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Ein Mann für schwere Fälle

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Der Anwalt und sein Mandant. Benjamin Brafman (links) und Dominique Strauss-Kahn.
Der Anwalt und sein Mandant. Benjamin Brafman (links) und Dominique Strauss-Kahn. © Reuters

Die Liste der Klienten, die Staranwalt Benjamin Brafman rausgepaukt hat, ist lang, obwohl kaum jemand einen Pfifferling für einen Freispruch gegeben hätte. Auch Dominique Strauss-Kahn will er mit seiner Masche vor dem Gefängnis bewahren.

Von Dietmar Ostermann

Wenn sich Benjamin Brafman zu seinem jüngsten Fall äußert, dann klingt das nicht nach harter Arbeit. „Am Ende wird er freigesprochen“, sagt der New Yorker Starverteidiger mit aufreizender Gelassenheit über Dominique Strauss-Kahn, als würde er nach einem Blick in den Wetterbericht eitel Sonnenschein ankündigen. Oder er beteuert nonchalant, es sei doch „ziemlich einfach“, die Behauptungen des Zimmermädchens zu widerlegen, das dem französischen Ex-Chef des Internationalen Währungsfonds sexuelle Übergriffe in einem Hotelzimmer vorwirft.

Anwälte sagen solche Sätze, dafür werden sie bezahlt. Bei Benjamin Brafman aber klingt das immer ein wenig kokett: Ihr werdet schon sehen! Die Liste der Klienten ist lang, die Brafman rausgepaukt hat, obwohl kaum jemand mehr einen Pfifferling für einen Freispruch gegeben hätte. Der Rapper Sean „P. Diddy“ Combs etwa, den eine Jury 1999 vom Vorwurf der Bestechung und des illegalen Waffenbesitzes freisprach, obwohl Dutzende Zeugen die Schießerei in einem Nachtclub beobachtet hatten. Oder Michael Jackson, zu dessen Verteidigerteam Brafman gehörte, als dem inzwischen verstorbenen „King of Pop“ in Kalifornien Kindesmissbrauch vorgeworfen wurde.

Oft konnte Brafman die Jury zwar nicht unbedingt von der Unschuld seiner Mandanten überzeugen. Aber er konnte genügend Zweifel an der Darstellung der Anklage säen, um einen Schuldspruch zu verhindern. Unter Kollegen gilt Brafman als Meister des subtilen Kreuzverhörs und der geschickten Medienintrige. Die New York Times nannte den 62-jährigen Staranwalt einst einen „eleganten Manipulator, einen Juryschmeichler“. Dabei genießen seine Mandanten, darunter anfangs viele Unterweltgrößen, oft nur wenige Sympathien in der Öffentlichkeit. Er hat Salvatore „Sammy Bull“ Gravano von der Gambino-Mafiafamilie verteidigt und Vincent „Kinn“ Gigante vom rivalisierenden Genovese-Clan.

Keine Zeugen

Auch im Fall Strauss-Kahn sind Amerikas Medien Brafmans Mandanten nicht eben zugeneigt. Und auch hier dürfte er versuchen, die Glaubwürdigkeit des vermeintlichen Opfers zu erschüttern. Etwa nach dem Motto: Okay, sie hatten Sex – aber war es eine Vergewaltigung? Brafman will die Geschworenen davon überzeugen, dass es in der New Yorker Luxussuite keine „erzwungene Begegnung“ gab. Am Ende könnte Aussage gegen Aussage stehen. Zeugen gab es nicht. Ehemalige CIA-Agenten der Detektei TD International und Secret-Service-Vetranen von Guidepost Solutions sollen die Vergangenheit der alleinstehenden jungen Mutter durchwühlen. Die Staatsanwälte stellt Brafman schon jetzt als übereifrige Ankläger hin, die sich profilieren wollten und unter enormem Druck stünden, hart gegen seinen prominenten Klienten vorzugehen.

„Als ich die Geschichte zum ersten Mal gelesen habe und hörte, es spielt in New York, dachte ich, das ist genau sein Ding“, sagte Staranwaltskollege Mark Garagos über Brafman: „Ich könnte mir keinen besseren Fall für Ben vorstellen.“ Medien, Politik und Skandale – das, was andere abschreckt, ist für Brafman nur ein Job. „Ich bin ein richtiger Anwalt“, sagte der mal selbstbewusst in einem Interview: „Meine Klienten mögen notorisch oder kontrovers sein, und andere Anwälte mögen beteuern, sie würden diese Leute nie verteidigen. Aber das sagen sie doch nur, weil sie nicht wissen, wie man das macht.“

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Im Gerichtssaal stellt Brafman mal aggressive Fragen, bis die Richter ihn zur Ordnung rufen. Mal gibt er den unterhaltsamen Kumpeltypen. Auch Humor zählt zu seinen Waffen. In der Schule in Brooklyn und Queens, wo der Sohn orthodoxer Juden und Holocaust-Überlebender in einfachen Verhältnissen aufwuchs, galt er einst als Klassenclown. Später versuchte Brafman sich als Stand-up-Comedian, bevor er an der Ohio Northern University Rechtswissenschaften studierte.

Die Universität zählt nicht zu Amerikas prestigeträchtigen Edelhochschulen. Doch zurück in New York stürzte sich Brafman umso ehrgeiziger in die Arbeit. Erst in den 1970er Jahren als Staatsanwalt, wo er, wie das Magazin „New York“ schreibt, im Ruf stand, „alles zu verklagen, was sich bewegt“. Dazu gehörte ein städtischer Parkangestellter, der Tauben vergiftet hatte. Von 24 Fällen habe Brafman nur einen verloren.

1980 wechselte er die Seiten, lieh sich 15?000 Dollar von seinem Großvater, richtete ein Büro ein und gründete eine eigene Kanzlei. Heute gilt der Anwalt mit der kleinen Statur und dem zurückgekämmten Haar in seiner Zunft als einer der ganz Großen. „Der Staatsanwalt will, dass Sie seine Story glauben. Ich möchte gern 1,80 Meter groß sein. Keiner von uns wird seinen Wunsch erfüllt bekommen“, beschied Brafman mal einer Jury. Er behielt Recht.

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