Ouarzazate 2015: Baustelle für das weltgrößte Solarkraftwerk in Marokko.
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Ouarzazate 2015: Baustelle für das weltgrößte Solarkraftwerk in Marokko.

Joachim Wille

"Mal kurz die Welt retten - das dauert"

  • Pamela Dörhöfer
    vonPamela Dörhöfer
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FR-Autor Joachim Wille recherchiert seit mehr als 30 Jahren zu den Themen Umwelt und Natur und hat seitdem viel bewegt. Für sein Engagement würdigt ihn jetzt Bundespräsident Joachim Gauck mit dem Bundesverdienstkreuz.

Das Thema Naturschutz fesselte ihn bereits als Schüler. Er hat die ersten großen Umweltdebatten miterlebt, die um Ölkrise, Waldsterben und Atomkraft kreisten, die Gründung der Grünen, hat als Student in Frankfurt gegen den Bau der Startbahn West des Flughafens demonstriert. Dass sich manche Probleme zum Besseren wendeten, dazu hat Joachim Wille später als Journalist und auch als Buchautor selbst seinen Teil beigetragen. Schwerpunkte seiner Berichterstattung waren seit seinen Anfängen bei der „Frankfurter Rundschau“ in den frühen 1980er Jahren stets die Umwelt-, Energie- und Klimapolitik; das ist bis heute so geblieben. Langweilig ist ihm das Thema nie geworden, Ermüdungserscheinungen kenne er nicht, sagt Joachim Wille. Seine Leistung als Wegbereiter des Umweltjournalismus in Deutschland hat Bundespräsident Joachim Gauck jetzt mit dem Bundesverdienstkreuz gewürdigt. Joachim Wille erhält die Auszeichnung am Mittwoch, 10. Juni, im Stadtmuseum seiner Heimatstadt Hofheim von der hessischen Umweltministerin Priska Hinz (Grüne). Im Gespräch blickt er zurück auf die Diskussionen von einst, auf das Ringen um Veränderungen und daraus resultierende Erfolge.

Eines der Lieder, die du gerne hörst, ist „Muss nur noch kurz die Welt retten“ von Tim Bendzko. Findest du dich darin wieder?
Ehrlich gesagt, es ist das einzige Lied, dass ich von dem Sänger kenne, aber als ich es mal zufällig gehört habe, hat es gleich Klick gemacht. Der Text trifft das Lebensgefühl des gut informierten Menschen in den Industrieländern doch genau. Wir sind so overkill-informiert, dass wir kaum mehr handeln können. Jeden, der Fernsehen schaut, Zeitungen liest, täglich online ist, beschleicht das ungute Gefühl: Die Krisen in der Welt werden immer zahlreicher, sind kaum beherrschbar, die Terrorismus-Gefahr schwelt, die Reichen werden reicher, die Armen ärmer, und dann noch die ökologische Krise. Also: Man müsste dringend mal die Welt retten. Aber es gibt auch so viel anderes zu tun, die Zeit ist knapp, die Mails, Facebook und Twitter fluten dein Hirn. Es gibt halt keinen Superman. Und dann jettet man ersatzweise mal kurz zur Klimakonferenz, um die Katastrophe zu verhindern... 

Du warst als journalistischer Beobachter in den vergangenen Jahrzehnten selbst bei vielen Klimakonferenzen dabei.
Bei den meisten, das ist wahr. Die erste davon war der Erdgipfel in Rio der Janeiro 1992. Es gab damals – kurz nach dem Ende des Kalten Krieges – die Hoffnung, die Welt werde sich, statt sich mit Atomraketen gegenseitig so weit hochzurüsten, dass man sich siebenfach gegenseitig auslöschen kann, den wirklich wichtigen Themen zuwenden. Nämlich der Lösung der Umweltkrise und einer nachhaltigen Entwicklung, die die ökologischen Grenzen des Planeten berücksichtigt. Es war eine unglaubliche Aufbruchsstimmung dort. Hat leider nicht lange gehalten, diese Euphorie. Den Flopp des Klimagipfels von Kopenhagen 2009 hätte sich damals keiner vorstellen können.

