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Yann Martel ist mit einem einzigen Buch quasi über Nacht vom mittellosen Autor zum gefeierten Schriftsteller geworden.
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Yann Martel ist mit einem einzigen Buch quasi über Nacht vom mittellosen Autor zum gefeierten Schriftsteller geworden.

Yann Martel

Der Mann, der durch „Schiffbruch mit Tiger“ berühmt wurde

Der Roman „Schiffbruch mit Tiger“ hat Yann Martel weltbekannt gemacht. Wie lebt es sich als Autor nach dem Millionen-Erfolg? Eine Begegnung.

Von Petra Ahne

Plötzlich steht Yann Martel auf und geht mit langsamen, ausladenden Schritten den Kiesweg im Garten des Literaturhauses in Berlin-Charlottenburg entlang. Nach ein paar Metern bleibt er stehen, dreht sich um und kommt zurück, im gleichen gemächlich-federnden Gang. „So habe ich mein Buch geschrieben“, sagt er. „Im Gehen.“

Yann Martel setzt sich wieder an den kleinen runden Tisch in der Sonne, auf dem gerade eine Portion Tagliatelle mit Auberginen kalt wird. Es ist halb fünf Uhr nachmittags, und er hat seit dem Frühstück nichts mehr gegessen, aber Geschichten, das merkt man schnell im Gespräch mit ihm, sind ihm wichtiger als ein voller Magen, und nicht nur die geschriebenen. Er erzählt von der winzigen Holzhütte, die er im Garten seines Hauses in der kanadischen Stadt Saskatoon hat bauen lassen. Darin ein Schreibtisch und ein Computer, hier arbeitet er. Vor dem Tisch, der auf Knopfdruck nach oben oder unten fährt: ein Laufband. Er hat es in den vergangenen vier Jahren jeden Morgen eingeschaltet, wenn er in seine Hütte kam. Während seine Füße liefen, entstand im Kopf ein Roman, die Hände tippten ihn in den Computer. „Die hohen Berge Portugals“ ist vor Kurzem auf Deutsch erschienen.

Man könnte nun den Symbolismus bemühen, der auch in Yann Martels Texten eine so große Rolle spielt: Vielleicht ging es nur so, vielleicht musste er in Bewegung sein, um mit seiner Geschichte voranzukommen. Musste sich Schritt für Schritt entfernen von dem übermächtigen Erfolg von „Schiffbruch mit Tiger“, seinem vorletzten Roman, der ihn berühmt machte und reich und nach dem, davon ist auszugehen, jedes neue Buch von Yann Martel im Vergleich ein weniger erfolgreiches sein wird.

Aber Yann Martel winkt ab, er sei einfach ein zappeliger Typ, sagt er, das Gehen gebe seinem unruhigen Körper etwas zu tun, und außerdem sei es gesund. Abends kehre er entspannt in das Haus am anderen Ende des Gartens zurück, zu seiner Frau, die auch Schriftstellerin ist, dem Hund und den vier Kindern, ein, zwei, vier und sechs Jahre alt. Nach Saskatoon, die unauffällige Stadt mitten in Kanada, ist Martel im Jahr 2003 gezogen, kurz nachdem er mit knapp 40 Jahren vom mittellosen Autor zum gefeierten Schriftsteller geworden war. Wie sich das anfühlt, wenn man vom Rand ins Zentrum der literarischen Aufmerksamkeit gespült wird, hat er in Berlin erlebt.

Im September 2002 bekam Yann Martel den Man Booker Prize, einen der wichtigsten Literaturpreise für englischsprachige Literatur, im Oktober trat er eine einsemestrige Gastprofessur am Institut für Vergleichende Literaturwissenschaft der Freien Universität in Berlin an. Er wohnte am Einsteinufer in Charlottenburg, bei dem zum Freund gewordenen Übersetzer seiner ersten beiden, unbekannt gebliebenen Bücher, die in Deutschland der kleine Verlag Volk und Welt gedruckt hatte. Er war hier, um für seinen nächsten Roman zu recherchieren und einmal die Woche am Institut ein Seminar abzuhalten, aber plötzlich musste er ständig Interviews geben. Meistens wollten sich die Journalisten im Zoo mit ihm treffen, mal in dem in Charlottenburg, mal im Tierpark in Friedrichsfelde. Aber immer beim Tigergehege. „In den Berliner Zoos kenne ich mich ziemlich gut aus“, sagt Yann Martel.

