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DER FR-ADVENTSKALENDER

Mächtige Männer und einsame Nerds

  • vonAndreas Sieler
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Tad Williams’ „Otherland“ als Hörspiel.

Hier geht es um ein Hörspiel, doch die Geschichte beginnt, wie die vieler Hörspiele, mit einem Buch. Und mit einer Erkenntnis, die mir schon früh in meinem Leben gekommen ist: Ich kann Science-Fiction nicht leiden. Umso erstaunlicher, dass ich auf die Frage nach meinem Lieblingsbuch dann doch stets „Otherland“ antworte. Wobei das mit den Genres ohnehin so eine Sache ist … ist es Science-Fiction? Doch eher Fantasy? Oder eigentlich Cyberpunk?

Als die vier „Otherland“-Bände des Autors Tad Williams damals nach und nach erschienen (die Originalausgaben zwischen 1996 und 2001, die liebevoll gestalteten deutschsprachigen Hardcover wenige Jahre darauf), stand ich als Jugendlicher pünktlich zur Türöffnung vor meiner Lieblingsbuchhandlung in der Freiburger Fußgängerzone.

So wie seinerzeit Tausende die Buchhandlungen bei der Veröffentlichung neuer Harry-Potter-Romane stürmten, mit denen ich allerdings nie etwas anfangen konnte. Und im Gegensatz dazu standen neben mir damals bestenfalls noch zwei weitere Gestalten, die meine Begeisterung teilten, und ich kam mir stets ein bisschen vor wie ein vereinsamter Nerd.

Inszenierung kreativ und gelungen

Während ich bis heute vergeblich auf eine Verfilmung der in Buchform fast 4000 Seiten starken Geschichte auf „Star Wars“-Niveau warte, kam die deutsche Hörspielumsetzung ziemlich früh heraus. Und ich kann nicht mit der nötigen Seriosität einschätzen, wie oft ich es bis heute angehört habe. 2005 wurde die Produktion des Hessischen Rundfunks als die größte Hörspielproduktion der deutschen Radiogeschichte beworben. Vereinzelt wird es online auch als längstes Hörspiel angepriesen, was jedoch nicht stimmt oder zumindest überholt ist.

Tad Williams : Otherland. Das Hörspiel, Hörverlag, München 2011, 22 Stunden und 45 Minuten, 39,99 Euro

Die Inszenierung ist jedoch, obwohl die Geschichte deutlich verkürzt wird (Spielzeit 24 Stunden), kreativ und gelungen. Mehr als 200 Sprecher – darunter Hans Peter Hallwachs, Sophie Rois, Nina Hoss, Ulrich Matthes, Sylvester Groth, Andreas Fröhlich und viele mehr – mussten ran, um den zahlreichen Protagonistinnen und Protagonisten der Geschichte ihre Stimme zu leihen.

Der Inhalt in aller Kürze: Ende des 21. Jahrhunderts ist das Internet zu einer virtuellen Parallelwelt gewachsen, in der die Menschen sich mit einer Art Avatar wie im realen Leben bewegen können – tasten, fühlen, riechen inklusive, je nach verwendeter Technik. Die Zugangsmöglichkeiten in diese Parallelwelt hängen jedoch stark vom sozialen Status ab, in einer Zeit, in der die Kluft zwischen Arm und Reich global massiv zugenommen hat.

Netzwerk aus unzähligen Simulationen

So versuchen die reichsten Männer der Welt in dem von ihnen geschaffenen „Otherland“-Netzwerk, der virtuellen Welt, die Unsterblichkeit zu erlangen und gehen dafür über Leichen. Doch eine kleine Gruppe kommt dem geheimen Unterfangen auf die Spur und schleust sich ins „Otherland“ ein. Das Netzwerk besteht aus unzähligen Simulationen, so spielt die Handlung mal in Troja, in verschiedenen Märchenwelten, im Ersten Weltkrieg, in der Eiszeit, im alten Ägypten und zahlreichen weiteren Epochen der Geschichte. Der Kampf gegen die mächtigsten Männer der Welt wird für die Gruppe bald zum Kampf um Leben und Tod.

Zahlreiche Handlungsstränge vermengen sich dabei nach und nach zu einem riesigen Ganzen. Ein großer Pluspunkt der Geschichte ist dann vor allem das Ende, das eine gut erzählte Geschichte zu einer runden macht. Ein kleiner Minuspunkt des Hörspiels mag sein, dass es stellenweise gar nicht so leicht zu verstehen ist – zumindest wenn die Hörerinnen und Hörer die Buchvorlage nicht kennen. Doch für Fans von „Otherland“ und Tad Williams ist das Hörspiel ein Geschenk.

Im Laufe der Jahre sorgte die Nennung meines Lieblingsbuches übrigens immer wieder für wahre Begeisterungsstürme meiner offenbar ebenfalls „Otherland“-begeisterten Gesprächspartnerinnen und -partner. Offenbar gibt es noch viele andere einsame Nerds.

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