Du schreibst seit 35 Jahren über die Umweltprobleme und vor allem auch darüber, wie sie zu bewältigen wären. Wie bist du zu diesem Thema gekommen? Aus persönlichem Engagement heraus?
Schon, aber nicht nur. Ich habe mich als Schüler und Student in Umwelt- und Verkehrs-BIs engagiert. Vielleicht lag es am Physik-Unterricht im Gymnasium. Ich wollte nicht einsehen, warum man Autos so ineffizient baut, dass sie, um meist nur eine Person zu transportieren, das zehnfache Gewicht dieser Person wiegen. Und dass man für das Auto-Verkehrssystem riesige Flächen Natur wegasphaltiert. Aber das war nicht alles. In den 1970er und frühen 1980er Jahren war es unmöglich, sich als Schüler und Student nicht für Umwelt zu interessieren. Ölkrise, autofreie Sonntage, der Beinahe-Super-GAU in Harrisburg, Anti-AKW-Demos, die Gründung der Grünen, Startbahn West – und dann vor allem das Waldsterben. Das waren die Themen, um die es ging. Und Journalist wollte ich schon früh werden. Bei vielen der ersten Artikel für unser Lokalblatt habe ich immer, wenn es sich anbot, über Verkehrs- und Umweltprobleme geschrieben. 

Wie verbreitet war das Thema Umweltschutz damals im Journalismus?
Es war seine absolute Hochzeit. In den ersten Nachkriegsjahrzehnten hatte es einen „Umweltjournalismus“ ja noch gar nicht gegeben. Ökologische Probleme waren ein Nischenthema gewesen. Das änderte sich in den 1970er Jahren, vor allem mit der Berichterstattung über den Report „Die Grenzen des Wachstums“ des Club of Rome 1972 und seinen Voraussagen zur Überlastung der Ökosphäre und zur drohenden Knappheit der Rohstoffe. Im Jahr danach folgte die erste Ölkrise, die die Voraussagen zu bestätigen schien. Später ging es Schlag auf Schlag. Es gab den sauren Regen und Wintersmog, das Ozonloch entstand. Es passierte der „Rhein-GAU“ mit toten Fischen kieloben, Folge eines Brandes bei einem Chemiekonzern in Basel. Dazu giftige Holzschutzmittel, Dioxin in der Muttermilch, den Super-GAU in Tschernobyl 1986. Der Umweltjournalismus blieb aber nicht Katastrophenjournalismus. Er hellte Hintergründe auf, sah sich auch gefordert, Lösungen zu suchen und darzustellen. Tageszeitungen druckten Umweltseiten, Rundfunksender brachten Umweltsendungen, teilweise wurden eigene Umweltredaktionen gegründet. Später kam dann der Rollback. Kohls „blühende Landschaften“ schienen den Medien weit wichtiger als der Klimawandel. Ein paar journalistische Urgesteine haben aber durchgehalten...

Wie verbreitet war in der Anfangszeit das Bewusstsein für die Umwelt in der Leserschaft, der Politik und der Wissenschaft?
Bei den Lesern war das Interesse groß, bei den Politikern daher, mehr oder minder notgedrungen, auch. Die Leser waren schließlich auch Wähler. Die Schwefelfilter für Kohlekraftwerke hat gegen heftigen Widerstand der Stromkonzerne ein CSU-Minister, Friedrich Zimmermann, durchgesetzt. Die Universitäten und Hochschulen waren damals beim Thema Ökologie vielfach nicht auf der Höhe der Zeit. Natürlich waren es Wissenschaftler, die auf Umweltprobleme wie Luftverschmutzung, Ozonlochschwund oder Waldschäden hinwiesen und sie in die Medien brachten. Doch wegweisende neue Konzepte wurden nicht an den Unis, sondern von neuen Instituten entwickelt, die im Umfeld der Ökobewegung gegründet worden waren. Öko-Institut, Institut für Energie und Umweltforschung Heidelberg, Katalyse-Institut – das waren damals die „Turnschuhforscher“, auf welche die etablierte Wissenschaft mit Abscheu herabblickte. Heute ist die damals vom Freiburger Öko-Institut propagierte Energiewende offizielle Regierungspolitik.

Wie haben sich die Themen im Laufe der Jahrzehnte verändert?
Am Anfang gab es einzelne, scheinbar nicht zusammenhängende Probleme, die gelöst werden mussten. Waldsterben? Lösung: Schwefelfilter und Katalysator. Gift in Holzschutzmitteln? Lösung: einfach verbieten. Schadstoffe in Flüssen und Seen? Lösung: Kläranlagen bauen. Heute weiß jeder, dass die drängenden Umweltprobleme viel komplexer sind. Die zentralen Herausforderungen der Gegenwart sind miteinander verbunden und haben meist einen ökologisch-ökonomischen Subtext: Klima, Arbeit, Gerechtigkeit, Kriege, Öl- und Gasvorkommen, Biodiversität, Naturschutz. Die jetzige Generation entscheidet durch ihr Verhalten, welche Lebenschancen die künftigen Generationen haben werden.

