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Nimmt die die Themen aus dem Zeitgeist ihres momentanen Lebens: Rebecca Miller.

Rebecca Miller

„Man verändert sich durch das Tun“

Die US-amerikanische Schriftstellerin und Regisseurin Rebecca Miller über göttlichen Glauben, Metamorphosen und ihr Interesse am Mischmasch des Lebens.

Von Ulrich Lössl

Rebecca Miller ist die Tochter von Arthur Miller, einer der wichtigsten US-amerikanischen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Sie ist mit Oscar-Preisträger Daniel Day-Lewis verheiratet. Sie hat bisher drei Bücher veröffentlicht und bei fünf Filmen Regie geführt. Ihr aktueller Film „Maggies Plan“ ist eine sinnlich-sinnige New-York-Screwball-Komödie, was eher ungewöhnlich ist für sie, die sich sonst meist schweren, existenzialistischen Themen zuwendet. „Ich sagte mir: Mach‘ doch endlich mal etwas Leichtes, etwas, worüber die Leute auch lachen können. Je älter ich werde, desto klarer sehe ich, wie traurig das Leben sein kann“, meint die 53-Jährige mit einem feinen Lächeln.

Mrs. Miller, sind Sie in Ihrer Ehe eher die Rose oder eher der Gärtner?
(Lacht) Sie kommen aber sofort auf den Punkt!

Nun, dieses Rose/Gärtner-Bild aus Ihrem Film „Maggies Plan“ finde ich eben sehr interessant.
In einer guten Beziehung ist man meist abwechselnd mal das eine, mal das andere. Traditionell gesehen sind wir Frauen natürlich meist der Gärtner in einer Beziehung, der die Rose – also den Mann – hegt und pflegt. Aber dieses Rollenbild hat sich in den letzten Jahren doch ziemlich verändert. Das finde ich sehr spannend. Und es macht vielen Menschen auch Angst.

„Maggies Plan“ erzählt von einer komplizierten Dreiecksbeziehung: Eine Mittdreißigerin wünscht sich ein Kind und sucht dafür einen Samenspender. Ein Vater ist zunächst nicht vorgesehen. Sie verliebt sich dann in einen verheirateten Mann, dessen Ehe gerade in die Brüche geht, beginnt mit ihm eine Beziehung und erkennt nach kurzer Zeit, dass er doch viel besser zu seiner Ex passt. Wie kommen Sie auf so etwas?
Die Vorlage stammt von Karen Rinaldi, einer befreundeten Schriftstellerin, die mir ein paar Kapitel aus ihrem noch unfertigen Roman geschickt hat. Ich hatte damals gerade meinen Roman „Jacobs wundersame Wiederkehr“ beendet – der mich fünf Jahre meines Lebens gekostet hat und wahnsinnig schwierig zu schreiben war – und bin sehr froh darüber gewesen, mich mit etwas Leichterem befassen zu können. Der Film ist als Hommage an die Screwball-Komödien der 30er und 40er Jahre angelegt. Auch fand ich es toll, mit der Figur der verlassenen Ehefrau eine Frauenrolle für eine Europäerin zu schreiben. Denn meine Mutter war Österreicherin. Und wann immer ich die Möglichkeit dazu habe, den europäischen und amerikanischen Kulturkreis miteinander in Verbindung zu bringen, mache ich das mit großer Freude. Denn der europäische Blickwinkel ist immer ein komplett anderer als der amerikanische. Und das wiederum ist sehr wichtig für mich, denn mit dieser Dualität bin ich aufgewachsen. Auf diese Weise habe ich die Welt kennengelernt.

Können Sie beschreiben, wie sich die künstlerische Arbeit auf Ihr Seelenleben auswirkt?
Das Schreiben verändert mich oft tiefgreifend. Wenn ich mein Leben so betrachte, gab es sicher Perioden, in denen ich mich künstlerisch und intellektuell für gewisse Dinge mehr interessiert habe als für andere. Auch aus dem Grund, weil ich mich gerade in einer ähnlichen Lebenssituation befand. Wenn ich, zum Beispiel, verliebt war oder mich gerade von einem Mann getrennt hatte, habe ich darüber geschrieben. Oder als ich durch den Tod meiner Eltern hautnah mit dem Sterben konfrontiert wurde, habe ich versucht, das in Worte zu fassen. Ich nehme die Themen aus dem Zeitgeist meines momentanen Lebens. Sie liegen sozusagen in der Luft. Und da gibt es keine Tabus. Ich interessiere mich sehr für den Mischmasch des Lebens!

Ein zentrales Motiv Ihres künstlerischen Schaffens ist das alternative Leben, die Transformation, die Metamorphose …
… oh ja, das ist mir alles immer sehr, sehr wichtig. In „Jacobs wundersame Wiederkehr“ verwandelt sich die Hauptperson in eine Fliege und geistert durch die Jahrhunderte. In meinem vorigen Roman „Pippa Lee“ springt die Titelfigur aus dem Fenster und ändert so ganz wesentlich ihren Lebensweg.

