearbeite mir jede Rolle so lange, bis sie mir passt, bis sie auf mich selbst passt. Während ich immer sagte: Nein, ich muss so lange arbeiten, bis ich auf den anderen Menschen passe. Es gibt allerdings auch Schauspieler, die sich völlig versenken in die Rolle, bis sie einem identisch scheinen. Ich glaube daran nicht. Ich bin auch zu sehr von Brecht geprägt: Immer neben der Rolle stehen, sich beobachten, was willst du sagen, was willst du zeigen?

Sie sagten eben, dass Ihre Neugierde im Alter nachlässt?

Ja, denn erst einmal richtet sie sich nicht in die weite Zukunft. Ein Teil der Neugierde auf die Zukunft ist bei mir weniger geworden. Man ist weniger neugierig. Die Neugierde kann sich aber auch auf die Vergangenheit richten. Manchmal möchte man wissen, wie war das damals, wie warst du damals? Was war anders bei dir? Wie hast du geurteilt? Wie hast du das Leben gesehen? Wie jung hast du dich gefühlt? Oder hast du dich wirklich einmal sehr viel jünger gefühlt? Hast du der Jugend nachgetrauert? Eine zurückblickende Neugier … Und die alltägliche Neugier jetzt im Leben, die lässt nach. Man sagt sich viel mehr, ach, das werde ich nicht mehr erleben, oder ich will gar nicht mehr wissen, wie die Welt sich entwickeln wird. Aus meiner Sicht wird sie sich schlecht entwickeln. Ich konnte in meiner Jugend und auch noch sehr viel später ein sehr privilegiertes Leben führen. Wir haben in einer wohlhabenden Zeit gelebt, so leichtlebig werden wir nie wieder sein können. Ich habe 40 Jahre lang in Italien gelebt und die Italiener noch kennengelernt mit ihrer wunderbaren Leichtigkeit, mit ihrer Liebe zur Sonne, zum Nichtstun. Wir lebten damals in einer Zeit, die in unserer Lebenszeit vielleicht die glücklichste war, gerade weil wir seit Kriegsende eine so lange friedliche Zeit erlebt haben wie nie vorher. Das wird sich in der zu erwartenden Zukunft wohl eher negativ ändern.

Was bedeutet für Sie Glück?

Es gibt ja viele Menschen, die über sich sagen, sie seien glücklich. Ich sah das Glück immer als eine große Seltenheit an, als ein seltener Moment im Leben. Es gab für mich nie eine lange Glücksstrecke, sondern kurze Momente des Glücks. Einen gescheiten Gedanken über das Glück habe ich früh geliebt: Fortuna, das Sinnbild des Glücks, ist zwar blind, aber nicht unsichtbar. Das heißt also, man kann es packen! Man muss nach dem Glück Ausschau halten, man muss es suchen und dann zu packen verstehen. Das heißt aber auch, dass es einer Anstrengung bedarf: Man muss es sich verdienen! Man darf es nicht wie eine Gnade erwarten, die irgendwo oben vom Himmel kommt, sondern muss sich bewusst machen, dass man ein aktives Leben führt, das dann eben auch möglichst viele Glücksmomente hat. (…)

„Ich bin kein Jubelgreis.“

Künstler, so sagt man, sollten sich das innere Kind erhalten. Als Sie als junger Mensch in der Schauspielschule vorgesprochen haben, hieß es, Sie hätten Kraft und Naivität. Haben Sie sich Ihre Naivität erhalten?

Na ja, ich weiß nicht, ob einem das gelingen kann. Das war auch mehr eine spöttische Bemerkung vom Theaterdirektor, der meinte: So naiv kann man doch nicht sein! Oder wieso kann dieser Bursche so naiv sein, der kommt aus einer kleinen Eifelstadt, ohne jede kulturelle eigene Erfahrung. Der kommt auf einmal hierher auf die Schauspielschule und will hier vorsprechen! Da ich in dieser Zeit auch auf dem Bau gearbeitet habe, war ich physisch ein sehr präsenter, kräftiger Bursche, daher die Kraft. (…)

Leben Sie gerne?