Welche „Meilensteine“ gab es in deiner journalistischen Laufbahn?
Der erste war eine Reportage über das absolut verheerende Waldsterben im Erzgebirge von 1983, die ich als Volontär schrieb – und die in der „Zeit“ auf Seite 1 zitiert wurde. Dann der Besuch im zerstörten Reaktor in Tschernobyl zusammen mit dem damaligen Bundesumweltminister Klaus Töpfer (CDU), wo wir Besucher die Leitwarte besichtigten, in der am 26. April 1986 der Super-GAU ausgelöst worden war. Zudem die wichtigen Klimagipfel: der zweiwöchige journalistische Rausch auf der Rio-Konferenz 1992, die durchwachte Nachtsitzung auf dem Klimagipfel 1997 in Japan, wo das Kyoto-Protokoll – bei angehaltener Konferenzuhr – dann doch noch durchgehämmert wurde, gefolgt 2009 vom Kopenhagen-Flop, dem größten diplomatischen Debakel der Nachkriegsgeschichte, als Obama, Merkel und Co. das geplante Kyoto 2-Protokoll höchstpersönlich vergeigten. Und der vorerst letzte „Meilenstein“: Ein Besuch im marokkanischen Ouarzazate, wo am Rande der Sahara das weltgrößte Solarkraftwerk gebaut wird. Das zeigt: Die Energiewende ist nicht mehr nur eine deutsche Spezialität. 

Gibt es etwas, das du ganz greifbar mit deiner Arbeit bewirkt hast?
Die Stichworte sind: Gorleben, Kohl, Energiewende. Erstens: Ein Bundestags-Untersuchungsschuss zu den Tricksereien bei der Auswahl des Atom-Endlagerprojekts Gorleben wurde 2013 unter anderem aufgrund meiner Recherchen eingerichtet. Zweitens: Einmal gelang es mir, mit einem FR-Aufmacher immerhin Bundeskanzler Helmut Kohl zu beeindrucken. Verbürgt ist, dass er sich nach dessen Lektüre zu Problemen der Klimaschutzpolitik seiner Regierung informieren ließ. Und, drittens, viel wichtiger, die Themen Atomausstieg und erneuerbare Energien. Dass die Energiewende heute Regierungspolitik ist, ist natürlich das kollektive Verdienst von vielen. Doch die Handvoll langjähriger Umweltjournalisten, zu denen ich zähle, hat daran durchaus ihren Anteil. 

Wenn du zurückblickst: Welche großen Umweltprobleme von einst sind inzwischen gelöst worden?
Ein wirklich positives Beispiel gibt es: Das Ozonloch, das nicht nur den Südpol, sondern zuletzt sogar mittlere Breiten im Norden der Erdhalbkugel bedrohte, beginnt sich wieder zu schließen. Es dauerte nur wenige Jahre von der Erkenntnis, dass bestimmte Chemikalien die Zerstörung dieses „UV-Schutzschildes“ in der Stratosphäre auslösen, bis zum Abschluss des Montreal-Protokolls, das die Ozonkiller nach und nach verbot. Über andere alte Aufregerthemen wie Waldschäden und Gewässerverschmutzung wird kaum noch geredet. Hier hat es in der Tat ebenfalls große Erfolge gegeben. Die Schadstoffe, die sie verursachten, sind zum Teil deutlich – beim Schwefel um 90 Prozent – heruntergefahren worden. Die Belastung mit schädlichen Stickstoffverbindungen, etwa aus Verkehr und Landwirtschaft, ist aber immer noch zu hoch. Zudem: Dass Luft und Wasser sauberer wurden, verdanken wir aufwendigen, sehr energieintensiven End-of-Pipe-Verfahren – zum Beispiel Filteranlagen in den Kohlekraftwerken, Auto-Katalysatoren und Kläranlagen für die Abwässer aus Haushalten und Industrie, nicht einem konsequenten Umstieg auf Öko-Energien und einer ressourceneffizienten ökologischen Kreislaufwirtschaft. 

Was sind für dich heute die drängendsten Themen?
Der Klimawandel ist die zentrale Frage. Gelingt es nicht, im Zwei-Grad-Erwärmungslimit zu bleiben, drohen wichtige stabilisierende Faktoren im Klimasystem zu kippen – die Eisschilde von Grönland und Antarktis könnten abschmelzen, der Amazonas-Regenwald austrocknen, das Monsun-System in Asien instabil werden. Das wären Veränderungen auf dem Globus mit Folgen für die Menschheit, gegen die andere Probleme marginal erscheinen. Natürlich dürfen wir die anderen Themen aber auch nicht aus dem Blick verlieren. So ist der Kampf gegen die Luftverschmutzung längst nicht zu Ende. 

