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Andy Serkis macht sich gern zum Affen.
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Andy Serkis macht sich gern zum Affen.

Andy Serkis

Der Mann, der Gollum und King Kong spielt

  • VonUlrich Lössl
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Andy Serkis ist längst nicht so bekannt wie die Figuren, die er im Kino verkörpert: Gollum, King Kong und jetzt wieder den tierischen Anführer in "Planet der Affen". Ein Gespräch über Eitelkeit und Moral.

Wir treffen Andy Serkis im Ham Yard Hotel in London. Er sieht aus wie ein gutmütiger Bär und hat eine Stimme, die wie in Whisky eingelegter Stacheldraht klingt.

Mr. Serkis, Sie haben einige der berühmtesten Fantasy-Figuren der Film-Geschichte dargestellt und doch kennt fast niemand Ihr wirkliches Gesicht. Schmerzt Sie das sehr?
Überhaupt nicht! Es war für mich ein großes Glück, unter anderen Gollum, King Kong und jetzt wieder Caesar darstellen zu können. Ich habe das immer mit ganzem Herzen und vollem Körpereinsatz getan. Das ist Schauspielerei pur. Da gibt es eigentlich keinen Unterschied zu den Filmen, in denen ich „normale“ Rollen spiele. Abgesehen davon bin ich nicht so eitel, dass jeder auf der Straße mein Gesicht erkennen müsste.

Sie haben die Motion-Capture-Technik für den Film quasi im Alleingang erfunden ...
... das stimmt nicht ganz. Auch Regisseur Peter Jackson hat daran einen sehr großen Anteil. Als er mich für die „Herr der Ringe“-Trilogie als Gollum besetzt hatte, erzählte er mir, dass er für die Gestaltung dieser Figur eine brandneue Video-Game-Technik nutzen wollte: die Motion-Capture-Technik. Entwickelt wurde sie von der medizinischen Industrie, um Gang-Analysen erstellen zu können. Man kann damit ganz bestimmte Charakteristika in den Bewegungsabläufen festhalten und so bei der Diagnostik z.B. in der Physiotherapie einsetzen. Peter meinte dann noch, ich müsste beim Drehen so einen Anzug mit Sensoren und Infrarot-Markern anziehen, der meine Mimik und Bewegungen genau aufzeichnet. Die würden später dann am Computer im CGI-Verfahren (Computer Generated Imagery / 3-D-Computergrafik-Bild-Synthese) bearbeitet werden. So sollte ein Gollum entstehen, wie ihn die Welt noch nicht gesehen hatte. Mich würde man im Film also gar nicht sehen – aber ich müsste auf jeden Fall schauspielern. Ich war davon sofort begeistert.

Klingt alles furchtbar technisch.
Das ist es auch – der eine Teil. Der andere Teil ist purer Spaß! Als ich zum ersten Mal den Motion-Capture-Anzug anhatte, sah ich mich auf einem Monitor als „Gollum“, der sich genauso bewegte, wie ich es tat – und zwar zeitgleich. Ich dachte: Das ist das wunderbarste Werkzeug für das Fantasy-Filmemachen, das es gibt! Von Film zu Film haben Peter und ich dann das Motion-Capture-Verfahren immer etwas weiterentwickelt. Als wir zusammen mit Steven Spielberg „Die Abenteuer von Tim und Struppi – Das Geheimnis der Einhorn“ drehten, war Steven ganz aus dem Häuschen über dieses „neue Spielzeug“, wie er es nannte. Mittlerweile ist dieses Verfahren aus keinem Fantasy-Film mehr wegzudenken, sei es „Avatar“, „Star Wars“ oder eben unsere „Planet der Affen“-Trilogie. Inzwischen ist diese Methode so komplex und ausgefeilt, dass man am Computer exakt abbilden kann, wie der Schauspieler seine Figur portraitiert. Bis in die letzte Falte, sogar das kleinste Zittern.

Ein großer Teil von „Planet der Affen: Survival“ spielt im Winter. Sind Schnee und Eis etwa auch Spezialeffekte? Hatten Sie es beim Drehen also schön warm?
Im Gegenteil! Gedreht wurde im kanadischen Winter. Und die Winter dort sind extrem kalt. Wir hatten als Crew viele Leute, die auch schon bei Leonardo DiCaprios Film „The Revenant – Der Rückkehrer“ mit dabei waren. Die wussten, wie schneidend die Kälte im Norden Kanadas sein kann. Sie trugen am Set alle Handschuhe, Steppjacken, Daunen-Hosen, wasserdichte Stiefel und Bärenfellmützen. Und wir „Affen“ standen da in unseren hauchdünnen Motion-Capture-Häuten und zitterten wie Espenlaub. Ich habe noch nie in meinem Leben so gefroren wie bei diesem Dreh – Frostbeulen inklusive. Und dabei hatte ich auf vielen Bergtouren, die ich in meiner Freizeit gemacht habe, schon brutale Kälteeinbrüche erlebt. Einmal hing ich fast einen Stunde lang in einer Eiswand am Matterhorn. Aber das war alles nichts im Vergleich zu diesen Dreharbeiten: Denn um vier Uhr morgens, wenn dein Gehirn taub ist vor Kälte, musst du diese hochemotionalen Gefühle abrufen. Das war schon die ultimative Herausforderung.

