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Nächtliche Ansicht der St. Eugene Mission Residential School im St. Mary’s Reservat in Britisch Kolumbien. Die Ureinwohner haben das einstige Internat übernommen und betreiben es als Hotel.
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Nächtliche Ansicht der St. Eugene Mission Residential School im St. Mary’s Reservat in Britisch Kolumbien. Die Ureinwohner haben das einstige Internat übernommen und betreiben es als Hotel.

Ureinwohner in Kanada

„Man hat den Indianer aus mir geprügelt“

  • Jörg Michel
    VonJörg Michel
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Gordie Sebastien wurde als junger Ureinwohner in Kanada wie viele Leidensgenossen über Jahrzehnte hinweg in staatlichen Missions-Internaten gewaltsam assimiliert. Er versucht, seinen Frieden zu finden.

Gordie Sebastien wird seinen ersten Schultag nie vergessen. Sebastien ist fünf Jahre alt, als ihn seine Großmutter vor einem hohen Eisentor absetzt. Ein letzter Gruß, ein letztes Händedrücken, eine kurze Umarmung, dann verschwindet Sebastien in einem mächtigen Backsteinbau mit einem Glockenturm und einem Kreuz auf dem Dach.

Drinnen muss er seine Kleider ausziehen, seine durchgewetzte Hose, seine alten Lederschuhe. Eine Weile steht er splitternackt da. Bis ein Helfer mit einer Schere und einem Kanister herbeieilt. Sebastiens dunkelblondes Haar fällt auf den Betonboden, sein Körper wird mit Desinfektionsmittel überschüttet. Gegen die Flöhe, wie man ihm erklärt. Doch Sebastien versteht nicht. Er ruft nach seiner Oma. Die aber darf nicht zu ihm.

Über fünfzig Jahre ist das her, aber Sebastien schildert es so lebhaft, als sei es gestern gewesen. „Es war so entwürdigend. Vom ersten Tag an haben sie uns systematisch erniedrigt, geschlagen und misshandelt“, erinnert er sich. Bis heute hat er manchmal schlaflose Nächte und Alpträume.

Beten, beten, beten

Sebastien gehört zum Volk der Ktunaxa, einem Indianer-Stamm aus dem Westen Kanadas. Elf Jahre lang, von 1957 bis 1968, musste er ein spezielles Internat für Ureinwohner besuchen, wie alle Indianerkinder in Kanada zu dieser Zeit. Die St. Eugene Mission Residential School im St. Mary’s Reservat in Britisch Kolumbien war ein solches: Betrieben wurde die Schule von der katholischen Kirche, eingerichtet und finanziert vom Staat.

In Schulen wie St. Eugene wurde den Ureinwohnern nicht nur das Lesen, Rechnen und das Handwerk beigebracht. Die Residential Schools hatten auch einen anderen Zweck: Sie sollten den Kindern früh ihre indigene Kultur und Sprache nehmen und sie in der weißen Gesellschaft assimilieren. Über ein Jahrhundert lang war das in Kanada übliche Praxis. Das erste Indianer-Internat wurde 1883 eröffnet, das letzte schloss 1996. Etwa 150.000 Schüler mussten die Klassen besuchen, etwa 70.000 sind noch am Leben.

Gordie Sebastien ist einer von ihnen. Er ist heute 61 Jahre alt und steht wie einst vor dem hohen Eisentor zum Schulgelände. Im Hintergrund ragen die schneebedeckten Gipfel der Rocky Mountains empor, gegenüber schlängelt sich ein Fluss an Wiesen vorbei durch das Tal. Sebastien öffnet das Tor und betritt das Gelände. Die Schule wurde 1970 geschlossen, das Gebäude aber steht noch. „Dieser Ort war lange ein Ort der Gewalt und Unterdrückung“, sagt Sebastien. „Für die meisten Kinder war es der Horror.“

Viele Jahrzehnte lang kam es in dem Backsteingebäude zu schlimmen Szenen: zu körperlicher und seelischer Gewalt, Misshandlungen, sexuellem Missbrauch. Manches davon hat Sebastien selbst erlebt, manches beobachtet. Manchmal bleibt es unklar.

Der Alltag in St. Eugene ließ keinerlei Raum für den Indianer im Kind. Jeden Morgen um sieben gab es eine katholische Andacht, dann eine Stunde Putzdienst. Böden schrubben, Toiletten reinigen, Fliesen abkratzen. Danach sechs Stunden Unterricht: Englisch, Mathematik, Religion vor allem. Nach dem Abendessen noch ein mal Andacht in der Kapelle, Rosenkranzbeten, Bettruhe. Und das Tag für Tag, zehn Monate im Jahr.

