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Die Beschneidung eines Mädchens gilt in vielen afrikanischen Ländern als wichtiger Schritt ins Erwachsenenleben.

Genitalverstümmelung

Was Mädchen erleiden müssen

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Viele afrikanische Frauen werden als Kind brutal beschnitten. Durch die Einwanderung nach Europa ist die Genitalverstümmelung auch in Deutschland angekommen.

Schon im Treppenhaus duftet es nach Gewürzen, nach Grillfleisch, nach Gebackenem. Afrikanische Musik dringt nach draußen. Angekommen in der kleinen Wohnung in Neukölln geht es zu wie im Taubenschlag: Ständig klingelt es an der Tür. Gäste kommen, Gäste gehen. Es wird gelacht, getanzt, sich umarmt. Immer wieder stellt Gastgeberin Isatou Barry neue Köstlichkeiten auf den gläsernen Couchtisch: Kleine Teigtaschen mit Fischfüllung, Joghurt mit Couscous, Reis mit Hühnerfleisch, Zwiebeln und Oliven, Hähnchenkeulen, Lammrücken. Man isst gemeinsam von einer großen Platte, mit Löffeln oder einfach traditionell mit den Fingern. Seit sechs Uhr steht die Gambierin in der Küche. Heute soll es an nichts mangeln. Denn heute ist ein Festtag.

Vor sieben Tagen hat die 39-Jährige ihr viertes Kind zur Welt gebracht. Nach einem Brauchtum bekommt in Gambia – aber auch in vielen anderen muslimischen Ländern – an diesen Tag das Baby seinen Namen. Ngenté heißt die Zeremonie, bei der Freunde und Familie zusammenkommen, um die Geburt des Kindes feiern. Der kleine Khalid liegt inmitten des quirligen Trubels gehüllt in einer weißen Spitzendecke auf dem Sofa und schläft. Er wird geküsst, geknuddelt, gestreichelt, herumgereicht. Isatou Barry strahlt. Wenn sie lacht, dann raschelt ihr rosafarbenes Kleid mit der grünen Spitze und den weiten Rüschenärmeln. Und heute lacht sie viel.

Doch Isatou Barry will heute nicht nur fröhlich sein. Da ist etwas, über das sie reden will. Denn dass es ihr kurz nach der Geburt so gut geht, ist alles andere als selbstverständlich. Wie viele andere Frauen in Afrika auch ist auch die junge Gambierin als junges Mädchen Opfer einer brutalen Genitalverstümmelung geworden. Drei von vier Frauen im Gambia durchleben dieses grausame Martyrium in jungen Jahren.

Wenn die Mädchen nicht daran sterben, leiden sie ihr Leben lang an den Folgen: Blutungen, schmerzhafte Menstruationszyklen, Narbenbildung, Abszesse, chronische Infektionen, HIV/Aids, Unfruchtbarkeit, Traumata, Schmerzen beim Geschlechtsverkehr, beim Wasserlassen. Bei einigen Frauen kommt es bei der Geburt zu Komplikationen, an denen sie sterben können.

Darüber will Isatou Barry heute sprechen, aufklären, die Chance nutzen. Gerade heute, wo so viele afrikanische Freunde, Bekannte und auch Männer zu Gast sind. Hier in der Wohnung, in vertrauter Atmosphäre. Denn noch immer wird diese Praktik weltweit durchgeführt. Allein in Afrika sind jedes Jahr drei Millionen Mädchen dem Risiko einer Beschneidung ausgesetzt. Doch das Problem ist mitnichten nur ein afrikanisches: Weltweit sind 140 Millionen Frauen von Genitalverstümmelung betroffen. Die Weltgesundheitsorganisation WHO geht davon aus, dass jedes zehnte Mädchen dieses Ritual nicht überlebt und ein Viertel später an den Langzeitfolgen stirbt.

Und das Thema ist auch längst in Deutschland angekommen. Die Zahl der betroffenen Frauen und Mädchen hierzulande ist in der Zeit zwischen Ende 2014 und Mitte 2016 um knapp 30 Prozent gestiegen – vor allem durch den Zuzug vieler Migrantinnen. Die Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes schätzt, dass bundesweit mehr als 48 000 Frauen betroffen und 1500 bis 5700 Mädchen gefährdet sind.