Ich esse und trinke gern, ich lebe gerne, ja. Und Gott sei Dank ist das auch noch nicht eingeschränkt. Ich esse immer noch alles, was mir schmeckt. Ich habe das alles bis zum 90. so hingenommen. Aber darüber hinaus habe ich mir nie Illusionen gemacht, dass man älter werden könnte. Ich bin auch niemand, der so einen Ehrgeiz entwickelt, 100 zu werden. Das sage ich ganz ehrlich.

Ich glaube, wenn man so aktiv ist, wie Sie es sind, wird man gesünder älter.

Sicher. Dieses letzte Corona-Jahr 2020, ohne Aktivität, das hat mich zumindest nachdenklich gemacht. Ich hatte auf einmal nicht mehr das präsente Gefühl, hier braucht man dich noch und hier will man was von dir. Das fiel auf einmal im ganzen Jahr weg.

Das war ein Vorgeschmack auf den Ruhestand.

Ja, den ich nie angestrebt habe. Ich habe nie gedacht, ich höre mal irgendwann auf, sondern ich habe immer gesagt, solange ich ein Gedächtnis habe, mich physisch gut fühle und man mir noch etwas zutraut, will ich das auch tun.

Heißt das, solange Sie wollen und können, werden Sie weitermachen?

Ja. Der Gedanke an den Ruhestand hat für mich nichts Tröstliches und nichts Erholsames, sondern eher eine gewisse … nicht Angst, aber es ist die Vorstellung, was machst du dann? Blumen züchten oder Bilder malen oder was machst du dann? Du hast doch einen Beruf, das ist doch dein Leben und nicht Blumen züchten! (…)

Sie leben in München, Paris und Saint-Tropez. Reflektieren Sie, wenn Sie zum Beispiel an der Côte d’Azur in der Sonne sind, dass Sie besonderes Glück haben, an so einem schönen Platz zu sein? Machen Sie sich das bewusst?

„Alterslos – Grenzenlos. Porträts und Gespräche über das Leben“, Westend Verlag, 216 Seiten, 34 Euro.

Zu Person und Buch

Den Auszug entnehmen wir dem Buch „Alterslos – Grenzenlos. Porträts und Gespräche über das Leben“: Die Schauspielerin, Autorin, Malerin und Fotografin Simone Rethel-Heesters hat sich mit Kamera und Mikrofon aufgemacht und mit Prominenten über das Alter gesprochen. Mit dabei: Musiker Peter Maffay, Politikerin Rita Süssmuth, Schauspielerin Nicole Heesters, Politiker Gregor Gysi.

Buchvorstellung : Freitag, 22.10., 18 Uhr, im Laden „Genusskomplizen, Frankfurt, An der Kleinmarkthalle 7-9, moderiert von Daniella Baumeister vom Hessischen Rundfunk.

Simone Rethel-Heesters , Jahrgang 1949, spielte am Bayerischen Staatsschauspiel in München, am Deutschen Theater, am Hamburger Thalia Theater und in vielen Filmen und TV-Serien. Sie war mit Johannes Heesters verheiratet und engagierte sich als Botschafterin für die Initiative „Altern in Würde“. osk

Ich genieße es schon, ja. Ich habe mir diesen Ort nicht ausgesucht, meine Frau kommt aus Saint-Tropez, sie ist dort geboren. Wir selbst waren nicht Teil der Schickimicki-Gesellschaft. Wir kannten zwar von Anfang an Brigitte Bardot – eine Freundin meiner Frau. Wir sind aber bald aufs Land gezogen, wir mögen die ländliche Gegend dort schon sehr. Allerdings habe ich viel mehr unser Leben in Rom genossen. 40 wunderbare Jahre, die schönste Zeit unseres Lebens.

Ältere Menschen kleiden sich oft sehr eintönig, aber Sie sind immer sehr chic angezogen. Beeinflusst Sie da Ihre Frau?