Charmant-versponnener Abenteuerroman

Ein Tiger ist nämlich einer der zwei Hauptprotagonisten in „Schiffbruch mit Tiger“. Der andere ist ein 16-Jähriger, der sich nach einem Schiffsunglück mit jenem Tiger ein Rettungsboot teilt, 227 Tage lang, bis sie doch noch an einer Küste stranden. Die wundersame Odyssee dieser beiden ist ein charmant-versponnener Abenteuerroman, aber nicht nur. Yann Martel ist ein Autor, der zu den großen Fragen vordringen will, und seine unterhaltsamen Geschichten sind das Vehikel, mit dem er diese Fragen in die Köpfe der Leser trägt.

„Schiffbruch mit Tiger“, diese ungeheuerliche Reise, die man doch so gern glauben möchte, erkundet unser Bedürfnis genau danach: Warum glauben wir? Weil erst die Geschichten, aus denen die Religionen bestehen, das Leben erträglich machen? Dass es kein Widerspruch ist, das zu wissen und trotzdem zu glauben, ist die versöhnliche und eingängige Botschaft des Romans.

13 Millionen Mal ist das Buch bis heute verkauft worden. Noch berühmter hat die Geschichte ein aufwendiger Kinofilm gemacht, der 2013 vier Oscars bekam. Regisseur Ang Lee dankte Martel in seiner Rede am Abend der Verleihung für ein „unglaubliches, inspirierendes Buch“. Hat Yann Martel gespürt, dass ihm nun ein Roman geglückt war, der viele Menschen berühren könnte? Kann man das – einen Erfolg erahnen? Er schüttelt den Kopf, seine krausen Haare, die auf älteren Fotos um seinen Kopf stehen wie eine dichte Baumkrone, hat er in einem Kurzhaarschnitt gebändigt. „Haben Sie ein Lieblingskind?“, fragt er zurück. Er jedenfalls nicht, und auch seine Romane würden ihn alle gleichermaßen begeistern. Er erzählt – die Tagliatelle liegen immer noch fast unberührt da – von „Selbst“, seinem ersten Roman, in dem ein junger Mann aufwacht und feststellt, dass er eine Frau ist. Nach sieben Jahren in dem anderen Körper und Beziehungen zu Frauen wie Männern verwandelt er sich wieder zurück. „Was bedeutet es, ein Mann zu sein, oder eine Frau, homo- oder heterosexuell? Das wollte ich herausfinden. Es war fantastisch, dieses Buch zu schreiben! Wollte irgendjemand es lesen? Nein.“ Er schätzt, dass nach ein paar Jahren etwa 1000 Exemplare verkauft waren.

2010 erschien „Ein Hemd des 20. Jahrhunderts“, der mit Spannung erwartete Roman, der auf „Schiffbruch mit Tiger“ folgte: eine Parabel auf den Holocaust, erzählt mit- Hilfe eines Affen und eines Esels. Die Kritiken waren ratlos bis vernichtend, die Verkaufszahlen mittelmäßig. „Ich habe mich gefragt, warum wir immer auf die gleiche Weise vom Holocaust erzählen. Das tun wir beim Krieg auch nicht, und der ist auch schrecklich. Es gibt Romanzen und Komödien, die im Krieg spielen, und niemand spricht von Trivialisierung. Beim Holocaust schon. Wir verlieren aber etwas, wenn wir uns so beschränken“, sagt Yann Martel und unterbricht sich dann: „Sie sehen: Ich liebe alle meine Bücher. Jedes habe ich geschrieben, weil ich es selbst gern gelesen hätte.“ Yann Martel scheint weniger verwundert darüber, dass ihm so ein fulminanter Erfolg gelungen ist. Sondern eher darüber, dass seine anderen Bücher die Welt nicht genauso fasziniert haben wie ihn selbst. Die Gewandtheit, mit der er über seine eigenen Werke spricht und sie interpretiert, kann irritieren. Als ob es seinen Romanen die künstlerische Unausweichlichkeit nimmt, wenn ihr Autor sie gekonnt zerlegt, als wäre er sein eigener Literaturhistoriker.