Caesar spricht diesmal mehr als in den vorangegangenen Filmen. Wie haben Sie denn seine Sprache entwickelt?
Caesar hat sich über die drei Filme hinweg stark weiterentwickelt, ebenso seine Sprache. Aber es gibt da eine rote Linie, die man besser nicht überschreiten sollte. Zusammen mit meinem Regisseur Matt Reeves haben wir also das, was Caesar sagt, sehr fein dosiert und abgestimmt. Wir haben nach den Dreharbeiten noch lange im Studio daran herumgebastelt, damit seine Sätze echt und überzeugend wirken. Ich trug beim Drehen außerdem einen Mundschutz, wie ihn Boxer im Ring tragen, und damit war es sehr schwierig, gewisse Worte richtig auszusprechen. Im Studio haben wir den Mundschutz weggelassen, damit ich besser artikulieren konnte.

Man hat manchmal sogar den Eindruck, Caesar beim Denken beobachten zu können.
Danke, dass Sie das sagen. Denn genau das wollte ich auch darstellen. Wichtig war mir allerdings, dass er dabei Affe bleibt und nicht etwa vermenschlicht wird. Was die Charakterzeichnung betrifft, habe ich mich diesmal auch auf einem sehr schmalen Grad bewegt. „Survival“ hat ja eine stark humanistische Botschaft. Die wollte ich aber nicht nur mittels des gesprochenen Wortes vermitteln, sondern vor allem auch durch Caesars Haltung. Denn trotz der tragischen Ereignisse, die Caesar widerfahren, trotz all der daraus resultierenden Schmerzen und Rachegelüste – in seinem Innersten ist er doch ein zur Empathie fähiger Anführer, der wirklich mitfühlt und auch zuhören kann. Der seinen Führungsanspruch eben nicht durch Gewalt oder gar Brutalität legitimiert, sondern durch Menschlichkeit. Im Gegensatz zum jungen Caesar, den ich mir weitestgehend im Zoo vor dem Affengehege abschaute, habe ich mich beim reifen Caesar eher von Nelson Mandela oder auch Barack Obama inspirieren lassen.

Die „Planet der Affen“-Saga war in ihren Ursprüngen – in den 60er, 70er Jahren -auch ein kritischer Kommentar zum Weltgeschehen.
Genau das hat mich damals vor allem daran fasziniert. In einer mythischen Affen-Sage wurde auch etwas über die Conditio humana erzählt. Wie großartig! Auch mir ist es außerordentlich wichtig, mit unserem Film einer großen Fan-Gemeinde eine Geschichte über Moral und ethische Werte erzählen zu können. Wir alle haben doch unsere Ansichten über den Zustand der Welt. Und da macht es auch gar nichts, dass sie oft sehr verschieden sind. Wir müssen nur bereit sein, uns gemeinsam an einen Tisch zu setzen und darum ringen, was das Beste für unsere Umwelt ist. Das Schlüsselwort im Umgang mit Andersdenkenden ist für mich: Zuhören! Nicht diffamieren, nicht ausgrenzen! Und ich finde durchaus, dass man auch in sogenannten Mainstream-Movies moralisch Stellung beziehen kann.

Sie setzen sich privat für Menschenrechte ein ...
... und auch für die Rechte von Tieren. Ich finde es auf jeden Fall sehr gut, dass Affen jetzt viel mehr Rechte haben als früher. Menschen können mit ihnen nicht mehr diese grausamen Experimente im Namen der Menschheit machen. Hoffe ich zumindest. Und was mich besonders freut, ist, dass diese Entwicklung sogar noch weiter geht: In Neuseeland gibt es einen Fluss und in Indien am Himalaya ein Stück Land, denen bereits „menschliches Recht“ zugesprochen wurde. Sollte man den Fluss oder das Land jetzt verwüsten oder sonst irgendwie beschädigen, kann man dafür verklagt werden und muss mit schweren Strafen rechnen. Ich glaube, das ist ein guter Anfang, um unsere schöne Welt vor dem Untergang zu bewahren.

Sie wollten schon lange Georg Orwells „Farm der Tiere“ verfilmen. Warum haben Sie für Ihr Regiedebüt dann den Film „Breath“ gewählt?
Mein „Farm der Tiere“-Film wird auf jeden Fall bald kommen. Wenn ich mir die politische Lage bei uns in Großbritannien unter Theresa May und die in Trumps USA so anschaue, dann wäre es doch höchste Zeit für so eine satirische Fabel auf Selbstverblendung und Größenwahn (lacht). Leider habe ich das Projekt noch nicht ganz finanziert bekommen. Der Film „Breath“ hingegen war viel einfacher zu realisieren. Und es ist ein Thema, das mich schon lange sehr berührt hat. Es ist die autobiographische Geschichte eines Mannes, der in den 50er Jahren an Polio erkrankte und eigentlich sterben wollte, von seiner Frau aber dazu gebracht wurde, den Kampf um sein Leben nicht aufzugeben. Danach habe ich gleich noch bei einem weiteren Film Regie geführt, nämlich bei „The Jungle Book“ von Rudyard Kipling. Und da spiele ich auch selbst mit – wieder im Motion-Capture-Kostüm als Balu, der Bär.

Im amerikanischen Fernsehen haben Sie in einer Late Show vor kurzem – als Gollum – Donald Trump veralbert. Machen Sie den Gollum auch für Fans auf der Straße?
Warum nicht? Je nachdem, wie ich in Stimmung bin. Und manchmal, wenn ich in der Londoner U-Bahn fahre, erkennt man mich sogar. Das peinlichste, das mir seit langem passiert ist, war, dass ich in der U-Bahn eingeschlafen bin. Als ich aufwachte, standen zehn Leute mit Smartphones um mich herum und haben mich gefilmt. Dabei riefen sie: „Gollum, Gollum!“

Interview: Ulrich Lössl

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