Wieso sind die Fortschritte beim Klima so langsam?
Die Beharrungskräfte in Wirtschaft und Politik sind immens stark. Solange mit Ausbeutung von Kohle, Erdöl und Erdgas und der Übernutzung der Ressourcen Billionen verdient werden, ist jeder Versuch, dies zu stoppen, ein ungleicher Kampf. Der IWF hat gerade vorgerechnet, dass die Subventionen für fossile Energien 4700 Milliarden Euro jährlich betragen, mehr, als alle Regierungen der Welt für das Gesundheitswesen ausgeben. Auch in Deutschland versuchen die Energiekonzerne, die Energiewende zu bremsen, zum Teil ja auch mit Erfolg. Oder das Beispiel Japan. Das Land hat Fukushima erlebt, die Aufräumarbeiten werden bis 2050 laufen. Und trotzdem will die Regierung, die mit den Atomkonzernen verbandelt ist, eine Reihe stillgelegte Meiler wieder hochfahren. 

Fällt es dir manchmal schwer, gegenüber Umweltorganisationen, -forschern oder -politikern, deren Arbeit du gut findest, die journalistische Distanz zu wahren ?
Natürlich braucht es Distanz. Es gelten überall dieselben journalistischen Standards. Die „Ökos“ müssen genauso kritisch betrachtet werden wie die Politiker oder die Industrie. Auch sie können Fehler machen, überziehen, sind interessegeleitet. Man denke an den Info-GAU von der Umweltorganisation Greenpeace, als sie eine Kampagne gegen die Versenkung der Brent Spar fuhr – und dabei falsche Messwerte über die Schadstoffe in der Ölplattform benutzte.

Hast du manchmal das Gefühl, „Ansprüche“ von Umweltschützern erfüllen zu müssen?
Nein, keineswegs. Einen Unterschied gibt es allerdings. Umweltschützer und kritische Umweltforscher hatten lange Zeit viel weniger Möglichkeiten, Kritik und alternative Ansätze publik zu machen, die gegen den Mainstream in Politik und Wirtschaft verstießen. Es war der Job von uns Umweltjournalisten, diese Schieflage quasi auszugleichen, sie zu Wort kommen zu lassen. Heute hat sich die Situation gebessert. Teils sind die Ideen ja, wie gesagt, im Mainstream angekommen. Zudem verfügen auch die „Ökos“, via Internet, über viel breitere Kommunikationswege als früher. Heute ist der Job der Journalisten eher, in der Informationsflut den Überblick zu behalten und das zu identifizieren, was wichtig ist. 

Bist du denn im Laufe der Jahre mehr als ein spezialisierter Journalist geworden, also selbst ein Experte?
Nein, das zu behaupten, wäre vermessen. Ich bin kein Klimaforscher, kein Energieexperte, kein Umweltökonom. Experte bin ich, was die Entwicklung des Umweltjournalismus angeht. Einerseits sind die Voraussetzungen für ihn derzeit besser als je zuvor. Die Berichterstattung über Umwelt, Klima und Nachhaltigkeit hat unübersehbar zugenommen. So greifen die klassischen Medien diese Themen heute häufiger auf als früher – einfach weil ökologische Umweltbezüge in fast allen Feldern auftauchen. Und zum Glück gibt es in jüngerer Zeit viel Nachwuchs, gerade in neuen Projekten wie „klimaretter.info“ oder „utopia.de“. Andererseits macht die aktuelle Medienkrise vor dem Umwelt- und Nachhaltigkeitsjournalismus natürlich nicht halt. Die Realität sind Redaktionen mit Minimalbesetzung, Zeitknappheit, Unterhaltungsorientierung, verringerter Recherchekapazität und vor allem Gehälter und Honorare, die bei vielen  „neuen“ Medien kaum noch zum Leben reichen. Diese Krise muss gelöst werden, wenn hochwertiger Journalismus eine Zukunft haben soll, ob durch Bezahlmodelle für Online-Angebote, stiftungsfinanzierte Publikationen, Crowdfunding oder andere Konzepte. 

In Zeiten des flüchtigen Konsumierens von Nachrichten: Wie gut lassen sich junge Leser mit diesen schwierigen, komplexen Themen erreichen?
Besser, als viele denken. Ich blase nicht ins Horn der Pessimisten. Die meisten jungen Leute sind gegenüber dem Umweltthema sehr aufgeschlossen. Sie haben ein Basiswissen über Klima und Energie schon aus der Schule, und bauen darauf auf. Sie nutzen die Medien anders, aber intensiv. Und retten nicht nur mal kurz die Welt: Der Lifestyle der Jungen ändert sich mehr, als viele Ältere mitbekommen. Das Auto wird weniger wichtig, Beziehungen wichtiger, man teilt Dinge, verfällt weniger dem Konsumwahn. 

Interview: Pamela Dörhöfer

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