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Journalist Ehrman in Madrid: „Riccardo! Riccardo, was zum Teufel hast du getan?“

Mauerfall

Der Mann, der die Frage stellte

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Am 9. November 1989 fiel die Berliner Mauer. Der Erste, der das begriff, war der italienische Journalist Riccardo Ehrman.

Riccardo Ehrman ist gerade 90 Jahre alt geworden, aber wenn er von jenem Abend erzählt, erblüht er wie jemand, der sich an seine erste Liebe erinnert. „Ich kam in meine Wohnung, die zugleich mein Büro war, und das Telefon klingelte. Am Apparat war der italienische Botschafter und er sagte zu mir: Riccardo! Riccardo, was zum Teufel hast du getan? Ich weiß nicht mehr, was ich damals sagte. Heute könnte ich ihm sagen: Ich habe die Mauer fallen lassen.“ Das Publikum lacht. Die Leute, die im Madrider Goethe-Institut zusammengekommen sind, wissen: Er meint das nicht so. Aber ein bisschen meint er es doch so.

Riccardo Ehrman ist ein italienischer Journalist, der im entscheidenden Moment die richtige Frage stellte – und der die Antwort verstand. So selbstverständlich ist das nicht. Er saß auf dieser Pressekonferenz, „die langweilig war wie alle Pressekonferenzen dieses stalinistischen Regimes“, und wartete darauf, eine Frage stellen zu können. Ehrman kannte Deutschland gut, er war hier erstmals 1976 als Korrespondent der italienischen Nachrichtenagentur Ansa hergeschickt worden und 1985, nach drei Jahren in Delhi, ein zweites Mal. Er sprach fließend Deutsch und spricht es immer noch. Er lebte in Berlin, der Hauptstadt der DDR, in der Karl-Liebknecht-Straße 11, gleich um die Ecke vom Alexanderplatz. Zu Günter Schabowskis Pressekonferenz in der Mohrenstraße am Abend des 9. November 1989 kam er etwas verspätet, er musste sich vorne auf eine Stufe hocken, dort hatte er Schabowski bestens im Blick und Schabowski ihn.

Die Pressekonferenz sollte eine Stunde dauern, und es waren gut 55 Minuten vergangen, als ein ausländischer Journalist zu einer Frage ansetzte, Schabowski aber dazwischenging: „Entschuldigen Sie, jetzt erst mal der italienische Kollege.“ Das war Ehrman. Der stellte sich vor und sagte dann: „Herr Schabowski, Sie haben von Fehlern gesprochen. Glauben Sie nicht, dass dieser Reisegesetzentwurf, den sie vor wenigen Tagen vorgestellt haben, ein großer Fehler war?“ Ehrman findet, dass die Frage, die ihm spontan gekommen sei, eine ziemlich respektlose Frage war, „als hätte ich zum König respektlos gesprochen“, erzählt der Journalist, der seit 1992 in Madrid lebt, seinem spanischen Publikum.

Schabowski habe auf die Frage „schockiert“ reagiert, erinnert sich Ehrman. Aber es war die richtige Frage. Die gut dreiminütige Antwort Schabowskis endete mit den Worten: „Und deshalb haben wir uns dazu entschlossen, heute eine Regelung zu treffen, die es jedem Bürger der DDR möglich macht, über Grenzübergangspunkte der DDR auszureisen.“ Ab wann?, riefen Ehrman und andere Journalisten. „Das tritt ... nach meiner Kenntnis ist das sofort. Unverzüglich.“

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Ehrman rief seine Redaktion an. „Die Mauer ist gefallen“, sagte er, und keiner wollte es ihm glauben. „Riccardo – das war ich – ist verrückt geworden“, habe einer der Kollegen in Italien gesagt. Neben ihm am Telefon habe Eberhard Grashoff gestanden, der Pressesprecher der Ständigen Vertretung der Bundesrepublik. „Ich fragte ihn: Glaubst du, dass das wahr ist? Und er sagte: ,Kein Zweifel‘, und rief Helmut Kohl an.“

Ehrmans Bericht war nicht der erste, der an diesem Abend über Schabowskis Pressekonferenz erschien. Aber er war der erste, der die Worte enthielt: Die Mauer ist gefallen. Währenddessen drängelten sich schon die Menschen an den Übergangsstellen, Ehrman sah Tausende am Bahnhof Friedrichstraße. Aber noch machte er „ein paar Stunden Terror“ durch, sagt er. Wenn die Mauer nun doch nicht geöffnet würde? Als er bei seiner Wohnung in der Liebknechtstraße ankam, traf er auf eine Nachbarin, eine hohe Funktionärin des Regimes. „Sie warf sich weinend in meine Arme und sagte: Alles ist vorbei! Aber vielleicht ist es besser so.“ Da wusste Ehrman: Er hatte die Mauer gestürzt.

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