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Der Mann an sich stirbt sieben Jahre früher als nötig - liegt wahrscheinlich auch am Alkoholkonsum.

19.November

War der Männertag nicht erst?

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Der heutige Männertag soll "Benachteiligungen von Männern und Jungen" aufzeigen. Aber war nicht erst Weltmännertag? Und wo wird das Pendant zum Frauentag überhaupt gefeiert?

Es scheint fast so, als hätte es der Mann in der Karibik nicht so leicht wie der Mann in Frankreich oder Polen. Denn dort wird der Internationale Männertag nicht gefeiert – zumindest stehen diese Länder nicht in der Liste jener Staaten, die am 19. November mit dem milden Licht der Anerkennung die Männer im Lande ein wenig wärmen wollen. Und dazu ermutigen, sich weiter „zum Wohle der Gemeinschaft einzusetzen“ – auch über gesellschaftliche Hürden hinweg und allen Zweifeln an ihren Fähigkeiten zum Trotz.

Der Internationale Männertag also. Mal wieder so ein Tag, einer dieser Tag-Tage. Einige fragen sich jetzt bestimmt: War der nicht erst? Nein, das war der Weltmännertag am 3. November – und der hat einen anderen Zweck. Den Weltmännertag haben Wiener Mediziner im Jahr 2000 ausgerufen, um den Mann daran zu erinnern, besser auf sich und seine Gesundheit zu achten.

Und auch darüber zu sprechen, wenn in ihm etwas nicht in Ordnung ist. Grundsätzlich tut er das ja, der Mann – und steht dafür oft genug als zu eitel, egozentrisch oder ignorant in der Kritik. Der Weltmännertag soll vornehmlich „das Bewusstsein der Männer im gesundheitlichen Bereich erweitern“, wie es in der offiziellen Erklärung heißt.

So ein bisschen will das auch der Internationale Männertag, der am 19. November  in ein paar größeren und kleineren Staaten rund um den Globus gefeiert wird. Vor allem geht es bei diesem Festtag, der 1999 im karibischen Trinidad und Tobago ausgerufen wurde, darum, „Benachteiligungen von Männern und Jungen aufzuzeigen und ihren Einsatz für die Gemeinde, Familie, Ehe und Kinderbetreuung zu würdigen“. So jedenfalls schreiben es die geistigen Väter dieses Tages in ihren Statuten.

Doch damit nicht genug. Es geht an diesem 19. November zudem um nichts Geringeres, als „die Gleichberechtigung der Geschlechter zu fördern“. Das dürfte inzwischen in ähnlichen Worten im Handbuch einer jeden kommunalen Gleichstellungsbeauftragten zu finden sein.

Ersetzt man nun die Zuschreibungen männlich durch weiblich, finden sich ähnliche Formulierungen auch in den Erklärungen zum Internationalen Frauentag, der am 8. März gefeiert wird. Dieser Tag hat im Gegensatz zum Internationalen Männertag – wie gesagt: 1999 ausgerufen – tatsächlich eine lange und bewegte Geschichte. Ein Blick ins Online-Lexikon offenbart: Der Eintrag zum Frauentag ist mindestens vier Mal so lang wie der zum Männertag. Vorausgesetzt, mehr Worte bedeuten auch tatsächlich mehr Inhalt, also auch: Relevanz, ließe sich hieraus ableiten, dass es zum Frauentag und seiner Geschichte mehr zu sagen gibt.

Angesichts von mehr als 100 Jahren Kampf um Gleichberechtigung – und das nicht nur mit Worten – wirkt doch der Internationale Männertag neben dem Frauentag wie der Sohn des Chefs, den man ungefragt zum Assistenten des Geschäftsführers beruft. Sohnemann hat sicher was zu sagen und ist auch ein bisschen wichtig. Aber ihm fehlen Erfahrung und der daraus erwachsende Pragmatismus, der einem guten Miteinander durchaus zuträglich sein kann.

Stattdessen also wird zum Internationalen Männertag wieder über Rollenbilder und Gesundheit geredet. Letztere, das wurde bereits erwähnt, vernachlässigt auch der moderne Mann immer noch auf sträfliche Weise. Es sei denn, der bislang belächelte – und erst dieser Tage offiziell als tatsächlich gefährlich einzustufende – „Männerschnupfen“ hat ihn gerade in die Sprechstunde seines Hausarztes getrieben, wo er den alle zwei Jahre empfohlenen und kostenlosen „Check-up 35plus“ gleich mitmachen kann.

Mediziner ermahnen den Mann immer und immer wieder, sich um seine Gesundheit zu kümmern und – so er welche hat – über seine Sorgen zu sprechen. Und trotzdem: Der Mann an sich stirbt sieben Jahre früher als nötig. Wobei in den USA ein anderer, sagen wir: Hebesatz gilt. Dort müssen der frühere Tod durch Schusswaffen und Trunkenheit am Steuer als – nüchtern betrachtet – vermeidbar herausgerechnet werden, so dass die Schweigsamkeit des Amerikaners diesen richtigerweise nur vier Jahre Lebenszeit kostet. Das hat jüngst der US-amerikanische Soziologe Michael Kimmel vorgerechnet, der in New York zu „Masculinities“, also Männlichkeit im Plural, forscht.