Drang zur Überhöhung

Tatsächlich hat der Drang zur Überhöhung zuweilen etwas Mechanisches, auch in seinem neuen Buch. „Die hohen Berge Portugals“, bestehend aus drei im Abstand von mehreren Jahrzehnten spielenden Erzählungen, kreist erneut um die Frage nach dem Glauben und der Möglichkeit, so etwas wie Seelenfrieden zu finden. Der Tiger ist jetzt ein Schimpanse, er taucht als Motiv in jedem Teil auf. Einmal in einem Kruzifix, einmal – das ist der tiefste Griff ins Arsenal des Magischen Realismus – als Bestandteil einer ebenso drastisch wie poetisch beschriebenen Autopsie und einmal als leibhaftiger Affe, der einem Witwer zu neuem Lebensmut verhilft.

Yann Martel sagt, dass er schon einmal versucht habe, dieses Buch zu schreiben, es ist fast 30 Jahre her. Ein junger Mann, der Schriftsteller werden wollte, aber zu unreif gewesen sei für diesen ersten Roman. Es blieb beim Fragment. Der sprechende Hund von damals kommt jetzt nicht mehr vor, dafür aber das Kruzifix und die karge Landschaft Portugals. Das Land hatte Yann Martel als 20-Jähriger besucht, es war seine erste Reise ganz allein, eine intensive Erfahrung, sagt er. Damals studierte er Philosophie im kanadischen Ontario, seine Eltern, beide im diplomatischen Dienst, lebten in Spanien, von dort reiste er nach Portugal. In Europa war er mehr zu Hause als in Kanada, er war in Spanien zur Welt gekommen, hatte die ersten zehn Lebensjahre in Paris verbracht und danach mit seiner Familie in Costa Rica, Alaska, Madrid und Kanada gelebt.

Es klingt nach einer privilegierten Kindheit, und vielleicht wurde Yann Martel auch deswegen Arroganz vorgeworfen wegen eines Projekts, mit dem er in Kanada Aufsehen erregt hat: Vier Jahre lang, von 2007 bis 2011, schickte er dem kanadischen Premier Bücher, alle zwei Wochen eins, dazu einen Brief, in dem stand, warum er es für lesenswert hielt. Als der Politiker nach 101 Postsendungen immer noch nicht reagiert hatte, erklärte Yann Martel die Aktion für beendet, nicht ohne in Interviews weiterhin zu erläutern, dass er es bedenklich finde, wenn jemand, der Kraft seiner Funktion Macht über ihn hat, als Lieblingsbuch das Guinness-Buch der Rekorde angibt. Den leicht herablassenden Ton kann man auch in den mittlerweile veröffentlichten Briefen an den früheren Premier ausmachen, und es ist schade, dass er den sympathischen Impuls verdeckt, der hinter der unverlangten Bildungsmaßnahme steckt: die tiefe Überzeugung, dass Literatur den Menschen klüger, freier, reicher macht.

Yann Martel glaubt, dass man allerdings auch eine gewisse Offenheit braucht, um zum Leser zu werden. Und dass es für einen Roman wiederum den falschen Zeitpunkt geben kann – oder genau den richtigen. „Schiffbruch mit Tiger“ erschien in Kanada und den USA am 11. September 2001, dem Tag, an dem zwei Flugzeuge ins World Trade Center flogen. Danach dachten viele Menschen anders nach über Glauben und die Frage, was dem Leben einen Sinn geben kann. Und waren dankbar für ein Buch, in dem es genau darum ging, ernsthaft und tröstlich. Ein Erfolg, von dem die meisten Schriftsteller nur träumen können, danach Verrisse, wie man sie keinem Autor wünscht – Yann Martel könnte jetzt befreit in die Zukunft blicken, und so wirkt er auch. Normalerweise hat er ein Gerüst im Kopf, bevor er einen Roman beginnt. Diesmal nicht. Auf der Lesereise durch Deutschland und die Schweiz hat er begonnen, sein nächstes Buch zu schreiben. Es spielt in Troja, der mythischen Stadt. Viel mehr weiß er noch nicht.

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