Weil die Genitalverstümmelung in Deutschland unter Strafe steht, reisen die Familien mit ihren Töchtern auch in ihre Heimat, um die Beschneidung dort vornehmen zu lassen – Ferienbeschneidung nennt man das euphemistisch. Aber auch das ist seit 2015 strafbar. Terre des Femmes engagiert sich seit den 80er Jahren gegen die Genitalverstümmelung, klärt auf, leistet Lobbyarbeit, ist präventiv tätig und unterstützt Betroffene.

Isatou Barry lebt seit neun Jahren in Deutschland und arbeitet schon länger als sogenannter Change Agent. Das heißt, sie hält Kontakt zu den afrikanischen Communitys und klärt über diese barbarische Praxis auf, um einen Wandel anzustoßen und die schmerzhafte und gefährliche Körperverletzung an den Mädchen zu beenden.

Das Projekt „Change Plus“ wird von Terre des Femmes koordiniert und von der EU-Kommission gefördert. Fünf Frauen und ein Mann sind bisher in Berlin als Multiplikatoren ausgebildet worden. Sie stammen aus dem Sudan, aus Somalia, Guinea, aus Kamerun und eben aus Gambia, wo Isatou Barry geboren und aufgewachsen ist. In Somalia sind sogar 98 Prozent der Frauen verstümmelt.

Manchen Frauen wird mit dem Messer oder einer Rasierklinge „nur“ die Klitoris oder die Klitorisvorhaut entfernt – die „mildeste“ Form der Genitalverstümmelung. Anderen Mädchen werden zusätzlich noch die inneren und äußeren Schamlippen amputiert. Bei der extremsten Variante, der Infibulation, wird mit Seide, Dornen oder Tierdarm die Wunde bei vollem Bewusstsein so zusammengenäht, dass im Narbengewebe, das sich später bildet, nur eine kleine Öffnung für Urin und Menstruationsblut bleibt. In der Hochzeitsnacht darf der Ehemann die Öffnung mit einem Messer aufschneiden. Auch bei der Geburt wird die Vulva geöffnet.

Isatou Barry erzählt, bei ihr habe „man nicht alles abgeschnitten“. Ihr geht es verhältnismäßig gut. Doch ihre Geschichte ist nicht minder verstörend. „Ich war fünf Jahre alt. Man versprach mir Süßigkeiten und schöne Kleider und lockte mich hinter das Haus. Dann buddelte man ein Loch, in das das Blut fließen konnte“, erzählt sie. Dem Mädchen wurden die Augen verbunden. Niemand sagte ihr vorher, was dann passierte. Ihr Vater, erzählt die junge Frau, habe zu Hause gesessen und geweint. Auch die Mutter war nicht dabei. Doch warum lassen Eltern so etwas zu? „Ohne die Beschneidung bist du keine Frau“, erklärt Isatou Barry die Beweggründe. „Du wirst in der Gesellschaft nicht akzeptiert.“

Während sie diese Geschichte erzählt, berührt sie sanft die Hand ihres Gegenübers, spielt an den Haarsträhnen. Fast so, als wolle sie diese Erlebnisse möglichst schonend herüberbringen und den Gesprächspartner ob dieser schockierenden Geschichte beruhigen. In vielen Ländern wird die Beschneidung der Frau als wichtigster Schritt zum Erwachsenenleben betrachtet. Unbeschnittene Mädchen finden nicht so leicht einen Ehemann, wenn überhaupt. In Kenia gibt es beispielsweise nur geringe Brautpreise für ein Mädchen, das nicht verstümmelt wurde. Das Ritual soll ihre Jungfräulichkeit und später ihre Treue gegenüber dem Ehemann sicherstellen, ihr also die Lust nehmen und damit ihre Sexualität kontrollieren. Der soziale Druck auf die Frau ist groß. Nicht selten sind es sogar die Mütter oder Großmütter selbst, die die Genitalverstümmelung vornehmen – aus Sorge vor der Zukunft ihrer Töchter.