Wenn also schon zu Männlichkeit im Plural geforscht wird, wäre doch ein großer Aufschlag zum Internationalen Männertag angemessen. Ein Interview mit einem klugen Kopf oder ein längeres Essay, das drei bis vier beigestellte Grafiken zu männlichen Elternzeiten und Konsumverhalten bei Herren-Kosmetika elegant aufgreift und reflektiert und zugleich die Frage stellt: Was sagen Tortendiagramme eigentlich über Männer aus?

Männer-Party in Jamaika

Doch während in Jamaika die Männertags-Feiern vorbereitet werden – ja, dieses Land gehört zu den derzeit 14 Staaten, die diesen Tag offiziell begehen –, arbeiten in Berlin überwiegend Männer daran, das erste gesamtdeutsche Jamaika zu erschaffen. So muss der große Aufschlag zum Männertag der harten Politik weichen und sich im Gesellschaftsteil ausbreiten, so gut es geht. Und zwar ohne Grafiken, was schon in Ordnung ist.

Denn natürlich sind Schaubilder informativ. So lässt sich ablesen, wie viele Männer wie lange in Elternzeit gehen. Allerdings sagen sie wenig darüber aus, wie hingebungsvoll sich ein Mann um seine Kinder kümmert. Und was sagt es aus, dass einer seinen Elternurlaub im Sommer nimmt –wenn zufällig die Fußball-Weltmeisterschaft ausgetragen wird? Oder er in dieser Zeit sein Haus baut? Was kann es bedeuten, dass eine bestimmte Zahl Männer Kosmetikprodukte kauft? Ist das der feminine Mann? Oder der gemütliche Kollege mit Plauze, der sich mal was gönnt? Gehört Zahncreme auch dazu? Und: sind solche Fragen wichtig? Wichtiger als die Frage, was ist der Mann, jeder einzelne Mann, für ein Mensch?

Wozu all die Deutungsversuche von optischen oder numerischen Kategorien, in die sich ein Mensch bewusst oder unbewusst einordnet? Manche Männer tragen Vollbart, weil sie an etwas glauben. Andere, weil sie an sich glauben und an die Wirkungsmacht eines Bildes, das sie von sich entwerfen. Und beide können Muslime oder Hipster sein.

Manche Männer sind charmant, andere sind Kotzbrocken und behandeln nicht nur Frauen schlecht. Und oft genug stellt sich im Nachhinein heraus, dass vor allem jene Männer, die ihre Güte und Mildtätigkeit hell und strahlend vor sich her tragen, die Schwäche der ihnen Anvertrauten schamlos ausgenutzt haben. Das gibt es in Kirchen, Schulen, Pflegeeinrichtungen, aber auch in Casting-Agenturen und in den Führungsetagen großer Konzerne. Auf solche Enthüllungen folgen stets viele Worte über Anstand und Würde. Und kurze Zeit später wird wieder über Gesundheit geredet und die Frage, ob in diesem Winter die Streusalzvorräte ausreichen werden.

Im Grunde genommen also ist der Platz hier hinten in der Zeitung genau der richtige. Man sollte den Internationalen Männertag, der auch nur einer dieser Tag-Tage ist, nicht allzu hoch hängen. Es gibt Wichtigeres zu tun da draußen, und zwar für alle, als darüber zu reflektieren, wie der Dialog der Männer mit sich selbst und den Frauen so gestaltet werden kann, dass ein gutes Miteinander möglich ist und selbstverständlich wird. Und die Welt ein besserer Platz und so. Es geht vor allem darum, rauszugehen und sich anständig zu verhalten. Als Mann, als Frau, und zwar jeden Tag.

Am 25. November ist übrigens der Kauf-nix-Tag. Auch so ein Tag-Tag, allerdings einer von denen, die mit einem Augenzwinkern ein Bewusstsein schaffen sollen. In diesem Fall für den bewussten Konsumverzicht. Eigentlich eine nette Idee.

Andererseits wird an diesem Tag schon seit 1999 der „Internationale Tag gegen Gewalt an Frauen“ begangen. Das ist nun bei aller Sympathie für Konsumverzicht eine ungeschickte Doppelbelegung, um nicht zu sagen, eine doppelte Ohrfeige für die Frauen. Denn jetzt fragen nicht mehr nur die Männer: „Schatz, bist du sicher, dass du das brauchst?“ – jetzt will auch noch die Gesellschaft mitreden, wenn es ums Einkaufen geht. Aber, das ist ja jetzt ein Frauenproblem.
In diesem Sinne: Schönen Tag noch – ganz gleich, welchen.

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