Schwindler oder Wunder?

Der Mann, der seit 70 Jahren fastet

  • Christine Möllhoff
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Indiens Fastenkünstler Prahlad Jani hat nach eigenen Angaben seit 70 Jahren nichts gegessen oder getrunken. Nun wird er von Militärärzten untersucht - zum Wohle der Nation. Von Christine Möllhoff

Mit Übergewicht hat er wirklich nicht zu kämpfen. Fotos zeigen den spindeldürren Mann mit weißem Zauselbart, langen Haaren und Nasenring, wie er auf einem Klinikbett hockt. Der Inder Inder Prahlad Jani machte schon mehrfach von sich reden, weil er mit einer Geschichte aufwartet, die unfassbar klingt. Seit fast 70 Jahren habe der heute 83-jährige Yogi keinen Bissen Nahrung und keinen Tropfen Wasser zu sich genommen. Das behauptet er zumindest.

Seine wundersame Geschichte hat nicht nur die Medien verblüfft, sondern auch Indiens Militärärzte, die ihn seit dem 22. April, also seit fast 14 Tagen, bei Nulldiät halten und auf Schritt und Tritt rund um die Uhr verfolgen. Sie hoffen, der asketische Yogi könnte Vorbild für eine Armee von tapferen Soldaten sein, die bei Dürre, Hitze oder in Extremsituationen tagelang ohne Wasser und Nahrung auskommen.

Wie fast alle Wundergeschichten beginnt auch Janis wie es sich gehört mit einer göttlichen Erscheinung. Im zarten Alter von acht Jahren habe ihn die Gottheit Amba Mata gesegnet. Seitdem brauche er weder Nahrung noch Wasser, geht die Legende. Am Leben erhalte ihn göttlicher Nektar, Amrit genannt, der aus einem Loch in seinem Gaumen tröpfele. Nicht einmal auf Toilette müsse er gehen, was bei Indiens Klo-Notstand und desolatem Sanitärsystem tatsächlich ein Segen wäre.

Die Welt staunt und der dauerfastende Yogi rauscht durch den Blätterwald. Wenn seine Geschichte wahr wäre, wäre sie wahrlich eine Sensation. Normalsterbliche können zwar einige Wochen ohne Nahrung überleben, aber nur drei bis vier Tage ohne Wasser. Aber Jani verblüfft das Publikum nicht das erste Mal. Bereits 2003 machte der angebliche Wunder-Yogi, der aus dem Dorf Charod im Mehsana-Distrikt von Gujarat stammt, und über den sonst verdächtig wenig bekannt ist, weltweit Schlagzeilen.

Auch damals sollen ihn "angesehene Mediziner" durchleuchtet haben, um hinter das Geheimnis seiner mysteriösen Nulldiät zu kommen, meldeten Nachrichtenagenturen. Jani hielt es damals angeblich zehn Tage - und das unter " ständiger Beobachtung" - ohne Essen und Trinken aus, wie der Neurologe Dr. Sudhir Shah frohlockte, der es sich offenbar zur Aufgabe gemacht hat, Jani zum Ruhm zu verhelfen.

Shah hatte sich zuvor schon anderer Wunder-Yogis angenommen. Beinahe euphorisch verkündete der Arzt 2003, Jani habe weder Stuhl noch Urin ausgeschieden. Zwar habe sich ein wenig Urin in der Blase gebildet, diesen habe der Körper aber absorbiert. Man habe ihm täglich 100 Milliliter Wasser gegeben, um den Mund zu spülen. Doch die hätte er wieder ausspucken müssen. Und es kommt noch besser. Janis Gehirn sei so frisch wie das eines 25-Jährigen, legte Shah nach. Zwar kündigte er damals baldige Ergebnisse an, doch dann hörte man nichts mehr von ihm. Und auch Hunger-Yogi Jani verschwand wieder in der Versenkung und aus der Presse.

Bis er jetzt zurückkehrte. Immer noch rüstig hungert er munter weiter - wieder unter 24-stündiger Aufsicht, wieder im Sterling Hospital von Ahmedabad und wieder ist Dr. Shah dabei, von dem es mehr Zitate gibt als von Jani selbst. Doch diesmal fastet Jani zum Wohle der Nation. Militärärzte vom Defence Institute of Physiology and Allied Sciences" (DIPAS), einem Forschungsinstitut des Verteidigungsministeriums, wollen hinter sein Geheimnis kommen. "Die Untersuchungsergebnisse können uns Erkenntnisse für das Überleben ohne Nahrung und Wasser liefern", sagt DIPAS-Direktor G. Ilavazahagan, dessen Institut vor kurzem mit der Entwicklung einer Chilipulver bestückten Granate von sich reden machte.

Zweifel schon 2003

Man habe bisher nicht die geringste Verdauungstätigkeit bei Jani festgestellt. In den kommenden Wochen wollen 30 Ärzte Jani rund um die Uhr beobachten und auf Herz und Nieren testen. Die Mediziner vermuten, dass Yoga und Meditation den Körper des Mannes irgendwie verändert haben. Bis es Ergebnisse gibt, dürften aber Monate vergehen.

Außerdem dürfte es nicht leicht sein, Janis Erfolgsrezept umzusetzen und in den Alltag zu übernehmen. Prahlad Jani erklärt, seine ganze Energie durch Meditation zu gewinnen. Dass Indien seine stolze Armee in ein Heer von meditierenden Yogis verwandelt, ist aber unvorstellbar. Niemand bestreitet, dass Meditation wahre Wunder bewirken kann. Viele Yogis, Sadhus oder Gurus - wie die heiligen Männer heißen - besitzen Fähigkeiten, die westliche Vorstellungen sprengen.

Doch schon nach der zehntägigen Hunger-Studie 2003 blieben Zweifel an Janis Aussagen. So verlor der Hunger-Yogi Gewicht, einige Gramm nur, aber summiert man den Gewichtsverlust auf 70 Jahre, hätte sich Jani in der Zwischenzeit längst in Luft aufgelöst. Die "Indische Rationalisten Vereinigung", die sich dem Kampf gegen Scharlatane und selbst ernannte Wunder-Yogis verschrieben hat, nannte Jani schon damals einen Hochstapler und "Dorfschwindler".

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