Auch in „Maggies Plan“ gehen Sie intensiv der Frage nach: Was wäre, wenn es anders passiert wäre? Wie würde mein Leben dann aussehen?
Für mich ist das Konzept der Flucht sehr wichtig, die Idee, sich noch einmal selbst neu erfinden zu können. Die meisten Menschen stellen sich doch manchmal vor, wie es denn wäre, wenn sie aus ihrem jetzigen Leben ausbrechen und dem Alltag mit all den Zwängen und Pflichten entfliehen könnten. Aber nur die wenigsten von uns machen das dann tatsächlich und fangen wirklich ein neues Leben an. Ich habe unendlich große Bewunderung für diese Menschen.

Brechen Sie durch Ihre künstlerische Arbeit aus dem Alltag aus?
Ja, da gehe ich an andere Plätze, in fremde Leben, webe mich in andere Schicksale ein und bin dann sogar auch jeweils die Person, über die ich gerade schreibe. Das ist eine Art von Realitäts-Flucht. Und das ist meine ganz persönliche Art, viele Leben gleichzeitig zu leben. Dieser Cocktail aus Schicksal und „Die-Wahl-Haben“ ist sehr interessant für mich.

Und sehr katholisch: „Der Mensch denkt und Gott lenkt“. Der freie Wille und …
… Gottes Vorsehung, ich weiß (lacht). Diese Dualität ist eigentlich die Quintessenz von „Maggies Plan“. Wieviel liegt in unserer freien Entscheidung, wieviel ist vorgeben? Wieviel ist nur die Summe der Entscheidungen und Erfahrungen, die andere Menschen vor uns gemacht haben, und die dann wie eine Welle über uns zusammenschlägt und unser Handeln beeinflusst? In all meinem künstlerischen Schaffen kann – wer will – auch immer etwas Mystisches erkennen. Man kann versuchen, das Leben noch so sehr zu rationalisieren: Was dahinter steht, sozusagen der Urgrund unserer Existenz, sind Emotionen.

Aber Gefühle sind nichts Letztes. Dahinter stehen Urteile und Wertschätzungen, die in Form von Gefühlen ans uns vererbt sind.
Interessant – ist das von Ihnen?

Leider nein. Es ist von Friedrich Nietzsche. Von ihm ist auch das „Gott-ist-tot“-Diktum. Hatte er recht? Ich frage das auch, weil Sie als Teenager zum Katholizismus konvertiert sind. Spielt Gott auch heute noch eine Rolle in Ihrem Leben?
Auf jeden Fall. Wer einmal, so wie ich, aus freien Stücken katholisch wurde, der bleibt es ein Leben lang. Man kann den Glauben nicht wie einen Mantel ablegen. Das geht tief ins Innere – ob man es will oder nicht. Auch wenn man nicht hundert Prozent an einen Gott glauben kann. Die Sehnsucht ist da. Aber diese Sehnsucht war bei mir schon sehr viel früher da. Ich erinnere mich, dass ich schon mit vier Jahren meine Eltern mit diesen metaphysischen Fragen genervt habe. Wer sind wir? Woher kommen wir? Wohin gehen wir?

War Ihr Vater, der große Dramatiker Arthur Miller, nicht Atheist?
Mein Vater war eine sehr komplexe Persönlichkeit. Er sagte immer, dass er kein Talent für Religion habe. Aber lassen wir es dabei. Für mich ist Gott immer noch ein Bestandteil des Dialogs, den ich als Mensch mit dem Universum habe.

Was ist das Wichtigste, dass Ihnen Ihr Vater vererbt hat?
Mein Vater – wie auch meine Mutter – waren Menschen mit sehr hohen ethischen und moralischen Werten. Ihre Integrität – vor allem in künstlerischen Belangen – war unantastbar. Sie haben nie etwas nur wegen des Geldes gemacht, sondern immer aus einer inneren Überzeugung heraus. Und sie waren absolut nicht materialistisch eingestellt. Wenn meinem Vater seine Kaffeetasse auf den Boden fiel und zerbrach, hob er sie auf und klebte die Scherben wieder zusammen. Sicher haben meine Eltern im Leben auch mal Fehler gemacht, aber diesen Respekt vor dem „richtigen“ Leben spüre ich sehr deutlich auch in meinen Genen.

Und welche Schwächen haben Sie in die Wiege gelegt bekommen?
(Lacht) Jede Familie ist ein „glückliches Gefängnis“. Und ich habe sicher auch ein paar Dinge mitbekommen, die ich nicht so toll finde. Als Kind war ich zum Beispiel hyper-sensibel und habe mir alles sehr zu Herzen genommen. Aber alles in allem waren wir keine dunkle, sondern eine helle Familie.

