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Der Whanganui River auf der Nordinsel steht seit 2017 unter Schutz. Die Maori wollen dies auch für Flüsse der Südinsel erreichen.
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Der Whanganui River auf der Nordinsel steht seit 2017 unter Schutz. Die Maori wollen dies auch für Flüsse der Südinsel erreichen.

Neuseeland

Maori sorgen sich um die Flüsse

  • VonBarbara Barkhausen
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Neuseeland wirbt gern mit seinem grünen Image, dabei gehören die Gewässer der Südinsel zu den schmutzigsten der Welt.

Die Warnung ist deutlich: „Vorsicht! Hier zu schwimmen ist nicht sicher“, steht auf einem Schild am Ufer des Flusses. Auch wird davon abgeraten, Fische aus dem Gewässer zu verzehren. Die Warntafel, um die es hier geht, steht in Neuseeland – also einem Land, das sich damit schmückt, ein ursprüngliches, ein grünes Land zu sein. Zu 100 Prozent „reines“ Neuseeland lautet eine große Werbekampagne des Landes. Auch die Fotos, die auf Instagram hochgeladen werden, zeigen stets die vermeintlich so unberührte Natur.

Doch vom Saubermann-Image, das Neuseeland pflegt, bleibt vor Ort zum Teil nicht viel übrig. Denn mit jedem Schaf, das einem Rind weichen muss – die chinesische Nachfrage nach Milchprodukten ist groß – verschärfen sich die Umweltprobleme, mit denen der Inselstaat zu kämpfen hat: Eine Kuh scheidet täglich bis zu 50 Kilo Urin und Kot aus. Große Mengen davon versickern im Boden und gelangen so ins Grundwasser. Die Folge ist eine hohe Nitrat-Belastung im Wasser – Trinkwasser muss stark behandelt werden und an vielen Seen ist Baden inzwischen verboten.

Im vergangenen Jahr gestand ein Regierungsbericht ein, dass fast 60 Prozent aller neuseeländischen Flüsse einen Verschmutzungsgrad aufweisen, der über dem akzeptablen Niveau liegt. Und in städtischen Regionen und Agrargebieten sind demnach 95 bis 99 Prozent der Flüsse kontaminiert. Die sozialdemokratische Regierung des Landes unter Jacinda Ardern hat es sich zwar auf die Fahnen geschrieben, die Verschmutzung der Gewässer zu bekämpfen, doch die Milchindustrie gehört zu den mächtigsten und wichtigsten Industrien des Landes.

In den zwölf Monaten bis März 2020 exportierte Neuseeland Milchprodukte im Wert von 19,7 Milliarden Neuseeländische Dollar, das sind umgerechnet rund 11,6 Milliarden Euro. Innerhalb von nur 30 Jahren stiegen die Milchexporte damit von etwas mehr als zwei Milliarden Dollar pro Jahr auf fast 20 Milliarden an. Fonterra, das größte Unternehmen des Landes, kann fast ein Drittel der weltweiten Milchexporte für sich verbuchen.

Ein Beispiel für den Verfall der Gewässer ist der Lake Ellesmere auf der Südinsel Neuseelands. Der Selwyn River, der in den See mündet, ist einer der schmutzigsten Flüsse des Landes. Hier breiten sich in regelmäßigen Abständen Algenblüten aus, eines der sichtbarsten Zeichen für eine übermäßige Nährstoffbelastung, etwa durch Nitrate. Einst sei der See die Heimat von Aalen, Flundern und Meeräschen gewesen, heißt es auf der neuseeländischen Webseite Swimguide, die die Infos zu dem See mit einem roten Warnzeichen versehen hat. Das umliegende Ackerland habe die Wasserqualität inzwischen aber „stark beeinträchtigt“.

Doch die Situation am Lake Ellesmere und im Selwyn River ist kein Einzelfall mehr. Um etwas zu verändern, ist Ngai Tahu, der bedeutendste Maori-Stamm auf der Südinsel Neuseelands, nun vor Gericht gezogen. Die Ureinwohner:innen wollen die Hoheit über die Wasserwege auf der Südinsel erhalten, um sie so besser schützen zu können. Sein Volk habe keine andere Wahl mehr, als rechtliche Schritte einzuleiten, sagte Te Maire Tau, Co-Vorsitzender der Süßwasser-Governance-Gruppe von Ngai Tahu, dem neuseeländischen Radiosender RNZ.

Die Leute müssten verstehen, dass sein Stamm von den Aalen und den anderen Fischen in den Gewässern leben würde, sagte Tau. Doch inzwischen könne man nicht mal mehr die Wasserkresse verwenden. Das Wasser sei faulig und stinke. „Wenn wir das jetzt nicht lösen, wird es Generationen geben, die nicht einmal mehr wissen, wie es ist, in den Gewässern von Canterbury auf der Südinsel zu schwimmen oder Nahrung zu sammeln.“

Die Klage, die Ende des vergangenen Jahres beim Obersten Gerichtshof in Christchurch eingereicht wurde, erhält auch Unterstützung vonseiten der Wissenschaft. So sagte der Süßwasserökologe Mike Joy, die Aktion sei ein Schritt in die richtige Richtung, nachdem die Regionalregierungen an der Problematik gescheitert seien. Das Modell, dass „dieselbe Verwaltung die Umwelt schützt und sich um die Wirtschaft kümmert“, sei „fehlerhaft“ – zumal sich immer wieder zeige, „dass die Wirtschaft an erster Stelle“ stehe.

Obwohl der Rechtsstreit bisher nicht entschieden ist, zeigt ein anderer Fall, dass die Meinung und die Wünsche der Ureinwohner:innen in Neuseeland großes Gewicht haben. So erklärte das neuseeländische Parlament 2017 den Whanganui River auf der Nordinsel auf Wunsch der Maori zum Bürger. Diese befanden sich seit 1873 mit der Regierung in einem Rechtsstreit um den Fluss, der auf diese Weise nun besonderen Schutz erfährt.

Hintergrund des zunächst ungewöhnlich anmutenden Schrittes ist die Kultur der Maori und die Bedeutung, die der Whanganui River für die neuseeländischen Ureinwohner:innen spielt. Denn nach ihrem Glauben sind Menschen auf einer Stufe mit der Natur – seien es Wälder, Flüsse, Berge, Seen oder das Meer. Die Erde – sie nennen sie Papatuanuku – ist die große Mutter, die all dies, inklusive Menschen und Tiere, geboren hat.

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