Doch wie spricht man so ein heikles Thema an? Auf einem Familienfest, an dem alle zu Besuch kommen, weil sie ausgelassen feiern wollen? Isatou Barry hat sich dafür heute prominente Unterstützung geholt. Ihre Freundin Fatou Mandiang Diatta ist gekommen. Sie ist ebenfalls Betroffene, Rapperin und seit vielen Jahren Aktivistin gegen Genitalverstümmelung. Die 35-jährige Berlinerin rappt unter dem Namen Sister Fa und ist sowohl in ihrer Heimat Senegal als auch in Deutschland in der Hip-Hop-Szene bekannt. Mit 18 Jahren hat sie ihr erstes Demo-Tape aufgenommen. Fatou Mandiang Diatta nimmt kein Blatt vor den Mund, weder in ihren sozialkritischen Texten, noch hier, in dieser Neuköllner Wohnung. Sie lacht und tanzt zwischen Küche und Laptop umher, auf dem sie immer wieder neue Musik abspielt oder sie zeigt, wie sie in Sekundenschnelle ihren roten Turban um ihren Kopf binden kann.

„Hey“, ruft sie plötzlich laut in den Raum, „wir wollen heute auch ein bisschen über Menschen- und Frauenrechte sprechen. Ein paar Afrikaner hören zu, einige unterhalten sich weiter. Nicht alle können Englisch. Isatou Barry geht an den Esstisch und will sich in ihrer Landessprache mit den Männern über das Thema unterhalten.

„Warum geht es immer nur um Frauenrechte, wir Männer haben doch auch Rechte. Wir respektieren Frauen doch“, beschwert sich ein Afrikaner. Er fühlt sich offenbar angegriffen. Fatou Mandiang Diatta lacht laut auf, kein hartes Auflachen, eher ein sanftmütiges, freundliches Lachen. Sie kennt diese Reaktion. „Ja, aber ihr könnt euch selbst wehren, wir Frauen nicht“, sagt sie und schaut den Mann mit einem herausfordernden Blick an. Stille. Dann lachen die Männer mit ihr. Sie scheinen ein wenig geschmeichelt zu sein. Das Eis ist gebrochen.

Irgendwie schafft sie es den Bogen – von Bildung und Schulbesuchen, über Kinderehen und frühe Schwangerschaften. Sie erzählt, was es für schlimme Konsequenzen für die Frauen haben kann, wenn ihnen die Genitalien genommen werden. Die Afrikanerinnen auf der Couch nicken, die Männer im Raum verziehen angewidert das Gesicht, hören ihr jedoch aufmerksam zu. Einige rücken ihren Stuhl ein wenig näher, damit sie die Aktivistin in dem ganzen Tohuwabohu in der Wohnung besser verstehen können.

„Das hat nichts mit Religion oder Tradition zu tun, sondern mit einer sozialen Norm“, erklärt die Senegalesin. „Doch viele glauben, dass das zu unserer Kultur, zum Islam dazu gehört.“ Doch weder Mohammeds Töchter noch seine Frauen hätten sich dieser Prozedur unterziehen müssen, erklärt Fatou Mandiang Diatta. Es käme häufig vor, dass Männer behaupteten, dass der Islam diese Praktik empfehle.

„Aber im Gambia ist das doch ohnehin verboten“, wirft ein 38-jähriger Gambier ein. Er kommt ebenfalls aus der westafrikanischen Republik und hat eine Tochter. Er möchte nicht, dass sie beschnitten wird. Fatou Mandiang Diatta erklärt, dass viele Familien es trotzdem praktizieren, heimlich. Auch der junge Afrikaner beruft sich auf eine Überlieferung des Korans, wonach Mohammed die Verstümmelung bei Frauen freigestellt habe. Sie sei weder verboten, noch vorgeschrieben, wendet er ein. „Aber wenn es doch so viele Probleme bringt, kann man es doch auch lassen“, sagt er dann.

Der Gambier scheint an diesem Nachmittag überzeugt worden zu sein. Fatou Mandiang Diatta und Isatou Barry haben ihn erreicht, ihr Ziel erreicht. Nun muss er dieses Wissen nur auch weitergeben.

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