Stimmt es, dass Sie aufgrund Ihres übermächtigen Vaters lange gezögert haben, selbst Schriftstellerin zu werden?
Ich habe schon immer sehr viel und gern geschrieben – es aber meistens für mich behalten. Als ich 15 oder 16 war, habe ich mich dann wohl instinktiv für die Malerei entschieden, weil das ganz meins war. Später bin ich dann aber zum Schreiben zurückgekehrt und habe meinem Vater manche Sachen sogar gezeigt. Es war wohl ein bisschen so, als würde eine Katze die tote Maus, die sie gerade erlegt hat, ihrem Herrchen vor die Füße legen … Mein Vater hat das, was ich geschrieben habe, immer wohlwollend zur Kenntnis genommen, mir aber nie irgendwelche Ratschläge gegeben.

Sie sprachen vorher von Menschen, die es schaffen, ihr Leben komplett zu verändern. Wann haben Sie sich das letzte Mal neu erfunden?
Ich weiß nicht, ob es das letzte Mal war, aber als ich geheiratet habe, war mein Leben schon sehr anders als vorher. Und dann natürlich, als ich Kinder bekam. Davor stand ganz klar meine künstlerische Selbstverwirklichung an erster Stelle. Danach war ich nicht mehr so selbstbezogen, sondern habe auch gelernt, auf Dinge zu verzichten. Aus Liebe zu meinem Mann und zu meinen Kindern. Und das empfand ich nicht etwa als Beschneidung meiner Selbst, sondern als Erweiterung. Ich bin dadurch viel reifer geworden.

Kann man sich tatsächlich ändern?
Ich hoffe es. Natürlich tragen wir alle verschiedene Leben mit uns herum. Und wir definieren uns ja auch zu einem nicht geringen Teil über die Beziehungen zu unseren Nächsten. Aber man verändert sich sicher nicht über Nacht. Oder weil man es will. Sondern weil einen das Leben in diese oder jene Richtung führt. Man verändert sich durch das Tun – nicht durch das Denken. Andererseits glaube ich auch, dass Menschen gewisse Aspekte ihres Charakters genetisch vererbt bekommen, oder, wenn Sie so wollen: dass gewisse Strukturen vorprogrammiert sind oder zumindest sehr früh geprägt werden. Sehr interessant finde ich, dass es mittlerweile wissenschaftliche Beweise dafür gibt, dass das Gehirn sich durch Erfahrung chemisch verändert. Ich habe erst unlängst in einem sehr interessanten Radiobetrag gehört, dass sich die Chemie des Hirns zum Beispiel durch Traumata verändert. Und dass das sogar die DNA eines Menschen verändert. Das heißt also, dass man sein ganz persönliches Trauma auch an seine Kinder weitergibt. Aber auch, dass man sich selbst heilen kann von diesem Trauma. Und diese Heilung möglicherweise weitervererbt. Wir denken da meist viel zu kurz. Wir denken an unsere Eltern – mein Vater war so, meine Mutter so –, aber es geht höchstwahrscheinlich noch sehr viel weiter zurück. Zu unseren Ur-Ur-Ur-Großeltern … Da gibt es wohl so etwas wie einen Dominoeffekt. Aber der bezieht sich nicht nur auf unser rationales Verhalten, sondern auch auf unser Unterbewusstsein. Da gibt es Böen, die von weit, weit her in unser Leben wehen und die wir immer noch spüren.

Wenn man Ihre Bücher gelesen und Ihre Filme gesehen hat – kennt man Sie dann?
Tolstoi hat einmal gesagt: „Wenn ein Künstler etwa schafft, dann steht er still – für sein Selbstporträt.“ Wenn man etwas macht, das einen Wert hat – und nicht nur, um möglichst viel Geld zu verdienen – , dann kann man gar nicht anders, als sich selbst zu offenbaren, ganz gleich welches Genre man bedient. Man steckt immer selbst drin.

Sie sind seit 20 Jahren mit dem berühmten Schauspieler Daniel Day-Lewis verheiratet und Mutter von zwei Teenagern. Was ist anstrengender?
(Lacht) Ich hatte mit Daniel viel Glück, denn es ist ziemlich selten, dass man jemandem begegnet, der einen über so viele Jahre hinweg immer wieder aufs Neue überrascht und fasziniert. Wir sind uns von Anfang an auf Augenhöhe begegnet. Vor ihm war ich unter anderen mit Männern zusammen, die mit meinem Lebenshunger und meinen künstlerischen Ambitionen nicht richtig Schritt halten konnten. Bei Daniel hingegen war das vom ersten Augenblick an der Fall. Wir sind sozusagen „eingeklickt“. Und was meine Söhne angebt, die entwickeln sich prächtig. Wie man künstlerisches Arbeiten und Familie vereinbaren kann, das habe ich mir höchstwahrscheinlich von meinen Eltern abgeschaut. Die hatten trotz allem weltlichen Trubel immer auch Zeit für sich – und natürlich für mich.

Interview: Ulrich Lössl

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