Wer nicht mitzog, wurde hart bestraft. Sebastien war neun Jahre alt, als er im Unterricht einmal lachen musste. Ein Versehen nur, doch es hatte Folgen. Er musste sich über eine Holzbank lehnen. Ein Lehrer schlug mit einem breiten Lederriemen zu. Immer und immer wieder. Bis Sebastiens Haut wund war. Die anderen Schüler schauten zu. Später wurde er von einem Helfer die Treppe hinuntergestoßen. Am Abend schickten ihn die Nonnen zum Beten in die Kapelle. Doch der Schmerz blieb. Bis heute.

„Man hat den Indianer gewaltsam aus mir herausgeprügelt“, meint Sebastien. Die eigene Muttersprache war ihm in der Schule streng verboten. Wer sich nicht an das Verbot hielt, bekam manchmal zur Strafe eine Seife in den Mund gestopft. Sebastien hat die alten Worte längst vergessen. Kontakt zu den Eltern oder Großeltern war unerwünscht. Sie durften ihre Kinder nur einmal im Monat besuchen.

Am schlimmsten aber war die körperliche und seelische Gewalt. Ein Mitschüler Sebastiens wurde einmal so sehr gezüchtigt, dass er danach zwei Wochen lang mit gebrochenen Knochen im Bett liegen bleiben musste. Erst als die blauen Flecken, Prellungen und Blutergüsse verheilt waren, durfte er ins Krankenhaus. Dort musste er dreizehn Mal operiert werden.

Vorfälle sexueller Gewalt

Einem anderen Jungen wurde zur Strafe für eine Unaufmerksamkeit ein Elektrokabel von einem Viehzaun um den Penis gewickelt. Er war sein Leben lang impotent und beging später Selbstmord. Ein anderer wurde zwei Tage lang nackt in einen Kleiderschrank gesperrt – weil er die zehn Gebote nicht aufsagen konnte. Als er einmal nicht schnell genug im Klassenzimmer war, musste er sich zur Strafe Mädchenkleider anziehen.

Sebastien erinnert sich auch an Vorfälle sexueller Gewalt. Ausführlich will er nicht darüber sprechen, das müssten die Betroffenen schon selbst tun, sagt er. Nur soviel will er berichten: „Wir alle kannten Opfer, Mädchen und Jungen. Manchmal haben wir stundenlang mit ihnen auf der Treppe gesessen, um sie zu trösten. Mehr konnten wir nicht tun.“

Auf dem Weg zur Rückseite des Gebäudes kommt Sebastien am schuleigenen Friedhof vorbei. Überwuchert von hohen Gräsern stehen hier Dutzende weiße und braune Holzkreuze. An den meisten Brettern blättert die Farbe ab, manche sind ganz umgefallen. An einigen wenigen Grabmalen hängen noch bunte Blumen aus Plastik.

Auf dem Friedhof wurden Priester und Nonnen der Missionsschule begraben – aber auch Schüler. Viele starben sehr jung. Auf einem Kreuz steht schlicht: „Toby Francis, 19 Jahre“. Little Joe, der daneben liegt, wurde nur sieben Jahre alt. Beide gehören zu den Opfern eines Systems, das nicht wenige in den Tod trieb.

Laut einer neuen Studie starben in den Indianer-Schulen insgesamt mehr als 3000 Kinder. 500 sind bis heute nicht identifiziert. Nicht wenige nahmen sich später das Leben. „Jeden Tag wurde uns eingehämmert, wie schlecht wir doch sind, und nach einer Weile haben wir es tatsächlich geglaubt.“

Viele Betroffene trauen sich erst heute, über ihre Pein zu sprechen. Manche Experten schätzen, dass bis zu einem Drittel der Schüler mit den Folgen nicht klar kommen. Eine vom Staat eingerichtete Wahrheits- und Versöhnungskommission dokumentiert die Vorfälle. Sie organisiert regelmäßige Treffen, bei denen Opfer das Erlebte schildern können. Oftmals ist es der erste Schritt auf dem Weg der Heilung.

Auch Dorothy Alpine war schon auf solchen Treffen. Die Seniorin ist 67 Jahre alt, trägt eine hellblaue Seidenbluse mit indigenem Stickwerk und selbst gefertigte Perlenohrringe. Sie lebt ein paar Autominuten von ihrer ehemaligen Schule entfernt in einem kleinen Holzhaus im Kiefernwald. Alpine musste das Internat von 1952 bis 1960 besuchen.

Teufelskreis aus häuslicher Gewalt, Drogen und Alkohol

Den Namen Dorothy haben ihr die Nonnen gegeben. Ihren traditionellen Namen hat Alpine vergessen. Vor zehn Jahren hat sie in einer feierlichen Zeremonie schließlich den Namen ihrer Großmutter angenommen. Auch ihren Geburtstag kannte sie lange nicht. In den Schulen war es untersagt, nicht-kirchliche Feste zu feiern. Die Folgen der Entwurzelung haben Alpine noch Jahrzehnte nach ihrem Schulabschluss verfolgt. Sie litt unter Depressionen, hatte Alkoholprobleme und war inkontinent.

