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Sieglinde, Annabelle und Nicola: Viele Kartoffelsorten tragen weibliche Namen.
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Sieglinde, Annabelle und Nicola: Viele Kartoffelsorten tragen weibliche Namen.

Gleichberechtigung

Männer ran an die Knolle

  • Regine Seipel
    VonRegine Seipel
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Ein Koch will per Petition die Übermacht weiblicher Kartoffelnamen brechen und das Image des Erdapfels aufpolieren.

Sieglinde könnte eine schöne Bauerntochter gewesen sein, Annabelle die heimliche Geliebte eines Holländers, und Nicola einfach ein Name, der dem Landwirt gut gefiel, der sie 1973 auf den Markt brachte. Vielleicht wurden die Bezeichnungen auch rein nach Wohlklang ausgesucht. Nicht erforscht sind tieferliegende Gründe, ob etwa ein Züchter unter einer dominanten Mutter litt, der er mit der Taufe des runzeligen Gewächses eins auswischen wollte. Darüber kann viel spekuliert werden, fest steht jedenfalls, dass Kartoffeln größtenteils nach Frauen benannt sind.

Das soll sich ändern, findet der Koch Steffen Sinzinger aus Berlin. Er hat eine Petition an den Bundestag gerichtet, die sich für ein ausgewogenes Verhältnis zwischen weiblichen und männlichen Kartoffelnamen stark macht. 90 Prozent aller Kartoffelsorten, kritisiert er, trügen Frauennamen. Die Erfolgsaussichten, dass sich Parlamentarier mit dieser Ungerechtigkeit beschäftigen, sind allerdings mäßig. Bisher gibt es nur knapp 100 Unterzeichner, 50 000 müssten bis Anfang nächster Woche noch zusammenkommen, damit das Anliegen in öffentlicher Sitzung des Petitionsausschusses diskutiert wird.

Das Thema scheint brisant, zumindest wollen Gleichberechtigungs-Experten nicht dazu Stellung nehmen. „Kein Kommentar“, heißt es beim Antidiskriminierungsverband Deutschland. „Da die Bundestagsverwaltung keinen Ackerbau betreibt, sich mit Kartoffeln also nur portionsweise in der Kantine auseinandersetzt“, teilt die Pressestelle des Bundestags mit, könne sich die Gleichstellungsbeauftragte dazu nicht im Namen der Bundestagsverwaltung äußern. Und auch in der Antidiskriminierungsstelle des Bundes ist diese spezielle männliche Benachteiligung kein Thema. „Zu Fragen der Sprache äußern wir uns nicht“, so der Pressesprecher, „wir sind keine Sprachpolizei“.

Das gilt auch für Hans-Horst Borg, Prüfstellenleiter beim Bundessortenamt, der für die Zulassung und den Schutz von Hackfrüchten zuständig ist und unter anderem die Namensgebung von Kartoffeln überprüft – allerdings nicht nach Genderaspekten, sondern auf Unterscheidbarkeit. Die ist neben Beständigkeit und Homogenität ein wichtiges Kriterium für die Zulassung einer neuen Sorte. Wer beispielsweise nur die Schreibweise ändert oder auf ähnlichen Klang einer erfolgreichen Sorte setzt, hat keine Chance. Nicht zugelassen werden außerdem Schimpfworte, Verniedlichungen wie „köstliches Kartöffelchen“ oder auch prahlerisches Beiwerk, etwa „superleckerste Knolle der Welt“, erläutert Borg. Das Geschlecht, sagt er, sei „herzlich egal“ und „noch nie ein Thema gewesen“. Die Dominanz der Weiblichkeit, vermutet er, könne auch am Objekt selbst liegen. Es handelt sich ja schließlich ganz klar um „die“ Kartoffel.

Ein Blick in die aktuellen Listen des Bundessortenamts untermauert diese These. Der Mais zum Beispiel heißt neben technischen Kürzeln auch Franz, Figaro, Ronaldinio und Ridley. Bei der Aubergine steht es vier zu eins für Frauennamen, bei der Stangenbohne gibt es neben Hilda, Eva und Marbella nur den Quedlinburger Speck, der als männlich durchgeht. Beim Kohlrabi findet sich unter zwölf Sorten nur ein weiblicher Vorname. Auch beim Kürbis dominieren Armin, Zappho und Rondini. Bestrebungen, diese Sorten ins Zentrum von Gleichstellungsbemühungen zu rücken, sind dennoch bisher nicht bekannt.

Aber irgendwo muss man wohl anfangen. Kartoffel-Petent Sinzinger hat sich vom Wetter inspirieren lassen. Jahrelang war es üblich, dass Unwetter wie Frauen hießen. Im Zuge der Emanzipation kam das Meteorologische Institut in Berlin Ende der neunziger Jahre zu einer salomonischen Lösung. Seitdem wechseln Hochs und Tiefs jährlich das Geschlecht, in diesem Jahr sind wieder Frauen für Unwetter zuständig. Ob verregnete Sommer wie dieser weiteres Diskriminierungspotenzial bergen könnten, wird derzeit noch nicht diskutiert.

Als Mann fühle er sich von der bisherigen Kartoffelbenamung nicht benachteiligt, räumt Sinzinger ein. Ihm geht es bei der Petition, die er durchaus mit einem Augenzwinkern geschrieben habe, mehr um die Benachteiligung der Knolle, die im Zuge von Diätenwahn und kohlenhydratarmer Ernährung zunehmend vom deutschen Speisezettel verschwinde. „Ich möchte, dass die Kartoffel wieder stärker in den Focus rückt“, sagt der 36-jährige Koch, der das Thema auch auf einem Foodblog verbreitet.

Die bisher recht öffentlichkeitswirksame Petition verstehe er als Denkanstoß. Neben abfälligen Kommentaren, ob es denn keine wichtigeren Probleme auf der Welt gebe, habe er auch Zustimmung von Landwirten erfahren. Sinzinger, der als stellvertretender Küchendirektor in der gehobenen Gastronomie arbeitet, liebt Kartoffeln als „höchst vielseitiges Lebensmittel“, das er gern zu ausgefallenen Sättigungsbeilagen in Form von Pralinen oder Schaum verarbeite: „Man kann sie immer wieder neu erfinden.“ Namen, sagt er, erzählen Geschichten, deswegen schlägt der Koch für künftige Erdäpfel-Sorten bedeutende Paten vor, die sich um die Kulinarik in Deutschland verdient gemacht haben: Wolfram Siebeck, Eckart Witzigmann oder Harald Wohlfahrt.

Die Rose hat es vorgemacht. Viele Sorten sind traditionell berühmten Persönlichkeiten aus Geschichte und Gegenwart gewidmet, ob Hermann Hesse, Mutter Teresa oder Heidi Klum. Allein mit mehr Männernamen dürfte sich das Image der Kartoffel kaum verbessern. „Horst“ und „Egon“ klingen schließlich auch nicht exquisiter als „Annabelle“ und „Angela“.

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