Das war eher meine Mutter, die mich beeinflusst hat, als meine Frau, sie war ja noch im Krieg Schneidermeisterin geworden. Sie hat mir schon einen gewissen Geschmack für Mode beigebracht. „Anständig“, hat sie gesagt, „anständig gekleidet muss man sein!“ Ich habe viele Rollen gespielt, wo ich nicht anständig aussah. Als ich dann den „Großen Bellheim“ spielte, sagte meine Mutter: „Endlich ein Herr!“ (…)

Was können Sie heute besser als vor 70 Jahren?

(Er überlegt lange.) Da fällt mir nichts ein, nicht einmal das Lügen. Ich kann nicht lügen. Ich kann manchmal die Wahrheit verschweigen aus Rücksicht, jemanden nicht zu verletzen, wenn ich die Wahrheit sage.

Haben Sie Angst vor dem Tod?

Nein, also Angst … das ist so, wie mit dem Fliegen: Ich habe keine Angst vor dem Fliegen, aber vor dem Abstürzen. Und ich habe Angst vor dem Sterben, aber nicht vor dem Tod. Der Tod ist für mich eine Tatsache, die so was von klar und absehbar ist.

In Ihrer Biografie hat mich dieses Kapitel „das letzte Mal“ beeindruckt: Man sitzt im Flugzeug und sagt sich, heute fliege ich „das letzte Mal“ – beispielsweise nach Saint-Tropez und dadurch würde man alles mehr genießen. Mich würde das traurig machen, wenn ich mir sagen würde: So, das ist jetzt das letzte Mal, dann würde ich alles mit Wehmut genießen.

Ich weiß ja nicht, ob das Glück ist oder Wehmut, aber es ist einfach das Gefühl, dass ich mehr genieße, mehr wahrnehme als vorher, wenn ich mir vorstellen, dass es das letzte Mal ist. Ich war beispielsweise 20-mal auf Capri, aber das letzte Mal habe ich gedacht, wenn es das letzte Mal ist, dann will ich das wirklich mehr genießen als früher, als ich dachte, ich komme ja sowieso nächstes Jahr wieder.

Also ein Trick?

Ja, das ist schon ein kleiner Trick, dass man es einfach bewusster erlebt.

Wenn nun die gute Fee käme und Ihnen drei Wünsche erfüllen könnte, was für Wünsche hätten Sie?

Mhm ... kann ich Ihnen gar nicht sagen, da bin ich sehr unterentwickelt. Ich habe keine Wünsche. [Er macht wieder eine Pause.] Es gibt Wünsche, die man haben könnte, die aber sowieso unerfüllbar sind, also gehe ich ihnen gar nicht nach. Aber ein Wunsch … [er denkt nach], vielleicht bitte nicht so elend zu sterben wie meine Mutter. Ich nehme es, wie es kommt, und wünsche mir, dass es gnädig sein möge.

Tja. Ich hätte lieber was Fröhlicheres von Ihnen gehört als das Sterben …

Was könnte das sein? Ich habe keine Sehnsucht mehr, nach Honolulu oder sonst wohin zu fliegen. (Er überlegt weiter.)

Sie haben alles gesehen?

Ja, ich habe fast alles gehabt. Und ich sage mir nicht: Das wäre es noch mal, wenn ich dies oder das noch sehen könnte …

Aber wir sind noch nicht durch mit den Wünschen! Ich möchte noch einen Wunsch von Ihnen, irgendeinen Wunsch. Und wenn Sie sagen würden: „Hören Sie auf mit dieser ewigen Fragerei.“ …

Was könnte das denn sein? Ich habe wirklich nichts. (Er überlegt weiter.)

Sie sind eigentlich der Erste von meinen Gesprächspartnern, der sagt: „Mir fällt nichts ein.“ Man könnte annehmen, dass Sie wunschlos glücklich sind!

(Er lacht.) Doch, natürlich habe ich einen Wunsch: Guter Schlaf und gute Verdauung!

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