„Die Aufseherinnen waren böse zu uns. Wegen ihnen bin ich zur Bettnässerin geworden“, sagt sie. Alpine hatte so große Angst vor den Nonnen, dass sie nachts lieber ins Bett gemacht hat, als nach dem Schlüssel für die Toiletten zu fragen. „Am Morgen habe ich mich dann in Grund und Boden geschämt und war überzeugt, minderwertig zu sein.“

Als Folge der traumatischen Erlebnisse entstand ein Teufelskreis aus häuslicher Gewalt, Drogen und Alkohol, der sich von Generation zu Generation fortsetzte. Oft haben die Älteren ihren Schmerz und ihre Bitterkeit an die Jüngeren weitergegeben. „Das System wirkt bis heute“, sagt Alpine. „Es hat fünf Generationen krank gemacht: meine Großeltern, Eltern, mich, meine Kinder und sogar meine Enkel.“

Alpine selbst hat mittlerweile ihren Weg der Aufarbeitung gefunden. Sie gehört zu einer Handvoll Älterer, die die traditionelle Sprache der Ktunaxa noch fließend spricht. Die hat sie sich bewahrt, trotz der Verbote. Jetzt bringt sie Jüngeren die Worte ihrer Ahnen bei. Damit ihre Kultur nicht verloren geht, damit ihre Peiniger nicht doch noch gewinnen.

Nicht allen gelingt die Auseinandersetzung mit dem Erlebten. Zwar hat sich die Regierung vor fünf Jahren für die Menschenrechtsverletzungen entschuldigt und Entschädigungen gezahlt. Auch der Papst hat die Vorfälle bedauert. Trotzdem gibt es in den meisten Indianergemeinden Kanadas bis heute mehr Selbstmorde, kriminelle Vorfälle und Drogenprobleme als im Rest des Landes.

Auch nicht im St. Mary’s Reservat. Lange hat der Stamm diskutiert, wie es weitergehen soll, vor allem mit dem alten Schulgebäude. Irgendwann hatte es der Staat in die Obhut der Ktunaxa übergeben. Die Frage hat auch Sophie Pierre umgetrieben. Pierre war selbst neun Jahre Schülerin im Internat und wurde später Häuptling ihres Stamms. Heute ist sie 63 Jahre alt. Sie trägt eine Brille mit einem Adlersymbol auf den Bügeln, einem Symbol der Westküstenindianer für Kraft und Frieden. Pierre steht mit einem Schlüssel vor der Eingangstür des Gebäudes und sagt: „Viele von uns wollten es abreißen. Wir wollten den Schmerz tilgen, ein für alle Mal. Am Ende aber haben wir uns entschieden, es doch stehen zu lassen.“

Die Schule als Hotel

An den Backsteinwänden hängen Fotos von einst: Indianerkinder bei der Osterprozession, beim Schulsport, in Schuluniform. Ein paar Schritte weiter hängt ein Banner mit einem runden Kreis und einem Regenbogen – ein Symbol der indigenen Schöpfung. Aus der Schule von einst ist ein Hotel geworden. Die Schlafsäle von früher sind heute moderne Gästezimmer. Die Kapelle mit dem runden Kirchenfenster ist ein Bankettsaal. Der große Klassenraum im Erdgeschoss wurde zur Großküche. Im Schlafgemach eines Priesters befindet sich eine Bar. Im Keller gibt es ein kleines Museum mit Artefakten der Ktunaxa-Kultur. Dazu eine Werkstatt für Kunsthandwerk und einen Raum für den Sprachunterricht.

Wo einst Indianerkinder verprügelt und vergewaltigt wurden, erholen sich heute Touristen. Das war umstritten. Pierre erzählt, dass ihr Volk zwei Jahre lang darüber diskutiert, fünf Referenden abgehalten und schließlich 40 Millionen Dollar zur Renovierung aufgetrieben hat. Dann war der Konsens da. „Man kann die Erinnerung nicht einfach abreißen“, ist sie überzeugt. „So leicht wollen wir es den Weißen nicht machen.“ In dem Hotel haben 50 Stammesangehörige einen neuen Job gefunden.

Auch Gordie Sebastien, der ehemalige Schüler. Er arbeitet heute als Nachtwächter. Er sagt, das Hotel helfe ihm auf seinem Weg der Heilung. „Es fällt mir leichter, die schlimme Vergangenheit zu verkraften, wenn ich weiß, dass das Gebäude erhalten und die Geschichte der Internate somit nicht vergessen wird.“

Es ist neun Uhr abends, Sebastien geht auf seinen Kontrollgang. In der Lobby hängt ein Messingschild, darauf eingraviert ist das Motto der Hoteleigentümer: „In diesem Gebäude wurde uns unsere Kultur geraubt. Nur in diesem Gebäude können wir sie zurückerlangen.“

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